Reproduktion/Care

Online-Schwerpunkt: Was heißt Solidarität in Zeiten der Pandemie?

Nach wochenlangen Ausgangsbeschränkungen kehrt das öffentliche Leben zurück – eine prekäre Normalität. Während es in Europa ein gewisses Aufatmen gibt, gehen in anderen Teilen der Welt die Infektionen durch die Decke. Die Ärmsten haben kaum eine Chance, sich vor Ansteckung zu schützen und sind, wie eine neue Studie zeigt, auch hierzulande am stärksten gefährdet. Das Virus trifft nicht alle gleich: In Schlaglichtern zeigen wir, wie die Krise Ungleichheiten verstärkt: Trotz des Beifalls für die »Heldinnen der Nation« haben Entgrenzung und Selbstausbeutung im Care-Bereich zugenommen.

Veröffentlicht am 23. Juni 2020

Haushaltsarbeiter*innen

haben ihre Jobs verloren – als Migrant*innen, teils illegalisiert, hatten viele ohnehin keine Verträge. Während Angestellte ins Homeoffice wechseln konnten, mussten Beschäftigte in der Produktion oft ohne Gesundheitsschutz weiterarbeiten. Und am Homeschooling scheitern fast alle – aber Kinder, denen zu Hause kein Computer zur Verfügung steht, und bei denen niemand Zeit hat, wochenlang das Lernen zu begleiten, haben fast keine Chance mitzuhalten. Dass die Frage der Wohnverhältnisse, der Ernährung, des Arbeitsplatzes und des Zugangs zu Gesundheitsversorgung für ein erhöhtes Infektionsrisiko und für schwere Verläufe zentral sind, haben die Ausbrüche in Schlachthöfen, in Geflüchteten Unterkünften oder Wohnblocks in sozial marginalisierten Stadteilen gezeigt. Nicht zu Unrecht haben Epidemiolog*innen eine wichtige Stimme in aktuellen Debatten, die

Sozialepidemiologie

verschafft sich hingegen noch zu selten Gehör. Für die

USA und Großbritannien

ist belegt, dass POC und Migrant*innen ein größeres Risiko schwerer Verläufe haben – im „racial capitalism“ machen sie oft die systemrelevante, aber am wenigsten geschützte Arbeit. Wut auf ein System, dass auch in der Pandemie eine rassistische Nekropolitik betreibt, eine Politik des Sterben-Machens, befeuert derzeit die #BlackLifesMatter-Proteste. Auch hier regt sich endlich Protest. Mit

LINKS*KANAX

sprechen wir über Rassismus in der Pandemie. Obdachlose und Geflüchteten-Initiativen tun sich zusammen, um ein

Ende der Massenunterbringung

zu erstreiten, und

Sozialwissenschaftler*innen

aus dem Care-Bereich melden sich – neben der Virologie – in Fragen einer umkämpften Krisenbearbeitung zu Wort. Was heißt Solidarität in der Pandemie? Wie könnte eine

sozialistische Regierungsweise

aussehen, die eine Bearbeitung der Krise von denen her denkt, die am stärksten betroffen sind? Ein Blick auf die

AIDS-Debatte der 1980er Jahre

zeigt, wie solidarischer Selbstschutz aussehen kann. Panagiotis Sotiris hat in dieser Gemengelage die Debatte um eine

linke Biopolitik

eröffnet, die wir gerne aufnehmen. Weitere Texte unseres Corona-Dossiers finden sich

hier

.

DAS VIRUS TRIFFT NICHT ALLE GLEICH

Unsicherheiten in Zeiten der Pandemie

Von Horst Kahrs

Die eigenen vier Wände sind nicht das, wofür wir sie halten

Von Eva Illouz

NAHAUFNAHME: Alltag in der Krise

Covid-19 und »Racial Capitalism« in Großbritannien

Wie Rassismus und Klasse in der Pandemie zusammenwirken

Von Ellie Gore

»

Migrant*innen zahlen für diese Krise

« Wie eine linke Antwort aussehen muss

Gespräch mit Belma Bekos und Jules El-Khatib von LINKS*KANAX

Irgendwann sind auch unsere Kräfte am Ende

” Illegalisierte Arbeiter*innen in Berlin fordern: Legalisierung jetzt!

Von Llanquiray Painemal, Susanne Schultz und Michel Jungwirth

Sexarbeit in Zeiten von COVID-19

Zwischen Verbot und dem Kampf gegen Marginalisierung durch Drogen-, Migrations- und Wohnungspolitik

Von Jenny Künkel

Wie sollen Wohnungslose zuhause bleiben?

Geflüchteten- und Obdachloseninitiativen kämpfen für ein Ende der Massenunterkünfte

Gespräch mit Nora Brezger vom Flüchtlingsrat Berlin 

BIOPOLITIK VON LINKS

Gelockert in eine neue Normalität der Krise? Teil I: Überlegungen zu einer emanzipatorischen Pandemiebekämpfung

Teil II: Ende der Einigkeit: Die Kräfteverhältnisse im Ringen um einen „Exit“

Teil III: Perspektiven einer sozialistischen Gouvernementalität und solidarische Praxen in der Pandemie

Von Lia Becker und Alex Demirović

Solidarische Biopolitik: Kondome, Masken und die Parallelen zwischen HIV- und Corona-Pandemie

Von Wolfram Schaffar

Ist eine demokratische Biopolitik möglich?

(Teil 1)

Von Panagiotis Sotiris

Demokratische Biopolitik neu betrachtet: Antwort auf eine Kritik

(Teil 2)

Von Panagiotis Sotiris

#WasWäreWenn – Wissenschaft in gesellschaftspolitischer Verantwortung

Gespräch mit Barbara Schäuble

Nicht allein ein »Doktor-Problem«

Weshalb es eine sozial-epidemiologische Perspektive auf Corona braucht

Von Kai Mosebach