| Das Recht, Nein zu sagen. Ernährungssouveränität als feministische Strategie und Praxis

Mai 2018  Druckansicht    Druckansicht
Von Christa Wichterich und Kalyani Menon-Sen

Bei der Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation (WTO) in Buenos Aires
 im vergangenen Jahr erklärten Hunderte Menschenrechtsorganisationen: »Basta ya! WTO: Wir wollen Souveränität.« Besonders brisant war die Ablehnung durch mehr als 160 Frauenrechtsorganisationen vor allem aus dem globalen Süden. Denn ein offizielles Ziel der Konferenz war das wirtschaftliche Empowerment von Frauen durch deren Einbindung in Wertschöpfungsketten, Unternehmertum und Handel. »Pink washing« nennen das die Kritikerinnen, die ihre lokalen Lebensgrundlagen (livelihoods) durch die Freihandelsregeln bedroht sehen.

Das Recht, Nein zu sagen, wurde auch auf dem People’s Climate Summit formuliert, der parallel zur Klimakonferenz im November 2017 in Bonn stattfand: Nein zu Entwicklungsprojekten,1 die dem globalen Süden aufoktroyiert werden, regionale Ökonomien und lokale Biosphären zerstören und zudem durch CO2-Emissionen den Klimawandel befeuern. Denn nach einer Phase der Skepsis gegenüber Megaprojekten wie Großstaudämmen und der »Grünen Revolution« ist das »Thinking big« zurückgekehrt: Im Zuge des »Marshallplan
mit Afrika«, Chinas neuer Seidenstraße und Entwicklungskorridore entstehen transnationale Infrastrukturen und Verflechtungen über die Köpfe und livelihoods lokaler Bevölkerungen hinweg, die im globalen Norden als Bekämpfung von »Fluchtursachen« präsentiert werden.

Ein zentrales Paradigma von Entwicklungssouveränität ist Ernährungssouveränität. Sie umfasst zweierlei: zum einen den Widerstand gegen die Hegemonie westlich-kapitalistischer Entwicklungsstrategien, zum anderen Autonomie auf der Ebene der Communities. Dies umfasst die Verfügung über Land, Wasser und Energie, die Unabhängigkeit von genmanipuliertem Saatgut und Agrochemie und von industrieller Verarbeitung und Vermarktung. David gegen Goliath. Small is beautiful.

Von der weiblichen Landwirtschaft zur Ernährungssouveränität

Mit dem Konzept der Ernährungssouveränität sind vor Ort unterschiedliche Inhalte und Interessen verknüpft. Seine produktive Basis ist die kleinbäuerliche Landwirtschaft, die in der Agrarökonomie seit den 1970er Jahren mitunter auch »weibliche« Landwirtschaft genannt wird. Sie zielt primär auf regionale Selbstversorgung und nicht auf Export. Frauen sind hier zentral, sie agieren auf Feldern, in Küchengärten und auf lokalen Märkten, wenden traditionelle oder neue Methoden an. In diesem Modell genießen Frauen nicht nur Wertschätzung, weil sie das Essen auf den Tisch bringen. Sie verfügen über lebenswichtiges Wissen, verwalten und tauschen Saatgut, sammeln wildes Gemüse, können Lebensmittel konservieren. Sie leisten die alltägliche Reproduktionsarbeit für ihre Familien und lokalen Gemeinschaften.

Wo diese Produktionsweise durch monokulturellen, industriellen Cash-Crop-Anbau abgelöst wird, wo Mechanisierung und Agrochemikalien Einzug halten, bekommt die Landwirtschaft ein maskulines Profil. Ebenso, wenn Land zum Privateigentum wird. In der modernen Agrarwirtschaft gelten kapitalistisch dominierte Produktions-, Eigentums- und Marktformen als überlegen. Das bedeutet eine Abwertung von Arbeitsleistung und Wissen der Kleinbäuerinnen und geht mit der Enteignung von Saatgut, Biodiversität, Wasser und Land einher. Deshalb lehnen viele Frauen die Einbindung in Entwicklungsprojekte und transnationale Wertschöpfungsketten ab. Die Marktkräfte nehmen ihnen das Heft aus der Hand und liefern sie neuen, undurchschaubaren Abhängigkeiten aus.

Das Ziel der Ernährungssouveränität bietet eine Alternative zu diesem industriell-bio-ökonomischen Komplex. Es ist als Handlungsstrategie für Frauen attraktiv, weil es ihre Arbeit – bezahlte und unbezahlte – anerkennt und mehr Gerechtigkeit verspricht. Es ist ein agrarökonomisches und gleichzeitig ein basisdemokratisches und bewegungspolitisches Konzept, das lokale Praktiken und Kämpfe zusammenführt.

Ein gemeinsames »wir« gegen den patriarchal-kapitalistischen Komplex

Das Netzwerk La Via Campesina, in
dem Kleinbäuer*innen, Viehzüchtende, Fischer*innen, Pastoralist*innen und Landarbeiter*innen organisiert sind, tritt für Ernährungssouveränität ein und setzt auf grenzüberscheitende Solidarität. Da die agrar- und tiermastindustrielle Produktion hochgradig transnational organisiert ist, kooperiert auch La Via Campesina auf allen Kontinenten mit regionalen bäuerlichen Initiativen, Verbraucher*innen, Menschenrechts- und Biolandbauorganisationen sowie mit dem Informations- und Aktionsnetzwerk FIAN, das in 40 Ländern aktiv ist. Im Zentrum stehen diejenigen, die kleinbäuerliche Landwirtschaft betreiben und deren lokales Wissen von modernen Ernährungsregimen ignoriert wird, vor allem Frauen und Indigene. Weil die Bewegung für Ernährungssouveränität von Beginn an feministisch geprägt war, bezeichnen sich die Frauen von La Via Campesina 2013 in ihrem internationalen Manifest selbstbewusst als »Bäuerinnen dieser Welt«. Diese Identität als Kleinbäuerinnen ist für
die Frauen politisch-analytisch und strategisch bedeutsam, um die Verwobenheit von patriarchaler und kapitalistischer Herrschaft in den Blick zu rücken. Genau hier liegt das Spezifikum des feministischen Ansatzes der Ernährungssouveränität.

Die Kritik am hegemonialen Ernährungsregime zielt insbesondere auf genmanipuliertes Saatgut, auf Freihandelsabkommen
und auf Land Grabbing. Hybrid- und genmanipuliertes Konzernsaatgut ist neben dem Einsatz von Agrargiften, neuen Gentechniken wie GMO 2.0 und molekularbiologischen Methoden ein Strukturelement der wachstums- und profitorientierten Agroindustrie, die das Reproduktive und die damit verbundene Anerkennung von Frauen in kleinbäuerlichen Agrarregimen aushebelt. Freihandelsabkommen mit Patentrechten (TRIPS) und Investitionsschutz stützen marktbeherrschende Giganten wie Bayer-Monsanto und ChemChina-Syngenta und enteignen lokale Produzent*innen. Großflächiges Land Grabbing, der Anbau von Agrarspritpflanzen und Ressourcenextraktivismus bedeuten nicht nur Landverlust und Vertreibung, sondern auch die Entwurzelung lokaler Ernährungsregime und die Schwächung der Kleinbäuer*innen – auch da, wo die Modernisierung mit dem Versprechen von Jobs, Infrastruktur und dem Empowerment von Frauen als Marktteilnehmerinnen daherkommt.

Der Abwehrkampf vieler Kleinbäuerinnen birgt auch Potenzial für Konflikte mit ihren Männern. Denen wird durch Agrarberater
der Regierung häufig kommerzielles Saatgut angeboten, verbunden mit dem Versprechen auf satte Verdienste, wenn sie Monokulturen von sogenannten Flex-Crops wie Zuckerrohr, Palmöl oder Soja, die kommerziell vielfältig nutzbar sind, anbauen. So pflanzten in Burkina Faso viele Bauern auf Wunsch der Regierung Baumwolle an und verkleinerten die Felder der Frauen für dieses vermeintlich lukrativere Vorhaben. Viele Frauen pflegten in den Küchengärten aber weiter einen Mischanbau, der letztendlich die Versorgung absicherte, als die Weltmarktpreise für Baumwolle in den Keller gingen. Eine ähnliche Erfahrung machten Kleinbäuerinnen in Tansania, die in einer subversiven Aktion Bananenstauden und Kohl zwischen Kaffeesträucher pflanzten, obwohl die Regierung den Mischanbau auf Exportfeldern verboten hatte.

»Wir wollen uns nicht mehr vorschreiben lassen, was wir anzubauen haben.« Die kenianische Aktivistin Esther Bett fordert Anbausouveränität statt Unterwerfung unter die Handelsdiktate der sogenannten Economic Partnership Agreements (EPA) zwischen der EU und Afrika. Diese verdrängen kleine lokale Produzent*innen, verhindern den Aufbau einer afrikanischen Verarbeitungsindustrie und verursachen damit auch Migration.

»Food for the stomach and
 food for the soul«

Der von den Lateinamerikanerinnen in La
Via Campesina formulierte »feminismo campesino y popular« richtet sich gegen die Gewalt des Neoliberalismus ebenso wie gegen die Gewalt des Patriarchats. Ein Herzstück ihrer Identitätskonstruktion ist der spezifische Bezug aufs Land. Es ist für sie »mehr als ein Produktionsmittel […] Es ist Lebensraum, Kultur, Identität, ein emotionales und spirituelles Umfeld […] keine Ware, sondern fundamentaler Teil unseres Lebens«.2 Im Unterschied zu liberal-feministischen Ansätzen geht es hier meist nicht um individuelle Besitztitel für Frauen, sondern um kollektive Landrechte.

In indigenen Kulturen sind Land und Boden mit dem Topos der »Mutter Erde« verknüpft. Die guatemaltekischen Bäuerinnen, die in ihren Küchengärten ineinander gedrehte Spiralen von Mais und Süßkartoffeln anlegen, bindet eine Mischung aus pragmatischem Überlebenswillen, Ahnenkult und Naturphilosophie an das Land und die Biodiversität. Das Land gilt als jahrhundertealtes Erbe der Vorfahren, das man nicht durch Verkauf von sich abspalten darf, sondern als Garant des »guten Lebens« in der Gemeinschaft halten muss. Für WoMin, ein im südlichen Afrika aktives Frauennetzwerk »gegen zerstörerische Ressourcenextraktion«, ist die Umwandlung von gemeinschaftlich verwaltetem Land in Privateigentum ein historischer Sündenfall: »Wer uns das Land unserer Vorfahren nimmt, nimmt uns unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere Würde.«3

Die Bäuerinnen von La Via Campesina betrachten ihre Arbeit selbstbewusst als wertschöpfende Tätigkeit, die den genetischen Bestand nicht nur erhält, sondern produktiv weiterentwickelt. Traditionelles Wissen wie etwa Kenntnisse über Nährwert und Heilkräfte lokaler Pflanzensorten konstituieren Lebensräume und sichern das Überleben.

Auf dieser Basis fordern sie Partizipation und Entscheidungsmacht auf allen Ebenen des Ressourcenmanagements und der Landwirtschaftspolitik. Diese Ansprüche kollidieren mit der ganz alltäglichen sexuellen Gewalt, denen Bäuerinnen in traditionellen Gemeinschaften unterworfen sind. Darum führen die Via-Campesina-Bäuerinnen seit ein paar Jahren eine Kampagne gegen häusliche Gewalt und kämpfen auch gegen den Sexismus der Männer in ihrem eigenen Netzwerk.

Fallbeispiel Indien: Selbstversorgung durch Synergie der Abgewerteten

Wie Ernährungssouveränität in einem spezifischen lokalen Kontext alltäglich umgesetzt wird, zeigt das Beispiel der Mahila Samatha Society (MSS), ein Zusammenschluss von Frauengruppen im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh. Das Hauptziel der Dalit- und Adivasi-Frauen4 in der MSS ist die Selbstversorgung mit Grundnahrungsmitteln. In der dürregeplagten Region mussten sich viele Familien verschulden. Für den Kauf von Nahrungsmitteln verpfändeten sie ihre Arbeitskraft, um zumeist auf den Feldern von Großgrundbesitzern ihre Schulden abzuarbeiten. Dabei erhielten die Frauen nur ein Drittel des Lohns der Männer.

In den MSS-Gruppen analysieren die Frauen das von Männlichkeit und Konzernmacht geprägte Entwicklungsmodell. Aus ihrer Perspektive stützt sich die Herrschaft des lokalen Patriarchats auf die Unterwerfung und Ausbeutung von Frauenarbeit, Frauenkörpern und Natur. Alle drei werden als unbeschränkt verfügbare Ressourcen betrachtet. Die Frauenarbeit auf den Feldern und die Kinderarbeit im Baumwollanbau stellen die Grundlage der agrarrohstoffbasierten Landwirtschaft dar. Zugleich werden die Frauen vom Zugang zu Technik ausgeschlossen.

Die verflochtenen Hierarchien von Kasten, Klassen, Geschlechtern und Religionen bestimmen über Macht und Ohnmacht von Frauen und strukturieren zugleich die Ernährungsregime. Die Agrarpolitik der Regierung stützt die Privilegien der Großgrundbesitzer durch Steuerbefreiung oder Wasserversorgung. Brachland wird als Bauland oder für Industrieansiedlungen vergeben. Gleichzeitig geht die Regierung nicht gegen Kinderarbeit vor und toleriert sexuelle Gewalt gegen Landarbeiterinnen; sie setzt weder das Recht auf gleiche Löhne noch das auf Landbesitz im Namen beider Eheleute durch. Die politische Parteinahme für die grundbesitzende Klasse unterminiert die auf Bioressourcen basierenden livelihoods der Armen und verfestigt bestehende Ungleichheiten und Dominanzverhältnisse.

In ihren Alltagskämpfen nehmen die MSS-Gruppen eine intersektionale Perspektive ein, um Kontrolle über ihren Körper, ihre Sexualität, ihr Reproduktions- und Arbeitsvermögen, ihre Mobilität etc. zu erlangen. Einzelmaßnahmen wie Mikrokredite für Saatgut oder Pestizide helfen ihnen nicht aus der komplexen Situation der Unterdrückung heraus. Dagegen verfolgen sie eine »Equal-Earth-Strategie«. Frauenarbeit und Brachland werden als unterbewertete und zugleich hochproduktive Ressourcen begriffen. Das Frauenkollektiv pachtet Brachland, um es gemeinsam und selbstbestimmt zu bewirtschaften. Damit werden dem kapitalistisch-patriarchalen System gleich zwei Ressourcen entzogen und souverän und produktiv angeeignet.

Um »Mutter Erde« als Gemeingut zu schützen und um mit den widrigen Klima- und Bodenbedingungen zurechtzukommen, verwenden die Frauen neue Techniken der Bebauung, Feuchtigkeitskonservierung
und Vermikompostierung. Sie brechen das Tabu, dass Frauen nicht pflügen dürfen, und erstellen Saatgutbanken mit alten Sorten. Saatgutsouveränität ist in dem von Monsanto-Agrochemie beherrschten Bundesstaat Andhra Pradesh eine zentrale Forderung. Mit ihrem über Versteigerungen oder die lokale Vermarktung ihrer Agrarprodukte erzielten Einkünften finanzieren sie ein neues Common: einen eigenen Notfallfonds zur kollektiven Absicherung der MSS-Frauen, die auf keinerlei wohlfahrtsstaatliche Unterstützung zurückgreifen können. Inzwischen gehören MSS-Frauen in zahlreichen Dörfern Komitees zur Erhaltung der Biodiversität an und beteiligen sich mit anderen an der Erstellung von lokalen Biodiversitätsregistern.

Das alles geschieht nicht ohne Konflikte. Der Klasse der Landbesitzer und Händler, die die lokalen Ernährungsregime bestimmen, gehen die Strategien der Entwicklungssouveränität gegen den Strich. Zudem sprechen viele Beamte, Bauern und Konkurrenten auf den lokalen Märkten den Frauen grundsätzlich landwirtschaftliche Kompetenz ab. Trotzdem gelang den MSS-Frauen, durch Commoning einen ernährungssouveränen Raum zu schaffen. Sie konnten ihre Marktabhängigkeit reduzieren, dürreresistente Grundnahrungsmittel wie Hirse und Erdnüsse anbauen und so ihre und die Ernährung ihrer Familien absichern.

Perspektive Zukunftssouveränität

Der Kern dieser Strategien von Kleinbäuerinnen ist nicht eine Idealisierung von Souveränität oder eine Romantisierung von Subsistenz als »traditionelle« Lebensweise. Es geht ihnen um eine Politik der Anerkennung und eine Politisierung der abgewerteten Frauenarbeit. Dabei bilden die Verfechterinnen von Ernährungssouveränität keine homogene Gruppe: Sie vertreten spiritualistische und antimodernistische Positionen, technikfeindliche sowie egalitär-technikfreundliche Ansätze, Buen-vivir- und naturrechtliche Positionen, andere kämpfen gegen neokoloniale Politiken und den westlichen Konzernkapitalismus. Für die meisten ist die Suche nach souveränen Ernährungs- und Entwicklungswegen ein emanzipatorischer Akt. Dieser ermöglicht es, mit Abhängigkeiten und gewaltförmigen Herrschaftsformen zu brechen, sich Ressourcen wiederanzueignen, Kontrolle zurückzugewinnen und die eigene Arbeit und Identität aufzuwerten. Der Erhalt und Aufbau von Alternativen der solidarischen Ökonomie, die die lokalen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen, tragen zudem eine umfassende transformatorische Perspektive in sich, deren Ziel eine »Caring Economy« ist: eine versorgende und sich sorgende Ökonomie.

 

Literatur

La Via Campesina, 2013: Women of Via Campesina International Manifesto, viacampesina.org/en/women-of-via-campesina-international-manifesto-2

 

Anmerkungen

1 Ein wichtiger Bezugspunkt ist das in der Konvention
169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) verankerte Recht indigener Bevölkerungen auf »freie und informierte Zustimmung« sowie selbstbestimmte Prioritätensetzung in Bezug auf Entwicklung und Ressourcennutzung.

2 Alle Zitate stammen, wenn nicht anders angegeben, aus dem Internationalen Manifest von La Via Campesina (2013).

3 Vgl. womin.org.za

4 Dalit werden in Indien sogenannte Kastenlose genannt, Adivasi ist die Selbstbezeichnung der indigenen Bevölkerung.