Die Welt befindet sich im Krieg. Als Präsident angetreten, der den Friedensnobelpreis für sich beansprucht, hat Donald Trump die Menschheit mit dem völkerrechtswidrigen Angriff auf den Iran dem Abgrund einen weiteren Schritt nähergebracht. Gegner ist ein Regime, das im eigenen Land Protestbewegungen brutal niederschlägt und dabei zehntausende Menschen umbringt. Dieses Regime und seine Verbündeten bedrohen den Staat Israel seit langem in seiner Existenz. Doch die Regierung Netanjahu schießt bei der Selbstverteidigung weit über das Ziel hinaus und ist im Libanon, in Gaza und im Westjordanland ihrerseits für Abertausende Tote und Verletzte verantwortlich. Wer wollte bezweifeln, dass die Region der Vorhölle näher ist als einer halbwegs menschengerechten Gesellschaft? Dabei ist der Nahe Osten nur einer von zahlreichen kriegerischen Brandherden. Der Ukraine-Krieg geht ins fünfte Jahr, ohne dass ein Friede in Sicht wäre. Und der besonders brutale Krieg im Sudan hat längst zu einer unbeschreiblichen humanitären Katastrophe geführt, von der die Weltöffentlichkeit kaum Notiz nimmt. [1]
In einer solchen Welt erscheint Kriegstauglichkeit, sprich: Abschreckung durch Aufrüstung, großen Teilen der politischen und wirtschaftlichen Entscheider als einzig realistische Option, um in den eskalierenden Konflikten bei der Neuordnung der Welt zu bestehen. Kriegsgegner und Pazifisten gelten hingegen als „gefühlsduselige Gutmenschen, verantwortungslose Hasardeure, irrationale Spinner, Traumtänzer mit Jesuslatschen“ oder „dubiose Gesinnungsethiker“, wie der Philosoph Olaf Müller (2022, 9) nüchtern konstatiert. In einer von Kriegen und militärischen Konflikten zerrissenen Welt gilt Aufrüstung demgegenüber nicht nur als nationale Aufgabe, sondern als geeignetes Mittel um der anhaltenden Krise des bundesdeutschen und kontinentaleuropäischen Wirtschaftsmodells erfolgreich zu begegnen (vgl. Sablowski 2026). Arbeitsplatzverluste in der kriselnden Autoindustrie und anderen Branchen scheinen verschmerzbar, denn mit dem anhaltenden Rüstungsboom ist eine Kompensation in Sicht. Was selbst grüne Spitzenpolitiker empfehlen, ist nun offenbar auch für hochrangige Gewerkschafter und Betriebsräte opportun (vgl. Candeias 2026b). Um Werksschließungen zu verhindern, sei die Rüstungsproduktion durchaus eine Option, ließ sich beispielsweise die VW-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Cavallo mit Blick auf das gefährdete Werk in Osnabrück vom NDR zitieren.
Ist das der Weg in die Zukunft? Bleibt als zukunftstaugliche Strategie nur ein „schmutziger Militär-Keynsianismus“ (Custers 2010; Rilling 1994) wie wir ihn aus den Anfängen des Silicon Valley kennen? Nein, denn der anhaltende Rüstungsboom radikalisiert eine Problematik, die sich hinter dem gesamten sozial-ökologischen Umbau von Wirtschaft und Industrie verbirgt. Der Philosoph Günter Anders hat sie treffend als Trennung von Produktion und Gewissen bezeichnet. Diese Trennung bewirke „Apokalypse-Blindheit“ (Anders 1956, 317). Sie verstelle den Blick für Gefahren, die mit der Aufrüstung unweigerlich verbunden seien. Die Rüstungsindustrie ist keine gewöhnliche Branche. Es handelt sich, mit Anders (1982, 370) gesprochen, um eine „Doppelindustrie“, die außer den Waffen selbst „immer auch Waffenbedarf und die Chancen für deren Gebrauch“ erzeugt. Zugespitzt formuliert: Aufrüstung mündet mit hoher Wahrscheinlichkeit in erhöhte Kriegsgefahr.
Wirtschaftskrise und Rüstungsboom
Werfen wir zunächst einen Blick auf die Krise des Industriemodells und die Versprechen der Rüstungswirtschaft. Schien es noch zu Beginn des Jahrzehnts, als sei ein grüner Kapitalismus nicht mehr aufzuhalten, hat sich das Blatt nun wieder gewendet. Deutschland und EU-Europa sehen sich mit der Gefahr einer irreversiblen Deindustrialisierung konfrontiert (Candeias 2022). So verzeichneten wichtige deutsche Industriebranchen im Jahr 2025 im Vergleich zum Vorjahr einen deutlichen Stellenabbau. Besonders betroffen ist die Auto- und Zulieferbranche (-6,3%, vgl. Candeias 2026a).
Demgegenüber boomt die Rüstungsindustrie. In Sachen Aufrüstung scheint gegenwärtig alles möglich, was für die zivile Marktwirtschaft nicht gelten soll – großzügige Finanzierung um den Preis eines wachsenden Staatsdefizits, langfristige Planung, staatliche Abnahmegarantien, eine bewusste Monopolisierung, die Marktmechanismen verzerrt sowie attraktive Löhne, mit denen Arbeitskräfte in die Branche gelockt werden sollen. Die deutsche Rüstungsindustrie steht vor einem bislang nicht gekannten Boom (vgl. Seifert 2026). 2025 ist Deutschland weltweit der viertgrößte Waffenexporteur (SIPRI 2026). Beim erreichten Status Quo soll es aber nicht bleiben, die führenden Rüstungskonzerne und KI-Unternehmen wie Helsing wollen ihren Umsatz vervielfachen (vgl. Weber 2026). Planungsgrundlage ist die Entscheidung der Bundesregierung, die Verteidigungsausgaben massiv zu steigern, um das Fünf-Prozent-Ziel der NATO einzulösen. Versprochen wird ein Rüstungs-Wirtschaftswunder. Jährliche Investitionen könnten in der EU eine Bruttowertschöpfung von ca. 150 Mrd. Euro erzeugen, davon 40 Mrd. allein in der Rüstungsindustrie. Auf Deutschland könnten demnach jährlich 39 Mrd. Euro sowie 360 000 Arbeitsplätze entfallen. Um die direkten Verteidigungsausgaben bis 2035 auf 3,5 Prozent des BIP (770 Mrd. Euro) zu erhöhen, seien allein für Ausrüstung und Munition jährlich 217 Mrd. Euro jährlich nötig; über eine Dekade 2,2 Bill. Euro. Etwa die Hälfte der ökonomischen Effekte entfalle auf die Zulieferindustrie, prognostiziert eine gemeinsame Studie von DekaBank und der Beratungsagentur EY. Ist die Aufrüstung also jener eigene Zopf, mit dessen Hilfe sich Industrie und Wirtschaft aus dem Sumpf ökonomischer Stagnation und Rezession ziehen können?
Kein Rüstungswirtschaftswunder
Ich bezweifele das. Drei Gründe sind ausschlaggebend. Erstens spricht nichts dafür, dass der aktuelle Rüstungsboom Beschäftigungsverluste auffangen kann, die infolge der anhaltenden Deindustrialisierung entstehen. Das Statistische Bundesamt gibt keine genaue Auskunft über die Beschäftigtenzahlen der Branche. Laut Arbeitsagentur sind in Unternehmen, die in Deutschland Panzer, Waffen oder Munition herstellen, derzeit jedoch weniger als 20 000 Menschen tätig – längst nicht genug, um selbst bei der zu erwartenden Expansion Arbeitsplatzverluste in der zivilen Industrie zu kompensieren. „Für ein deutsches ´olivgrünes´ Wirtschaftswunder taugt der Rüstungsboom [...] nicht […] ´Ein Euro für den Ausbau der öffentlichen Infrastruktur oder der Betreuungsstruktur in Kitas und Schulen ermöglicht mehr Wachstum“, konstatieren Fasse und Specht (2026, 21) im wirtschaftsnahen „Handelsblatt“ zurecht.
Noch gravierender ist zweitens, dass die staatlich geförderte Rüstungsplanwirtschaft anders zu betrachten ist als der gewöhnliche produktive Staatskonsum. Auf die Rüstungsbranche trifft uneingeschränkt zu, was Günther Anders als Charakteristikum jeglicher Waffenproduktion benennt. Arbeitsplatzsicherheit in dieser „Doppelindustrie“ gibt es nur, wenn die Nachfrage nach Waffen langfristig gesichert wird. Um den Waffenkonsum zu stabilisieren, bleiben zwei Möglichkeiten. Entweder Waffensysteme veralten und müssen durch neue, effizientere und unter Umständen noch tödlichere Systeme ersetzt, oder sie müssen angewendet werden. Die effektivste „Konsumsituation“ dieser Waffen ist der Krieg (Anders 1982, 370). Obwohl infolge der Kooperation tausende neue Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie entstehen sollen, kann von einer nachhaltigen Beschäftigungsstrategie keine Rede sein. Das zeigte sich exemplarisch, als im Juni 2024 infolge möglicher Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg die Aktienkurse der Rüstungsfirmen um sechs Prozent einbrachen und Milliarden Euro an Börsenwert verloren gingen.
Abgesehen von massenhaftem Tod und dem Leiden der Zivilbevölkerung in militärischen Konflikten sind die Auswirkungen von Aufrüstung auch dann verheerend, wenn es nicht zu einer direkten Waffenanwendung kommt. Schätzungen zufolge liegt der ökologische Fußabdruck des gesamten deutschen Militärsektors bei 4,5 Millionen Tonnen Treibhausgasen pro Jahr. Das entspricht dem jährlichen CO2-Ausstoß von einer Million Autos. Allein der F-35-Kampfjet emittiert pro Stunde mehr CO2 als ein Durchschnittsdeutscher in einem Jahr verursacht. Werden solche Emissionsquellen nicht ausgeschaltet, gleichen klimapolitische Maßnahmen einem Kampf gegen Windmühlen.[2] Wie einschlägige Forschungen zeigen (Milman 2024), lassen sich die Wohlfahrtsverluste infolge des Klimawandels, die mehr als 50 Prozent des BIP betragen könnten, mit denen eines dauerhaften Krieges vergleichen – eines Krieges, dessen Folgen allerdings Ewigkeitscharakter hätten. Das zeigt: Auch staatlich zu verantwortende Fehlallokationen können zukunftszerstörend wirken – ein geradezu existenzieller Grund mehr, nicht in Anpassung an das vermeintlich Unabweisbare zu erstarren.
Hinzu kommt drittens, dass eine – Rüstungsinfrastruktur eingeschlossen – Verdreifachung des Wehretats, wie sie in Deutschland bis zum Ende des Jahrzehnts erfolgen soll, die bereits bestehenden Finanzierungsengpässe in den öffentlichen Haushalten erheblich vergrößern würde. Bedenkt man ferner, dass auch der CO2-Preis steigen soll, was sich auf Mieten, Strompreise und Heizkosten auswirken dürfte, kann man sich ausrechnen, dass dies vor allem Menschen in der unteren Einkommenshälfte treffen wird.
Daran zeigt sich im Übrigen auch, dass der Kriegs-Keynesianismus hoch selektiv angelegt ist. Denn während Schuldenmachen, langfristige staatliche Planung und Abnahmegarantien trotz eines überaus schwerfälligen Beschaffungswesens für den Rüstungsboom unverzichtbar sein sollen, gilt für die zivile Wirtschaft nach Ansicht eines Großteils der ökonomischen und politischen Eliten geradewegs das Gegenteil. Der Sozialstaat ist angeblich nicht mehr finanzierbar, die sogenannte Lifestyle-Teilzeit soll beendet werden, die Rente nur noch eine Grundsicherung sein. Kurzum: Soziale Sicherungssysteme gelten, ebenso wie Löhne, Kündigungsschutz, 8-Stundentag und Mitwirkungsrechte in Betrieb und Arbeitswelt bestenfalls als Kostentreiber. Die neuen Oligarchen vom Schlage eines Elon Musk betrachten alles, was den Lohnabhängigen den Status anerkannter Sozialbürger*innen ermöglicht, geradezu als überflüssigen Ballast, den man möglichst rasch entsorgen muss.
Offenkundig wird der Rüstungsboom von einem „Angriff auf die Arbeit“ (Chamayou 2019, 36) flankiert, wie wir ihn aus den angelsächsischen Kapitalismen kennen. Führende Wirtschaftsvertreter stellen die deutsche „Konfliktpartnerschaft“ offen infrage. So erklärt der neue Gesamtmetall-Präsident Udo Dinglreiter, Klassenkampfdenken falle „völlig aus der Zeit“, es müsse ein anderes Leitbild gelten und zwar „´Wir sind ein Team, lasst uns zusammenarbeiten – dann erreichen wir am meisten´“ (Gesamtmetall 2026). Solche Sichtweisen blenden aus, dass der Klassenkampf in der Gegenwart bevorzugt von oben geführt wird. Ein von uns befragter Betriebsrat schildert die arbeitspolitische Situation in einem Unternehmen, in welchem die Arbeitenden ihre Führungskräfte duzen, mit eindringlichen Worten. Im Betrieb hat er „als Leiharbeitnehmer angefangen“ und wurde ein Jahr später fest eingestellt. Immer wieder musste er die Erfahrung machen, dass der joviale Umgangston und der Teamgedanke das eine, der tatsächliche „Umgang mit den Mitarbeitern“ aber etwas völlig anderes ist: „Profit ist das oberste Unternehmensziel und dafür wird halt gearbeitet, bis die Schwarte kracht am Ende. Die Erfahrung haben hier alle.“ Weil mit seiner Situation unzufrieden, beteiligte sich der Befragte an einer Initiative für eine Betriebsratsgründung. Die Wahl eines Betriebsrats musste heimlich vorbereitet werden, denn es war mit „Arbeitgeberwiderstand“ zu rechnen. Einen Tarifvertrag gibt es im Betrieb nicht, weil sich die Eigentümerfamilie und die Geschäftsführung widersetzen. Mit 20 Prozent halten die Betriebsräte den gewerkschaftlichen Organisationsgrad noch für zu schwach, um einen Kollektivvertrag mittels eines Streiks durchzusetzen. Als freigestellter Betriebsrat verdient der zitierte Arbeiter noch immer den Einstiegslohn von 14,69 die Stunde und damit knapp über Mindestlohn.
In der von uns untersuchten Auto- und Zulieferindustrie handelt es sich um einen markanten Fall, aber keineswegs um ein Einzelbeispiel. Steigen die Rüstungsausgaben auf das anvisierte Niveau, werden sich solche Fälle in der zivilen Wirtschaft häufen, weil Verteilungskämpfe eskalieren und konfliktbereite Gewerkschaften, wie im Fall Tesla Grünheide exemplarisch vorgeführt (Demling u.a. 2026), für den neu aufkommenden Manager-Despotismus, kaum mehr als Kostentreiber und unliebsame Störenfriede sind. Dass, wie im gewerkschaftlich bestens organisierten VW-Konzern, langfristige Beschäftigungsgarantien aufgekündigt werden und damit jenes Sicherheitsnetz verloren geht, welches zweifelnde Beschäftigte am sozial-ökologischen Umbau mitwirken ließ, deutet auf eine Zeitenwende auch in den organisierten Arbeitsbeziehungen hin, die der Rüstungsboom eher noch an Fahrt gewinnen wird.
Die Sicht von Beschäftigten
Wie gehen abhängig Beschäftigte mit Krise, ins Stocken geratenem sozial-ökologischen Umbau und Rüstungsboom um? Günther Anders (1982, 379) war, was den oppositionellen Geist abhängig Beschäftigter betrifft, sehr skeptisch: „Solange wir für unser Mitarbeiten anständig entlohnt werden und solange wir gewiß [sic!] zu sein glauben, unter gut gesicherten Bedingungen weiterarbeiten zu können, so lange verschließen wir die Augen vor dem, was wir und wofür wir arbeiten; und so lange sind wir auch dazu bereit, von der Vorbereitung des Untergangs zu leben“, lautet sein kritischer Befund.
Das ist, wie unsere empirischen Erhebungen belegen, zu pessimistisch gedacht. Sicher würden viele der von uns befragten Beschäftigten in der Auto-, Zuliefer- und Grundstoffindustrie eine Tätigkeit in der Rüstungswirtschaft der Erwerblosigkeit und sozialem Statusverlust vorziehen (vgl. Bittner u.a. 2026). Aber gerade unter den gewerkschaftlich Aktiven finden sich auch massive Gegenstimmen:
„Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, bei allem, was das sozusagen an Unsicherheit vielleicht auch für meine Familie bedeuten würde […] da [bei der Aufrüstung, d. A.] mitzumachen. Jetzt ist es immer die Frage, wie ist es konkret ausgerichtet […] Aber mir fehlt die Fantasie, wie ich da in meiner Rolle mit gutem Gewissen an Bord bleiben sollte. Weil, ich habe auch eine pazifistische Grundhaltung. Ich finde es fürchterlich, was auf der Welt im Moment passiert. Das zieht mich wirklich runter, das offensichtlich wieder das Recht des Stärkeren Einzug erhält, was ich für überwunden geglaubt hatte. Auch durch Institutionen, durch starke Institutionen, die jetzt durch Despoten und Antidemokraten geschwächt werden und wo wieder das Faustrecht Einzug hält, das finde ich eine schreckliche Entwicklung in den letzten Jahren. Gleichzeitig macht die halt ohnmächtig, weil was willst du gegen einen Trump, gegen einen Putin, […] gegen eine zunehmend im militärischen Gebiet aggressiver vorgehende chinesische Regierungen […] als Einzelner machen? […] Du kannst demonstrieren gehen. Das war’s. […] Und dann schaukeln sich Konflikte weiter hoch.“ (Angestellter, Endhersteller Auto).
Bezeichnend ist, dass solch kritische Stimmen im Osten der Republik trotz größerer wirtschaftlicher Strukturprobleme lauter und eindeutiger sind als in den Westbetrieben. Blendet man reflektierende Zweifel aus, um den Weg in die Aufrüstung möglichst reibungslos einschlagen zu können, läuft das für viele gewerkschaftliche Aktive auf eine inhaltliche Kapitulation hinaus, die ihre politische Identität und persönliche Integrität in Frage stellt.
Pragmatischer Pazifismus und Abrüstung – zwei Vorschläge
Gibt es Alternativen zur Aufrüstung? Selbstverständlich. Ich beschränke mich auf zwei Überlegungen: „Was tun, wenn der Russe kommt?“[3], lautet die Frage, die mir (nicht nur) kluge, überaus engagierte Soziologie-Studierende stellen, wenn sie die Kritik an Rüstungsboom und fortgesetzter Aufrüstung gehört haben. Ich gestehe, ich habe lange nachgedacht, um diese Frage zu beantworten. Denn natürlich dürfen wir, so meine erste Anmerkung, nicht naiv sein. Kriege wie der im Nahen Osten oder in der Ukraine machen deutlich, was rücksichtslose, brutale Tyrannen anzurichten bereit sind. Deshalb wäre es fahrlässig, auf die Restvernunft etwa eines Putin- oder eines Trump-Regimes zu bauen. Dies in Rechnung gestellt, plädiere ich in positiv-kritischer Anlehnung an einen Vorschlag des Philosophen Olaf Müller für einen pragmatischen Pazifismus und einen – hier bin ich näher an Rosa Luxemburg als an Müller – pragmatischen Antimilitarismus, den alle jederzeit praktizieren können. Die genannte Grundhaltung umfasst folgende Elemente:
Erstens beruht sie auf der vollständigen Anerkennung eines prinzipiellen Pazifismus und Antimilitarismus, der Beteiligung an Kriegen, Aufrüstung und Waffenlieferungen insbesondere in Kriegsgebiete vollständig ablehnt. Auch wenn eine derart rigorose Haltung nicht meiner eigenen entspricht, weiß ich doch, dass es, zumal in Demokratien, öffentlich wahrnehmbarer Stimmen bedarf, die sich der Sogwirkung rein militärischer Sicherheitsstrategien, von Nationalismus und suggestiver Kriegstüchtigkeit prinzipiell widersetzen. Wer solch kritische Stimmen mundtot machen will, sägt an den Grundfesten von Demokratie, weil verhindert wird, dass die Suche und Prüfung von Alternativen zur militärischen Konfliktlogik überhaupt stattfindet.[4]
Zweitens bedarf der ethische Rigorismus jedoch der Ergänzung und Erweiterung durch einen politisch-pragmatischen Pazifismus und Antimilitarismus, die auf eine Veränderung politischer Kräfteverhältnisse zielen. Ein pragmatischer Pazifismus lehnt Gewaltanwendung nicht vollständig ab. In Notwehrsituationen wie beispielsweise im Falle Hitlers und des deutschen Faschismus wären ein Tyrannenmord oder ein Krieg der Alliierten gegen Nazi-Deutschland ausnahmsweise zu befürworten. Generell gilt jedoch, dass alle anderen Optionen ständig und immer wieder ausgelotet werden müssen, um sicher zu stellen, dass eine andere Wahl als die militärische nicht bleibt. Dabei gilt es allerdings strukturelle Interessen zu berücksichtigen, die sich hinter Aufrüstung und Militarismus verbergen. Anders gesagt, die Rüstungswirtschaft muss, so sie denn überhaupt benötigt wird, von Gewinninteressen und expansivem Machtstreben entkoppelt und der strikten Kontrolle durch demokratische Akteure und zivilgesellschaftlich legitimierte Interessen überantwortet werden (vgl. Petersen/Nitschke 2026). Diese Kontrollfunktion muss unter Beteiligung eines strikten Antimilitarismus erfolgen, der sich eines Zusammenhangs bewusst ist, den Rosa Luxemburg (1899, 451) unmissverständlich in folgenden Sätzen zum Ausdruck gebracht hat: „Der Arbeiter beugt durch den Militarismus einer unmittelbaren Verminderung seines Lohnes um einen gewissen Betrag vor, verliert aber dafür in hohem Maß die Möglichkeit, dauernd um die Hebung seines Lohnes und die Verbesserung seiner Lage zu kämpfen“. Auf das Hier und Jetzt übertragen bedeutet dies: Die Rüstungsbranche mag kurzfristig vergleichsweise gut bezahlte Jobs bieten; doch was „der Verkäufer der Arbeitskraft“ kurzfristig gewinnt, verliert er schon wegen der Finanzierung der Aufrüstung und dem damit verbundenen Druck auf Löhne und Sozialstandards an „politische[r] Bewegungsfreiheit als Bürger, um in letzter Linie auch als Verkäufer der Arbeitskraft“. (ebd.)
Was ein pragmatischer Pazifismus dennoch leisten kann, sei an einem Beispiel illustriert. Gegenwärtig wird die junge Generation darauf vorbereitet, die Zeche für Kriegstüchtigkeit zu zahlen. So werden Vorbereitungen getroffen, die Wehrpflicht wieder einzuführen. Dagegen regt sich Widerstand und Protest – zurecht! (vgl. Scheuing 2026) Wir alle sind gut beraten, die Legitimität der Proteste deutlich zu machen und Schulstreiks gegen die Wehrpflicht aktiv, vorbehaltlos und öffentlichkeitswirksam zu unterstützen. Doch was geschieht, wenn die Proteste nicht erfolgreich sind? Hier hat Olaf Müller einen interessanten Vorschlag gemacht. Statt einer Gewissensprüfung sollen sich die Betroffen in freier Wahl zwischen Wehrdienst und einem verpflichtenden Training für gewaltfreien Widerstand, zivilem Ungehorsam und sozialer Verteidigung unterziehen. Eine entsprechend ausgebildete Bevölkerung verfügte durchaus über ein Abschreckungspotential, denn jeder potentielle Angreifer hätte mit einer notorisch unbotmäßigen Bevölkerung zu rechnen, die sich der Gewalt nicht beugen wird, die unkontrollierbar ist und deshalb hohe Kosten für potentielle Invasoren verursacht.
Als konzeptuelle Grundlage eines pragmatischen Pazifismus und Antimilitarismus könnte drittens ein weiter Sicherheitsbegriff dienen,[5] der sämtliche Ursachen und Quellen von Gewaltsamkeit einbezieht. Nehmen wir ein simples Beispiel: die wachsende Gewalt gegen das Zugpersonal. Bezeichnend ist, dass der Bahn angeblich das Geld für eine angemessene Personalaufstockung fehlt, um der Gewalt vorzubeugen – ein Umstand, den der Trend zu kostenintensiver Aufrüstung noch verstärken könnte. Genau hier hat Sicherheitspolitik anzusetzen: bei den alltäglichen Quellen von Gewaltsamkeit. Dies zu leisten beabsichtigt ein Nachhaltigkeitsbegriff, wie ihn der zu Unrecht vergessen marxistische Systemtheoretiker Karl Hermann Tjaden schon vor langer Zeit vorgeschlagen hat. Tjaden definiert Nachhaltigkeit als Gegenbegriff zu Gewaltsamkeit. Gewaltsamkeit meint in diesem Zusammenhang weit mehr als die Ausübung von physischem Zwang oder den Einsatz von Waffen. Als Gewaltsamkeit bezeichnet Tjaden strukturelle Zwänge, die soziale Ungleichheiten ausüben. Gewaltsamkeit findet sich in Geschlechterverhältnissen ebenso wie in Beziehungen zwischen ethnischen Gruppen und Nationen und sie findet ihren Ausdruck auch in der menschlichen Dominanz über die außermenschliche Natur und ihre Lebewesen.[6] Nachhaltigkeit bedeutet demnach nicht nur „den Verzicht auf kriegerische Mittel der Politik“ (Tjaden 2002, 13ff), die Überwindung von Gewaltsamkeit weist tendenziell über die kapitalistische (Re-)Produktionsweise hinaus. Gerade weil die Kluft zwischen Zielen und deren Verwirklichung in etwa so groß ist, wie die Entfernung von der Erde zum Mond (ebd.), muss sich progressive pazifistisch-antimilitaristische Politik an Definitionskämpfen beteiligen, in denen über die Richtung des gesellschaftlichen Wandels entschieden wird.
So kann dem „weaponized Keynesianism“ (Krugman 2015) noch innerhalb kapitalistischer Marktwirtschaften bspw. durch eine langfristig geplante, zivile Wirtschafts- und Industriepolitik vorgebeugt werden. Um ihre Klimaziele zu erreichen, müsste die bundesdeutsche Wirtschaft die Emissionsreduktion während der kommenden Jahre mindestens um das eineinhalbfache steigern. Den Investitionsbedarf für einen wirksamen Klimaschutz beziffert der Think Tank Agora Energiewende bei etwa elf Prozent des BIP; 80 Prozent dieser Investitionen fallen ohnehin an und müssen von der Privatwirtschaft erbracht werden. Für den Staat verbleiben dann aber noch immer Investitionen in einer Größenordnung von ungefähr 3,5 Prozent des BIP (Agora Energiewende 2024) – ein Bedarf, der in etwa dem entspricht, was laut EU-Beschluss künftig für das Erreichen von Kriegstüchtigkeit, militärische Infrastruktur ausgeklammert, aufgewendet werden soll. Um Investitionen in Zukunftsfelder zu lenken, müsste der Staat aktiv an der Bildung grüner Zukunftsmärkte und -industrien mitwirken. Dazu gehört z.B., den Pionieren der Elektromobilität durch jenes Tal der Tränen zu helfen, das Zukunftstechnologie und deren Produkte bei der Markteinführung immer durchschreiten müssen. Davon kann gegenwärtig weder in Deutschland noch in der EU ernsthaft die Rede sein.
Bemerkbar macht sich stattdessen, was als Dilemma des nationalen wie europäischen Transformationsstaates bezeichnet werden kann. Werden Marktmechanismen zu sehr betont, geht das zulasten sozialer Gerechtigkeit und erzeugt deshalb Widerstände gegen den ökologischen Umbau. Setzt man hingegen auf einen Staatsinterventionismus, der gezielt in die Wirtschaft eingreift, um Zukunftsmärkte zu schaffen, drohen Fehlallokationen und Widerstände von Unternehmensseite. Deshalb pendelt der Transformationsstaat beständig zwischen Marktanforderungen und der Notwendigkeit planvoller Steuerung hin und her. Sein Kernproblem ist die Lenkung von Investitionen in Zukunftsfelder – ein Unterfangen, das beständig Gefahr läuft, an trägen Bürokratien und ungünstigen politischen Konjunkturen zu scheitern. Weil das Pendel in Deutschland und der EU in Richtung Marktsteuerung ausschlägt, entstehen strukturelle Wettbewerbsnachteile etwa gegenüber dem chinesischen Staatskapitalismus, der längerfristige Planung und gezielte staatliche Investitionen erlaubt: „Als China mit seiner Industriepolitik Erfolgsgeschichte schrieb, haben wir uns ideologische Debatten darüber geleistet, warum der Staat sich rauszuhalten hat. Innerhalb von zwei Jahrzehnten haben wir den Anschluss verloren. Das müssen wir hier in Europa neidlos anerkennen“, bringt Joschka Fischer (2026, 6ff) ein politisches Versagen auf den Punkt, an dem er als Minister der Regierung Schröder freilich selbst maßgeblich beteiligt war.
Woher soll das Geld für eine Industriepolitik kommen, um Klima- und ökologische Nachhaltigkeitsziele auf sozial gerechte Weise zu erreichen? Ohne Rückverteilung des gesellschaftlichen Reichtums an die, die ihn mit ihrer Arbeitskraft erzeugen, wird es nicht gehen. Geld für Investitionen in den sozial-ökologischen Umbau der Wirtschaft ist reichlich vorhanden. Wie die NGO Oxfam (2026) dokumentiert hat, ist das Vermögen der Milliardär*innen allein 2025 um 2,5 Billionen US-Dollar gewachsen. Pro Sekunde häufen ein Milliardär bzw. eine Milliardärin durchschnittlich 80.700 US-Dollar an. Der Vermögensanstieg entspricht dem gesamten Vermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung. In der Bundesrepublik hat die Zahl der Milliardär*innen auf 172 zugenommen; sie angemessen zu besteuern, wäre auch ein Gebot ökologischer Vernunft, denn je größer die Vermögen, desto voluminöser auch der Klima- und ökologische Fußabdruck (ebd.).
Konzepte für „Tax the Rich“ liegen längst auf den Tisch: Eine Reichensteuer, wie sie der bekannte Ökonom Gabriel Zucman oder Die Linke vorgeschlagen haben, bieten ein Beispiel. Eine Mindeststeuer für Milliardär*innen ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern, so Zucman, auch eine Frage der Demokratie: „Solange man von den Ultrareichen nicht verlangt, alljährlich einen Mindestbeitrag zu den Steuern zu leisten, wird ihr Vermögen – und damit ihre Macht – ständig schneller wachsen als das aller anderen.“ (2026, 5)
Eine Reichensteuer, die jährlich einen zweistelligen Milliardenbetrag in die Kassen spülte, würde die Wirtschaft keineswegs schädigen, im Gegenteil sie schüfe Voraussetzungen, um den chronisch klammen Kommunen Investitionen in die soziale Infrastruktur und den sozial-ökologischen Umbau zu ermöglichen. Gegenwärtig ist es um Weichenstellungen zugunsten einer nachhaltigen Politik schlecht bestellt. Sich für einen sozial und ökologisch nachhaltigen, demokratischen International- und Sozialstaat einzusetzen, ist jedoch allemal sinnvoller, als sich – und sei es unbeabsichtigt – an der Herstellung von „Kriegstüchtigkeit“ zu beteiligen.
Das leitet zu einer zweiten Überlegung über – dem Freiheitsverständnis der Arbeitenden. Freiheit beutet für viele von uns Befragte vor allem Abwesenheit von Zwang. Dieses rein negative Freiheitsverständnis hat selbst in den von Löhnen abhängigen Klassen die Oberhand gewonnen. Es bewirkt, dass große Teile der Arbeiter*innen mit einem autoritären Liberalismus sympathisieren, dessen Credo die „Freiheit der [nationalen, d.A.] Wirtschaft vom Staate!“ (Heller 1933, 643ff) ist. In seiner zeitgenössischen Variante reagiert dieser autoritäre Liberalismus auf neue Herausforderungen, indem er die nationalen Ökonomien von bürokratischen Fesseln befreien und den Klimaschutz, in erster Linie dem Markt und technischem Fortschritt überlassen will. Ein autoritärer Ausnahmestaat, der die Exekutive zulasten demokratischer Verfahren stärkt und die Aufrüstung vorantreibt, soll die problematischen Folgen bearbeiten.
Um einem rein negativen Freiheitsverständnis etwas entgegen zu setzen, müssten die Arbeitenden auf eine radikale Demokratisierung von Produktions- und Investitionsentscheidungen drängen, denn wirklich frei sein können wir nur, sofern wir Verantwortung „auch für das übernehmen, was wir erzeugen“ (Anders 1982, 369). Verantwortungsübernahme seitens abhängig Arbeitender ist nur möglich, wenn der Ausschluss von Entscheidungen über Geschäftsmodelle, Innovationen und Investitionen überwunden wird. Jener Minderheit unter den Arbeitenden, die wir der transformativ-systemverändernden Grundhaltung zurechnen, ist dieser Zusammenhang durchaus bewusst. Sicher werden in unseren Interviews auch Gegenargumente vorgetragen. Angesichts von Stellenabbau und Arbeitsplatzunsicherheit stießen entsprechende Vorschläge auf wenig Resonanz, heißt es. Gerade deshalb darf der Versuch, ein positives Freiheitsverständnis zu begründen, die eigentumsbasierte Trennung von Produktion und Gewissen nicht aussparen.
Als Gegenmittel für Apokalypse-Blindheit hatte Günter Anders seinerzeit die Fähigkeit zum Produktstreik vorgeschlagen. Gemeint war, sich der Herstellung von Produkten zu verweigern, deren Zweck die Massenvernichtung ist. Wie er selbst rückblickend betont, hatte der er niemals damit gerechnet, dass Produktstreiks wirklich stattfinden. Das hat ihn nicht gehindert, „die Maßstäbe für das moralisch Fällige, für das, was in ihm eigentlich getan oder unterlassen werden müßte, auf den Tisch des Hauses zu legen, wie gering auch immer die Wahrscheinlichkeit sein möge, daß die Gebote oder Verbote sofort oder überhaupt eingehalten werden“ (ebd., XIV). Denn für die Moral gelte dieselbe Regel wie auf den Ramschmärkten: „daß man nämlich mehr verlangen muß als was man sofort zu erhalten erwarten darf“ (ebd.). Angesichts eskalierender Kriege, beschleunigter Erderhitzung, Artensterben und drohendem Ökozid ist das eine Maxime, hinter die wir nicht zurückfallen dürfen. Deshalb macht es Sinn, sich fortgesetzter Aufrüstung zu verweigern – und das gerne in einem Bündnis, das einen prinzipiellen mit einem pragmatischen Pazifismus und Antimilitarismus produktiv zusammenwirken lässt.


