Militarisierung

Der neue KI-Rüstungs-Komplex

Beschleunigt durch Kriege lässt der Rüstungsboom ein neues Ökosystem aus Start-ups, Data Science, Künstlicher Intelligenz und Drohnen-Technologie entstehen. Erlebt KI jetzt ihren Oppenheimer-Moment?

Veröffentlicht am 19. Mai 2026

Mit der Durchsetzung KI-basierter (teil-)autonomer Kriegsführung entsteht in unfassbarer Geschwindigkeit ein neuer riesiger technologischer Markt. Nicht nur in der Ukraine sprießen Start-ups für Drohnen aus dem Boden, auch in der Türkei, im Iran und in Russland sind in den letzten Jahren erfolgreiche Unternehmen für die Drohnenentwicklung und -produktion entstanden. Von diesem neuen Rüstungstechnologiemarkt wollen nun auch die krisengeplagte EU und Deutschland profitieren. So fordert das EU-Weißbuch ein »Ökosystem technologischer Innovation für die eigene Rüstungsindustrie« (EU Commission 2025, 3; Übs. JW). Was genau KI im Bereich militärischer Systeme bedeutet bzw. worauf die Arbeit dieser Start-ups beruht, ist oft unklar. Aktuell umfasst KI meist die Verarbeitung von großen heterogenen Datenmengen (Big Data) mithilfe von Machine Learning und schnellen Rechnern (Whittaker 2024). Es handelt sich um formalisierte Datenanalysen mithilfe von Statistik und subjektiven Wahrscheinlichkeiten (Mühlhoff 2025), eingebettet in eine riesige Infrastruktur aus energiefressenden Datencentern und menschlicher Arbeitskraft, die für das Training der Algorithmen eingesetzt wird. Die Daten kommen meist von großen Überwachungsplattformen wie Meta, Google, Amazon oder Microsoft. Muster- und Bilderkennung weisen genauso wie Large Language Models (LLM) eine hohe Fehlerrate auf, da sie kein inhaltliches Verständnis der prozessierten Daten haben und die Vorurteile der eingespeisten Daten reproduzieren. Trotz der hohen Fehleranfälligkeit werden diese Technologien im Kriegskontext für die Aufklärung, die Erstellung von Tötungslisten, für die hochautomatisierte Ziel- und Entscheidungsfindung sowie für autonome Waffensysteme genutzt (Weber 2024).

Bei der Entwicklung dieses »Ökosystems« aus Data Science, Künstlicher Intelligenz, Drohnen und anderen software- und KI-basierten Technologien spielen aber die etablierten Rüstungsgiganten wie Rheinmetall oder Diehl, die primär auf Hardware, Ausrüstung und transatlantische Operationen spezialisiert sind, nicht die größte Rolle. Gefragt sind vielmehr KI- und softwarezentrierte Start-ups wie Anduril, Shield AI oder Palantir in den USA, das französische KI-Start-up Mistral oder deutsche Firmen wie Helsing, Stark, Arx Robotics und Quantum Systems – bis auf Palantir[1] allesamt Newcomer im Rüstungsbereich. Software-Firmen wie Helsing stiegen vor wenigen Jahren ins KI-gesteuerte Drohnengeschäft ein und haben sich heute zu milliardenschweren »Rüstungseinhörnern« – also Start-up-Unternehmen mit einer Bewertung von über einer Milliarde US-Dollar – entwickelt (Enders 2025, 4). Der Wert des militärischen KI-Markts wurde 2024 auf über 13 Milliarden US-Dollar geschätzt, in den nächsten sieben Jahren soll er auf 35 Milliarden US-Dollar wachsen. Bisher operierten Start-ups vor allem im zivilen Sektor, da der militärische Bereich als konsolidiert, von wenigen Industrieriesen dominiert, massiv reguliert und mit überschaubaren Profitraten ausgestattet galt (Schwarz 2025). Doch mit der sich rasant beschleunigenden algorithmischen Kriegsführung präsentieren sie nun KI-basierte Technologien auch als militärische »Game Changer« und schicken sich an, den alten militärisch-industriellen Komplex aufzurollen (Enders 2025; Schwarz 2025). Die neuen Start-ups preisen vollmundig ihre »disruptiven« Technologien und Produkte sowie deren grenzenlose Fähigkeiten an, Risikokapital anzuziehen – auch Produkte, die alles andere als marktreif sind. So beklagte sich das ukrainische Verteidigungsministerium im Sommer 2025 über überteuerte Drohnen von Helsing, die nicht die versprochenen Fähigkeiten aufwiesen (Kyriasoglou u. a. 2025).

Kultur des Regelbruchs

Gleichzeitig bekämpfen militärische Start-ups gerne etablierte Regulierungen und langfristige Beschaffungsprozesse unter dem Vorwand des Bürokratieabbaus, tatsächlich aber, um Kontrollfunktionen auszuhebeln. So brüstet sich der CEO des größten Rüstungs-Start-ups Anduril, Palmer Luckey, damit, dass sein Unternehmen mehr Geld für Lobbyist*innen und Rechtsanwält*innen ausgebe als für Ingenieur*innen (vgl. Schwarz 2025). Nicht nur in den USA, auch in Deutschland kann man eine zunehmende Kultur des ungestraften Regelbruchs beobachten. So wurde im Sommer 2025 weder bei der Ankündigung von Lieferungen von Drohnen noch für den Bau von Munitionsfabriken in der Ukraine in den Mainstreammedien oder im Parlament nach den entsprechenden Genehmigungsverfahren gefragt (Marischka 2025). Diese Entwicklungen passen zum bekannten Credo des Silicon Valley: »Move fast and break things.« Dabei geht es um die Beschleunigung ökonomischer, bürokratischer und technischer Prozesse. Vom Risikokapital aufgeblähte Firmen kaufen Mitbewerber auf, um Fähigkeiten auszubauen, Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen und um möglichst schnell riesige Hubs oder Monopole zu schaffen. Sie versuchen, sich als zentrale Akteure mit umfassenden Kompetenzen zu positionieren, um möglichst große Chargen der neu ausgelobten Rüstungsgelder abzugreifen. Wie real diese Kompetenzen sind, wird dabei selten geprüft. So präsentierte die Software- und Drohnenfirma Helsing im September 2025 in bester disruptiver Tradition und mit Star-Wars-inspiriertem Marketing den Prototyp eines Stealth-Bombers, dessen Design nach eigener Aussage innerhalb von 14 Tagen entwickelt worden war. Helsing hatte wenige Wochen zuvor den kleinen Allgäuer Flugzeughersteller Grob Aircraft erworben (Geiger 2025), der jetzt als Plattform für die Entwicklung des ersten deutschen Drohnenbombers fungiert. Dieses Vorgehen ähnelt dem des Kerngeschäfts des jungen Rüstungs-Start-ups: In der Software-Entwicklung sind extrem kurze Produktzyklen die Regel. So werden in der Ukraine eingesetzte Drohnen von Helsing jede Woche mit neuen Updates versorgt (Marischka 2025).

Niemand kann mit Sicherheit sagen, wie sich die Veränderungen auswirken werden. Es ist unklar, ob und durch wen Software-Updates überprüft werden. Während es im zivilen Bereich gängig (wenn auch fragwürdig) ist, User*innen als kostenlose Tester*innen für halbfertige Software zu nutzen, resultieren die kurzen Innovationszyklen im disruptiven KI-Rüstungskomplex in einer experimentellen Form von Kriegsführung, deren Fehler Zivilist*innen wie Soldat*innen unter Umständen mit dem Leben bezahlen werden (Hoijtink 2022).

Oppenheimer-Moment

Vor dem Einfluss des militärisch-industriellen Komplexes und der von ihm ausgehenden Unterminierung der Demokratie warnte bereits US-Präsident und Ex-General Eisenhower (1961). Doch wechselseitige Einflussnahme und Verflechtungen multiplizieren sich im Zeitalter KI-basierter Kriegsführung. Viele CEOs von Start-ups sind eng mit Politik, Militär und Wirtschaft verbunden. Gundbert Scherf, CEO von Helsing, war Berater der ehemaligen Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen. US-amerikanische Start-ups sind oft eng an autoritäre, in der Trump-Regierung einflussreiche Venture-Kapitalist*innen wie Peter Thiel und Elon Musk gebunden. Gleichzeitig lancieren militärische Start-ups bewusst völlig überzogene Erwartungen an KI-gestützte militärische Systeme. Sie wollen dadurch die Bereitstellung weiterer staatlicher Ressourcen für KI sichern. In einem Artikel der New York Times spricht Alex Karp, CEO der Sicherheits- und KI-Waffenplattform Palantir, von KI als »Oppenheimer-Moment«. Robert Oppenheimer gilt als »Vater« der Atombombe. Laut Karp sei die Entwicklung von KI so folgenreich wie diese. Dabei verbinden sich Heil und Unheil oft in derselben Geschichte. Eric Schmidt, Ex-CEO von Google und Sponsor bzw. Betreiber von Rüstungs-Start-ups wie Rebellion Defense oder White Stork, meint, wir müssten KI schneller entwickeln als Feinde wie China oder Russland, um die westlichen Demokratien bzw. die »freie Welt« vor dem Autoritarismus zu bewahren. So steht es auch im Bericht der Nationalen Sicherheitskommission für Künstliche Intelligenz der USA, der Schmidt vorstand (NSCAI 2021).

Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass zeitgleich US-amerikanische Politiker*in-nen Trump, Musk & Co. als Oligarchen bzw. Autokraten oder Schlimmeres bezeichnen. Das Narrativ der Verteidigung der Demokratie ist bei den Start-ups sehr beliebt: so etwa beim deutschen Drohnen-Start-up Stark – was allerdings in diesem Fall nicht mehr heißt, als dass man die eigenen Waffen nur an NATO-Staaten verkaufen will. Was nicht nur angesichts des erodierten transatlantischen Bündnisses eine dürftige Erklärung ist, sondern auch angesichts der autokratischen Tendenzen bei den NATO-Partnern Türkei, Rumänien und den USA.

Das Demokratie-Narrativ bemüht auch Gundbert Scherf, ehemaliger Rüstungsbeauftragter der Bundeswehr und CEO von Helsing, der im Frühjahr 2025 einen Drohnenwall für die Ostflanke der NATO propagierte, der die westlichen Demokratien schützen soll. Der Wall soll aus Zehntausenden Aufklärungs- und Kamikazedrohnen bestehen, die mithilfe von KI einen Schwarm bilden. Diese clevere Geschäftsidee formulierte er kurz nach dem Fall der Schuldenbremse für die Rüstung in Deutschland und der Postulierung des neuen NATO-Rüstungsziels von 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Sein Verkaufsargument lautete: »Gerade autonome Systeme sind für Demokratien gemacht. Wir schätzen das Leben, wir leben auch alle gerne ein gutes Leben. Ich glaube nicht, dass unsere Demokratien einen Abnutzungskrieg, der viele Menschenleben kostet, führen können oder wollen. […] Das heißt, wir sind wirklich darauf angewiesen, diese asymmetrischen technologischen Fähigkeiten zu haben. Asymmetrische Technologie gewinnt!« (Wirtschaftswoche, 24.3.2025) Scherf suggeriert, dass Demokratien autonome Entscheidungs-, Zielfindungs- und Waffensysteme brauchen, da sich in postheroischen Zeiten die heimische Bevölkerung nicht für einen Krieg mobilisieren lässt. Allein technologische Überlegenheit mache es möglich, die multiplen Krisen unserer Gegenwart zu bewältigen und zukünftige Kriegen zu gewinnen. Warum die USA den Vietnamkrieg und den Afghanistan­krieg verloren haben, wenn asymmetrische Technologie – die schon damals datengestützt war – immer »gewinnt«, bleibt sein Geheimnis.

Technosolutionismus statt Diplomatie

Die Idee des Drohnenwalls ist purer Technosolutionismus (Morozov 2013) – eine Ideologie, die schon lange im Silicon Valley propagiert wird (Daub 2020) und uns glauben machen will, dass Technik allein alle Probleme lösen könne. KI-basierte High-Tech und organisierter Regelbruch scheinen aber auch der europäischen Politik Erfolg versprechender zu sein als Verhandlungen, Kooperation, Entwicklungszusammenarbeit oder sozial-ökologische Lösungen. Aufrüstung gilt zunehmend als letzter Rettungsanker für die erodierende westliche Weltordnung. Dass ein derartiger Aufrüstungsprozess die Pariser Klimaziele komplett konterkariert und Kriege weiter anheizen wird, wird ausgeblendet.

Der ungebrochene Aufrüstungshype in Deutschland irritiert besonders, wenn man sich vor Augen führt, dass die Zivilgesellschaft in Deutschland über zehn Jahre lang die völkerrechtlichen und ethischen Fragen der Entwicklung und des Einsatzes von Drohnen diskutiert hat. Obwohl gerade die Grünen lange die Anschaffung und Bewaffnung von Drohnen kritisierten, war es die rot-grün-gelbe Regierung, die 2022 ohne parlamentarische Debatte die Bewaffnung von ferngesteuerten nicht-autonomen Drohnen erlaubte. Im Juli 2025 schaffte sich die Bundeswehr schon »testweise« (teil-)autonome Drohnen – vermutlich die Drohne HX-2 des Start-ups Helsing und die OWE-V des Start-ups Stark (vgl. Geiger 2025) – unter der Bezeichnung »Munition« bzw. loitering munition an. Dabei handelt es sich um mit Sprengstoff ausgestattete, voll- oder halbautonome sogenannte Kamikaze-Drohnen, die stundenlang am Himmel »hängen« können, bevor sie sich auf ein Ziel stürzen, um es zu zerstören oder um zu töten.[2] Die Entscheidung zur Anschaffung wurde möglicherweise im Übergang zwischen zwei Regierungen im Frühjahr 2025 getroffen. Hierzu gibt es viele Aussagen in den Medien, aber wenig Information aus dem Verteidigungsministerium.

Auch das politische Verfahren wirkt wie ein permanenter Regelverstoß gegen demokratische Spielregeln. Es finden keine parlamentarischen und kaum gesellschaftliche Debatten statt. Kritik fehlt in den Mainstream-Medien völlig. Eilig versichern die Verantwortlichen, dass bei diesen Systemen immer Menschen eingebunden seien (»Human-in-the-Loop«) und die Attacke von Soldat*innen jederzeit abgebrochen werden könne.[3] Dagegen liest man auf der Website der Firma Stark: »Die KI-unterstützte Software von Virtus reagiert in Echtzeit auf Veränderungen […] Das System kann präzise Ziele in bis zu 100 km Entfernung aufklären und bekämpfen – auch in signalarmen oder gestörten Einsatzumgebungen.«[4] Ohne Funkkontakt zum Drohnenoperateur können aber nur autonome Drohnen Ziele bekämpfen.

In der Genfer Konvention ist festgelegt, dass man jede militärische Handlung einem menschlichen Akteur zuordnen können muss. Mit autonomen Systemen ist das nicht mehr möglich – da hilft auch kein »Human-in-the-Loop«, der in Maschinengeschwindigkeit keine sinnvollen Entscheidungen treffen kann. Dann entscheiden nur mit der heißen Nadel gestrickte bzw. schnell designte Algorithmen und Systeme über Leben und Tod. Der disruptive KI-Rüstungskomplex verteidigt also nicht die Freiheit, sondern unterminiert Demokratie und Völkerrecht.

Jutta Weber

Jutta Weber ist Technikforscherin und Professorin für Mediensoziologie an der Universität Paderborn. Sie leitet den interdisziplinären Forschungsverbund Meanigful Human Control (MeHuCo), der sich kritisch mit KI-gestützten militärischen Entscheidungs-, Zielfindungs- und Waffentechnologien auseinandersetzt.