Die deutsche Industrie ist in der Krise, seit 2023 schrumpft das verarbeitende Gewerbe. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Konkurrenz aus China, US-amerikanische Zölle und hohe fossile Energiepreise setzen das deutsche Exportmodell unter Druck. Viele Industriekonzerne reagieren mit Entlassungen. Der Staat hielt sich in der Krise bisher zurück, umfangreiche Investitionen fließen nur in Militär und Sicherheit. Die Rüstungsbranche wandelte sich somit inmitten der Krise zur neuen Boombranche. Welchen Blick haben die Gewerkschaften und Beschäftigte auf diesen Prozess? Im Folgenden werden erste Befunde aus einer empirischen Erhebung mit Betriebsräten und Beschäftigten an einem Fallbetrieb und mit gewerkschaftlichen Funktionären der IG Metall (insgesamt 16 Gesprächspartner*innen) dargestellt.
Rüstungsboom und Industriekrise
Die Automobilindustrie, Maschinenbau und die Chemiebranche sind nicht nur die Kernbereiche des deutschen Industriemodells, sie gelten auch als Stütze des sozialen Dialogs und des betrieblichen Korporatismus. Flächentarifbindung und betriebliche Mitbestimmung sind in diesen Branchen der Standard. Mit Organisationsgraden von bis zu über 90 Prozent sind die Endhersteller in der Automobilindustrie und auch die großen Chemieunternehmen gewerkschaftliche Hochburgen. Die Krise trifft also auch das deutsche Sozialmodell. Die Kapitalseite stellt vielerorts sozialpartnerschaftliche Arrangements in Frage. Im Automobilsektor etwa brach der Umsatz seit 2023 um 5,5% ein. Die überwiegende Mehrheit der größten 111 Hersteller vermeldet sinkende Umsätze und Profite (Schmalz/Zierold 2026). Anders als in früheren Krisen kündigten die Unternehmen die Beschäftigungssicherheit auf: Mehr als die Hälfte aller Zulieferer und Endhersteller setzt auf Stellenabbau und ein Drittel beabsichtigt, Werke in Deutschland zu schließen (ebd., 12ff), dazu kommen Angriffe auf tarifliche Standards (z.B. Abschaffung von Sonderzahlungen).
Durch die umfangreichen Entlassungen werden auch die Gewerkschaften geschwächt. Die IG Metall verlor im Jahr 2025 rund 80 000 Mitglieder, die kleinere IG BCE meldete einen Rückgang um mehr als 20 000 Mitglieder. Die Schwächung der Industriegewerkschaften geht mit einem sozialpolitischen Rollback in der Bundespolitik einher: Die Regierung Merz diskutiert nicht nur eine Abschaffung des 8-Stunden-Tags, auch die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und der Anspruch auf Teilzeit („Lifestyle-Teilzeit“) werden zur Diskussion gestellt. Begleitet wird dieser Angriff von einer lethargischen Atmosphäre in den Betrieben. Viele Industriebeschäftigte fürchten um ihren Job, machen die missglückte ökologischen Modernisierung der Industrie für ihr Dilemma verantwortlich. Diese Stimmung trägt dazu bei, dass die AfD Wahlerfolge feiert. Bei den Landtagswahlen im März 2026 im Autoland Baden-Württemberg erreichte sie 18,8 Prozent der Stimmen, während die SPD auf 5,5 Prozent zurückfiel.
Das sind wesentliche Kennzeichen der polit-ökonomischen Konjunktur, in der der aktuelle Rüstungsboom stattfindet (Sablowski 2026). Auch wenn dessen beschäftigungspolitische Effekte die Entlassungswelle in der Industrie nicht kompensieren können (Krebs/Kaczmarczyk 2025), sind sie doch groß genug, um einen signifikanten lokalen Einfluss in verschiedenen Regionen der Republik zu haben.
Umgekehrte Rüstungskonversion
Eine Besonderheit von Rüstungsgütern ist, dass sie auf einem Pseudo-Markt abgesetzt werden. Die Kunden der Rüstungsindustrie sind vorwiegend Staaten, auch wenn die Rüstungsunternehmen in Europa selbst meist Privatunternehmen sind. Die Nachfrage nach Rüstungsgütern folgt politischen Entscheidungen und Haushaltsausgaben. In einer Boomphase können neue Produktionskapazitäten grundsätzlich auf zwei Arten geschaffen werden: Unternehmen können durch Neuinvestitionen ihre Produktion ausweiten – dies geschah jüngst bei Rheinmetall in Unterlüß, als das Unternehmen eine neue Munitionsfabrik in Betrieb nahm. Oder Rüstungsunternehmen übernehmen bestehende Fertigungsstätten für zivile Güter, um sie umzubauen. Hier spielt der Begriff der Konversion eine Rolle, der in Zeiten der Friedensbewegung der 1980er Jahre die Umstellung von militärischen auf zivile Produkte meinte. Dabei standen oft betriebliche Initiativen im Mittelpunkt, internationale Vorbildfunktion hatte das britische Luftfahrtunternehmen Lucas Aerospace (Cooley 1982). Der Begriff wurde später auch genutzt, um die sozial-ökologische Transformation der Produktion zu beschreiben (Bartelheimer 2025). Heute wird jedoch von „umgekehrter Rüstungskonversion“ (Candeias 2025) gesprochen. Diese erfolgt derzeit in ihrer „staatsgetriebenen Form“, und damit „in Zeiten der Kriegsvorbereitung bei der Umstellung auf Rüstungswirtschaft“ und „binnen kürzester Zeit“ (Röttger 2010). In Deutschland konzentrierte sich die Aufmerksamkeit bislang vor allem auf das VW-Werk in Osnabrück. Dort läuft bis Mitte 2027 der T-Roc Cabriolet vom Band, danach ist die Produktion nicht mehr gesichert. Die Werksleitung ist auf der Suche nach neuen Investoren, Medienberichten zufolge ist VW derzeit in Gesprächen mit Rafael Advanced Defense Systems, das Komponenten für das Raketenabwehrschild Iron Dome in Israel herstellt. Unsere Recherche (Stand Ende 2025) zeigt, dass es sich dabei um keinen Einzelfall handelt. Mehr als ein Dutzend Standorte in Deutschland planen derzeit, ihre Produktion – in vielen Fällen nach Übernahmen – auf Rüstungsproduktion umzustellen bzw. die Rüstungssparte massiv auszubauen. Diese sind zuvor in unterschiedlichen Sektoren wie der Automobilwirtschaft (Pierburg/Rheinmetall), Luftfahrt (Leichtwerk/Rheinmetall) oder dem Schiffbau (MV Werften durch TKMS) aktiv gewesen. Das Engagement in der Rüstung ist in den Konzernen unterschiedlich ausgeprägt, die Beschäftigungseffekte in den von uns identifizierten Betrieben erreichen bisher eine höhere vierstellige Stellenanzahl.
Gewerkschaften im Spagat
Die umgekehrte Rüstungskonversion stellt die Industriegewerkschaften vor große Herausforderungen. Denn die IG Metall ist historisch Teil der Friedensbewegung, die damit verbundenen Grundsätze kollidieren jedoch mit dem Streben nach Arbeitsplatzsicherheit. Bei einer explorativen Befragung zur Haltung gewerkschaftlicher Funktionäre der IG Metall zur Aufrüstung konnten verschiedene Befunde herausgearbeitet werden (Schaffer 2026): Eine deutliche Mehrheit der Befragten sieht die geopolitische Notwendigkeit aufzurüsten, ohne jedoch selbst die Militarisierung der Gesellschaft gutzuheißen. Diese Neubewertung erfolgt vor dem Hintergrund der Expansionspolitik der Regierungen Putin und Trump, „weil man sich auf bestimmte Gegebenheiten nicht mehr verlassen kann“, wie es ein befragter Gewerkschafter ausdrückte. Oder in den Worten eines Betriebsrats: „Rüstung finden wir alle nicht toll, aber wir tun es ja für unsere Verteidigung“. Die steigenden Rüstungsausgaben werden von allen Befragten aus der IG Metall allerdings als ökonomisch nicht sinnvoll eingeschätzt. Die wachsenden Infrastrukturausgaben werden mehrheitlich als überfällig begrüßt, aber zugleich als unzureichend für die Krisenbekämpfung wahrgenommen: „Man muss bei der Rüstungsindustrie aufpassen, dass man nicht diesen Fehler macht und glaubt, damit kann man jetzt irgendwie die deutsche Industrie retten.“
Der Umbau auf Rüstungsproduktion wird vor allem dann akzeptiert, wenn erwartet wird, dass dadurch „gute Arbeit“ erhalten werden kann, d.h. „Tarifbindung […], Mitbestimmung [und] Beschäftigungs- oder Standortgarantien“. Hierfür setzt sich die IG Metall in Fällen umgekehrter Rüstungskonversion ein. Es wird klar unterschieden zwischen gesellschaftspolitischen Fragen und regionalen Bedarfen. Die Ausrichtung auf das gewerkschaftliche Kerngeschäft sei zwar nur die „zweitbeste Lösung“, wird aber als alternativlos wahrgenommen, „weil es nützt ja nichts, dass man irgendwas baut und man kann die Produkte nicht verkaufen, weil es keinen Abnehmer gibt“. Andererseits erscheint die Aufrüstung als unabdingbar, sodass Gewerkschafter*innen ihre Aufgabe darin sehen, sie sozial gerecht zu gestalten: „Wir wissen aber natürlich auch, dass am Ende [Rüstungsgüter] gefertigt werden – egal wo – und dann […] doch lieber unter dem Einfluss der Mitbestimmungsstrukturen, so wie wir sie haben, dass wir auch Einfluss auf die Arbeitsbedingungen haben“.
Die industrielle Krise trägt also dazu bei, dass „jeder neue Arbeitsplatz, jeder Tarifvertrag, der ausgehandelt werden kann […] in dieser Situation als Erfolg“ gewertet wird (Boewe/Schulten 2025). Andere gesellschaftspolitische Ziele wie die sozial-ökologische Transformation treten in den Hintergrund: Zwar sei es „fatal […] dass dieses Thema mehr oder weniger, ja, weg ist von der Agenda“, wie es ein Gewerkschafter ausdrückt. Es dominiert aber ein Nachhaltigkeitsbegriff, der klimaneutrale Produktion und die Schaffung von Arbeitsplätzen ins Zentrum rückt. Der Zusammenhang von Aufrüstung und Umweltzerstörung wird ignoriert. Einzelne Befragte sehen strategische Ansatzpunkte aufgrund der hohen Profite in der Rüstungsindustrie in klassischen Lohnkämpfen, die durch Bildungsarbeit begleitet und politisiert werden sollten. Auch die Angriffe auf den Sozialstaat – bei gleichzeitig steigenden Rüstungsausgaben – böten hierfür Möglichkeiten.
Letztlich ist also ein Zwangsarrangement zu beobachten: Vor dem Hintergrund der Krise wird mürrisch auf eine Organisierung und Tarifierung der Rüstungsindustrie gesetzt. Dieser Pragmatismus wird besonders bei konkreten Konversionsfällen deutlich, da hier Arbeitsplatzsicherheit und gute Arbeit im Mittelpunkt stehen.
Notwendiges Übel
Diese Dynamik lässt sich an einem Fallbeispiel umgekehrter Rüstungskonversion verdeutlichen. Der Fallbetrieb Wagen (anonymisiert) im Mobilitätssektor befindet sich in einer strukturschwachen Region mit niedrigem Lohnniveau und zurückgehender Bevölkerungszahl. Deindustrialisierung und Strukturwandel sind allgegenwärtig. Die Leute vor Ort wissen, „was diese Region mal [...] industriell ausgemacht hat und was wir jetzt sind“ (Betriebsrat).
Das Unternehmen hat in den vergangenen Jahrzehnten eine wechselhafte Geschichte hinter sich. Der Standort war dauerhaft bedroht, was sich unter anderem in einem Wechsel von Eigentümern, Personalabbau und einem Investitionsstau äußerte. Die Beschäftigten beschreiben diese Phase als Zeit permanenter Willkür: Es kam zu zunehmender Arbeitsverdichtung, Konkurrenz innerhalb des Unternehmens sowie Tarifbruch durch den letzten Investor. Für die Beschäftigten war es eine Phase, „wo sie … jeden Arbeitsschritt wie im Glashaus nachverfolgt haben“. Am Ende war jegliches Vertrauen in den Arbeitgeber verloren, die Beschäftigten fühlten sich „belogen und betrogen“.
Die Übernahme durch einen Rüstungskonzern veränderte die Situation im Betrieb deutlich. Durch die hohe Nachfrage besteht nun eine „vierjährige Standortsicherung“ (Beschäftigter), neue Investitionen wurden umgesetzt und die Beschäftigten erhielten eine höhere Autonomie am Arbeitsplatz, aber mussten Einbußen beim Entgelt aufgrund eines veränderten Tätigkeitsprofils und der Eingruppierung hinnehmen. Dennoch behält das Unternehmen die Rolle eines tarifpolitischen „Leuchtturms“ (Gewerkschafter) in der Region.
Die Mehrheit der Beschäftigten akzeptierte die Übernahme durch den Rüstungskonzern, nur wenige verließen das Unternehmen. Als Hauptgrund nennt ein Betriebsrat, dass die Situation „alternativlos“ gewesen sei. Schaue man aber „tief in die Herzen“ der Beschäftigten, würden diese „Hunderttausend mal lieber, noch über 200 Jahre diese [zivilen Produkte] bauen“.
Die Produktion der Rüstungsgüter wird als notwendiges Übel akzeptiert: „Wenn es [die hiesigen] Kollegen nicht bauen würden, würden es eben andere Kollegen bauen“ (Betriebsrat). Dennoch gibt es bei einigen Beschäftigten moralisches Unbehagen: „Wir haben Dinge gebaut, die Menschen verbunden haben. Jetzt bauen wir Sachen, die Menschen auseinandertreiben“, so zitiert ein Betriebsrat einen Arbeiter im Gespräch. Die moralischen Dilemmata verblassen dennoch schnell vor der Drohkulisse des Arbeitsplatzverlustes. „Für uns war immer die Prämisse, von den […] Industriearbeitsplätzen so viele zu halten wie möglich. Und die Entscheidung ist jetzt so gefallen“ (Betriebsrat). Beim Großteil der Interviewten finden sich relativierende Narrative zu Sorgen und Ängsten rund um Krieg und Aufrüstung. Es besteht die Hoffnung, dass das neue Produkt „als Abschreckungswaffe“ und „nicht als Angriffswaffe“ eingesetzt wird (Beschäftigter).
Die unterstützende Haltung zur umgekehrten Rüstungskonversion wurde auch durch das Handeln des Betriebsrats und der lokalen Gewerkschaft begünstigt. Die Übernahme wurde pragmatisch-strategisch moderiert, ein Streik bzw. offener Konflikt im Vorgängerunternehmen trotz des Unmuts der Belegschaft vermieden, um die Akquisition nicht zu gefährden. Zusätzlich schloss der alte Arbeitgeber jegliche Abfindungen für diejenigen Beschäftigten aus, die weder unter dem neuen Betreiber, noch an einem anderen Standort für den alten Betreiber arbeiten wollten. Das erhöhte den Unmut gegenüber der alten Führung innerhalb der Belegschaft zusätzlich. Es besteht deshalb die Befürchtung in der Belegschaft vor schlechten Arbeitsstandards, weil auch große Teile des Managements ins Rüstungsunternehmen übernommen wurden.
Allerdings bewerten der Betriebsrat und die Beschäftigten den Wandel aus einer politischen Perspektive nicht nur positiv: Es wird ein klares Versagen in der Regierungspolitik gesehen, die Mobilitätsproduktion am Standort zu erhalten. Dadurch gehe Know-How verloren, das nicht einfach wieder aufzubauen sei. Ein Gewerkschafter sagte dazu: „Ein paar von den Grundskills, die du brauchst in dem Segment, [sind] jetzt auch weg, […] weil die [Unternehmensleitung gibt] gerade Sachen raus, die sie auch nicht wiederbekommen werden“. Industriepolitische Impulse wie Local Content-Regelungen oder eine aktive Vergabepolitik hätten hier unterstützend wirken können. Auch die Rolle der Zivilgesellschaft wird kritisch reflektiert, nicht zuletzt Proteste gegen die militärische Nutzung des Standorts: Die Protestierenden hätten „vor zehn Jahren noch Theater machen müssen über Local Content, dass diese steuerfinanzierten Aufträge bei uns gebaut werden, dass die [Mobilitäts-]Industrie eine Zukunft hat. Die Entscheidung ist gefallen, da dreht ihr nichts mehr zurück“ (Betriebsrat). Bei den lokalen Akteuren bleibt also der fade Beigeschmack, dass strukturpolitische Maßnahmen nicht ausgeschöpft wurden, später aber durch die Politik bereitwillig Investitionen gestützt von Rüstungsaufträgen ermöglicht wurden.
Was bleibt?
Das Fallbeispiel reiht sich in einen allgemeinen Trend ein: Das Zusammenspiel aus geopolitischen Konflikten und der Krisensituation in der deutschen Industrie ermöglicht zumindest eine passive Zustimmung zur Rüstungsproduktion, auch wenn diese in der Gewerkschaft im Grunde skeptisch gesehen und ihr keine Kompensationsfunktion zugeordnet wird. Die Beschäftigten in unserem Fallbetrieb akzeptieren die Produktion von Rüstungsgütern mangels gangbarer Alternativen. Zentral ist die Aussicht auf langfristige Beschäftigungssicherheit und tarifierte Arbeitsplätze. Unzufriedenheit herrscht über die Politik: Durch staatliche Industriepolitik und Aufträge wären bessere Optionen möglich gewesen. An diesem Bewusstsein sollten alternative Politikentwürfe ansetzen. Eine gestaltende, planerische Wirtschafts- und Industriepolitik, die sozialökologische Förderkriterien anlegt, ist dringlicher denn je.


