| Mikrokredite und die Entdeckung der Frauen

Dezember 2012  Druckansicht    Druckansicht
von Christa Wichterich

Seit den 1970er Jahren ist in der Entwicklungspolitik von der »Entdeckung der Frauen« die Rede. Die unermüdlichen Hinweise von Feministinnen, dass Frauen und ihre Arbeit gering geschätzt werden, machte sich die Weltbank zu eigen: Die »unsichtbaren Frauen« sollten sichtbar, als »ungenutzte Ressource« in die Entwicklung integriert und ihre »untergenutzte Arbeit« für Märkte und Wachstum mobilisiert werden. Entdeckung hat bekanntlich viel mit Erfindung zu tun.

In jüngster Zeit wird diese Strategie von Seiten der Finanzmärkte fortgesetzt: Marginalisierte und arme Teile der Bevölkerung werden in ihrem »eigenen Interesse« als homo oeconomicus in Verwertungsprozesse integriert. Diese Form neoliberalen Empowerments öffnet Frauen Einstiege, weckt Hoffnung auf Gleichstellung und bietet Chancen zum Management oder gar zur Minderung ihrer Armut. Die Frauen müssen nur eigenverantwortlich zupacken. Diese Gelegenheit bietet sich zu genau dem Zeitpunkt, wo auch im globalen Süden ein finanzdominiertes Akkumulationsregime auf dem Vormarsch ist.

Der geschlechtsspezifische Topos, der die finanzielle Inklusion einkommensschwacher Frauen begleitet, ist ihre unbedingte Zuverlässigkeit. Ob Rücküberweisungen, Cash Transfers oder Mikrokredite – auf Frauen ist Verlass. Die Verknüpfung von Finanzmarktintegration mit moralischen Zuschreibungen und deren Naturalisierung finanzialisiert nicht nur den Alltag. Sie schafft auch neue Marktsubjekte – eine neue Vergesellschaftung der Frauen.

Frauen sind als Arbeitsmigrantinnen zuverlässige Rücküberweiserinnen. Sie sind langfristiger orientiert, sozial verbindlicher und emotionaler gebunden als männliche Migranten. Ihre finanzielle Disziplin garantiert kontinuierliche Transfers mit hoher währungs- und entwicklungspolitischer Bedeutung. Die Weltbank schätzt die offiziell über Banken transferierten Rücküberweisungen an Entwicklungsländer im Jahr 2011 auf 325 Milliarden US-Dollar – hinzu kommen die über transnationale Netzwerke informell transferierten Mittel. Das ist das Dreifache der offiziellen Entwicklungshilfe. Gesellschaftliche Reproduktion funktioniert hier zu großen Teilen über den Export weiblicher Arbeitskräfte und den Rückfluss von Devisen. Vom sozialen Pflichtbewusstsein »transnationaler Mütter« profitieren spezialisierte Finanzdienstleister, allen voran Western Union. Bis zu 20 Prozent Gebühren kassieren sie als Transaktionskosten.

Wegen ihres Verantwortungsbewusstseins erhalten Frauen – stets als Mütter angesprochen – in einigen lateinamerikanischen Ländern auch konditionalisierte Cash Transfers (CCT). Unter der Bedingung, dass sie ihre Kinder – vor allem die Töchter – zur Schule schicken, impfen und medizinisch versorgen lassen. Die monatlichen Geldtransfers an Mütter gelten als innovative Instrumente sozialer Sicherung und Armutsreduktion.

Das zentrale entwicklungspolitische Instrument des Armutsmanagements durch neoliberale Markteinbindung von Frauen ist jedoch der Mikrokredit. Die weibliche Rückzahlungsmoral kapitalisierend, hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine ganze Finanzindustrie entwickelt. Sie verkauft armen Frauen im globalen Süden hochverzinste Mikrokredite und schafft im globalen Norden Mikrofinanzfonds, die als ethische wie profitable Anlagemöglichkeit gelten. Der Sektor ist inzwischen mit eigenen Rating-Agenturen ausgestattet und verspricht hohe Rendite und Wachstumspotenziale. Nach Einschätzung von Finanzdienstleistern sind drei Milliarden Menschen weltweit »unterversorgt« und warten auf »finanzielle Inklusion« – so das World Economic Forum 2011. Arme Frauen aus den Dörfern und Slums des globalen Südens werden über eine Kredit- und Verschuldungskette in die globalen Finanzmärkte eingebunden. Sie werden abhängig von Investoren oder auch von der kleinen AnlegerIn im globalen Norden, deren Rendite wiederum von der Rückzahlungsquote abhängt. Kredit und Geldanlage als Instrumente der Armutsreduktion und des Frauenempowerments verschränken soziale Reproduktion auf der Alltagsebene mit der Reproduktion der globalen Finanzindustrie.

Von der Bedarfsorientierung zur Ökonomisierung

Seit der Liberalisierung des Finanzmarkts 1991 entstanden in Indien mehr als 3 000 kommerzielle Mikrofinanzinstitute (MFI), die »unterversorgte« Gebiete »penetrierten«. Zigtausende männlicher Agenten wurden in die Dörfer geschickt und erzeugten dort geradezu eine Kreditschwemme. Fürs gegenseitige Abjagen von Kundinnen kassierten sie Boni. Der Aufstieg der neuen Finanzindustrie gipfelte im Sommer 2010 im Börsengang des Marktführers SKS, der – grandios überzeichnet – gleich 350 Millionen Dollar frisches Kapital realisieren konnte. SKS ging eine Kooperation mit dem transnationalen Konzern Metro ein, dessen Waren SKS über ein Franchise-System an die Kreditnehmerinnen brachte.

Der Boom der MFIs zerstörte bestehende informelle Spar- und Darlehenssysteme, die Frauengruppen – Sanghams – im Kontext dörflicher Machtverhältnisse selbst organisierten – gegen Armut, das Kastensystem und Frauenunterdrückung. Die Sanghams entschieden gemeinsam über ihr Erspartes und darüber, wer im Notfall ein kleines Darlehen bekam.

Die kommerzielle Kreditvergabe marginalisiert außerdem die von NGOs betriebenen, durch die indische Entwicklungsbank NABARD und die Weltbank finanzierten Selbsthilfegruppen. Diese gewährten Frauen ein Startkapital für eine »einkommensschaffende Tätigkeit« – vorzugsweise als Kleinstunternehmerin oder Mini-Kooperative. Entsprechend dem Grameen-(Dorf-)Modell des Nobelpreisträgers Mohammed Yunus wird hier die ganze Gruppe für die Rückzahlung, aber auch für Entwicklungsaktivitäten im Dorf eingespannt. Diese Selbsthilfebewegung organisierte zig-Millionen Frauen um einen marktförmigen Kern, nämlich den Zugang zu und Umgang mit Geld. Das von Yunus ausgerufene »Menschenrecht auf Kredit« galt jedoch niemals universell: Die Ärmsten und Niedrigkastigen, die Dalits, fielen regelmäßig aus den Selbsthilfegruppen heraus oder wurden hinausgedrängt, weil sie nicht rückzahlungsfähig waren.

Vor 20 Jahren, als die indische Regierung Investitionen in den kleinbäuerlichen Sektor zurückfuhr, erklärte sie die »finanzielle Inklusion« armer Frauen zum Ziel. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft ließ kleinbäuerliche Einkommen um 20 Prozent sinken. Die Hälfte der Haushalte ist heute überschuldet und 230 000 Bauern nahmen sich innerhalb von zwei Jahrzehnten das Leben. Zugang zu Krediten wurde für Klein- und Mittelbauern schwieriger, während die Subsistenzbäuerinnen plötzlich mit Mikrokrediten überschüttet wurden. Der Staat ließ den Wildwuchs der neuen Finanzindustrie zunächst zu: Die Kreditprogramme ermöglichten der Regierung, sich aus der Verantwortung für soziale Aufgaben, Umverteilung und direkte Armutsbekämpfung zurückziehen. Die Verantwortung wurde an die hochgradig motivierten Frauen und ihre »Eigeninitiative« übergeben.

Als Instrument des Armutsmanagements wurde die finanzielle Inklusion durch das Ziel einer Erwerbsintegration von Frauen ergänzt. Um diese doppelte Marktintegration zu fördern, entwickelte Mohammed Yunus soziale Business-Projekte mit transnationalen Konzernen und kommerziellen Banken. 1998 akzeptierte er eine Millionen-Spende des Agro-Multis Monsanto, um Kleinkredite für die Landwirtschaft zu finanzieren. Im Gegenzug sollten die Kreditnehmerinnen, die bislang ihr eigenes Saatgut reproduzierten, gentechnisch verändertes Saatgut und Unkrautvernichtungsmittel des Konzerns kaufen. Der Kredit machte aus selbstversorgenden Produzentinnen Marktkonsumentinnen.

Es folgten Joint Ventures mit dem finnischen Telekommunikationskonzern Nokia, dem französischen Joghurthersteller Danone und eine Public Private Partnership mit dem französischen Wasserversorgungsunternehmen Veolia. Beim Dorf-Telefon-Projekt mit Nokia konnten Kreditnehmerinnen der Grameen-Bank ein Mobiltelefon kaufen und Telefonierzeit verkaufen. Dies brachte den Frauen anfänglich Einkünfte, scheiterte jedoch schnell am Überangebot von Telefonen in den Dörfern. Danone war von Anfang an ein Verlustgeschäft – in Bangladesh stellt jede Frau ihren eigenen Joghurt her. Wie die Franchise-Läden erschloss das Projekt dennoch neue Märkte und verschaffte dem Unternehmen ein soziales Image.

Die Läden bieten den Frauen einen Einstieg in den modernen Konsum. Fernsehwerbung lehrt sie, dass städtische Mittelschichtfrauen in sauberen Supermärkten sauber verpackte Konzernprodukte kaufen. Eine Selbsthilfegruppe, die gemeinsam einen »Mini-Supermarkt« in Tamil Nadu betreibt, verkauft entsprechend nur »moderne« Produkte, verpackt und verschweißt. Für das Mineralwasser von Coca Cola pumpt der Konzern unweit des Supermarkts das Grundwasser ab. Gewürze, Öle und Heilmittel, die die Dorffrauen nebenan herstellen, werden nicht ins Sortiment genommen, weil sie nicht richtig verpackt sind. So führt die Selbsthilfegruppe den freien Wettbewerb ein: Konzernwaren stehen gegen die Produkte der Kleinbäuerinnen und Eigenproduzentinnen. Der kreditfinanzierte Supermarkt fungiert als Vorhut der städtischen, großunternehmerischen Marktökonomie. Dabei drängen die Kreditnehmerinnen die dörfliche Ökonomie ins Abseits und werten deren Produkte als nicht marktfähig ab. Soziale Reproduktion wird über den Kredit vermittelt. Die Interessenunterschiede zwischen den Frauen wachsen.

Dennoch, die Kredite mobilisieren tatsächlich Millionen Frauen, aber sie politisieren sie nicht. Anders als zuvor die Sanghams bieten sie keinen Ansatz, gemeinsam für die eigenen Rechte zu streiten. Stattdessen versetzen sie die Frauen in die Lage, mit der Armut besser fertig zu werden und auf den Märkten gegeneinander zu konkurrieren. Milford Bateman (2010) spricht vom »zerstörerischen Aufstieg des lokalen Neoliberalismus« durch Mikrofinanzierung. Als Empowerment-Instrument für Frauen gepriesen, ökonomisiert es die existenziellen Fragen sozialer Reproduktion.

Die gute Frau als Unternehmerin ihrer Selbst

Auch die kommerziellen Mikrofinanzinstitute verlangen Gruppenbildung – allerdings ohne Spareinlagen – und nennen sie »Gemeinsame-Haftungs-Gruppen«. Sie basieren auf der Annahme, dass die Frauen die Kredite umgehend produktiv investieren und von den Einkünften sofort die Rückzahlungen leisten können. Die Gruppe, die früher einen Solidarzusammenhang darstellte und manchmal emanzipatorischen Charakter hatte, ist jetzt vor allem soziale Kontrollinstanz. Die Gruppenmitglieder tun alles, um der Schande zu entgehen, dass die Gruppe bei Rückzahlungen womöglich für sie einspringen muss. Die Ethnologin Lamia Karim (2008) spricht deshalb von einer »Kultur der Scham«, die durch die Mikrokredite etabliert wird.

Tatsächlich gelingt es einzelnen Frauen und Gruppen, mithilfe von Kleinkrediten Einkommensquellen aufzubauen, ihre Marktposition und den Verdienst zu verbessern. Doch die Mehrheit der Frauen nutzt die Kredite nicht für produktive, sondern für konsumtive Zwecke. Wie stark die Frauen in den Haushalten Entscheidungen über die Verausgabung der Kredite überhaupt beeinflussen können, ist unterschiedlich. Im Umfeld der Grameen-Bank – und nicht nur dort – nahm Gewalt gegen Frauen zu, weil Männer mit der neuen Frauenrolle nicht fertig wurden.

Häufig werden zunächst Schulden zurückgezahlt, die der Mann beim lokalen Geldverleiher hat, wo Wucherzinsen von über 50 Prozent üblich sind. Darüber hinaus werden Kosten für ärztliche Behandlungen, Medikamente oder für Hochzeiten und Mitgiftzahlungen gedeckt. Wenn der Kredit – als Instrument des Empowerments gedacht – die Mitgift finanziert, trägt er zur Aufrechterhaltung einer patriarchalen Struktur bei, die Frauen abwertet, sie gewaltförmig der Familienautorität unterwirft und Geschlechterbeziehungen ökonomisiert.

In jedem Fall schaffen die Kredite enorme Kaufkraft in den Dörfern. Wie die Konsum- und Hypothekenkredite in den USA bewirken sie eine »Finanzialisierung« des Alltags. Es ist wenig verwunderlich, dass eine »gute« Frau jetzt jene ist, die Kredite beschafft.

Diese Rolle ermächtigt die Frauen und stärkt ihr Selbstbewusstsein. Die übertragene Aufgabenfülle schreckt sie nicht. Eher sind sie stolz, dass ihnen so viel zugemutet wird – zusätzlich zu ihrer Feldarbeit, dem Haushalt, den Kindern, der Beschaffung von Trinkwasser und Brennholz sowie der Tagelöhnerei auf den Feldern reicher Bauern. Für sie zählt zu allererst die Anerkennung, die der Kredit bringt: »Jetzt sind wir wer!« Früher durften sie nicht in einem Kreis mit den Männern sitzen, hätten nicht allein mit dem Bus in die Bezirkshauptstadt fahren können. Inzwischen sagen sie nicht nur den Männern im Dorf ihre Meinung, sondern gehen ohne die Männer zu den Behörden und beschweren sich. Früher durften sie keinen Fuß in eine Bank setzen, inzwischen läuft ihnen die »mobile« Bank im Dorf hinterher. Sie sind stolze Besitzerinnen von SMART-Cards als Ausweis für die Teilhabe an der Moderne. Mit der SMART-Card als moderner Finanzdienstleistungstechnologie nehmen die MFI-Agenten an der Haustür Einzahlungen und Auszahlungen vor. Das nahezu flächendeckende Angebot von Krediten, mit denen die Frauen sich eigenverantwortlich aus der Armut befreien sollen, konstruiert auch ein neues Konzept der Bürgerschaftlichkeit: Frauen haben ein Recht auf einen Kleinkredit, zahlen ihn pflichtbewusst zurück und sind damit als Produzentin und Konsumentin am Markt anerkannt.

Die Feminisierung der Kreditnahme ist jedoch ein widersprüchliches Empowerment. Aus bourdieuscher Perspektive erwerben die Frauen mit dem Kredit ein symbolisches und soziales Kapital, das Irritationen und Brüche in der bestehenden Geschlechterordnung hervorbringt und sozialen Wandel auslösen kann. Blickt man mit Foucault, stellen die kleinen Darlehen eine neoliberale Herrschaftstechnik dar. Die Frauen lernen Selbstregulierung und werden als selbstverantwortliche Subjekte, »disziplinierte Schuldnerinnen« und erwerbsorientierte Armutsbekämpferinnen integriert.

Globale Finanzindustrie und Überhitzung

Mohammed Yunus forderte große private Banken auf, in das Geschäft mit den Kleinkrediten einzusteigen und das »Menschenrecht auf Kredit« einzulösen. Dafür versprach er den Investoren »ein gutes Gewissen« und die Hoffnung, »Armut ins Museum« zu befördern. Die Verquickung finanzieller und moralischer Rendite ist der strategische Clou dieses Sektors.

Die indischen MFIs sind gesetzlich auf Kreditvergabe beschränkt, die Führung von Sparkonten ist ihnen untersagt. Im Zuge ihrer Expansion waren sie deshalb auf die Refinanzierung durch kommerzielle Banken angewiesen. Dieses Fremdkapital verliehen sie mit erheblichen Zins- und Gebührenaufschlägen an die Frauen weiter. Dank der hohen Rückzahlungsquote der Frauen lösten die guten Renditeaussichten nicht nur einen »Goldrausch« der MFIs in Indien aus, sondern auch einen Fondsboom bei den Banken auf den globalen Finanzmärkten. 1998 entstand bei der Dexia in Luxemburg der erste Mikrofinanzfonds, inzwischen sind es weltweit über hundert. Deren »Mikrofinanz-vehikel« werden auch von Sparkassen und sich ethisch nennenden Banken wie der deutschen GLS angeboten. Adressatinnen sind auch hier Frauen, an deren soziales Anlagebewusstsein appelliert wird.

Der Fondsmarkt ist intransparent. Neben den von Entwicklungsorganisationen, NGOs, Stiftungen, Kirchen und der Kreditanstalt für Wiederaufbau betriebenen, nicht-profitorientierten Fonds – Oikocredit ist hier Marktführer – gibt es viele Anlageprodukte, die sich als »Entwicklungsfonds« präsentieren. Sie spielen mit dem Schein von Wohltätigkeit und Profitneutralität – unter ihnen der »Deutsche Bank Microcredit Development Fund«.

Die Mikrofinanzfonds profitierten von der globalen Krise 2008, in der nomadisierendes Kapital auf der Flucht vor den Hochrisikofonds neue Anlagemöglichkeiten suchte. Die kleinen Kredite galten wegen ihrer breiten Streuung und der Zuverlässigkeit der »disziplinierten Schuldnerinnen« als risikoarm. Investitionen trugen zur Überliquidität der MFIs, der Expansion der Mikrofinanzindustrie und damit auch zum Aufblähen einer Kreditblase bei. Diese Kreditschwemme war vergleichbar mit den Subprime-Hypothekenkrediten in den USA, die an geringverdienende Latinas und Afro-Amerikanerinnen vergeben wurden. Einzig die Quantität der abgesetzten Kredite zählte.

Die Finanzindustrie sichert ihre Reproduktion durch die Abschöpfung von Werten, die in den Dörfern und Slums des globalen Südens generiert werden. Soziale, entwicklungspolitische und ethische Motive werden instrumentalisiert, um die Renditelogik zu moralisieren.

Jahrelang war der Maßstab für den Erfolg der Mikrokredite die spektakuläre Rückzahlungsquote von 95 bis 99 Prozent. Wie aber war das möglich, wenn die Mehrzahl der Kreditnehmerinnen die Kredite gar nicht gewinnbringend, sondern konsumtiv nutzten? Das Überangebot an Krediten ermöglichte den Frauen einen souveränen Umgang mit den Rückzahlungspflichten. Sie nahmen mehrere Kredite von mehreren Anbietern auf und gingen auch noch zum lokalen Geldverleiher, um termingetreu rückzahlen zu können. Die wöchentliche Zinseintreiberei der Mikrofinanzagenten im Rücken, jonglierten sie mit einem komplexen System der Verschuldung und mehreren formellen und informellen Geldquellen gleichzeitig. Hinter der Rückzahlungsquote verbarg sich jedoch eine wachsende Verschuldung. Die Armen substituierten mit den Krediten geringe Einkommen und zwischen-finanzierten ihre soziale Reproduktion auf einem höheren Konsumniveau.

Im Herbst 2010 brach jedoch die Rückzahlungsquote ein. Im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh, der die weltweit höchste »Penetrationsrate« mit mobilem Banking aufweist, platzte die Blase. Rein statistisch waren in jeden armen Haushalt der Region acht Kredite geflossen. 82 Prozent der ländlichen Haushalte waren hoch verschuldet. Mehr als 50 überschuldete Frauen nahmen sich das Leben. Die MFIs gerieten in Liquiditätsnot, die Investoren »verloren das Vertrauen« in die Branche, der Kurswert der SKS-Aktien brach um 77 Prozent ein. Ein Reproduktionszyklus brach zusammen. Auch in Bolivien hatte es einen ähnlichen Crash der kommerziellen Mikrofinanzierung gegeben.

Ähnlichkeiten mit der Subprime-Krise bestehen auch bei der Krisenbewältigung: Nationale und ausländische Banken, darunter der US-Konzern City Group, entfalteten einen Rettungsschirm für die MFIs. Die Regierung von Andhra Pradesh versuchte zwar den Schaden zu begrenzen, schaffte es aber nicht, die Kreditnehmerinnen effektiv vor Ausbeutung und Überschuldung zu schützen. Gegen Regulierungsankündigungen des indischen Staates wehrte sich die globale Finanzindustrie heftig – wortführend ist der Mikrofinanzfonds responsAbility Social Investments von Credit Suisse. Eine weitere Liberalisierung des Dienstleistungssektors, wie sie unter anderem im EU-India-Freihandelsabkommen vorgesehen ist, wird entsprechend die Penetrationsbedingungen für ausländische Finanzkonzerne eher noch verbessern und die Entwicklung neuer Finanzinstrumente erlauben.

 Kredite jenseits der Verwertungslogik

Der Crash hat in Indien jedoch eine breite Debatte in Gang gesetzt: Sparen und Kreditvergabe müssen den Verwertungszusammenhängen der Finanzindustrie entzogen und in Sozialverträge rückgebettet werden. Nur so können die Frauen diese Instrumente selbst kontrollieren. Das von den Armen erwirtschaftete Einkommen darf nicht von außen abgeschöpft und der Akkumulationslogik des Finanzmarkts ausgeliefert werden, sondern muss in den lokalen Reproduktionskreisläufen bleiben. Zentral ist außerdem, dass die Frauen sparen können, um sich wenigstens teilweise gegen Lebens- und Reproduktionsrisiken abzusichern.

Sogar im Kernland der Krise, in Andhra Pradesh, gibt es krisenfreie Zonen. Und zwar dort, wo das wirtschaftliche Empowerment von Frauen nicht auf Krediten, sondern auf lokaler Biodiversität und Ernährungssouveränität aufbaut. Die NGO Deccan Development Society (DDS) nutzt und verbessert lokal vorhandene Ressourcen und vermeidet die Abhängigkeit von Staat und (Finanz-)Markt. In den Haushalten kommt es deshalb zu Kontroversen: Frauen hegen meist ein gesundes Misstrauen gegen alle größeren Investitionen in die Landwirtschaft, die eine Kreditaufnahme erfordern. Wo Männer eher Brunnenbohrungen befürworten, experimentieren sie lieber mit dem Anbau dürreresistenter Hirsesorten.

Die Frauengewerkschaft SEWA hingegen hat stets auf Kreditvergabe gesetzt, um beispielsweise Straßenhändlerinnen aus den Fängen lokaler Kredithaie zu befreien. Allerdings wusste SEWA, dass die Frauen Kredite für Konsum und soziale Absicherung mindestens genauso nötig brauchen wie für ihre Geschäfte. Sie erklärte Sparen zum zentralen Empowermentmechanismus und zur Voraussetzung für eine Kreditaufnahme. 1975 gründete sie eine Bank, die den Frauen gehört. Parallel baute sie Produktionskooperativen und ein eigenes Versicherungssystem auf – als weitere bedürfnisgerechte Reproduktionssäule. SEWA arbeitet nicht profitorientiert und ist von der Mikrofinanzkrise nicht betroffen. Mikrokredite sind hier lediglich Vehikel in einem umfassenden sozialen und finanziellen Sicherungssystem, das soziale Reproduktion jenseits von Kommerzialisierung unterstützt. Statt »finanzieller Inklusion« gelten Exklusion und Schutz vor der Verwertungslogik als Bedingung des Empowerments.

 

Literatur

Bateman, Milford, 2010: Why doesn’t Microfinance Work? The destructive rise of local neoliberalism, London/New York

Karim, Lamia, 2008: Demystifying Micro-Credit – The Grameen Bank, NGOs and Neoliberalism in Bangladesh, Oregon