| Kampf ums Konkrete. Der »Doppelcharakter der Arbeit« und die Gewerkschaften

Januar 2018  Druckansicht    Druckansicht
Von Stefanie Hürtgen

Über Gewerkschaften ist seit Marx viel geschrieben und gestritten worden: Sind sie notwendig auf den ökonomischen Interessenkampf im Rahmen des Kapitalverhältnisses reduziert oder können sie Ausgangspunkt emanzipatorischer gesellschaftlicher Transformation sein? Diese Frage stellt sich nicht nur als politisch-strategische, sie ist auch in den betrieblichen Alltagspraxen präsent, im permanenten Konflikt um Inhalt und Form der Arbeit und um die Qualität von (lohn-)arbeitsteiliger Zusammenarbeit. Dieser alltägliche Klassenwiderspruch wird sichtbar, wenn wir mit zentralen Marx’schen Kategorien – vor allem den Begriffen konkrete und abstrakte Arbeit sowie Gebrauchswert und Wert – einen Blick in die Betriebe und Einrichtungen werfen und auf die Menschen, die dort arbeiten. Gewerkschaften sind, so die hier vertretene These, umso eher eigensinnige Akteure gesellschaftlicher Transformation, je mehr sie die für die Beschäftigten immer präsenten qualitativen leiblich-stofflichen Dimensionen der (Lohn-)Arbeit zum Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzungen machen. Dann eröffnen sich auch Perspektiven eines nachhaltigen sozialökologischen Zusammenhangs von Produktion und Reproduktion jenseits der derzeit atomisiert-individualistischen Thematisierung einer »Work-Life-Balance«.

Konkrete und abstrakte Arbeit – von der Ware zum Betrieb

Bekanntermaßen entwickelt Marx seine Theorie der kapitalistischen Produktionsweise entlang einer fundamentalen Unterscheidung: Die Ergebnisse kapitalistischer Produktion und Dienstleistung, die Waren, sind einerseits Resultat konkreter, spezifisch-zweckgerichteter, qualitativer Arbeit – zugleich aber Verkörperung von abstrakter Arbeit, von Arbeit schlechthin, egal von wem, mit welchen Stoffen, Werkzeugen, Erfahrungswissen oder körperlichen Anspannungen verrichtet. Abstrakte Arbeit, der Begriff sagt es schon, ist Abstraktion und sinnlich nicht wahrzunehmen. Einerseits ist Arbeit immer konkret, andererseits wird bei der kapitalistischen Warenproduktion gerade von dieser Konkretheit systematisch abstrahiert. Denn erstens werden beim Verkauf von Waren auf dem Markt ihre zuvor sehr verschiedenartigen Herstellungstätigkeiten gleichgesetzt, zweitens verkaufen kapitalistische Unternehmen ihre Waren, um Profit zu machen, ebenfalls eine abstrakte, rein quantitative Größe: mehr Geld als zuvor. Drittens können die Unternehmen den Verkauf ihrer Waren (und also Profite) nur realisieren, wenn sie sich gegen die Konkurrenz durchsetzen, das heißt schneller, kostengünstiger, flexibler und innovativer produzieren, was sich in der Art und Weise, die Arbeit zu organisieren, niederschlägt.

Der Widerstreit zwischen inhaltlich-konkreter Arbeit und abstrakt-zeitlicher Wertbildung

Marx bezeichnet den kapitalistischen Produktionsprozess als widersprüchliche »Einheit von Arbeits-, Wertbildungs- und Verwertungsprozess« (1867, 211). Der so genannte Doppelcharakter der Arbeit ist also nicht nur wichtig in Bezug auf das Resultat, die Waren, sondern strukturiert als widerstreitende Dimensionen die Organisation kapitalistischer Produktion und also die Handlungszusammenhänge aller Beteiligten, in erster Linie der lohnabhängig Beschäftigten. Marx selbst neigt übrigens dazu, konkrete Arbeit an Beispielen wie dem Schneider und dessen Produktion von »Rock« oder »Leinwand« darzustellen. Dies ist mit Blick auf heutige Verhältnisse letztlich irreführend, denn die moderne arbeitsteilige Produktion ist keine individuelle handwerkliche Angelegenheit. Nur hier und da gibt Marx Hinweise auf das widersprüchliche Zusammenspiel von konkreter und abstrakter Arbeit im Rahmen komplexer Produktionszusammenhänge (vgl. ebd., Kap. 6). Gerade heute ist es für ein aktualisiertes Verständnis von »Klassenpolitik« aber wichtig, sich die widersprüchliche Einheit von inhaltlich-konkreter Arbeit und abstrakt-zeitlicher Wertbildung neu zu vergegenwärtigen. Denn der Blick auf diesen permanenten Widerstreit macht Spannungen und Verwerfungen, wie sie in den Lohnarbeitsverhältnissen zutage treten, sichtbar und auch die alltäglichen Formen des Widerstands und der Grenzziehungen seitens der Beschäftigten, die Linke dringend mehr zur Kenntnis nehmen sollten, wenn sie über Klassenhandeln und Klassenkampf nicht nur philosophieren wollen.

Leiblichkeit und Menschlichkeit

Eine erste fundamentale Ebene des Widerspruchs von konkreter und abstrakter Arbeit in den Arbeitsverhältnissen betrifft den arbeitenden Menschen als physisches und psychisches Subjekt. Arbeit ist als konkrete untrennbar an den konkreten Menschen als gesellschaftliches Naturwesen, an seine »Leiblichkeit«, wie Marx es nennt, gebunden: an Kopf und Sinne, an Muskelkraft, Konzentration und Ausdauer, Kreativität und Spontanität. Zugleich wird diese konkret-leibliche Dimension von Arbeit in Permanenz negiert. Das Fabrikregime unterwirft das arbeitende Subjekt seiner Herrschaft, presst es in den Takt von Maschinen, Softwareprogrammen und Kundenbestellungen, nicht selten bis zur völligen Erschöpfung. Die Logik der Wertbildung, die konkurrenzielle Quantifizierung aller Tätigkeiten und ihre Ausrichtung auf eine permanente Steigerung des Outputs untergräbt, wie Marx schreibt, nicht nur »die Erde«, sondern auch »den Arbeiter« (ebd., 529f). Es ist Uranliegen der Gewerkschaftsbewegung, das Dasein von Lohnabhängigen als (arbeitende) Menschen gegen die brutale Logik ihrer Negation, ihrer Reduktion auf eine quantifizierte Arbeitsleistung zu behaupten. Das Pathos der Arbeiterbewegung, umfassend »Menschenrechte« zu erkämpfen, wie es in der »Internationalen« heißt, oder gar – wie im französischen Originaltext – das gesamte »Menschengeschlecht« zu befreien, hat hier seine reale Begründung.

Auch gegenwärtig ist das aufsässige Beharren darauf, nicht nur Arbeitskraft, sondern Mensch zu sein, allerorten präsent. Von einem Großteil der Linken bislang kaum zur Kenntnis genommen, ist der Raubbau an Leib und Seele in und durch Lohnarbeit derzeit das drängendste Thema in den Betrieben. Die Kolleg*innen erzählen, wie Pausen gestrichen oder Großraumbüros durchgesetzt werden (und sie sich nicht mehr konzentrieren können), wie die ausufernde Pflicht zur Dokumentation wertvolle Arbeitszeit frisst, während sich zugleich das Aufgabenpensum empfindlich erhöht und eine permanente digitale Kontrolle ihrer Tätigkeiten durchgesetzt ist. Abends sind sie oft völlig erschöpft, zu müde, um noch Freunde anzurufen, froh, wenn sie nachts trotz des Dauerstresses halbwegs schlafen können. Sie berichten, wie ihre Chefs sie anbrüllen, sie nicht zur Toilette dürfen, im Dunkeln oder in der Kälte arbeiten müssen, weil an Strom gespart wird. Diese Arbeitsbedingungen werden als respektlos und krankmachend beschrieben. Die Beschäftigten setzen dagegen, dass sie Menschen sind und keine Maschinen oder Roboter – und sie berichten von einer Fülle tagtäglicher Grenzziehungen, kleinen solidarischen Aktionen und kollegialen Gesten, um gegen die Verletzung leiblicher und seelischer Integrität vorzugehen.

Kollegiale Zusammenarbeit und gesellschaftliche Zugehörigkeit

Die Leiblichkeit der konkreten Arbeit ist also von vornherein eine soziale. Beispielsweise ist Kommunikation während der Arbeit für die meisten sehr wichtig, als Austausch über die Arbeit selbst, aber auch über »Allgemeines« und »Privates«. Denn das Leben ragt ja direkt in die Arbeit hinein, in die Tagesform, die bekanntermaßen deutlich schwanken kann, in Schrullen und Eigenheiten, mit denen sich besser umgehen lässt, wenn man weiß, was dahintersteckt (z. B. dass die Kollegin zu Hause Sorgen hat). Gute und kollegiale Zusammenarbeit bedeutet, sich als Menschen, die nicht nur aus (Lohn-)Arbeit bestehen, zu begegnen. Konkrete Arbeit ist hier in die Wechselfälle des individuellen und gesellschaftlichen Lebens eingebunden. Hierzu gehört auch der Anspruch auf »anständige« Bezahlung für ein »normales« Leben und auf Arbeitsbedingungen, die die leiblich-soziale Existenz als Mensch (mit Familie, Freund*innen, Hobbys, politischen und kulturellen Aktivitäten etc.) nicht gefährden.

Diese ganzheitliche Logik von konkreter Arbeit verdeutlicht auch, dass Vorstellungen von Gewerkschaften als bloßen Betriebsorganisationen oder »Arbeitsmarktakteuren« irreführend sind. Es geht stets um das soziale Ganze, um gutes Leben in und außerhalb der Lohnarbeit – und darum, für wen dies durchgesetzt werden kann. Mit diesem Zusammenhang von Arbeit und Leben, von Produktion und Reproduktion sehen sich auch deutsche Gewerkschaften wieder verstärkt konfrontiert, da die in der Nachkriegszeit aufgebauten Organisationsstrukturen in ihrer Orientierung auf Betriebe und Branchen längst an Grenzen stoßen; nicht nur wegen der fortschreitenden Prekarisierung und Fragmentierung von Arbeit, sondern auch aufgrund der so genannten Entbetrieblichung, also Prozessen der sozialräumlichen Auflösung betrieblicher Grenzen durch Verlagerung, Ausweitung von digitaler Heimarbeit, Crowdsourcing und Ähnliches.

Gesellschaftlich sinnvolle Arbeit

Auch in einem weiteren Sinne erhellt der Blick auf den Widerstreit zwischen konkreter und abstrakter Arbeit über den Betrieb hinausreichende gesellschaftliche Zusammenhänge. Denn die arbeitsteilige betriebliche und überbetriebliche Kooperation ist nicht nur eine zwischen Menschen, sondern wesentlich auch eine, in denen Arbeitsstoffe, Vorprodukte und Zwischenergebnisse zueinander in Beziehung gesetzt werden. Für diese sachbezogene Zusammenarbeit sind die Gebrauchswerte der arbeitsteilig hergestellten Arbeitsprodukte von entscheidender Bedeutung: Die Vorlage auf dem Schreibtisch muss sinnvoll sein, das Bauteil der Kolleg*innen muss passen, die Maschine oder das Softwareprogramm müssen funktionieren, das Material muss tauglich sein – und alles zusammen soll in ein möglichst gutes Produkt eingehen. Die arbeits- und industriesoziologische Forschung zeigt: Entgegen den Vorstellungen vieler linker Kapitalismuskritiker*innen ist den Lohnabhängigen Form und Inhalt ihrer Tätigkeit keineswegs gleichgültig. Egal ob Küchenhilfen, Bandarbeiter*innen, Busfahrer*innen oder Ingenieur*innen, sie alle wissen sehr gut über das Gebrauchswertige ihrer Arbeitsprodukte Bescheid, über Qualitäten und Mängel, materiale Besonderheiten sowie Vor- und Nachteile der in ihnen steckenden Vorprodukte und konkreten Tätigkeiten. Und sie beanspruchen, die eigene (Lohn-)Arbeit »gut«, also sinn- und verantwortungsvoll zu verrichten. Sie wollen keinen »Schrott« produzieren, sondern brauchbare Anlagen bauen; sie wollen sinnvolle Dienstleistungen anbieten, in Krankenhäusern und Altersheimen einfühlend und rücksichtsvoll pflegen. Diese arbeitsinhaltliche Orientierung war und ist bis heute eine der zentralen Quellen (gewerkschafts-)politischer Anspruchshaltung und des Selbstbewusstseins einer Arbeiterbewegung, die über soziales Wohlergehen hinaus auf Mitsprache und Mitgestaltung der Gesellschaft orientiert.

Derzeit ist diese qualitativ-konkrete Seite der eigenen wie der kollektiven Arbeit hochgradig prekär, wird über Prozesse der Abstraktifizierung und Quantifizierung angegriffen: Immer kürzere Produktzyklen, Termindruck und Arbeitshetze bestimmen den Arbeitsalltag, ebenso wie knappe Personaldecken und viel zu enge Zeit- und Ressourcenplanung. Permanent ist »Ausnahmesituation«, ständig muss nachgearbeitet, repariert, zurückgegeben oder auch vertuscht werden. In nahezu allen Branchen kritisieren die Beschäftigten, dass Zulieferungen und die eigenen Arbeitsprodukte schlechter werden aufgrund immer weiterer Einsparungen an Personal und Material. Der Druck, die eigene Arbeit als fremde, inhaltslose Sache zu betrachten, nimmt zu und viele berichten, sich diesem zumindest teilweise beugen zu müssen, um nicht selbst »geistig und körperlich draufzugehen«. Die digitale Kontrolle erhöht den Quantifizierungsdruck noch einmal, allen behaupteten Qualitätsstrategien zum Trotz. Gemessen und gewichtet wird die Zahl: der Kundenkontakte, neu belegten Betten, abgearbeiteten Aufträge, montierten Teile. Wie stark allerdings die Gebrauchswertorientierung ist, lässt sich an den vielen unbezahlten Überstunden und selbst auferlegten Entgrenzungen ablesen, mit denen Beschäftigte trotz allem versuchen, sinnvolle Dinge zu tun und gute Arbeit zu leisten. Verrückterweise wird ihnen dies oft als Schwäche ausgelegt, als Unfähigkeit, sich abzugrenzen und nicht einfach Dienst nach Vorschrift zu machen, auch: den Ausbeutungscharakter des Kapitalismus zu erkennen. Dabei zeigt auch die wieder aufflammende Diskussion um ökologieorientierte Produktion, dass es die konkrete Arbeit ist, die maßgeblich die Qualität des gesellschaftlichen Zusammenlebens bestimmt. Es ist zwar dem Kapital, nicht aber für die soziale Vergesellschaftung egal, welcher Art die stofflichen Arbeitszusammenhänge sind und die Gebrauchswerte, die konsumiert werden. Zugleich wird klar: Ein sozialökologischer Umbau ist nur dann emanzipativ, wenn er die Ökologie der Arbeit umfasst, der Lohn- und Reproduktionsarbeit. Das ist ohne radikale Demokratisierung der Produktions- und Reproduktionsverhältnisse und eine über traditionelle Formen betrieblicher Mitbestimmung und repräsentativer Demokratie hinausgehende Partizipation der Vielen nicht möglich.

Soziale Fragmentierung und Konkurrenz

Wenden wir uns nun noch einmal der abstrakten Arbeit zu. Sie realisiert sich zwar erst auf dem Markt, über den Verkauf, aber als quantifizierende, das Konkrete permanent negierende Steigerungslogik durchdringt sie schon die Produktion als Verwertungsprozess. Dieser soziale Vorgang der Abstraktion, der Negation konkreter lebendiger, leiblicher und qualitativer Arbeit ist dabei historisch verschieden. An die Stelle der unmittelbaren Brutalität des frühen Fabrikregimes tritt heute die Herrschaft des digitalen Soll-Ist-Abgleichs; die Stechuhr ist in vielen Bereichen einer »Selbststeuerung« gewichen, die sich an Vorgaben knapper Zielmargen misst. Aktuell ist eine Form der Abstraktifizierung konkreter Arbeit besonders wichtig, nämlich die konkurrenzielle Fragmentierung von Beschäftigung. Konkurrenz unter Lohnabhängigen ist nicht neu, sie entsteht aufgrund der existenziellen Abhängigkeit vom erfolgreichen Verkauf des je eigenen Arbeitsvermögens auf dem Markt. Relativ neu ist eine mittlerweile gängige Produktionsorganisation, die sowohl die Weiterbeschäftigung der Einzelnen wie den Fortbestand von Arbeitsgruppen, Abteilungen oder ganzen Produktionsstandorten davon abhängig macht, wie diese im Kampf um mehr Qualität, Flexibilität und Effizienz, Termintreue oder auch weniger Fehltage abschneiden. Die digitale Arbeitskontrolle über »Accounting«, also die Überführung jeglicher konkreter Arbeitsaktivitäten in letztlich binäre Maßzahlen, ist so weit mehr als Überwachung: Es ist die quantifizierte Vermessung von Arbeit im Verhältnis zur Konkurrenz; sowohl externer Konkurrenz (andere Standorte oder Unternehmen) wie intern organisatorisch geschaffener Konkurrenz zwischen Arbeitsgruppen oder so genannten Cost-Centern, die mit eigenen Budgetrechnungen aufwarten müssen.

Der Druck, die Zielmargen zu erreichen oder zu übertrumpfen, ist enorm, nicht nur wegen davon abhängiger Lohnbestandteile – auch die Frage, ob diese Organisationseinheit bestehen bleibt oder verlagert oder an eine andere Firma »fremdvergeben« wird, spielt eine Rolle. Konsequenterweise sind es so oft die Beschäftigten selbst, die ihre konkrete Arbeit einem quantitativen Steigerungsimperativ unterwerfen, mit allen Folgen nicht nur für sie selbst, sondern auch im Verhältnis zu den Kolleg*innen: Immer unmittelbarer geht es darum, »mitzuziehen« und das Team oder die Abteilung nicht »hängenzulassen«. Diese organisatorische konkurrenzielle Fragmentierung wird von einer weiteren, ebenso dramatischen Dynamik sozialer Fragmentierung überlagert: In kaum einem Betrieb gelten noch die gleichen tariflichen Arbeitsbedingungen für alle. Deren Zerklüftung ist weit fortgeschritten, wobei die Ausweitung prekärer Arbeit (Befristung, Leiharbeit) nur ein Teil dieser Entwicklung ist. Hinzu kommen Öffnungsklauseln vom Tarifvertrag, »freiwillige« Verzichtsleistungen oder besondere Einstiegsbedingungen für Jugendliche. Zuliefererfirmen arbeiten beispielsweise meist zu sozial deutlich schlechteren Bedingungen – und dies nicht selten inhouse, also direkt im eigentlichen Betrieb.

Dieser Druck, die eigene Arbeit selbst vorrangig konkurrenziell quantifiziert zu betrachten, hat allerdings mit der vielzitierten »Verinnerlichung der Verhältnisse«, von denen viele Linke ausgehen, wenig zu tun. Man muss den Beschäftigten nicht erzählen, wie inhuman und asozial viele Entwicklungen in der Arbeitswelt sind – das wissen sie selbst und legen es, sofern jemand zuhört, in allen Einzelheiten dar. Verbreitet ist vielmehr ein Gefühl von Ohnmacht, oft gepaart mit Wut, nicht nur auf die Unternehmen, sondern auch auf die (ehemaligen) Arbeiterparteien und die Gewerkschaften. Denn der entfesselten Konkurrenz und den multiplen Fragmentierungen lässt sich auf der Ebene einzelner Abteilungen, Betriebe oder auch Unternehmen letztlich nicht wirksam entgegentreten. Insofern wirkt das Primat der permanenten Steigerung von Konkurrenzfähigkeit für die Beschäftigten durchaus als »Sachzwang« – nicht, weil sie es gutheißen, sondern weil es gesellschaftspolitisch gelungen ist, die Logik abstrakter, ihrer konkreten inhaltlichen und leiblichen Gestalt beraubter Arbeit zum Maßstab gesellschaftlicher Entwicklung zu stilisieren.

Interessenkampf oder Emanzipation?

Wie wir wissen, haben die Gewerkschaften diese Dynamiken der Konkurrenz und Fragmentierung teilweise mit vorangetrieben, sei es in ihrem Umgang mit prekär Beschäftigten und Erwerbslosen, sei es im wettbewerbskorporatistischen Beharren auf einer deutschen, faktisch durch Lohnverzicht erzielten »Exportstärke«, die notgedrungen auf Kosten anderer Länder geht.

Gerade deutsche Gewerkschaften haben den Zusammenhang von abstrakter und konkreter Arbeit oftmals verkehrt (in der Summe, es gab immer auch Widerstand dagegen): Die berühmte »deutsche Wertarbeit« und die Exporterfolge schienen zu beweisen, dass sich qualitativ gute Arbeit gegen Sozialdumping durchsetzen kann (wobei hier gerne idealisiert wurde und man die taylorisierte Arbeit etwa von Frauen und Migrant*innen als Relikt der Vergangenheit darstellte, die mit dem Fortschritt quasi von selbst verschwinden würde). Statt die in den europäischen Nachkriegsgesellschaften errungene Einhegung konkurrenzieller Quantifizierung als Bedingung qualitativ guter Arbeit anzusehen und weiterzutreiben, auch über nationale Grenzen hinaus, wurde und wird – oft in schönster Eintracht mit dem Management – soziale Regulierung als Resultat qualitativ hochwertiger Arbeit angesehen. Konkrete Arbeit scheint hiernach die abstrakte »ausschalten« zu können, wenn sie denn qualifiziert und modern, letztlich »entwickelt« genug ist. Mit dieser fatalen Verdrehung und einem damit zusammenhängenden völlig unangebrachten Überlegenheitsgestus haben sich die deutschen Gewerkschaften lange geweigert, zusammen mit den Lohnabhängigen anderer Länder eine europäische und globale Agenda zu entwickeln – denn die massiven Verwerfungen der Arbeitswelt schienen kein Problem des globalen Kapitalismus, sondern von noch nicht ausreichend qualifizierter Arbeit in den »unterentwickelten« Ländern zu sein. Dieselbe spaltende Logik wurde auch nach innen vertreten, wenn die soziale Not prekär Beschäftigter auf deren angeblich geringe berufliche Fähigkeiten zurückgeführt und den gut situierten, weil »qualifizierten« Kernbelegschaften gegenübergestellt wurde.

Mittlerweile ist der Glanz dieser vermeintlichen Entwicklungsperspektive verblasst. Konkrete menschliche Arbeit lässt sich nicht freundlich in die Logik der quantifizierenden Konkurrenz einbetten – sie muss ihr vielmehr abgetrotzt, in eigener Berechtigung und Tragweite entgegengestellt werden. Die Universalisierung ökologisch-inhaltlicher und sozial-leiblicher Arbeit wird gerade nicht von Kapitalseite und unternehmerischen Interessen vorangetrieben, auch wenn dies deren ideologische Selbstdarstellung ist. Eine gesellschaftliche Emanzipation der Arbeit braucht für ihre Verankerung eine Gegenlogik zu jener der effizienten Verwertung und Durchsetzung im Konkurrenzkampf. Gerade an diesem Punkt allerdings sind die Bedingungen weit weniger düster als oft gedacht: Ansprüche auf eine menschliche, würdige Existenz für alle und auf gute Arbeit ist bei den Beschäftigten nach wie vor tief verankert. Nicht zufällig stand die Gebrauchswertseite der Arbeit in den letzten Jahren im Zentrum vieler inner- und außerbetrieblicher Kämpfe und Auseinandersetzungen. Es wird Zeit, dass Linke und Gewerkschaften diese Handlungsorientierung aufgreifen, stärken und zusammen mit anderen sozialen Bewegungen, aber auch den Beschäftigten selbst in eine Perspektive der gesellschaftlichen Transformation überführen, die sich von der Destruktion abstrakter Arbeit befreit.

Literatur

Marx, Karl, 1867: Das Kapital, in: MEW 23, Berlin