Wehrpflichtdebatte, steigende Militärausgaben, eine voranschreitende Faschisierung sowie ein wachsender Hass auf Frauen und all jene, die nicht ins binäre Geschlechtermodell passen (wollen) prägen den politischen und gesellschaftlichen Diskurs in Deutschland. Eine antifeministische Onlinekultur sollte als ein Treiber dieser Dynamiken stärker in den Blick genommen werden: die sogenannte Manosphäre. Darin greifen antifeministische Ideologien, autoritäre Politik und militarisierte Vorstellungen von Männlichkeit ineinander und tragen dazu bei, eine Gesellschaft zu formen, die wieder „kriegstüchtig“ werden soll. Ihre vor allem digital operierenden Protagonisten konstruieren eine Welt, in der Konflikte als Kampf erscheinen, und gesellschaftliche Ordnung durch klare Hierarchien hergestellt werden soll. Dazu gehört Militarismus als ein System der Macht und Unterdrückung, das ein soldatisches Männlichkeitsbild, wie es in der Manosphäre propagiert wird, gleichzeitig voraussetzt und festigt.
Die Manosphäre ist ein loses, internationales, antifeministisches und misogynes Netzwerk aus Online-Communities, Plattformen, Podcasts, Social-Media-Kanälen und Influencer*innen und hat vor allem in den letzten Jahren eine immer größere Rolle in der Radikalisierung von vorrangig jungen Männern gespielt (Jasser 2024; Castillo 2026). Die Protagonisten behaupten, dass Männer systematisch benachteiligt werden und eine „natürliche“ Geschlechterordnung durch den Feminismus und gesellschaftlichen Wandel bedroht sei. Ihr „Lösungsvorschlag“ ist ein hierarchisches Weltbild mit einem binären und heteronormativen Geschlechterverhältnis.
Rolle rückwärts
In einer Zeit, die durch gesellschaftlichen Wandel, multiple Krisen und Unsicherheiten geprägt ist, suchen viele junge Menschen nach Sicherheit und Stabilität. Während junge Frauen sich vor allem links-politisch orientieren, bewegen sich junge Männer immer weiter nach rechts (Harenberg 2026), wo sie auf eine bessere Vergangenheit hoffen. Eine vor kurzem veröffentlichte Studie von Ipsos und dem Global Institute for Women’s Leadership zeigt, dass junge Männer der Generation Z teilweise konservativere Vorstellungen von Geschlechterrollen vertreten als ältere Generationen (IPOS 2026). Alarmierend ist, dass rund ein Drittel von ihnen der Meinung ist, ein Ehemann solle das letzte Wort haben oder eine Ehefrau ihrem Mann gehorchen. Die Manosphäre vermittelt klare Vorstellungen von „erfolgreicher“ Männlichkeit und bietet durch spezifische Narrative, Insiderbegriffe und Community-Strukturen ein starkes Zugehörigkeitsgefühl. Dieses einfache Schwarz-Weiß-Denken ist somit ein attraktives Lösungsangebot, vor allem für junge Männer, die sich isoliert und angesichts gesellschaftlicher Umbrüche und Krisen teils orientierungslos fühlen (Jasser 2024). Zunächst wirken viele Inhalte der Manosphäre harmlos: Fitnessroutinen, Selbstoptimierung oder Datingtipps. Doch die dort verhandelten Themen schlagen häufig in misogyn geprägte Narrative um. Von der Vorstellung (weißer) männlicher Vorherrschaft, bis hin zu Dominanz-, Gewalt- und sogar Vergewaltigungsfantasien (Ging 2027) fungieren vermeintlich unverfängliche „Männlichkeitscoachings“ als Einfallstor für zunehmend radikalere, frauenfeindliche Denkmuster und Praxen. Laut Castillo (2026) steht Im Zentrum die Botschaft, dass Männer ihre vermeintlich verlorene gesellschaftliche Stellung zurückerlangen könnten, wenn sie sich genügend disziplinieren durch körperliche Härte, strikte Selbstkontrolle, emotionale Kälte und die Rückbesinnung auf traditionelle Rollenbilder: „Frauen können sich immer nur so schlecht benehmen, wie wir Männer es ihnen durchgehen lassen“ (Maximilian Pütz 2025) oder „Der Mann führt in der Beziehung“ (Karl Ess 2025).
Manipulative Datingstrategien und ein bestimmtes Verständnis von Männlichkeit werden vor allem von der Pick-Up-Artist-Bewegung (PUA) propagiert. Einer der bekanntesten „Manfluencer“ ist Andrew Tate, der als regelrechter Star innerhalb der Szene gefeiert wird. Seine Tipps sind nicht nur misogyn, interpretieren Beziehungen als Machtspiel und objektifizieren FLINTA*Personen, sondern sie sprechen gezielt Emotionen wie (romantische) Zurückweisung, Angst, Einsamkeit und ökonomische Unsicherheit von jungen Männern an. Besonders radikal und gefährlich ist die Incel-Szene („involuntary celibates“). Ihre Anhänger*innen verstehen sich als Personen, die unfreiwillig ohne Beziehung oder Sexualkontakte leben. Sie glauben, ein Recht auf eine Partnerschaft mit Frauen zu haben. Gleichzeitig vertreten sie die Auffassung, Frauen würden sich, beeinflusst durch den Feminismus, ausschließlich für attraktive und statusreiche „Alpha-Männer“ interessieren. Diese Narrative gehen häufig mit extremer Misogynie und Gewaltfantasien einher und haben in den letzten Jahren zunehmend öffentliche Aufmerksamkeit erlangt, unter anderem, weil die Täter von Hanau und Halle sie zur Rechtfertigung ihrer brutalen Gewalttaten herangezogen haben. Durch den Algorithmus und die KI der sozialen Medien werden Geschlechterstereotypen verstärkt (Harenberg 2026) und misogyne Gewalt erscheint als legitime Reaktion auf eine gefühlte Ungerechtigkeit und männliche Opferrolle. Aus feministischer und intersektionaler Perspektive handelt es sich dabei nicht um ein neues Phänomen, sondern um eine Fortsetzung patriarchaler, rassistischer, klassistischer und heteronormativer Gewalt, die online verstärkt wird (Castillo 2026) und eine erhebliche gesellschaftliche Sprengkraft entwickeln kann. Die einzelnen Gruppen unterscheiden sich in ihren Strategien und Selbstbildern, teilen jedoch grundlegende ideologische Elemente, welche sie nicht nur zu einer digitalen Subkultur, sondern zu einem politischen Phänomen machen (Jasser 2024). Sie versprechen einfache Regeln und übersetzen schmerzhafte Erfahrungen wie Zurückweisung, Unsicherheit und Statusangst in ein scheinbar kohärentes Narrativ. Die klaren Regeln, Feindbilder und Versprechen von Kontrolle, die durch die Manosphäre geboten werden, sind für viele junge Männer besonders verständlich und erscheinen attraktiv.
Antifeminismus, Faschismus und das autoritäre Weltbild
Betrachtet man diese ideologischen Elemente genauer, wird deutlich, dass sie nicht isoliert existieren, und die Brücke zum Faschismus nicht fern ist. Kulturkampf, Geschlechterpolitik als Mobilisierungsstrategie, Feminismus und progressive Bewegungen als Feind, Patriotismus und die Sehnsucht einer homogenen Ordnung markieren deutliche Parallelen. Wo Faschist*innen traditionell nationale oder „rassische“ Gemeinschaften idealisieren, idealisiert die Manosphäre eine Geschlechterordnung, die oft mit weißer männlicher Vorherrschaft einhergeht, und sich auch in Verschwörungstheorien des „großen Austauschs“ wiederfindet – ein Kernpunkt des gegenwärtigen faschistischen Narrativs (Barcellona 2022). Vorstellungen von weißem „Rassenerhalt“ durch eine binäre Geschlechterordnung und traditionelle Rollenbilder sind darin wirkmächtige Narrative. Dies lässt sich zum Beispiel an dem Phänomen der „Tradwives“ erkennen, ein aus den USA stammendes „Geschäftsmodell“ weißer Frauen, die auf Social Media ihre Rolle als Hausfrau und Mutter glorifizieren und ein Leben wie in den 1950er Jahren propagieren (Castillo 2026). Den Erfolg dieser Narrative erkennen auch rechte Parteien und nutzen sie für ihre – zunehmend auf sozialen Plattformen geführten Wahlkämpfe. Das Narrativ einer bedrohten Gesellschaft durch „Gender-Ideologie“, Migrant*innen, oder eine vermeintliche „Umerziehung“ beziehungsweise „Cancel-Culture“ spielen dabei eine zentrale Rolle. Wenn sich solche autoritären Vorstellungen von Ordnung, Hierarchie und Stärke gesellschaftlich verfestigen, bleiben sie jedoch nicht auf kulturelle oder digitale Räume beschränkt. Sie finden auch Ausdruck in politischen Institutionen und staatlichen Strategien. Eine zentrale Rolle spielt dabei eine fortschreitende Militarisierung.
Deutschland rüstet auf – und jetzt?
Wie Castillo deutlich macht, übersetzt der Militarismus genau jene Logiken von Dominanz, Disziplin, Opferbereitschaft und Freund-Feind-Denken, die sowohl in der Manosphäre als auch in autoritären Ideologien präsent sind, in konkrete politische Praxis. Geschlechterpolitik, nationale Identität und militärische Stärke verschränken sich so zu einer politischen Ordnung, in der Macht, Sicherheit und Männlichkeit eng miteinander verbunden werden.
Diese politische Ordnung prägt jedoch nicht nur militärische Strukturen, sondern auch den Alltag. Militarismus legitimiert Disziplin, Gehorsamkeit, Dominanz und Gewalt, organisiert Hierarchien und erzeugt Machtasymmetrien. Zugleich stabilisiert er hegemoniale Männlichkeitsmodelle, in denen Männer als Beschützer und Soldaten, Frauen dagegen als unterstützende und fürsorgende Subjekte erscheinen. Das Bild der schutzbedürftigen Frau wird dabei mobilisiert, um militärische Interventionen zu legitimieren, wie etwa im Fall Afghanistans, und sexistische, koloniale und rassistische Narrative zu reproduzieren: „Weiße Männer retten braune Frauen vor braunen Männern“ (Mehlis 2025).
Diese Logik wird in digitalen Räumen vorbereitet und verbreitet: Die Manosphäre festigt militarisierte Formen männlicher Subjektivität, in denen Gewalt als legitimes Mittel zur Verteidigung patriarchaler Ordnung gilt. Militarismus erscheint als kulturelle Logik, die Emotionen, Narrative und soziale Hierarchien organisiert und sich über Netzwerke wie TikTok, X oder Instagram verbreitet (Castillo 2026). Die Glorifizierung von Krieg und Sterben für das Vaterland wird in rechten Diskursen als patriotische, männliche Pflicht propagiert: „Der Wehrdienst ist Dienst für das Vaterland“ (AfD 2022). Waffen, Kampf und Dominanz wirken identitätsstiftend und versprechen Zugehörigkeit, insbesondere für junge Menschen. Gleichzeitig fungieren diese Online-Räume als Orte politischer Radikalisierung: Verbindungen zwischen Incel-Subkulturen, rechten Ideologien und militarisierten Gewaltvorstellungen werden sichtbar, während militärische Institutionen als Ort erscheinen, an dem die idealisierte Männlichkeit tatsächlich gelebt werden kann (Jasser 2024). Rekrut*innen bringen dabei häufig bereits misogyne Einstellungen aus digitalen Subkulturen mit, die in militärischen Strukturen nicht abgebaut, sondern durch hypermaskuline Gruppennormen stabilisiert und vertieft werden (Castillo 2026). Es entsteht ein Radikalisierungskreislauf, in dem bestehende Ideologien auf institutionelle Verstärkung treffen und sich weiter verfestigen. Auch die Rhetoriken der Manosphäre weisen deutliche Parallelen zu Militarismus und faschistischer Propaganda auf: Soziale Beziehungen werden als Kampf, Strategie und Wettbewerb gerahmt, Begriffe wie „Dominanz“, „Taktik“ oder „Gewinnen“ strukturieren Geschlechterverhältnisse als Schlachtfeld. In diesem Zusammenhang ist er Teil eines umfassenderen Systems sozialer Kontrolle, in dem kapitalistische, koloniale und patriarchale Machtverhältnisse zusammenwirken und Geschlechterordnungen zentrale Funktionen für Arbeitsteilung, politische Legitimation und die symbolische Rechtfertigung von Gewalt übernehmen (Mehlis 2025). Militarisierte Männlichkeitsbilder, autoritäre Hierarchien und antifeministische Ideologien bilden so eine gemeinsame Infrastruktur, die sowohl die Manosphäre als auch rechte Bewegungen stabilisiert.
Die Verschiebung politischer und gesellschaftlicher Diskurse, die Normalisierung militärischer Stärke als Garant europäischer Sicherheit, sowie steigende Militärausgaben, etwa das Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für 2026, markieren eine neue Selbstverständlichkeit von Aufrüstung (Abdulaziz 2025). Diese Militarisierung manifestiert sich nicht nur in politischen Programmen, sondern auch in der gesellschaftlichen Präsenz des Militärs. Die Bundeswehr intensiviert ihre Öffentlichkeitsarbeit und nutzt gezielt soziale Medien, Werbung im öffentlichen Raum sowie Schulangebote, um junge Menschen anzusprechen. Kommunikation folgt dabei den Logiken emotionalisierter, vereinfachter Inhalte, die Abenteuer, Kamerad*innenschaft und Selbstverwirklichung betonen, während Krieg selten als zerstörerische Realität erscheint. Insgesamt zeigt sich, dass Militarisierung nicht isoliert als Reaktion auf äußere Bedrohungen verstanden werden kann, sondern als Teil eines umfassenden Transformationsprozesses, in dem sich politische, ökonomische und kulturelle Dynamiken gegenseitig verstärken und in maskulinistichen Vorstellungen kulminieren. Umso wichtiger ist es, dass progressive Bewegungen diese Dynamiken ernst nehmen. Es reicht nicht aus, antifeministische Onlinekulturen moralisch zu verurteilen. Wir müssen verstehen, warum sie funktionieren und welche gesellschaftlichen Leerstellen sie füllen.
Wie können wir als Linke dagegenhalten und Alternativen anbieten?
Die Manosphäre, autoritäre Politik, und der Militarismus sind keine isolierten Phänomene, sondern teilen gemeinsame ideologische Strukturen. Sie bedingen sich gegenseitig und die sozialen Medien dienen dabei als Katalysator zur Verbreitung dieser Narrative. Eine kritische Auseinandersetzung muss intersektional stattfinden und kann nicht nur aus feministischer, sondern muss vielmehr auch aus demokratietheoretischer Perspektive betrachtet werden. Gegenstrategien müssen dabei sowohl auf struktureller Ebene als auch auf diskursiver Ebene ansetzen, indem sowohl alternative Männlichkeitsbilder als auch solidarische Gemeinschaftsentwürfe gestärkt werden. Denn unsere Gesellschaft ist kaum auf Fürsorge, emotionale Offenheit und kollektive Verantwortung ausgerichtet, weshalb einfache und hierarchische Weltbilder wie jene der Manosphäre leicht Zustimmung finden. Wo fürsorgliche Formen von Männlichkeit wenig Anerkennung erfahren und soziale Unsicherheiten individualisiert werden, haben die misogynen Antworten der Rechten leichtes Spiel.
Wir müssen daher unser Verständnis von Sicherheit neu definieren, soziale Sicherheit, Care-Arbeit, Bildung, Gesundheitsversorgung und solidarische Gemeinschaften in den Vordergrund stellen und dafür politische Praxen entwickeln, in denen ein solidarisches Miteinander erfahrbar werden kann. Außerdem ist klar: Feminismus heißt Demilitarisierung. Krieg und Waffen dürfen nicht als Lösung globaler Krisenkonstellationen, sondern müssen als Teil kapitalistischer, patriarchaler und kolonialer Herrschaft angesehen werden. Wir müssen genau dort ansetzen, wo auch rechte Akteur*innen junge Menschen erreichen, indem wir den Fokus auf Zugehörigkeit, Selbstwirksamkeit und soziale Sicherheit legen und die Ängste und Sorgen junger Menschen ernst nehmen, statt sie vorschnell zu verurteilen, denn letztlich sind wir alle in denselben gesellschaftlichen Strukturen gefangen. Wir sollten insbesondere den Fokus auf präventive Bildungsarbeit, kritische Medienkompetenz und konkrete Anlaufstellen setzen, die vor allem junge Männer alternative, solidarische Formen von Männlichkeit aufzeigen und sie vor der Radikalisierung in antifeministischen Online-Räumen schützen.
Die Verantwortung, patriarchale Strukturen zu hinterfragen und ihnen entgegenzutreten, liegt allerdings nicht nur bei denjenigen, die unter ihnen leiden. Sie liegt auch bei denen, die von ihnen profitieren. Und daher frage ich mich, wo sind die linken Männer? Wo ist ihr Aufschrei, wo ist ihre Wut auf das System „Männlichkeit“, das so eng mit Militarisierung und Gewalt verknüpft ist? „Not all Men, but always Men“ – ein Satz, der zurzeit viele triggert und gleichzeitig das Problem klar benennt. Wenn antifeministische Ideologien sich in männlichen Netzwerken verbreiten, dann müssen sie auch dort herausgefordert werden. Gleichzeitig reicht reine Aufklärung nicht aus: Es braucht echte Perspektiven, soziale Absicherung und wirtschaftliche Stabilität, damit Frustration und Abstiegsängste nicht weiter den Nährboden für solche Ideologien bilden. Darüber hinaus müssen wir wieder mehr Hoffnung und kollektive Zukunftsbilder entwickeln, die über individuelle Konkurrenz hinausgehen und Zusammenhalt in den Mittelpunkt stellen. Es gilt Männlichkeit neu zu denken, oder wie bell hooks es formuliert: „Men don’t need to recover power over women, they need to recover power over themselves.“ (zitiert nach Castillo 2026).



