Die »Zeitenwende« ist in vollem Schwung und allerorts greift die Militarisierung durch. Da Bundeskanzler Merz (2026) fast nebenbei in Aussicht gestellt hat, dass Deutschland die »stärkste konventionelle Armee Europas« haben soll,[1] muss für dieses Ziel spätestens jetzt die Rekrutierung von Soldat*innen deutlich verstärkt werden. Zu diesem Zweck wurde Ende Dezember 2025 mit dem Gesetz zur Modernisierung des Wehrdienstes (WDModG) ein wesentlicher Schritt unternommen. Deutschland befindet sich auf dem Weg zurück zur Wehrpflicht.
Aber dagegen regt sich Widerstand. Lautstark forderten vor allem die »Schülerstreiks gegen die Wehrpflicht« im Dezember 2025 und erneut im März 2026, dass von allen Zwangsmaßnahmen zur Rekrutierung oder gar einer erneuten Aktivierung der allgemeinen Wehrpflicht Abstand genommen werden soll. »Friedrich an die Front« und »Nein zu Zwangsdiensten« war auf den Bannern der Schüler*innen zu lesen. Sie wendeten sich gegen Geist und Buchstaben des neuen Gesetzes.
Der Zwang zur »freiwilligen« Preisgabe
Hinter dem sperrigen Titel des Gesetzes steckt eine Bündelung von Anpassungen mehrerer schon existierender Gesetze. Diese betreffen das Wehrpflichtgesetz (WPflG), das Soldatengesetz (SG), das Kriegsdienstverweigerungsgesetz (KDVG) und diverse Sozialgesetze für Soldat*innen sowie das Zivildienstgesetz. Die Bundeswehr und Bundesverteidigungsminister Pistorius betonen, dass man weiterhin auf die Freiwilligkeit des Dienstes setzt und insofern nicht von einer Rückkehr der Wehrpflicht gesprochen werden könne. Doch enthält der neu eingefügte §2a des Wehrpflichtgesetzes[2] eine deutliche Warnung: Sollten sich die Planzahlen nicht durch Freiwilligkeit erreichen lassen, wird eine als »Bedarfswehrpflicht« verniedlichte Reaktivierung der Wehrpflicht schon jetzt angekündigt. Diese Ergänzung im Gesetz war zwar unnötig, denn auch ohne sie hätte eine (Auswahl-)Wehrpflicht per einfacher Mehrheit im Parlament beschlossen werden können, aber das politische Signal schien – zumindest für den Koalitionsfrieden – notwendig. Das neue Gesetz muss also als wesentlicher Schritt auf dem Weg hin zur Wehrpflicht verstanden werden.
Des Weiteren hat mit der Verabschiedung des Gesetzes die erneute flächendeckende Erfassung aller jungen Menschen ab dem Geburtenjahrgang 2001 begonnen. All diese Jahrgänge können sich nicht dagegen wehren, dass ihre Daten automatisiert weitergereicht und sie von der Bundeswehr angeschrieben werden.[3] Die Bundeswehr darf die personenbezogenen Daten nicht nur für die Zusendung des Erfassungsschreibens nutzen, sondern auch dafür, über Karrierepfade in der Bundeswehr zu informieren. Männer sind außerdem dazu verpflichtet, den Fragebogen auszufüllen und zurückzuschicken, spätestens nachdem er ihnen »zugestellt« wurde, das heißt nachdem er zum zweiten Mal per Einschreiben gesendet wurde.
Ein weiteres Zwangselement im Gesetzesvorhaben betrifft die Musterung. Grundsätzlich sind alle angeschriebenen Männer musterungspflichtig. Da durch den massiven Rückbau der Kreiswehrersatzämter und die nach 2011 erfolgte Zentralisierung in 16 Karrierecenter Kapazitäten fehlen und die Neustrukturierung des Musterungsbetriebs Zeit braucht, soll die verpflichtende Musterung erst ab Mitte 2027 kommen. Bis dahin werden nur diejenigen gemustert, die im Erfassungsschreiben eine Bereitschaft insofern signalisiert haben, dass sie an der entsprechenden Stelle im Fragebogen (letzte Frage »Bewertung Interesse am Dienst als Soldatin oder Soldat«) nicht kein Interesse (0), sondern irgendein Interesse (zwischen 1 und 10) angegeben haben. Es ist beim Ausfüllen also größte Vorsicht geboten.[4] Auch wenn die Ableistung des Dienstes noch auf Freiwilligkeit beruht, sind relativ viele Zwangselemente wieder eingeführt worden.
Wo dieser Zwang noch nicht genügt, soll Zuckerbrot helfen: Eine weitere Änderung durch das Gesetz ist die drastische Anhebung der Vergütung – ein klares Lockangebot. Die neuen Rekrut*innen bekommen einen deutlich angehobenen Sold von mindestens 2 600 Euro brutto (vorher lag er beim Einstieg bei ca. 1 800 Euro), ohne dass ein Berufsabschluss oder andere Qualifizierungen verlangt werden. Im Vergleich zeigt sich die Ungleichbehandlung: Im Schnitt verdienen Auszubildende nur etwa 1 300 Euro brutto, Bundesfreiwilligendienstleistende erhalten als Taschengeld gar maximal eine Vergütung von 644 Euro. Das bisher schon absurde Missverhältnis beim Sold zwischen den unterschiedlichen »freiwilligen Gesellschaftsdiensten« verschärft sich also noch. Eine erste kleine »Erfolgsmeldung« konnte die Armee dann auch schon verbreiten: Mitte März 2026 jubilierte das Bundesministerium für Verteidigung, dass der »positive Personaltrend« anhalte und man deutlich mehr Soldat*innen im ersten Quartal des Jahres eingestellt habe als in Vergleichszeiträumen (BMVg 2026).
Der Kontext: NATO-Kapazitätsaufbau und die mediale Aufbereitung
Die Bundeswehr hofft, auf diese Weise in den 2030er-Jahren einen Personalaufwuchs auf 260 000 Soldat*innen erreicht zu haben. Der Wunsch nach einer größeren Armee besteht nicht erst seit dem Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine. Er liegt auch nicht ausschließlich in der neuen Bedrohungsanalyse begründet, sondern in einem auf Eskalationsdominanz ausgerichteten Verständnis der über alle »Domänen« der Kriegsführung miteinander verschränkten Multi-Domain-Operation-Planung der NATO.[5] Die hierfür innerhalb der NATO als notwendig erachteten nationalen militärischen Mindestkapazitäten werden schon seit Jahren schrittweise angehoben. 2021 hatte die Bundesregierung zehn statt der acht bis dahin vorhandenen Brigaden zugesagt, seit Mitte 2025 sollen noch einmal sieben weitere Brigaden dazukommen. Die neu aufzubauenden Militärstrukturen benötigen ungefähr so viel Personal wie von den neuen Aufwuchszielen der Bundeswehr vorgesehen.
Der Druck, den diese NATO-weiten Planungen auslösen, ist in ganz Europa zu spüren: Überall verändert sich gerade der Tonfall, wenn es um Aufrüstung geht, und die Methode der Rekrutierung. Schon seit Mitte der 2010er-Jahre sprechen Beobachter*innen (siehe z. B. Brock 2018) wieder von einer Umkehr bei der Wehrpflicht (u. a. in Schweden; vgl. hierzu Strand 2024), nach dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine hat sich diese Dynamik aber deutlich verschärft. Kroatien und Serbien haben mittlerweile eine Wehrpflicht eingeführt (im serbischen Fall für 75 Tage), Dänemark hat die Wehrpflicht auf Frauen erweitert, Deutschland und Frankreich versuchen sich an zunächst auf Freiwilligkeit setzenden Systemen mit Pflichtelementen, Ähnliches wird in den Niederlanden, Belgien und Polen debattiert. Auch in Spanien und Italien beginnen – getrieben vom rechten Rand – gerade entsprechende Diskussionen (Caraballo 2026).
Fast überall sind dabei zwei Erzählungen zu hören: dass ein so deutlicher Aufwuchs notwendig sei, um der russischen Bedrohung etwas entgegensetzen zu können, und dass hierfür keinesfalls Freiwilligkeit genüge, sondern »staatsbürgerliche Verantwortung« von allen »wehrfähigen« Menschen erwartet werde. Im deutschen Fall kommen dieser Argumentation zwei Trends gelegen: Erstens ermöglicht die seit Jahren tobende Debatte über den Zustand der Bundeswehr, über die es stets hieß: »zu klein«, »kaputtgespart«, »ineffizient«, nun die Forderung nach einem radikalen Umbau, um mit diesen Zuständen vermeintlich ein für alle Mal »aufzuräumen« und um sich bei der »Abschreckung der russischen Bedrohung« keine »Blöße« zu geben. Zweitens lädt die parallel geführte Debatte über die »verlorenen Generationen Z und Alpha«, deren vorgebliche Ziellosigkeit, Desillusioniertheit und Faulheit schon vielfach den Argwohn der Neoliberalen hervorgerufen hat, dazu ein, sie nun auch noch als verweichlicht, unpatriotisch und mit Verweis auf ihre Anspruchshaltung als verwöhnt und undankbar erscheinen zu lassen. Die von Bundespräsident Steinmeier (2022) angestoßene Debatte über einen allgemeinen Gesellschaftsdienst ließ sich gut mit den Forderungen nach einer Beteiligung auch an der Verteidigung verknüpfen. Wie der Generalinspekteur der Bundeswehr 2023 verlauten ließ: »Alle müssen zu uns in die Arena kommen. Platz auf den Zuschauerrängen gibt es nicht. Und Popcorn ist auch alle.« (Breuer 2023) Eine unverhohlene Aufforderung, dass es eine neue »Geisteshaltung« bräuchte, die Verteidigungsfähigkeit vorrangig militärisch versteht und sich so in »Kriegstüchtigkeit« übt. Die Verachtung, die kritischen jüngeren Personen wie Ole Nymoen (»Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde«) oder auch eher vorsichtig skeptischen Menschen wie Quentin Gärtner (ehemaliger Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz und Sachverständiger bei der Anhörung des Verteidigungsausschusses zur Sache) unter anderem in Talkshows entgegenschlägt, wenn sie sich diesem Narrativ verweigern, ist Ausdruck dieser neuen Geisteshaltung.
Dieser ist zu widersprechen: Die Personalziele der Bundeswehr vor dem geplanten Umbau lagen schon seit Jahren bei circa 203 000 Soldat*innen, wurden aber nicht erreicht – egal wie groß die jährlichen Werbekampagnen ausfielen und wie stark das Budget der Bundeswehr wuchs. Es liegt sicherlich nicht an einem genuinen »Haltungsfehler« der jüngeren Generationen, die darüber hinaus auch weiterhin außerordentlich engagiert bleiben, wie die deutschen Engagement-Studien immer wieder herausgearbeitet haben (Fritzsche u. a. 2024). Für die vermeintliche Notwendigkeit eines massiven Personalaufwuchses muss auch mit betrachtet werden, dass die Eskalationsdominanz für das »europäische Theater« auch weiterhin bei der NATO liegt, selbst ohne die USA (Steinmetz u. a. 2025): Sie hat schon jetzt weitaus mehr einsatzbereite Waffen zur Verfügung und auch deutlich mehr aktiv unter Waffen stehende Soldat*innen. Eine weitere Aufrüstung und Personalgewinnung ist aus der Lage heraus also nicht zwingend schlüssig.
Verweigert alle Kriegsdienste – aber wie?
Offenbar sehen das auch viele junge Menschen (noch) so. Ende Februar 2026 wurde aus dem Bundesverteidigungsministerium durchgestochen, dass sich von den etwa 40 000 Personen, die zu diesem Zeitpunkt schon ein Erfassungsschreiben erhalten hatten, nur 50 Prozent der Männer und sechs Prozent der Frauen und anderen Personen zurückgemeldet hatten (Decker 2026). Da die Rückmeldung für Männer verpflichtend ist, haben einige Tausend von ihnen sich zunächst nicht fristgerecht zurückgemeldet. Diese »Nichtmeldung« ist eine erste kleine Möglichkeit zur – wenn auch nur weitgehend symbolischen – Kritik am neuen Kriegsdienst. Gemeinsam mit vielen anderen – auch denen, die dem Rückmeldungszwang nicht unterliegen – lässt sich dieses private »Nein« auch in ein kollektives lautes »Nein« überführen, wie dies Kriegsdienstverweiger*innen beispielsweise in der Türkei oder in Israel vormachen: durch gemeinsame Aktionen des öffentlichen Zerreißens oder Verbrennens der Einberufungspapiere. Die bundesweit größte Friedensorganisation, die DFG-VK, ruft daher dazu auf: »Wehrdienst schreddern!«
Doch nach diesem symbolischen Akt werden sich die Wege der weiteren Verweigerung trennen: Es wird diejenigen geben, die versuchen werden, sich dem Erfassungszwang komplett zu entziehen, und eine Geldbuße für ihre Ordnungswidrigkeit in Kauf nehmen werden. Es wird jene geben, vor allem Frauen und genderdiverse Personen oder Wehrpflichtige der Jahrgänge 2001 bis 2007, die das Schreiben beantworten und »kein Interesse« angeben werden, denn in diesem Fall muss die Bundeswehr ihre Daten unverzüglich löschen (§58i SG). Es wird diejenigen aus den Jahrgängen vor 2010 geben, die den Weg der im Gesetz geregelten Kriegsdienstverweigerung einschlagen werden, um so um die Zwangsmusterung herumzukommen (gemäß der neuen Ausnahmeregel in §13 KDVG). Über all dem steht aber, dass die jungen Menschen gut begleitet und beraten werden müssen, damit sie die für sich angemessene Entscheidung treffen können, aber auch merken, dass sie mit ihrer (Ver-)Weigerung nicht allein dastehen.
Noch bleibt Zeit für Widerstand. Gegen die Erzählung einer dringlichen Notwendigkeit des massiven Personalaufwuchses bei der Bundeswehr bedarf es einer politischen Kritik. Es braucht auch eine solidarische europäische Vernetzung gegen die Rückkehr der Wehrpflicht in vielen Ländern und gegen den massiven Ausbau der Streitkräfte der NATO-Staaten. Praktisches Wissen über Möglichkeiten der Verweigerung muss unter den jungen Menschen wieder verbreitet werden. Es braucht auch eine Wiederbelebung ganz konkreter Unterstützungsarbeit, unter anderem für Totalverweigerer. Gerade wird das Netzwerk der Beratungsstellen für Kriegsdienstverweigerung wieder aufgebaut. Und wenn Zeit bleibt, kann auch wieder Popcorn gemacht werden.


