| »Wer weitergeht, wird erschossen!«

Dezember 2018  Druckansicht    Druckansicht
Von Jörn Schütrumpf, Ingar Solty und Uwe Sonnenberg

Warum die soziale Revolution 1918/19 scheiterte

Es ist eines der aussagekräftigsten Bildmotive aus dem Revolutionsgeschehen 1918/19 in Deutschland. Soldaten halten ein Schild, darauf unmissverständlich die Warnung aufgedruckt: »Wer weitergeht wird erschossen!« HALT! rufen sie und sperren damit öffentliche Plätze ab. Seit Januar 1919 finden sich solche Aufforderungen in Deutschland.

»Brüder! Nicht schiessen!«

Dass es dazu kommen würde, war zwei Monate zuvor nicht abzusehen gewesen. Das Ende des verheerenden Krieges im Rücken, tanzten die Menschen. Der Kaiser hatte am 9. November 1918 abgedankt und war aus Angst vor Strafverfolgung in die Niederlande geflüchtet. Beträchtliche Teile seines immensen Privatvermögens sandte ihm die durch Krieg ausgeblutete Republik später nach; in Europa ein Alleinstellungsmerkmal im Umgang mit gestürzten Monarchen. Der eilig zusammengestellte Rat der Volksbeauftragten setzte von der Einführung eines allgemeinen und Frauenwahlrechts bis hin zum Acht-Stunden-Tag langjährige Forderungen der Arbeiterbewegung um. Eine ganze Ordnung schien innerhalb von Stunden zusammenzubrechen. Auch wenn die ökonomischen Macht- und Eigentumsverhältnisse unangetastet blieben, erhielt Deutschland doch binnen weniger Stunden mit der Republik eine neue Staatsform.

Für diesen November 1918 erinnert uns das Bildgedächtnis der Revolution noch an die dringliche Bitte: »Brüder! Nicht schießen!«. In schroffem Kontrast zu den Gräueltaten und Gewalterfahrungen des Ersten Weltkriegs hatte die Revolution mit dem Kieler Matrosenaufstand am 3. November 1918 und der (doppelten) Erklärung der Republik durch Philipp Scheidemann und Karl Liebknecht am 9. November weitgehend friedlich begonnen. Am 6. Dezember 1918 aber ließ Berlins Stadtkommandant Otto Wels (SPD) in der Chausseestraße Maschinengewehre aufstellen, mit denen Gardefüsiliere in eine genehmigte Demonstration feuerten. Zur gleichen Zeit versuchten konterrevolutionäre Einheiten in der Innenstadt, den Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte – seit dem 10. November das oberste Organ der Revolution – zu verhaften und den Volksbeauftragen Friedrich Ebert (SPD) zu einem »Präsidenten« mit diktatorischen Vollmachten auszurufen. Als beides misslang, zogen die Marodeure weiter zur Redaktion der Roten Fahne, dem Blatt des Spartakusbundes, der zu dieser Zeit zwar eigenständig, aber noch als Teil der 1917 als kriegsgegnerische Abspaltung der SPD gegründeten Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) organisiert war. Es sollte nicht der letzte Besuch bleiben. Die Spannungen zwischen den revolutionären und reaktionären Kräften wuchsen, die Bereitschaft zur Gewaltanwendung auf der Seite der Konterrevolution nahm zu. Drei Wochen später folgten die sogenannten Weihnachtskämpfe um das Berliner Schloss, dann die Januar-Unruhen 1919, die staatlichen Massaker während des Generalstreiks mit mehr als 1 200 toten Arbeiter*innen und Matrosen im März und im April/Mai schließlich die militärische Niederschlagung der Räterepubliken, die sich im Zuge der Revolution auf deutschem Boden gegründet hatten (vgl. hierzu Demirović in diesem Heft).

Wie aber konnte es zu diesem Ausbruch der Gewalt kommen? Wie lässt sich der Übergang von der Parole »Brüder, nicht schießen!« zu »Wer weitergeht, wird erschossen!« erklären, der Übergang von der friedlichen Revolution zum massiven Gewaltausbruch der Folgemonate? Und was – jenseits von Anklagen gegen Einzelne, »Verrat« begangen zu haben – hilft zu verstehen, warum die regierenden Mehrheitssozialdemokraten, nachdem sie in der Vorkriegszeit für eine revolutionäre Umgestaltung des Kapitalismus eingetreten waren, sich nun im Bündnis mit antidemokratischen Kräften auf autoritäre Weise gegen die Revolution stellten?

Eine Revolution stand für die SPD spätestens seit 1910 nicht mehr auf der Tagesordnung. Vielmehr ging es in Koalition mit den im Reichstag vertretenen, mehr oder minder liberalen Parteien um eine stärkere Parlamentarisierung der Monarchie. Anfang Oktober 1918 hatte dieses Bestreben immerhin den Rückzug der Ludendorff’schen Militärdiktatur erbracht. Mehr war vonseiten der Mehrheitssozialdemokratie zunächst nicht gewollt. Diejenigen Kräfte innerhalb der SPD, die wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am Marx’schen Erbe und der revolutionären Vision festhielten, wurden während des Krieges Schritt für Schritt an den Rand und aus der Partei gedrängt. Sie kamen wie Luxemburg selbst ins Gefängnis, formierten sich als Zimmerwalder Linke (1915) oder Spartakusgruppe (1916) und schließlich 1917 als spektrenübergreifende, kriegsgegnerische USPD. Der nach dem 9. November 1918 gebildete Rat der Volksbeauftragten, paritätisch besetzt aus SPD und USPD, glich nicht einmal einer Vernunftehe. Es handelte sich schlicht um eine durch die revolutionäre Welle erzwungene Zwangsverheiratung, die es entweder über die Wahl zu einer Nationalversammlung oder aber durch einen gehörigen Ehekrach wieder aufzulösen galt.

Der Weg zu dieser Nationalversammlung war indes weder vorgezeichnet noch verlief er direkt. Er musste erst einmal freigemacht werden. Denn der deutsche November 1918 hatte im Zeichen einer aus Russland inspirierten Idee stattgefunden: Im gesamten Land entstanden mit einer heute nur schwer nachvollziehbaren Selbstverständlichkeit Räte als zumeist rein proletarische Herrschaftsorgane. Sie waren Symbol und Träger der Revolution. Fünf Wochen später jedoch entschied die übergroße Mehrheit der Delegierten auf dem Ersten Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte in Berlin (vom 16. bis 20. Dezember), Wahlen für eine verfassungsgebende Nationalversammlung abhalten zu wollen. Auch wenn es nicht intendiert war, kam diese Abstimmung jedoch einem Votum zur Selbstentmachtung der Räte gleich.

Die Weigerung der Volksmarinedivision, das Stadtschloss zu räumen, und der daraufhin von Friedrich Ebert angeordnete Angriff am Heiligen Abend bildeten für die Volksbeauftragten der SPD den willkommenen Anlass, die ungeliebte Verbindung mit der USPD aufzulösen und gleichzeitig den Aufbau häufig rechtsextremer Freikorps zu fördern – zusätzlich zu den unterlegenen, regulären Truppen. Die USPD wiederum hätte der natürliche Hegemon der Revolution sein können. Wie alle die Revolution tragenden Kräfte aber stand sie nach dem 9. November konzeptionslos der Aufgabe gegenüber, den Übergang in die neue Republik zu gestalten und Grundlagen für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft zu schaffen. Beim Bruch der Koalition im Rat der Volksbeauftragten erwies sie sich als wehrlos und ergab sich letztlich in ihr Schicksal.

Zugleich verließ der Spartakusbund die USPD und bildete eine der Quellgruppen der am 30. Dezember 1918 gegründeten KPD. Längst war aber auch die »Konterrevolution« gestärkt. Zum 1. Dezember hatte die von Großindustriellen und Banken finanzierte Antibolschewistische Liga mit ihrem »Generalsekretariat zum Studium und zur Bekämpfung des Bolschewismus« eröffnet. In Massenpublikationen riefen sie zur Ermordung von Liebknecht und Luxemburg auf. Erst später wurde das schon in den ersten Tagen der Revolution geknüpfte Bündnis zwischen Ebert und dem im Namen der Obersten Heeresleitung agierenden Generalleutnant Wilhelm Groener bekannt. Faktisch regierte dieses Bündnis im Hintergrund von vornherein, nicht zuletzt durch ihr gemeinsames Einverständnis, die Linke notfalls mit Gewalt an einem Weitertreiben der Revolution zu hindern. Das heißt: Kaum mehr als einen Tag, nachdem die Soldaten in der Garde-Ulanen-Kaserne mit der Parole »Brüder, nicht schießen!« zur Verbrüderung aufgerufen worden waren, galt insgeheim schon: »Wer weitergeht, wird erschossen!« Der Aufruf zum Gewaltverzicht galt also nur solange sich Ebert in einer Defensivposition sah und die Grenzen der politischen Revolution nicht überschritten wurden. Das allerdings wussten die handelnden Revolutionär*innen nicht.

Nach der Niederschlagung der Januar-Unruhen ermordeten am 15. Januar 1919 Angehörige der Garde-Kavallerie-Schützen-Division auf Befehl des deutschen Offiziers Waldemar Pabst Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Wie tief die provisorische Regierung in diesen Mord verstrickt war, lässt sich heute nicht mehr einwandfrei rekonstruieren. Fest steht nur, dass Gustav Noske (SPD), zunächst als Volksbeauftragter und dann als Reichswehrminister, seine schützende Hand über Pabst hielt und die Justiz die Aufklärung der Mordaktionen massiv behinderte (vgl. Solty in diesem Heft).

Jenseits der Verratsthese: Luxemburg, der »Trasformismo« und die Gewaltfrage

Die Tatsache jedoch, dass die SPD-Führung in der Revolution ein Bündnis mit den alten Eliten einging, um eine grundlegende gesellschaftliche Umgestaltung zu verhindern, ist an sich erklärungsbedürftig. Die sozialdemokratische Geschichtsschreibung hat die Ermordung von Luxemburg und Liebknecht – als den prominentesten Opfern des Übergangs von »Brüder, nicht schießen« zu »Wer weitergeht, wird erschossen« – lange mit der Notwendigkeit begründet, einen Bürgerkrieg nach russischem Vorbild zu verhindern. Dabei wurde ihre Bedeutung nicht nur in der sozialdemokratischen, sondern auch in der bürgerlich-konservativen und in der kommunistischen Geschichtsschreibung auf je eigene Weise verzerrt. In allen Darstellungen starben sie als »Bolschewisten«. Die konservative und die sozialdemokratische Historiografie überhöhte die Rolle von Luxemburg und Liebknecht wie auch die der Spartakusgruppe, respektive der KPD in den Januar-Unruhen 1919. Sie schuf den Mythos eines Abenteurertums, das Deutschland einen blutigen Bürgerkrieg habe aufzwingen wollen, um eine Diktatur des Proletariats nach sowjetischem Vorbild zu errichten.

Den Spartakusaufstand als Ausdruck revolutionären Abenteurertums zu deuten, ist jedoch eine fatale, geschichtsmächtige Legende. Tatsächlich beschrieb die »Novemberrevolution« einen längeren Zyklus. Weder endete sie im November 1918 noch mit den Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 oder dem Inkrafttreten der Weimarer Verfassung am 14. August 1919. In einer historisch relativ offenen Situation zog sie sich mit der »zweiten Revolution« mindestens bis 1920, wenn nicht sogar bis 1923 hin. Es war eine soziale, nicht bloß politische Revolution mit Massenbasis. Sie war außerdem längst nicht auf Deutschland beschränkt, sondern eingebettet in einen globalen Revolutionszyklus, der sich – so wie Revolutionen historisch häufig mit Kriegen, insbesondere verlorenen Kriegen korrelieren – geografisch von Irland und dem Aufstand gegen die britische Kolonialherrschaft (1916) bis nach Zentralasien zog, wo im Februar 1917 die Usbeken, Kirgisen, Turkmenen und Kasachen sich weigerten, die zaristische Wehrpflicht zu befolgen.

Die Mär vom »Spartakusaufstand« wirkte aber bis in die 1930er und 1940er Jahre fort: Anknüpfend an die »Dolchstoßlegende«, mit der die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg als Folge einer »jüdisch-bolschewistischen Verschwörung« des inneren Feinds dargestellt wurde, sei es in den Jahren 1944/45 »erneut« darum gegangen, eine sozialistische Revolution im Hinterland der nach außen Krieg führenden Nation zu verhindern. Diese auch als Novembersyndrom bezeichnete Bezugnahme der Nazis auf die Revolution von 1918 wurde nach der Befreiung vom Faschismus und im Kalten Krieg von der nationalkonservativen Historiografie der BRD in die Erzählung transformiert, die Weimarer Republik sei nicht durch die 1918 eingeleitete Konterrevolution und das SPD-Bündnis mit den reaktionären alten Eliten zu Grabe getragen, sondern von links wie von rechts erdrückt worden. Erst ab den 1960er Jahren entdeckte eine neue Generation an Historiker*innen das demokratische Potenzial der Rätebewegungen und stellte andere Fragen an die Geschichte dieser Revolution.

In der kommunistischen Geschichtsschreibung wiederum erschienen Luxemburg und Liebknecht als die großen Führer*innen eines Aufstandes gegen den Verrat der SPD an der Revolution und ihr Bündnis mit den Kräften des alten Regimes. Der Aufstand im Januar 1919 sei lediglich verloren worden, weil eine straff hierarchisch aufgebaute kommunistische Kaderpartei fehlte. Keine zwei Wochen nach ihrer Gründung stellte die KPD eine solche revolutionäre Organisation einfach noch nicht dar. Und weil es in der kommunistischen Geschichtsschreibung verlorene sozialistische Revolutionen nicht geben durfte, galt die Novemberrevolution fortan als bürgerliche Revolution mit proletarischen Mitteln.

Tatsächlich aber hatte Luxemburg einen solchen Bürgerkrieg abgelehnt. Sie misstraute dem parlamentarisch orientierten Evolutionismus der »Zentristen« um Karl Kautsky, der schon vor dem Ersten Weltkrieg die Parole ausgegeben hatte, die SPD sei »eine revolutionäre, aber keine Revolution machende Partei«. Luxemburg erkannte auch den von Antonio Gramsci später so genannten Trasformismo, den Prozess der Einschreibung und Kooptation der sozialdemokratischen Opposition ins bestehende Herrschaftssystem. Die SPD wie die Gewerkschaften waren ihm im Zuge ihrer Institutionalisierung unterlegen. Es war genau dieser Prozess, der die Parteiführung 1914 mit dem Antikriegsinternationalismus der sozialistischen Bewegung brechen ließ; und es ist dieser Prozess, der verstehen hilft, warum die SPD und die Gewerkschaften mit ihren Millionen Mitgliedern so lange den Burgfrieden mit dem Ancien Régime aufrechterhielten, obwohl der Krieg an der Heimatfront hegemoniepolitisch – nicht zuletzt aufgrund der katastrophalen Ernährungslage, die schon 1915 zu »Butterkrawallen« geführt hatte – schon 1916 verloren war.

Die großen Massenstreikbewegungen ab Juni 1916 bis letztlich zum 9. November 1918 unterstrichen diesen Zusammenhang. Aus ihnen zog Luxemburg ihre Hoffnungen auf eine Überwindung des Kapitalismus und des imperialistischen Krieges sowie auf eine sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft. Sie setzte ihr Vertrauen in die Spontaneität der demokratisch-aktivierten und zu aktivierenden Massen. Den Übergang zum Sozialismus aber stellte sie sich unter anderem auf dem Weg von entschädigungsbasierten Enteignungen vor. Sie schätzte wohl richtig ein, dass die Revolution im kapitalistisch entwickelten Westen mit seinen größeren Möglichkeiten der politischen Integration sowie den Gewaltressourcen des Staates sich anders würde entwickeln müssen als unter den Bedingungen des autoritären zaristischen Staates durch eine leninistisch-verschwörerische Avantgardepartei (vgl. Demirović und Pieschke in diesem Heft). Zwar wäre Luxemburg einem revolutionären Bürgerkrieg nicht ausgewichen und hätte, wenn er alternativlos die Aussicht auf eine Vertiefung der Revolution geboten hätte, ihn auch entschlossen geführt (vgl. Brie in diesem Heft). Aber als sich Liebknecht dem Aufruf der Revolutionären Obleute am 6. Januar 1919 zum Generalstreik und zum Sturz der »Regierung Ebert/Scheidemann« anschloss, stellte sie sich gegen ihn. Trotzdem wurde sie ermordet und trotzdem starb sie im herrschenden Geschichtsnarrativ als Bolschewistin.

Der Verlauf der Ereignisse im Januar 1919 hing aber weder von Luxemburg noch von Liebknecht ab; das historische Geschehen von der Massenmobilisierung der Berliner Arbeiter*innen, den Besetzungen des Zeitungsviertels und der Bahnhöfe, vom Einsatz militärischer Gewalt bis hin zu den Massakern gegen die Revolutionäre hätte sich – auch wenn ihre Dämonisierung die Hemmschwellen der militärischen Gewalt reduziert haben dürfte – wohl in ähnlicher Weise vollzogen. Dem am 5. Januar gebildeten Revolutionsausschuss gehörten mit Liebknecht und Wilhelm Pieck nur zwei Vertreter der KPD an. Die protestierenden Massen standen politisch hinter der USPD. Gegenüber den rund 300 Anhänger*innen der KPD konnte sie allein in Berlin auf bis zu 200 000 Anhänger*innen zählen. Nach der massiven Gewalt während der Weihnachtskämpfe 1918 und der – von der SPD angeordneten – Entlassung ihres Polizeipräsidenten Emil Eichhorn am 4. Januar 1919 aber radikalisierte sich auch die USPD.

Luxemburg hat im geschichtlichen Rückblick Recht behalten, was sie jedoch das Leben kostete. Sie starb aufgrund der herrschenden Kräfteverhältnisse: Die erodierte Hegemonie machte eine Revolution nötig und der Sozialismus hatte zu diesem Zeitpunkt als gesellschaftliche Stimmung noch eine Massenbasis, aber die Einbindung der SPD und ihr entsprechendes Bündnis mit dem Ancien Régime ließen eine solche Umgestaltung nicht zu. Am besten ausgedrückt hat dies vielleicht der deutsche Schriftsteller Arnold Zweig (1919, 75), der in seinem Text »Grabrede auf Spartacus« Luxemburg nach ihrer Ermordung als Trägerin einer unabgegoltenen (Zukunfts-)Idee beschrieb:

»Antipodisch zur Gewalt, siegt die Idee, indem sie ihre eigenen Träger opfert […]. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg: neben den Toten des Dezembers und Januars liegen ihre Leichen im Grundbau der deutschen Republik, der sozialistischen Freiheit. Sie wird Großes zu leisten haben, um dieser Toten wert zu sein.«

Das geht aber zu weit!

Nach dem Ersten Weltkrieg mit seinen Millionen Toten stand der Sozialismus auf der Tagesordnung. Die aus der Enttäuschung über die bisherige Bilanz geborene so genannte »zweite Revolution« konnte ab Frühjahr 1919 mit ihren Forderungen (Demokratisierung der Staatsapparate, Fürstenenteignungen, betriebliche Mitbestimmung, Sozialisierungsmaßnahmen, Übergang zu einer sozialistischen Produktionsweise, aber auch kulturelle, sexuelle und künstlerische Emanzipation) auf eine breite sozialrevolutionäre Massenbasis zählen. Dieser Impuls, nun auch weiterzugehen, um nicht nur die Ergebnisse der Revolution zu sichern, sondern mit ihr weiter voranzukommen, lässt sich auch innerhalb der Gewerkschaften und ihren Diskussionen zu Grundlagen einer neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung wiederfinden.

In ihrem festen Entschluss, ein revolutionäres »Weitergehen« in diese Richtung zu verhindern, setzte die Weimarer Koalition die konterrevolutionäre Gewalt jedoch erst frei. Während des Generalstreiks im März 1919, an dem sich rund eine Million Beschäftigte aus den Berliner Betrieben beteiligten, töteten im Bezirk Lichtenberg Freikorpstruppen im Auftrag der Regierung mindestens 1 200 Arbeiter*innen, zumeist ohne Urteil. Sie wurden oft einfach gelyncht. Dieser beispiellose Akt war begleitet durch eine sagenhafte Lügenpropaganda, inklusive der Behauptung, dass die Flugzeuge, mit denen die Regierung die Herzkammer der Revolte im Osten Berlins bombardierte, in Wirklichkeit von Spartakisten geflogen würden. Aber nicht nur in Berlin, auch bei der militärischen Niederschlagung der Bayrischen Räterepublik wurde bis dahin unvorstellbare Gewalt gegen die eigene Bevölkerung angewendet. Die meisten starben auch hier bei nachträglichen Erschießungen und Mordaktionen, die zu weit über 90 Prozent Regierungstruppen verübten. Diese durch Gustav Noskes Ausnahmezustand staatlich legitimierte Vernichtungsgewalt, die im Namen der Staatsräson, gegen Chaos für Ruhe und Ordnung und vor allem gegen dämonisierte Minderheiten und den politischen Gegner verübt wurde, nahm in den Augen von verschiedenen Historiker*innen die Gewalt der Nazis vorweg.

Das Verhalten der »Regierungssozialisten« trug maßgeblich dazu bei, die fatale Spaltung der Arbeiterbewegung in Sozialdemokratie und Kommunisten endgültig zu machen.

»Die Sozialdemokraten Ebert und Noske hatten in den Jahren 1918/19 die spartakistischen Aufstände nur mithilfe der kaiserlichen Generale niederschlagen können. Seit dieser Zeit ging ein tiefer Graben durch die deutsche Arbeiterschaft, und dieser Graben war mit Blut gefüllt. Er konnte in der Folge nicht mehr zugeschüttet werden«,

meinte etwa Wilhelm Hoegner (1945, 22).1 Und auch Zeitgenossen wie der linke Sozialdemokrat Heinrich Ströbel (1919, 275) – wegen seiner Kritik am Burgfrieden 1916 als Chefredakteur des Vorwärts entlassen und bis 4. Januar 1919 Mitglied des Preußischen Revolutionskabinetts – brachten früh ihre Verzweiflung über diese Spaltung zum Ausdruck:

»Der Fehler ist […], daß die Regierung mit ihren Zugeständnissen viel zu spät gekommen ist. Den guten Willen zur Sozialisierung hätte sie schon vor Monaten beweisen müssen. Hätte sie damals die Gruben, die Monopolbetriebe und die andern für den Gemeinbetrieb reifen Betriebe verstaatlicht, so hätte sie schweres Mißtrauen beschwichtigt, verheerende Streiks verhindert und dem Bolschewismus den Wind aus den Segeln genommen.«

Was Ströbel und andere indes nicht wissen konnten, war, dass das verhängnisvolle Zusammengehen von Ebert mit den alten Eliten der kaiserlichen Armee ein Weitergehen ausgeschlossen hatte, dass erschossen werden würde, wer es versuchte.

Der daraus hervorgegangene anhaltende Hass der beiden Flügel der Arbeiterbewegung aufeinander machte die Sozialfaschismusthese der KPD nach ihrer Bolschewisierung 1928 genauso möglich wie die »Rot-gleich-braun«-Rechnung in der SPD. Nachdem sie 1920 noch den Kapp-Putsch besiegt hatten, verhinderten beide Positionen, dass die Arbeiterbewegung die Machtübergabe an Hitler hätte aufhalten können. Sie bekämpften sich jetzt stärker gegenseitig als den gemeinsamen Feind. Ab 1933 saßen sie in denselben Konzentrationslagern.

 

Literatur

  • Hoegner, Wilhelm (alias Rudolf Ritter), 1945: Lehren der Weimarer Republik, in: Schweizer Monatshefte 25, H. 1, 14–34
  • Ströbel, Heinrich, 1919: Moskau gegen Weimar, in: Die Weltbühne, 15/1. und 2. Hj., 273–279
  • Zweig, Arnold, 1919: Grabrede auf Spartacus, in: Die Weltbühne, 15/1. und 2. Hj., 75–78

Anmerkungen

  1. Hoegner war von 1945 bis 1946 und erneut von 1954 bis 1957 sozialdemokratischer Ministerpräsident Bayerns.[]