| Für eine Demokratisierung der Klassentheorie

Januar 2018  Druckansicht    Druckansicht
Von Ariel Salleh

Die vielfältigen Formen des Widerstands im Zeitalter der Globalisierung und der ökologischen Krise legen nahe, dass nicht länger das Industrieproletariat das ›Subjekt der Geschichte‹ ist, sondern die Arbeiter*innen der sogenannten Meta-Industrien. Was das genau bedeutet, möchte ich erläutern, ohne mich in langer Exegese und kleinlicher Abgrenzung von anderen Klassendefinitionen zu verlieren. Marx selbst verzichtet darauf, den Begriff der Klasse eindeutig auszubuchstabieren, wie unter anderem Bertell Ollman (1993) argumentiert, sondern verwendet ihn je nach politischem Kontext. Dieser strategische Zugang ermutigt mich, heute von einer ›meta-industriellen Klasse‹ zu sprechen. Wobei ich Klasse als ein materielles Verhältnis und den bewussten Zusammenschluss von Menschen verstehe, die eine ähnliche Position im System von Produktion und Reproduktion innehaben.

Diese Position stellt ein verkürztes marxistisches Klassenverständnis infrage, das Produktionsarbeit priorisiert, während es soziale und ökologische Reproduktionsarbeit vernachlässigt. Die meisten Kapitalismusanalysen konzentrieren sich bisher auf den weißen männlichen Lohnarbeiter, während Reproduktionsarbeit als supplementär gilt, als Terrain unbezahlter Arbeit, die von weiblichen Hausangestellten und Care-Arbeiter*innen, Kleinbäuer*innen oder indigenen Jäger- und Sammler*innen verrichtet wird. Diese meta-industriellen Gruppen werden außerhalb des ökonomischen Systems stehend verortet. Im globalisierten Kapitalismus des 21. Jahrhunderts stellen sie aber faktisch die Mehrheit der Arbeiter*innen.

Die Meta-Industriellen

Die meta-industriellen Arbeiter*innen als das heutige ›Subjekt der Geschichte‹ zu begreifen, gründet auf sechs miteinander verbundenen Annahmen:

In den dominanten Diskursen unserer Gesellschaft, von Religion bis Ökonomie, werden reproduktive Arbeiten kulturell abgewertet und ideologisch als ›primitiv‹ an der Schnittstelle zwischen Mensch und Natur verortet.

Die meta-industriellen Arbeiter*innen reproduzieren jedoch die notwendigen biologischen Infrastrukturen und Grundlagen für alle Wirtschaftssysteme. Mit der kapitalistischen Globalisierung werden diese Arbeiten unter Bedingungen verrichtet, die zunehmend zulasten unserer materiellen Lebensgrundlagen gehen.

Phänomenologisch betrachtet haben Hausarbeit, Landwirtschaft oder auch das Sammeln und Jagen eine besondere ökologische Qualität, als menschliche Versorgungsarbeit, die in Stoffwechselverhältnissen zur Natur steht.

In praktischer Auseinandersetzung mit natürlichen Lebensräumen bringt diese Arbeit ein ökonomisches und ökologisches Laienwissen hervor – einen praxiserprobten und ›gestaltgewordenen‹ Materialismus.

Die globalisierungskritischen Bewegungen und die internationalen Foren der Basisbewegungen haben gezeigt, dass es trotz kultureller Differenzen ein gemeinsames materielles Interesse gibt, das kapitalistische Konzept von Entwicklung fundamental infrage zu stellen.

In einer geteilten ›meta-industriellen‹ Klassenperspektive können sozialistische, feministische, postkoloniale und ökologische Belange zusammenkommen. Eine synergetische Politik würde klassen- und geschlechterbedingte sowie rassistische Unterdrückung ebenso adressieren wie die Zerstörung unseres natürlichen Lebensraums.

Gesellschaftliche Naturverhältnisse werden sowohl in internationalen Beziehungen als auch in akademischen Theoriedebatten zunehmend zum Thema. Geopolitik wird mehr und mehr zu ›Ökopolitik‹. Obgleich Ökomarxist*innen, Sozialökolog*innen und Tiefenökolog*innen jeweils wertvolle Interpretationen liefern, sind viele Debatten über das Mensch-Natur-Verhältnis von Unverständnis geprägt. Zwar haben Statistiken der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) längst bestätigt, dass die selbstständigen meta-industriellen Arbeiter*innen für die Infrastrukturen des globalen Kapitals unverzichtbar sind. Dennoch bleiben meta-industrielle Ökonomien und ihre ausgefeilten Verfahren des Ressourceneinsatzes im eurozentristischen Blick und in den Programmen der Weltbank oder in der UN-Klimapolitik faktisch unsichtbar.

Auf Weltsozialforen und den UN-Klimakonferenzen erfahren soziale Bewegungen, die sich gegen die ökologische Krise der neoliberalen Globalisierung wehren, kaum akademische Unterstützung. Peter Dickens (1996) sieht die Schwierigkeiten, das Mensch-Natur-Verhältnis zu denken, auch als eine Folge industrieller Arbeitsteilung, die zu einer Fragmentierung von Wissensformen führe und vielen Menschen das Gespür für ihre eigene gesellschaftliche Natur genommen habe. Umweltzerstörung ist eine Folge dieser Entkopplung. Das abstrakte professionelle Wissen wird in modernen Arbeitsprozessen zunehmend fetischisiert, ob in den Informationstechnologien, der Gentechnik, in staatlicher Politik oder in der Umweltökonomie. Im Kapitalismus wird Expertise als Ware gehandelt, losgelöst von ihrer materiellen Grundlage und ihrem gesellschaftlichen Gebrauchswert.

Natur und reproduktive Arbeit

Materialistische Ökofeministinnen wie Maria Mies (1996) und Vandana Shiva (1995) betonen das komplexe Zusammenspiel von Ökonomie, Sexualität, Rassismus und Umwelt und kritisieren die eurozentristische Hegemonie, die bestimmte Formen des Wissens privilegiert. Sicher, auch marxistische und ökosozialistische Analysen der Kommodifizierung der Natur nehmen die Frage des Mensch-Natur-Metabolismus in den Blick. Der Ökofeminismus verschiebt jedoch darüber hinaus die Aufmerksamkeit von der Produktion zur Reproduktion von wirtschaftlichen Beziehungen, kulturellen Praxen und biologischen Prozessen. Die marxistische Arbeitswerttheorie, die untersucht, wie soziale Beziehungen unter den Bedingungen kapitalistischer Produktionsverhältnisse ausgehandelt werden, gibt hier Anregungen, arbeitet die Funktion reproduktiver Arbeit aber nicht genügend aus. In der Hausarbeitsdebatte der 1970er Jahre haben sozialistische Feministinnen den zentralen Stellenwert reproduktiver Arbeit in der auf Mehrwert beruhenden kapitalistischen Akkumulation herausgearbeitet, wurden jedoch weitgehend ignoriert. Zudem blieben auch sie einer Vorstellung von industriellem Wachstum als Bedingung für Umverteilung verhaftet. Die Umweltkrise und die postkolonialen Bewegungen haben seither die Agenda und das Terrain emanzipatorischer Kämpfe erweitert und ein Ringen um Gleichheit mit dem um kulturelle Vielfalt und ökologische Nachhaltigkeit verknüpft.

Das Konzept einer meta-industriellen Klasse widersetzt sich entsprechend herrschenden soziologischen Vorstellungen von Geschlecht, Klasse und Ethnizität: In allen Gesellschaften übernehmen alle Frauen und Männer im Laufe ihres Lebens reproduktive Tätigkeiten (wirtschaftlicher, kultureller oder biologischer Art). Es geht nicht darum, ›Mutterschaft‹ oder ›die edlen Wilden‹ zu romantisieren. Mein Fokus ist ganz klar materialistisch. So bringen beispielsweise die selbstverwalteten Wirtschaftssysteme der Aborigines ein Laienwissen hervor, das nicht nur ökologisch wertvoll ist, sondern auch sozial kreativ. Diese Ökonomien dienen nicht nur der Subsistenz, sondern auch dem kollektiven Lernen. Sie befördern breite Teilhabe und stärken kollektive Rituale und Zugehörigkeiten. Auf diese Weise können manche indigenen Gesellschaften mit nur drei Stunden Arbeit am Tag einen hohen Lebensstandard erreichen. Demgegenüber fressen moderne Technologien und Strukturen der ›Bedürfnisbefriedigung‹ – seien es Bürokratien oder privater Personenverkehr – unendlich viel Zeit und Energie und machen oftmals genau die Annehmlichkeiten zunichte, für die sie geschaffen wurden.

Während reproduktive Arbeit eine Art metabolischer Brücke zwischen menschlichen und natürlichen Kreisläufen darstellt, verläuft produktive Arbeit eher ›linear‹, ist auf ein Ziel gerichtet, das ungeachtet möglicher Kollateralschäden verfolgt wird – sei es im Agrobusiness, im Bergbau, in der Warenproduktion oder in den Laborwissenschaften. Die instrumentelle Vernunft gerät in Konflikt mit den äußerst komplexen Mustern des materiellen und energetischen Austauschs mit der Natur, was wiederum menschliches Leid und Armut zur Folge hat.

Ich bin überzeugt, dass die materielle Basis für einen Sozialismus des 21. Jahrhunderts bereits da ist: Sie existiert in den unzähligen meta-industriellen Praxen überall auf der Welt, die nicht von Markt oder Staat vereinnahmt sind. Während sich indigene und Bauernbewegungen im globalen Süden auf Modelle des »Buen Vivir« (vgl. auch LuXemburg 2/2010) beziehen, entstehen im globalen Norden Ansätze bioregionaler Ökonomien nach dem Commons- oder Subsistenzprinzip, etwa lokale Tauschsysteme oder sogenannte Ökodörfer. Dort, wo reproduktive Tätigkeiten und das dazugehörige Laienwissen physisch zwischen Mensch und Natur vermitteln, ist der beste Ausgangspunkt für eine ökologisch bewusste Klassenpolitik. Hier könnten die Strategien von ökologischen, feministischen, postkolonialen und sozialistischen Bewegungen eine gemeinsame Grundlage finden.

Die wachsende Bedeutung von meta-industriellen Arbeiter*innen in der globalisierungskritischen Bewegung, ihr Status als größte Fraktion der Arbeitenden, ihre Schlüsselfunktion im kapitalistischen Akkumulationsregime und ihre einzigartigen Modelle der nachhaltigen Versorgung – all das macht sie gegenwärtig zum ›Subjekt der Geschichte‹. Zu behaupten, sie konstituierten bereits eine eigene Klasse, wäre jedoch vermessen.

Der Text erschien zuerst auf dem Blog Progress in Political Economy (PPE).

Aus dem Englischen von Britta Grell

 

Literatur

  • Dickens, Peter, 1996: Reconstructing Nature: Alienation, Emancipation, and the Division of Labour, London
  • Mies, Maria, 1996: Patriarchat und Kapital. Frauen in der internationalen Arbeitsteilung, Zürich
  • Ollman, Bertell, 1993: Dialectical Investigations, New York
  • Salleh, Ariel, 1997: Ecofeminism as Politics: Nature, Marx, and the Postmodern, London
  • Shiva, Vandana, 1995: The Enclosure and Recovery of the Commons: Biodiversity, Indigenous Knowledge, and Intellectual Property Rights, Perth