Digitalisierung

Der kommende KI-Crash

In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Aktienkurse aus dem KI-Universum verzehnfacht. Doch trotz der immensen Investitionen und Spekulationen ist unklar, woher der erhoffte Mehrwert kommen soll.

Veröffentlicht am 17. Mai 2026

In Zeiten „geopolitischer Spannungen“ kommt es zu einer Verschmelzung von Wirtschaft, Militär und Technologie unter dem Dach der „nationalen Sicherheit“. Das betrifft auch den Bereich Künstliche Intelligenz. So treiben die USA und China ihre KI-Forschung mit Milliarden voran, um selbst unabhängig vom Ausland zu werden und Abhängigkeiten zu stiften. Der Export von Computerchips wird staatlich reglementiert, auch wenn Konzernprofite darunter leiden. Und zwischen Politik und Unternehmen läuft der Kampf darum, wer über den Einsatz der KI bestimmt. So hat Washington das Unternehmen Anthropic als Sicherheitsrisiko eingestuft, als es sich weigerte, seine Technologie für militärische Zwecke freizugeben. Für Anthropic stehen nun millionenschwere Staatsaufträge auf dem Spiel, die es braucht, um sein eigenes Wachstum voranzutreiben. Denn im Rennen um die Führerschaft braucht man vor allem eins: sehr viel Geld.

 Die Summen sind beeindruckend: Im laufenden Jahr wollen allein fünf große US-Technologiekonzerne – Amazon, Meta, Alphabet, Oracle und Microsoft – 650 Milliarden US-Dollar investieren, vor allem in Rechenzentren, um ihre KI-Modelle zu trainieren und die Infrastruktur dafür bereitzustellen. Die Spekulation auf den Erfolg der Künstlichen Intelligenz hat an der Börse die Marktkapitalisierung in den letzten Jahren um Billionen US-Dollar in die Höhe getrieben. „Amerika ist nun eine einzige große Wette auf KI“, schrieb Ruchir Sharma (2025) in der Financial Times. Vor diesem Hintergrund beherrscht eine Frage die Finanzmärkte: Hat sich hier eine Spekulationsblase aufgepumpt, die irgendwann platzt und den großen Crash auslöst? Fachleute – Ökonomen, Zentralbanker, Aktienanalysten – geben darauf zwei Antworten: Ja und Nein. Quelle der Uneinigkeit ist eine doppelte Unsicherheit. Nicht nur sind die technologischen Fortschritte der KI offen. Unklar sind auch ihre ökonomischen Wirkungen. Denn der technische Fortschritt fällt nicht zusammen mit dem wirtschaftlichen Erfolg, der in den Börsenkursen bereits vorweggenommen ist.

 Investitionsboom – die „Realwirtschaft“ spekuliert

Zwar trennt der öffentliche Diskurs streng zwischen „Investition“ und „Spekulation“. Doch sind beide eng verwandt. Auch bei den Ausgaben der Technologieunternehmen in KI, Rechenzentren und Chips handelt es sich um Summen, denen die Spekulation auf eine künftige Rendite zugrunde liegt und deren Ausbleiben massive Entwertung nach sich ziehen würde. Und diese Ausgaben sind tatsächlich enorm. Bis 2025 hatten Investoren bereits fast 2 Billionen US-Dollar in den KI-Boom gesteckt. Zum Vergleich: Das Apollo-Programm, das die Menschheit schließlich zum Mond brachte, hat nach heutigen Maßstäben schätzungsweise rund 298 Milliarden US-Dollar gekostet.

Bis zum Jahr 2029 werden allein die Investitionen der Großen Fünf in KI, Cloud-Infrastruktur und Rechenzentren auf drei Billionen US-Dollar steigen, prognostiziert Bloomberg Intelligence. Jedem der Konzerne geht es darum, möglichst schnell die geeignete Rechenkapazität aufzubauen, um vor den anderen kommerziell nutzbare KI-Modelle zu entwickeln. Da es um Geschwindigkeit geht, werden große Teile der Ausgaben über Schulden finanziert. Das beunruhigt inzwischen Institutionen, die für die globale Finanzstabilität verantwortlich sind. „Mit der Beschleunigung des Wachstums nimmt die Fremdfinanzierung zu, wodurch sich die Verschuldung erhöht“, warnt der Internationale Währungsfonds (Adrian/Gourinchas 2026). Diese Verschiebung berge erhebliche Risiken: Eine höhere Verschuldung könnte Schocks verstärken, wenn sich die finanziellen Rahmenbedingungen verschärfen. Und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) macht darauf aufmerksam, dass „die Nachhaltigkeit des Booms davon abhängt, dass die KI-Unternehmen die hohen Gewinnerwartungen erfüllen können“ (Aldasoro et al. 2026).

 Aktienboom – die Finanzmärkte spekulieren

Dem schuldengetriebenen Investitionsboom der „Realwirtschaft“ entspricht der Spekulationsboom an den Finanzmärkten: In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Aktienkurse aus dem KI-Universum verzehnfacht. Von den zehn Unternehmen mit dem derzeit höchsten Börsenwert weltweit hängt nur eines – Saudi Aramco – nicht am Erfolg von KI. Von diesen zehn sind acht US-Unternehmen und ihr addierter Wert entspricht inzwischen über der Hälfte der US-Wirtschaftsleistung. 2018 war Apple das erste börsennotierte Unternehmen der Welt, das eine Börsenbewertung von einer Billion US-Dollar erreichte. Heute hat dies jedes der zehn größten Unternehmen der Welt geschafft. Seit dem Jahr 2023 ist der Börsenwert von Nvidia um sagenhafte 3 Billionen auf 4,5 Billionen US-Dollar gestiegen (Stand: Mitte Februar), was den Chiphersteller zum teuersten Unternehmen der Welt macht. Amazon ist mittlerweile mit 2,2 Billionen US-Dollar bewertet, Microsoft mit 2,9 Billionen und die Google-Mutter Alphabet mit 3,7 Billionen US-Dollar. Entwickler von KI-Modellen wie OpenAI oder Anthropic kommen auf immerhin 200 bis 500 Milliarden US-Dollar. All dies sind Summen, die durch künftige Umsätze und Gewinne gerechtfertigt werden müssen.

Angefeuert wird die Spekulation durch Überkreuzbeteiligungen und -geschäfte der Technologiekonzerne: So investiert Chiphersteller Nvidia 100 Milliarden US-Dollar in den ChatGPT-Entwickler OpenAI, einem Hauptkunden von Nvidia. Microsoft hat mehr als 13 Milliarden US-Dollar in OpenAI investiert, das wiederum Cloud-Dienste im Wert von 250 Milliarden US-Dollar von Microsoft einkaufen will. Amazon und Alphabet (Google) vereinbarten, bis zu 4 Milliarden US-Dollar bzw. 2 Milliarden US-Dollar in OpenAI-Konkurrent Anthropic zu investieren. Anthropic wiederum wird Amazon Web Services für KI-Training und Googles Chips und Cloud-Dienste nutzen. Ende des vergangenen Jahres gaben Microsoft und Nvidia wiederum bekannt, dass sie zusammen bis zu 15 Milliarden US-Dollar in Anthropic stecken wollen.

Die Dominanz der USA im Bereich KI ist zum einen der Größe der bereits etablierten Tech-Konzerne geschuldet, zum anderen dem riesigen US-Kapitalmarkt, auf dem auch jene Start-ups Finanziers finden, die viel Geld brauchen und auf absehbare Zeit keine Gewinne erwirtschaften werden. Umgekehrt wird Kapitalmangel als einer der Hauptgründe dafür genannt, warum europäische und deutsche Unternehmen kaum eine Rolle spielen. So erreichte der globale KI-Markt laut Schätzungen 2025 244 Milliarden US-Dollar und wird seinen Wert bis 2030 in etwa verdreifachen. Die KI-Branche in Deutschland hat hingegen nur ein Marktvolumen von 9 bis 12 Milliarden Euro. Zwar gibt es über 1 000 KI-Unternehmen in Deutschland. Doch bleiben sie mangels Wagniskapitals eher klein und werden häufig früh an große Unternehmen verkauft. Umso wichtiger erscheint der Regierung hier nun das Aufrüstungsprogramm, um KI-Know-how zu entwickeln (vgl. hierzu Leichter 2025; Weber 2026).

Blase oder nicht?

Das Ergebnis ist ein zunehmend dichtes Geflecht von Abhängigkeiten zwischen Technologieherstellern und KI-Start-ups, in dem sich Verluste vervielfachen können, wenn die Nachfrage nach KI nicht den hohen Erwartungen gerecht wird. „Die führenden Unternehmen leihen sich gegenseitig Geld in zirkulären Mustern und stützen so Umsatz und Bewertungen“, schreibt John Lanchaster (2025). „Kolossale Geldsummen fließen herein. Ist das eine Blase? Natürlich ist es eine Blase.“

Ein Platzen der Blase könnte drastische Folgen haben, die weit über die Börse hinausgehen würden. Denn nicht nur ist die Marktkapitalisierung der US-Aktienmärkte mittlerweile doppelt so hoch wie die US-Wirtschaftsleistung und die ganze Welt investiert in den USA. Es scheint vielmehr so, als würde mittlerweile die gesamte globale Ökonomie am KI-Boom zu hängen. Zwar wachse die Weltwirtschaft derzeit mit durchschnittlichem Tempo, so das Institute of International Finance (IIF). Allerdings werde „diese Expansion zunehmend von einem engen und kapitalintensiven US-Wachstumsmodell geprägt und weniger von einer breit angelegten globalen Dynamik“ (IIF 2026).  Und der Internationale Währungsfonds (IWF) hält fest: „Angesichts des seit einem Jahrzehnt anhaltenden Anstiegs ausländischer Beteiligungen an US-Aktien könnte diese starke Korrektur auch außerhalb der Vereinigten Staaten zu erheblichen Vermögensverlusten führen, den Konsum belasten und den Abschwung weltweit verstärken.“ (Adrian/Gourinchas 2026)

Blase oder nicht? Auf der Suche nach einer Antwort werden Vergleiche mit der Internet-Euphorie der 1990er-Jahre gezogen, die zu einem jahrelangen Kurseinbruch führte. Doch auch dieser Vergleich liefert nur ein einerseits, andererseits: Einerseits sind laut IWF die IT-Investitionen im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung heute zwar auf dem gleichen Niveau wie damals. Andererseits aber verlief der jüngste Anstieg nicht so schnell wie in den 1990ern und das Verhältnis von Aktienkursen zu Unternehmensgewinnen ist nicht so hoch wie im Dotcom-Boom. Relative Entwarnung also? Besorgniserregend ist auf jeden Fall, dass der Internet-Boom nicht so stark kreditfinanziert war wie der KI-Boom und zudem das Verhältnis von Aktienmarktkapitalisierung zur Wirtschaftsleistung heute viel höher ist. 2001 betrug es in den USA 132 Prozent, heute dagegen 226 Prozent. Selbst ein moderater Kursrückgang könnte daher erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaft haben.[1]

Kommt das Produktivitätswunder?

Das Konzept der „Spekulationsblase“ beruht auf der Annahme, es gäbe ein angemessenes Verhältnis von Aktienkursen zu Unternehmensgewinnen, von dem in einer Blase dauerhaft und stark nach oben abgewichen wird. Die Frage, ob ein Crash droht, verweist auf die Frage, wie solide die Gewinnerwartungen sind, die sich in den Börsenkursen widerspiegeln. Im Kern geht es darum, ob die KI die produktivitätssteigernden Wirkungen auf die Unternehmen hat, die die Nachfrage nach KI stützen und damit wiederum die Gewinne der KI-Anbieter sichern würden.

„Wenn sich die Effizienzsteigerungen realisieren lassen, gibt es kein Problem“, erklärt Cédric Durand (2026). „Florierende Unternehmen werden über ausreichend Ressourcen verfügen, um die Rechnung zu bezahlen.“ Selbst, wenn die Effizienzsteigerungen nur geringfügig ausfielen: „In ein paar Jahren, wenn KI so weit in die Arbeitsprozesse eingedrungen ist, dass die Ausstiegskosten unerschwinglich sind, wird die Kundschaft nicht mehr entkommen können und zur Zahlung gezwungen sein. Die Welt wird von KI abhängig sein und die Technologieunternehmen werden stattliche Gewinne einfahren.“ (Ebd.)

Doch ob die KI ihr „transformatives Potenzial“ (Adrian/Gourinchas 2026) entfaltet, ist fragwürdig. Zwar setzt sich die Technologie langsam durch. Laut IWF sind bereits 40 Prozent der Arbeitsplätze (negativ und positiv) betroffen (ebd.). Dauerhaft könnten es in fortgeschrittenen Volkswirtschaften bis zu 60 Prozent der Arbeitsplätze sein. Andererseits deuten „jüngste Erkenntnisse darauf hin, dass der Einsatz von KI keine unmittelbare Produktivitätssteigerung mit sich bringt. Kurz gesagt: Zwar findet eine gewisse Automatisierung statt, aber es gibt keine Anzeichen für eine bevorstehende Disruption durch KI, die zu den prognostizierten enormen wirtschaftlichen Gewinnen führen könnte“, so Durand.[2] Und selbst wenn KI die Produktivität steigert, bleibt unsicher, wer davon in welchem Maße profitiert. „Leistungsstarke Technologien können sich als unrentabel erweisen und nicht zum Einsatz kommen, wenn die Marktstruktur Investoren daran hindert, die Früchte zu ernten“, schreibt Durand. „Und sie können zu einer Verarmung der Arbeitskräfte führen, wenn sie massive Entlassungen zur Folge haben. Bei der KI scheint die unmittelbarste Gefahr eine epidemische Demoralisierung der Arbeitskräfte zu sein. Untersuchungen deuten darauf hin, dass der intensive Einsatz von KI demotivierend wirkt, zu Qualifikationsverlusten führt und Langeweile und Mittelmäßigkeit fördert.“

Die eigentlichen Fragen

Ob sich also eine Blase aufgepumpt hat und ein Crash droht, hängt letztlich an einem Maßstab: der Kapitalrendite, die auch beim jüngsten Weltwirtschaftsforum in Davos das „vorherrschende Thema“ war, so die niederländische Großbank ING. Viele Unternehmen sind der Meinung, dass sie KI einsetzen müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, können jedoch nicht mit Sicherheit sagen, woher der Mehrwert kommen soll.

Der Erfolg der KI-Spekulation hängt eben nicht nur an Technologie und Produktivität, an Kosten und Preisen, sondern auch an der Konkurrenzsituation. Schließlich soll die KI für die Unternehmen – Entwickler wie auch Nachfrager – ein Mittel im Wettbewerb sein. Mit den Milliardeninvestitionen machen sich alle gegenseitig das Geschäft streitig und versuchen, die Investitionen der Konkurrenten zu entwerten. Periodisch führt daher die Sorge, dass chinesische Anbieter künftig eine dominantere Rolle im globalen KI-Wettbewerb einnehmen könnten, zu einem deutlichen Rückgang der US-Aktienindizes (DZ Bank). Die von der Sorge um das Gelingen der Spekulation getragenen Fragen sind also derzeit nicht zu beantworten. Das entspricht der Natur des Konzepts „Spekulationsblase“, deren Existenz erst durch ihr Platzen ex post festgestellt werden kann. Oder anders: Erst der Kursabsturz macht aus zuvor „hoch bewerteten“ Aktienkursen „überbewertete“ Aktien. Die ökonomischen Folgen eines Crashs wären bedeutsam. Noch entscheidender sind vielleicht folgende Fragen: Wer kontrolliert die KI? „Während der Rest von uns noch herauszufinden versucht, was diese Technologien in unserem Leben bewirken“ werden, habe „eine kleine Gruppe von hauptsächlich in den USA ansässigen Personen [bereits] beispiellosen Reichtum und Einfluss erlangt“, schreibt Adam Tooze (2026). Und dieser Einfluss dürfte wachsen – auch das belegt der Dotcom-Crash der 2000er-Jahre, dessen Marktbereinigung wenige dominante Spieler übrigließ.

Wofür wird die Künstliche Intelligenz eingesetzt? Der Streit zwischen der US-Regierung und Anthropic zeigt, dass selbst mächtige Akteure und Konzerne kaum in der Lage sind, die Verwendung ihrer Technologie zu beschränken – selbst, wenn sie dazu willens sind. Nicht nur in den Bereichen Militär und Überwachung, sondern auch beim Einsatz der KI in Unternehmen zwecks Produktivitätssteigerung wird es darauf ankommen, zumindest die schlimmsten ihrer Folgen auf die Menschen – sei es als Lohnabhängige oder als Konsumenten – zu verhindern. Dem entgegen steht nicht zuletzt das Interesse der KI-Anbieter, der KI-Anwender und der Finanzmärkte, für die Künstliche Intelligenz letztlich ein Hebel ist, um die Rentabilität zu steigern. Dass diese angestrebte Rentabilität häufig nicht im Sinne der Menschen ist, das zeigen Warnungen vor der KI als Produzentin von Massenarbeitslosigkeit auf der einen und vermehrtem Arbeitsdruck auf der anderen Seite.

Und schließlich: Wie vernünftig ist ein Wirtschaftssystem, in dem nicht Mangel, sondern Überfluss an produktivem Reichtum die große Gefahr ist? Laut jüngster Umfrage der Bank of America unter Fondsmanagern ist ein Rekordanteil der Meinung, dass US-Unternehmen zu viel investieren. Dieser Überfluss zeigt sich aktuell nicht nur bei der KI, sondern liegt auch den anderen Krisenherden der Weltwirtschaft zugrunde: von Chinas industriellen „Überkapazitäten“ bis hin zu deutschen Autofabriken, die über Nachfrageschwäche und Auftragsmangel klagen.

Stephan Kaufmann

Stephan Kaufmann ist Wirtschaftsredakteur der Berliner Zeitung.