| Linker Feminismus gegen rechte Bevölkerungspolitik

August 2017  Druckansicht    Druckansicht
Von Susanne Hentschel

Nachdem aktive Bevölkerungspolitik über viele Jahrzehnte hinweg aufgrund ihrer engen Assoziation mit den nationalsozialistischen Rassenhygiene- und Eugenik-Programmen als diskreditiert galt, erlebte sie in den 1990er Jahren ein Comeback in neuem Gewand: Bevölkerungspolitik hieß nicht nur anders, inzwischen sprach man von Demografie, sie hatte zudem auch einen liberalen und modernisierten Anstrich. Es ging um nachhaltige Familienpolitik, um das Funktionieren des Sozialstaats und die Modernisierung des Arbeitsmarktes. Dem zugrunde lag die Annahme, die deutsche Gesellschaft sei durch sinkende Geburtenraten von ‘Überalterung’ und ‘Schrumpfung’, also dem ‘demografischen Wandel’ bedroht, was angeblich sowohl das ökonomische als auch das sozialstaatliche System der BRD vor große Probleme stelle (Schultz 2013, 544). Drohszenarien wurden aufgebaut, in denen von der Gefährdung des Generationenvertrags der Rentenversicherung, einem Kollaps der Sozialsysteme und einem Aussterben der Nation die Rede war. Der Diskurs um Demografie zog dementsprechend als Katastrophendiskurs in die bundesdeutsche Debatte ein. Während die 1990er Jahre demografiepolitisch vor allem eine Phase der schrittweisen Neuentdeckung und Rehabilitierung der Bevölkerungspolitik in einigen Stiftungen, Forschungsinstituten und Thinktanks darstellten, kam sie mit der rotgrünen Bundesregierung ab 2002 auch auf die politische Agenda (ebd.). Dass die Wissensproduktion zum „demografischen Wandel“ vor allem aus äußerst spekulativen Prognosen besteht, interessierte dabei wenig. Das Narrativ der „Alterung“ und „Schrumpfung“ der deutschen Bevölkerung selbst wurde und wird kaum angezweifelt.

Neoliberale Demografie- und Familienpolitik

Dem demografischen Missverhältnis versuchte man in den darauffolgenden Jahren mit einer ‘nachhaltigen Familienpolitik’ entgegenzuwirken. „Mehr Kinder in den Familien und mehr Familien in der Gesellschaft“ hieß die Leitlinie der Bundesregierung (2006, 7). Zwei Ziele waren dabei ausschlaggebend: erstens die Erhöhung der Geburtenrate, um der konstatierten Überalterung der Gesellschaft entgegenzuwirken, und zweitens die Erhöhung der Frauenerwerbsquote, um dem Arbeitsmarkt mehr Arbeitskräfte zu Verfügung zu stellen. Die demografische Wende der Familienpolitik ging, wie die zweite Zielsetzung schon andeutet, einher mit dem Erstarken des liberal-feministischen Diskurses um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (Nowak 2010, 130). Federführend waren hier die Familienministerinnen Renate Schmidt und Ursula von der Leyen an der Umsetzung beteiligt. Die Politiken zielten nicht allein darauf ab, die quantitative Zusammensetzung der Bevölkerung zu verändern, sondern darauf, das sogenannte Humanvermögen zu steigern (Schultz 2012, 112). Gefördert werden sollte nicht die gesamte Bevölkerung, sondern nur bestimmte, vermeintlich ökonomisch besonders produktive Teile. So war die ‘nachhaltige Familienpolitik’ in erster Linie auf Familien der Mittel- und Oberschicht zugeschnitten sowie auf qualifizierte Akademiker*innen, da man diese als besonders ‘vermehrenswert’ ausmachte. Der neue Pronatalismus selektierte dementsprechend zwischen zu förderndem und nicht zu förderndem Humanvermögen.

Dieser selektive Pronatalismus fand seine direkte Übersetzung in den familienpolitischen Reformen der Nullerjahre: Die Bundesregierung beschloss den Ausbau von Kindertagesstätten und die Ausweitung von Steuerfreibeträgen für die Kinderbetreuung. Beide Maßnahmen begünstigen jedoch Familien mit doppeltverdienenden Elternpaaren. Am augenscheinlichsten tritt der klassenselektive Charakter der neuen Familienpolitik beim 2007 eingeführten Elterngeld hervor: Diese Zuwendung wird nicht nur einkommensabhängig berechnet, wodurch viel Verdienende weitaus höhere Beträge erhalten. Seit es 2011 auf den Hartz-IV-Satz angerechnet wird, ist das Elterngeld für arme Bevölkerungsschichten so gut wie abgeschafft. Susanne Schultz (2017) bezeichnet dies als eine „Demografisierung des Politischen“, da die Lösung gesellschaftlicher Probleme (hier der ‘demografische Wandel’) nicht auf die Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse abzielt, sondern in der Veränderung der Bevölkerungszusammensetzung gesucht wird.

In der Diskussion darum, wie dem ‘demografischen Wandel’ entgegenzuwirken ist, gab es immer mal wieder den Vorschlag, neben Maßnahmen zur Erhöhung der Geburtenrate gezielt die Zuwanderung von hochqualifizierten Menschen aus dem Ausland zu fördern. Dabei wurden Migrationspolitiken an utilitaristische Maximen geknüpft, um Menschen nach Deutschland zu holen, die für manche Kapitalfraktionen attraktiv erschienen. Diese Option war jedoch immer schon die unbeliebtere, da sie die Vorstellung der Nation als ethnische Einheit untergräbt, auf die sich, besonders von der völkischen Fraktion im Diskurs um Demografie, jedoch allzu oft bezogen wird. Der Demografiediskurs ist nämlich historisch eng verknüpft mit der Idee eines mehr oder weniger homogenen ‘Volkskörpers’, den es zu erhalten gilt. Die rassistisch als anders Markierten werden in dieser Logik als Gefahr begriffen, egal, wie qualifiziert und gebildet sie auch sein mögen. Welchen Stellenwert ethnische Homogenität und Rassismus in demografiepolitischen Vorstellungen haben, ist abhängig vom politischen Lager. Während die derzeitig vorherrschende neoliberale Fraktion der BRD für ein selektives Migrationsmanagement eintritt, das darauf abzielt, gezielte Migration für den heimischen Arbeitsmarkt zu nutzen, wird diese utilitaristische Migrationspolitik von rechts massiv bekämpft.

Bevölkerungspolitik der AfD: „Mehr Kinder statt Masseneinwanderung“

Die Alternative für Deutschland (AfD) rückt seit ihrer Gründung demografische Fragen immer weiter ins Zentrum ihrer Politiken und schlägt eine völkisch-nationale Bearbeitung der konstruierten Bedrohung vor. In ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl nimmt das Plädoyer für eine neue Bevölkerungspolitik einen prominenten Platz ein, indem sie ein Bindeglied für verschiedene Themen darstellt. Angesichts des Aufschwungs der AfD und ihrem hohen Mobilisierungsgrad lohnt es sich, einen Blick in das Wahlprogramm zu werfen, um es mit der aktuell vorherrschenden Demografiepolitik zu kontrastieren.

Im Teil zur Familien-und Bevölkerungspolitik im Wahlprogramm ist für alle Strömungen der AfD etwas dabei: Die christlich-fundamentalistische Strömung der Partei kommt mit der Absage an körperliche Selbstbestimmung von Frauen und damit an Schwangerschaftsabbrüche auf ihre Kosten. In der klassenselektiven Familien- und Sozialpolitik zeigt sich der Einfluss der national-neoliberalen Fraktion der Partei, die sich um die Verteidigung der Privilegien der Mittelschicht bemüht. Die völkisch-nationale Strömung rund um Björn Höcke verleiht der Familien- und Migrationspolitik mit ihrem Bezug auf den ‘Volkskörper’ und ihrer rassistischen Unterscheidung verschiedener ethnischer Reproduktionstypen einen nazistischen Anstrich. Hier wird kaum mehr verdeckt, in welcher eugenischen Tradition die Bevölkerungspolitik steht.

„Mehr Kinder statt Masseneinwanderung“ lautete die Überschrift des Kapitels zu Familienpolitik im Grundsatzprogramm der AfD vom Jahr 2016. Diese Linie der Verknüpfung von familien- und migrationspolitischen Themen unter dem Label der „aktivierenden“ oder „nationalen Bevölkerungspolitik“ wird im Wahlprogramm von 2017 weiter ausgebaut. Der ‘demografische Wandel’ aka Volkstod zieht sich als Bedrohungsszenario durch nahezu alle Politikfelder. Der „Selbstabschaffung“ Deutschlands will die AfD besonders durch die Erhöhung der Geburtenraten und deshalb durch die Stärkung von Familien entgegenwirken. Erklärtes Ziel ist der „Erhalt des eigenen Staatsvolkes“ (Alternative für Deutschland 2017, 37). Familien sollen steuerlich entlastet werden, etwa durch ein Familiensplitting und ein Baby-Begrüßungsgeld, als auch ideologisch gestärkt werden, unter anderem im Schulunterricht (ebd. 37, 51). Die Familie als „Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft“ steht in erster Linie im Dienst der Reproduktion und ist damit die wichtigste Einheit für die Genealogie der ethnisch-homogenen Nation (Alternative für Deutschland 2016, 40). Damit einher geht die Forderung nach einer ausschließlichen Rückkehr zum Abstammungsprinzip, wonach nur Kinder, von denen zumindest ein Elternteil deutsch ist, die deutsche Staatsbürgerschaft erhält. All dies sind Aspekte einer durch die AfD betriebenen Rebiologisierung von Familie und Nation.

Als Trägerin dieser Funktion ist die Familie zwingend heteronormativ: Nicht-heteronormative Lebensentwürfe seien deshalb besonders aus einer bevölkerungspolitischen Rationalität heraus zu bekämpfen, da nur die heterosexuelle Familie „das Staatsvolk als Träger der Souveränität hervorbringen kann“ (Alternative für Deutschland 2017, 40). Ein weiterer Pfeiler der aktiven Bevölkerungspolitik der AfD ist das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen im Namen des „Lebensschutzes“ (ebd. 39). Die vielen Schwangerschaftsabbrüche seien ein Grund für den Rückgang der Geburtenrate und die demografische Fehlentwicklung. Für die Erosion der klassischen Familie, die Zunahme nicht-heteronormativer Lebensentwürfe sowie die vermeintlich steigende Zahl an Schwangerschaftsabbrüchen macht die AfD die „Gender-Ideologie“ verantwortlich (ebd. 40). Da diese geschlechtliche Identitäten infrage stelle und zu einer Denaturalisierung geschlechtlicher Differenz aufrufe, wird sie abgelehnt und gar als verfassungsfeindlich erklärt.

Die meisten Forderungen des Kapitels zu Familienpolitik lassen pronatalistische Positionen erkennen, mit denen der behauptete bevölkerungspolitische Abwärtstrend gestoppt werden soll. Doch auch innerhalb der biodeutschen Mehrheitsgesellschaft wird zwischen den einen, deren Nachwuchs besonders erwünscht ist, und den anderen, deren reproduktives Verhalten weniger Unterstützung erfahren soll, unterschieden: Besonders zum Gebären ermutigt werden sollen bildungsnahe, obere und mittlere Klassen, also Student*innen und Akademiker*innen. Student*innen mit überdurchschnittlichen Noten soll zum Beispiel die BaFöG-Rückzahlung erlassen werden, wenn sie im Laufe ihres Studiums ein Kind bekommen. Der klassenselektive Bias, der weiter oben bei der neoliberal geprägten Demografiepolitik der vergangenen Legislaturperioden beschrieben wurde, findet sich bei genauerem Hinschauen auch bei der AfD.

Weitaus augenscheinlicher ist jedoch die rassistische Selektion zwischen dem Leben, das vermehrt, und dem Leben, das am besten gar nichts erst nach Deutschland kommen soll. Das große AfD-Narrativ der migrantischen Bedrohung steht im Kontext der Bevölkerungspolitik. Die Zuwanderung nach Deutschland wird als „Selbstzerstörung unseres Staates und Volkes“ beschrieben und deshalb nicht nur als Strategie zur Eindämmung des ‘demografischen Wandels’ abgelehnt, sondern selbst als Teil des demografischen Problems inszeniert (ebd. 28). Das Kapitel im AfD-Wahlprogramm zu „Zuwanderung und Asyl“ beginnt mit einer langen Abhandlung über das Bevölkerungswachstum in Afrika, das als Hauptursache für globale Migrationsströme ausgemacht wird. Und auch der Hauptvertreter des völkisch-nationalen Flügels der AfD, Björn Höcke (2015), fabulierte bei einer Rede im Institut für Staatspolitik von verschiedenen rassenbiologisch begründeten Ausbreitungs- und Fortpflanzungstypen in Afrika und Europa, die für Deutschland eine große Gefahr darstellen würden. In einer solchen rassistischen Sprache wird das Phänomen der Migration als Problem der Demografie gerahmt, dem es deshalb auch mit bevölkerungspolitischen Maßnahmen zu begegnen gelte. Verlangt wird daher der Vorrang einer „aktivierenden Familienpolitik“ vor Zuwanderung, die nur im Rahmen eines „qualifizierten Zuzugs nach Bedarf“ stattfinden dürfe (Alternative für Deutschland 2017, 29). Hierzu passen die Forderungen nach einer Schließung der Grenzen sowie die nach Aussetzung des Familiennachzugs.

Auch wenn das Programm in einer einigermaßen moderaten Sprache geschrieben ist, wird in den vermittelten Inhalten die extrem rechte Stoßrichtung der Partei deutlich. Genau betrachtet werden hier die Weichen für die antiegalitäre, rassistische und antifeministische Gesellschaftsvision des rechten Projekts gestellt. Sei es der regressive Wunsch nach der kindergebärenden deutschen Frau hinterm Herd, nach dem reinen Volk und der angeblich natürlichen Heterosexualität, die Unterscheidung zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben oder die staatliche Regulierung von Bevölkerung – in all dem tritt zutage, was die AfD eint: der Glaube an die Ungleichheit der Menschen.

Neoliberales und völkisches Demografieprojekt

Der genaue Blick auf sowohl das neoliberale als auch das rechte Projekt zeigt, dass beide Fraktionen auf unterschiedliche Weise das Feld der Demografie- und Bevölkerungspolitik bearbeiten. Dass die AfD mit ihrem völkischen Demografieprojekt einen solchen Aufschwung erlebt, liegt auch daran, dass sie an Deutungsweisen und Diskursformationen anknüpfen kann, deren Grundlage in den Jahren zuvor durch die herrschende Politik geschaffen wurden. Durch die demografische Familienpolitik und den Katastrophendiskurs ‘demografischer Wandel’ der vergangenen Legislaturperioden ist ein Diskursfeld eröffnet worden, das nun von der AfD völkisch bestellt werden kann. Ob und inwiefern sich die neoliberale und völkische Fraktion punktuell stützen und sich ihre Positionen überlappen, bleibt zu überprüfen. Deutlich wird jedoch schnell, dass beide Seiten einen politischen Kurs verfolgen, der auf äußerst fragwürdige Weise den ‘demografischen Wandel’ nutzt, um ihre jeweiligen Politiken der Ungleichheit umzusetzen bzw. einzufordern. Dies gilt es jedoch nicht allein mit dem politischen Argument zu kritisieren, demografiepolitische Maßnahmen seien (hetero-)sexistisch, rassistisch oder klassistisch. Die Rede vom ‘demografischen Wandel’ ist darüber hinaus auf analytischer Ebene zu kritisieren.

Beim ‘demografischen Wandel’ geht es sich nämlich erstens keineswegs um gesichertes Wissen. Die Prognosen zur Alterung und Schrumpfung der deutschen Gesellschaft sind spekulativ, werden jedoch als Fakten präsentiert. Hier wird also mit Wahrscheinlichkeiten und Zukunftsprojektionen Politik gemacht, die selbst wissenschaftlich umstritten sind (Schultz 2017). Es gilt also, die Wissensproduktion rund um den ‘demografischen Wandel’ kritisch in den Blick zu nehmen, da sie die Basis des Diskurses um Demografie darstellt (die sowohl von den Rechten als auch von den Neoliberalen gestützt wird). Zweitens stellt sich die Frage, inwiefern eine Alterung der Gesellschaft oder eine Abnahme der Einwohnerzahl überhaupt als Krise gedeutet werden müssen. Krisenhaft ist eine solche Entwicklung nur, wenn eine Gesellschaft/ein Staat auf eine wachsende Bevölkerungszahl unbedingt angewiesen ist. Das ist jedoch vor allem dann gegeben, wenn man entweder aus rassistischen Gründen auf einen wachsenden Volkskörper setzt, oder aus kapitalistischen Gründen auf eine wachsende Zahl von Arbeiter*innen angewiesen ist. Ansonsten gibt es keine Krise. Genau an diesem Punkt muss eine linke Kritik ansetzen, um bereits die Prämissen des Demografiediskurses kritisch zu hinterfragen. Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass es eine Strategie der Neuen Rechten ist, Krisenszenarien zu konstruieren, um ihre antidemokratischen Politiken zu rechtfertigen.

Aus diesen beiden Gründen ist es umso wichtiger, den ideologischen Rahmen des Demografiediskurses zu verlassen, um den Konsens des ‘demografischen Wandels’ selbst anzugreifen und den Konflikt im eigenen Koordinatensystem zu führen. Dabei gilt es, Reproduktion nicht utilitaristisch in den Dienst eines unterschiedlich legitimierten Demografieprojekts zu stellen, sondern nach den Bedürfnissen der Einzelnen zu strukturieren. Deshalb werde ich mich zum Schluss der Frage widmen, wie davon ausgehend eine feministische und linke Strategie gegen die neue Bevölkerungspolitik von rechts insbesondere, aber auch die herrschende Demografiepolitik aussehen könnte.

Der Kampf um reproduktive Gerechtigkeit

Feministische Strategien gegen rechts fokussieren momentan häufig das Recht auf Abtreibung und auf körperliche Selbstbestimmung. Für die größte feministische Empörung in jüngster Zeit sorgten wohl die erstarkenden sogenannten Lebensschützer und ihre Anti-Abtreibungspolitik, so wie sie über weite Spektren der Rechten betrieben wird (neben der AfD seien hier der „Marsch fürs Leben“, die „Demos für alle“ und die „Zivile Koalition“ genannt). Dies liegt auch in der Geschichte des deutschen Feminismus begründet: Zu den größten Errungenschaften feministischer Bewegungen der letzten Jahrzehnte gehört die Ermöglichung von Schwangerschaftsabbrüchen und der Ausbruch aus der Rolle der kindergebärenden Hausfrau. So wird das Einstehen für reproduktive Rechte oft verengt auf den zweifellos wichtigen Kampf um das Recht auf Abtreibung (z.B. bei den Protesten rund um den „Marsch fürs Leben“ in Berlin).

Dieser Kampf für das Recht auf Abtreibung und auf körperliche Selbstbestimmung, das zurzeit von rechts massiv infrage gestellt wird, ist jedoch nicht zwangsläufig verallgemeinerbar auf alle gesellschaftlichen Gruppen. Das mag mit ein Grund dafür sein, dass die derzeitigen linken feministischen Proteste kaum über die eigene Szene hinausreichen, geschweige denn die Hegemoniefrage ernsthaft stellen können. Women of Color und Schwarze Frauen blicken beispielsweise auf eine andere Geschichte zurück, die von weiß geprägten feministischen Kämpfen oftmals übersehen wird. Ihre Geschichte ist eine der Kämpfe gegen Eugenik, Rassismus und andere Formen des Ausschlusses. Nicht nur stellt ihre Fähigkeit zum Kindergebären in der rassistischen Ideologie eine Gefahr dar, weshalb viele Women of Color in der Rolle der Mutter eine besondere Diskriminierung und Abwertung erfahren (Roberts 1992). Global gesehen sind darüber hinaus antinatalistische Strategien in der internationalen Bevölkerungspolitik im Aufschwung, mit ihnen wird besonders im globalen Süden eine Absenkung der Geburtenraten verfolgt (Schultz 2006, 19). Auch hier sind es Women of Color, die als Teil einer vermeintlich überschüssigen Bevölkerungsmasse Opfer von Sterilisierungskampagnen werden. Im deutschen Kontext ist es das Revival der Bevölkerungspolitik im Gewand der Demografie, das nicht-weißen Frauen um ein Neues das Recht auf Reproduktion streitig macht. Die AfD lässt daran keinen Zweifel: Ihre Bevölkerungspolitik soll biodeutsche Kinder hervorbringen, keine migrantischen. Für Women of Color bedeutet dies, dass sie an mehreren Fronten zugleich kämpfen müssen: für das Recht auf Abtreibung, aber auch für das Recht, Kinder zu bekommen.[1]

Wie oben bereits beschrieben, ist sowohl die neoliberale als auch die rechte Demografiepolitik klassenselektiv. Bei der Suche nach Strategien gegen eine solche Demografiepolitik müssen wir auch sozial marginalisierte Frauen miteinbeziehen, für die die Möglichkeit des Kinderhabens oder Kinderhabenkönnens prekär ist, da diese Gesellschaft keine geteilte Verantwortung für Kinder trägt, sondern diese als Privatangelegenheit angelegt ist. Deshalb gilt es letztendlich auch darum, für Bedingungen zu streiten, unter denen alle Frauen und letztlich alle Menschen Kinder nicht nur kriegen, sondern auch abgesichert großziehen können.

Den Konflikt im eigenen Koordinatensystem führen bedeutet, die Kämpfe von weißen Frauen, Deklassierten und Women of Color in einem Kampf um körperliche Selbstbestimmung und reproduktive Gerechtigkeit zusammenzubringen. So könnten die auf den ersten Blick sehr disparaten Forderungen – das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, das Recht auf Kinderbekommen und das Recht auf die Möglichkeit, Kinder abgesichert großzuziehen – in einem linken gegenhegemonialen Projekt gemeinsam stark gemacht werden, gegen rechts, gegen die herrschende Politik, aber für ein selbstbestimmtes Leben für alle.

Literatur

Alternative für Deutschland, 2016: Grundsatzprogramm 2016, www.afd.de/wp-content/uploads/sites/111/2017/05/2017-05-19_AfD-Bundestagswahlprogramm_Onlinefassung.pdf

Dies., 2017: Wahlprogramm Bundestagswahl 2017, 37, www.afd.de/programm/langversion/

Bundesregierung, 2006: Stellungnahme zum Siebten Familienbericht „Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik, Berlin

Friedrich, Sebastian, 2017: Die AfD. Analysen – Hintergründe – Kontroversen, Berlin

Luna, Zakiya/Luker, Kristin, 2013: Reproductive Justice, in: Annual Review of Law and Social Science (9), 327–352

Nowak, Jörg, 2010: Familienpolitik als Kampfplatz um Hegemonie. Bemerkungen zur Leerstelle eines linken Feminismus, in: Auth, Diana/Buchholz, Eva/Janczyk, Stefanie (Hg.), Selektive Emanzipation. Analysen zur Gleichstellungs- und Familienpolitik, Opladen, 129–149

Roberts, Dorothy E., 1992: Racism and Patriarchy in the Meaning of Motherhood, in The Journal of Gender, Social Policy & the Law 1, 1–38

Schultz, Susanne, 2006: Hegemonie, Gouvernementalität, Biomacht. Reproduktive Risiken und die Transformation internationaler Bevölkerungspolitik, Münster

Dies., 2012: Biopolitik und Demographie. Eine staatskritische intersektionale Analyse aktueller deutscher Familienpolitik, in: Sänger, Eva/Rödel, Malaika (Hg.), Biopolitik und Geschlechterverhältnisse, Forum Frauen- und Geschlechterforschung, Band 35, Münster, 108-128

Dies., Susanne, 2013: Familienpolitik und die „demografische Chance“. Zur postkatastrophistischen Phase einer neuen deutschen Bevölkerungspolitik, in: Prokla, Nr. 173, 539-562

Dies., 2017 (i.E.): Kinderwunsch-Ökonomie und Kinderwunsch-Verstaatlichung. Ein Streifzug durch aktuelle Konfliktlinien in deutschen Kontexten, in: Katharina Pühl/Birgit Sauer (Hg.), Kapitalismuskritische Gesellschaftsanalyse: Queer-feministische Positionen, Münster, im Erscheinen

Anmerkung

[1] Diese Forderungen wurden in den USA von Schwarzen Frauen im Rahmen des Konzeptes „Reproductive Justice“ formuliert. „An Reproductive Justice analysis takes into consideration that the right to have a child and the right to parent are as important as the right not to have children“ (Luna/Luker 2013, XY).