Carlos Pérez: Wie beurteilen Sie Lulas dritte Amtszeit? Inwiefern unterscheidet sich der heutige „Lulismo“ von der Politik, die ihn vor mehr als zwei Jahrzehnten an die Macht gebracht hat?
Rodrigo Nunes: Bei den Wahlen 2022 trat der beste Präsident der brasilianischen Geschichte gegen den schlechtesten an und gewann mit einem sehr knappen Vorsprung. Das vermittelt einen Eindruck davon, vor welchen Herausforderungen Lula stand, als er sein Amt wieder antrat. Die brasilianische Gesellschaft unterscheidet sich heute stark von derjenigen im Jahr 2003. Die ablehnende Haltung gegenüber der PT und sogar speziell gegenüber Lula ist sehr tief verwurzelt. Im Gegenzug ist die Zustimmung für die Bolsonaristen sehr hoch.
Als Lula also wieder an die Macht kam, tat er dies aus einer deutlich schwächeren Position heraus. Politisch sah er sich mit dem konfrontiert, was gemeinhin als der rechtsgerichtetste Kongress aller Zeiten bezeichnet wird. Wirtschaftlich gesehen verfügte er über nichts, was dem Rohstoffboom von vor 20 Jahren auch nur annähernd geglichen hätte – einem Boom, der es ihm damals ermöglicht hatte, die staatlichen Ausgaben für Sozialprogramme zu erhöhen, ohne die Steuern anzuheben – eine Win-Win-Formel, die die Reichen reicher und die Armen weniger arm machte.
Unter diesen neuen, angespannten Umständen gelang es seiner Regierung, zwei wesentliche Ziele zu erreichen, die als gewissermaßen widersprüchlich angesehen werden können. Zunächst setzte sie eine Steuerreform durch, die die Steuerlast auf die oberen Einkommensschichten verlagerte – was nicht gerade für Begeisterung sorgte, da die Auswirkungen erst in einigen Jahren spürbar sein werden. Zweitens verabschiedete sie einen neuen Haushaltsrahmen, der dem Staat Ausgabenobergrenzen auferlegte, was zwar sein Bündnis mit dem Kapital stärkte, aber seine Fähigkeit zur Finanzierung sozialer Programme schwächte. André Singer und Fernando Rugitsky haben das Ergebnis als „Lulismo in Zeitlupe“ bezeichnet. Unterdessen haben sich, wie in den USA unter Präsident Biden, die makroökonomischen Indikatoren zwar verbessert, doch die Menschen spüren davon nichts, da die Verschuldung der privaten Haushalte in die Höhe geschossen ist und es eine regelrechte Epidemie des Online-Glücksspiels gibt.
Diese Regierung war eine willkommene Atempause nach zehn Jahren institutioneller Turbulenzen, doch bloße Normalität würde niemals ausreichen, um der gesellschaftlichen Anziehungskraft des „Bolsonarismo“ etwas entgegenzusetzen. Deshalb könnte sein weniger kompetenter Sohn Flávio – selbst wenn Jair im Gefängnis sitzt – immer noch eine der größten politischen Führungspersönlichkeiten besiegen, die die Welt seit Mitte des letzten Jahrhunderts gekannt hat.
Die Umfragen zeigen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Lula und Flávio. Was würde Flávios Sieg für Brasilien bedeuten?
Von Jairs vier Söhnen ist Flávio der Vernünftigste, hält sich am meisten im Hintergrund und vertritt die traditionellsten rechten Ansichten – insofern, als er weniger Verständnis für MAGA-Posen hat als seine Brüder Eduardo, Carlos und Jair Renan. Er ist ein Politiker der alten Schule, ein Meister im Aushandeln von Vereinbarungen. „Sag mir, wie viel du haben willst, und wir finden schon eine Lösung.“ Wie andere Politiker*innen der alten Schule war auch er in zahlreiche Korruptionsskandale verwickelt, darunter in den aktuell aufgedeckten großen Fall „Banco Master“ – einen Bankbetrug in Höhe von mehreren Milliarden Real. (Einer der Hauptakteure hinter diesem Komplott war der größte Spender für Jair Bolsonaros Wahlkampf 2022.)
Fast alle Beteiligten gehören der Rechten an, doch seit der Skandal den Obersten Gerichtshof erreicht hat, hat er der Linken dennoch mehr geschadet – fünf Richter wurden mit dem schuldigen Banker in Verbindung gebracht. Seit dem Bolsonaro-Prozess wird das Gericht mit der Linken in Verbindung gebracht, obwohl es bei Weitem nicht linksgerichtet ist. Wie immer funktioniert die Antikorruptionsdebatte selektiv.
Von Flávio können wir einiges erwarten. Am allerwichtigsten wäre eine Neuausrichtung auf die USA, wie schon während der Amtszeit seines Vaters. Zwischen Washington und dem Lager der Bolsonarist*innen gab es viel Hin und Her, vieles davon lief über Eduardo, einen ehemaligen Kongressabgeordneten, der sein Amt niederlegte und in die USA zog, wo er sich mit beneidenswertem Engagement bei der Trump-Regierung dafür einsetzte, Sanktionen gegen sein Heimatland zu verhängen. Im Juni deutete ein offener Brief von Marco Rubio an Flávio implizit an, dass dieser angeboten habe, sein Team Washington zur Verfügung zu stellen, sollte er gewinnen.
Als Gegenleistung für Trumps Unterstützung hat Flávio seine Absicht bekundet, sich in Bereichen wie seltene Erden, Energie und Agrarwirtschaft den Interessen der USA unterzuordnen. Doch Trumps Eingreifen geht über den wirtschaftlichen Bereich hinaus. Anfang dieses Jahres erklärten die USA – erneut nach intensivem Lobbyieren seitens der brasilianischen Rechten – die beiden größten kriminellen Vereinigungen Brasiliens, die PCC und das Comando Vermelho, zu terroristischen Organisationen – ein Schritt, der normalerweise dazu dient, anschließend politische und militärische Interventionen zu rechtfertigen, wie dies in Kolumbien, Ecuador und zuletzt in Venezuela der Fall war. Der Sinn des „Kriegs gegen die Drogen“ besteht nicht darin, die Kriminalität an sich zu bekämpfen, sondern die Interessen der USA in der Region durchzusetzen, wobei oft Partei für eine der lokalen politischen oder kriminellen Gruppierungen ergriffen wird.
Im Inland wird es noch mehr räuberischen Kapitalismus geben als unter Jair, als es zu einem Boom beim illegalen Bergbau, bei Landraub und bei der Abholzung im Amazonasgebiet kam; zu vermehrten Morden an Indigenen und Umweltaktivist*innen; und zu einer Verschärfung der organisierten Kriminalität: Flávio und sein engster Kreis unterhalten gut dokumentierte Verbindungen sowohl zum Drogenhandel als auch zu den privaten Milizen, die von aktiven oder pensionierten Polizisten geleitet werden und mittlerweile ganze Stadtteile von Rio de Janeiro kontrollieren.
Wir können also davon ausgehen, dass die organisierte Kriminalität unter Flávio noch tiefer in die Politik vordringen wird. Dies, verbunden mit demokratischen Rückschritten und Angriffen auf das Bildungswesen und die öffentlichen Dienste, wird es schwierig machen, ihn wieder loszuwerden, sollte er ins Amt kommen. Brasilien könnte sich innerhalb des nächsten Jahrzehnts sogar zu einem quasi-gescheiterten Staat entwickeln.
Und was würden Sie von Lula 4.0 erwarten, falls er wiedergewählt wird?
Das ist die Frage, die sich jeder stellt. Wird er denken „Verdammt, da das meine letzte Chance ist, kann ich genauso gut alles geben, was ich kann“, oder eher „Ich muss mein Bündnis mit der traditionellen Rechten festigen, um sicherzustellen, dass die extreme Rechte nicht an die Macht kommt“? Der letztgenannte Weg würde zahlreiche Zugeständnisse erfordern; er würde im Wesentlichen den Weg für einen noch stärker in der Mitte verankerten Nachfolger ebnen. Lula neigte schon immer zu Kompromissen. Doch nun steht sein Vermächtnis auf dem Spiel – und das könnte seine Entscheidungen beeinflussen.
Blicken wir etwas zurück und betrachten die Ursprünge des „Bolsonarismo“. Einige Kommentator*innen behaupteten, dies sei eine Reaktion auf die epochalen Proteste im Juni 2013 gewesen, als Millionen Brasilianer*innen auf die Straße gegangen waren, um gegen steigende Busfahrpreise zu demonstrieren – eine Bewegung, die sich schließlich zu einer größeren Herausforderung für die PT entwickelte. Stimmen Sie dieser Interpretation zu? Worin sehen Sie die wahre Bedeutung dieser Proteste, die Sie aus erster Hand miterlebt haben?
Es ist unbestreitbar, dass sich das Kräfteverhältnis in der Politik im Jahr 2013 verändert hat. Die Proteste fügten dem Image der PT, die ein Jahrzehnt lang äußerst beliebt gewesen war, den ersten wirklichen Kratzer zu. Allerdings richteten sich die Demonstrant*innen nicht gegen die Regierung als solche. Sie forderten vielmehr von der PT, ihre Reformen noch weiter voranzutreiben. Sie sagten: „Ja, unsere Kaufkraft ist gestiegen; ja, der Zugang zur Hochschulbildung hat sich verbreitert; ja, unser Leben hat sich in quantitativer Hinsicht verbessert. Was jedoch die öffentlichen Dienstleistungen, die Rechenschaftspflicht der Institutionen und die Mobilität in der Stadt betrifft, ist die Lage nach wie vor schlecht. Ihr unmittelbares Ziel, der öffentliche Nahverkehr, ist ein gutes Beispiel dafür: Er ist von schlechter Qualität, teuer und wird von Mafiagruppen aus der Privatwirtschaft kontrolliert.
Die PT hätte sich auf die Seite der Demonstrant*innen stellen und sagen können: „Wir haben in diesen ersten zehn Jahren viel erreicht, aber das ist noch nicht genug – jetzt müssen wir die längst überfälligen Strukturreformen durchsetzen.“ Stattdessen tat sie das genaue Gegenteil: Um die traditionelle Rechte und die Mitte-Rechts-Kräfte in ihrer politischen Koalition nicht zu verärgern, ging sie hart gegen die Proteste vor. Und damit bestätigte sich der schlimmste Verdacht der Demonstrant*innen: dass die progressive Dynamik der Partei erschöpft war.
Im folgenden Jahr deckte die polizeiliche Ermittlung „Operation Car Wash“ einen massiven Korruptionsskandal auf, in den so gut wie alle großen politischen Parteien verwickelt waren. Gleichzeitig führte die plötzliche Verlangsamung des chinesischen Wachstums – eine verspätete Folge der globalen Finanzkrise – zu einem abrupten Ende des Rohstoffbooms. In den Köpfen vieler Menschen waren diese beiden Phänomene miteinander verflochten: Wenn es zu einem wirtschaftlichen Abschwung kam, dann lag das daran, dass die PT in den zehn Jahren zuvor einen regelrechten Wildwuchs bei der Verwendung öffentlicher Gelder zugelassen hatte.
Da sowohl die PT als auch die Opposition gleichermaßen von dieser doppelten Krise belastet waren, war die aufstrebende extreme Rechte die einzige Kraft, die sich als Erbin der Empörung von 2013 positionieren konnte.
Also ja, man könnte sagen, dass die Proteste von 2013 zum Bolsonarismo geführt haben. Aber das wäre bestenfalls die halbe Wahrheit. Tatsächlich findet dieses Argument nur in zwei Teilen des politischen Spektrums Anklang. Eine Gruppe ist die Petista-Linke, die der Partei gegenüber sehr unkritisch sein kann – bis hin dazu, den Demonstrant*innen, die auf die Straße gegangen sind, vorzuwerfen, sie hätten die extreme Rechte durch ihr Handeln unverantwortlicher Weise gestärkt. Die andere Gruppe ist natürlich die extreme Rechte selbst, die zu folgendem logischen Schluss kam: „Da die Linke dem Volk vorwirft, uns zu unterstützen, lassen Sie uns eines festhalten: Natürlich hat es uns die ganze Zeit über unterstützt!“ Sich auf eine solche Diskussion einzulassen, war ein unglaubliches Eigentor seitens der PT.
Was ist die soziale und politische Basis des Bolsonarismus?
Lassen Sie mich mit einer Behauptung beginnen, die vielleicht paradox erscheinen mag: Es gibt keinen zwingenden Zusammenhang zwischen Jair Bolsonaro als Person und dem „Bolsonarismo“ als politischer Bewegung. Ich glaube sogar, dass es in der brasilianischen Geschichte vielleicht nur zwei Wahlen gab, die eine Persönlichkeit wie er hätte gewinnen können: im Jahr 1960, als Jânio Quadros, ein weiterer Außenseiterkandidat, mit einem populistischen, auf Korruptionsbekämpfung ausgerichteten Wahlprogramm antrat, und im Jahr 2018. Fünf Jahre lang war die PT von politischen Turbulenzen und Korruptionsskandalen erschüttert worden und hatte einer erstarkten Rechten ein Zugeständnis nach dem anderen gemacht, bis die Linken keinen Boden mehr hatten, den sie hätten abtreten können. Dabei hatte sie einen Großteil ihrer institutionellen Glaubwürdigkeit eingebüßt. Auch seine Verbündeten in der traditionellen Rechten und der Mitte-Rechts-Partei wurden durch die „Operation Car Wash“ in Verruf gebracht.
Dadurch entstand eine völlig außergewöhnliche Situation, die einen völlig außergewöhnlichen Kandidaten erforderte. Bolsonaro war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort; er nutzte eine Welle aus, die bereits gut drei Jahre zuvor begonnen hatte. Seine Leistung bestand darin, dieser Bewegung eine Führung und eine Identität zu verleihen.
Nun zu Ihrer Frage. Seit sich das politische Klima durch den Brexit und Trump so dramatisch gewandelt hat, reagiert die Linke mit zwei Narrativen: Entweder wird die extreme Rechte als eine Revolte der Eliten ohne echte Basis im Volk dargestellt oder als eine Revolte der Zurückgelassenen, einer Arbeiterklasse, die vom liberalen Elitismus verraten wurde.
Keine dieser Darstellungen überzeugt mich. Ich glaube vielmehr, dass die heutige extreme Rechte ein klassenübergreifendes Phänomen ist. Man kann dies unter anderem als eine Bewegung verstehen, die eine Unterschicht, die es aufgegeben hat, auf die Versprechen der Modernisierung (reguläre Arbeit, rechenschaftspflichtige Institutionen, echte Gleichheit vor dem Gesetz) zu warten, mit einer Elite zusammenbringt, die nicht einmal mehr vorgibt, dass diese Versprechen überhaupt im Raum stehen.
Dazwischen liegt der härteste Kern der überzeugten Anhänger*innen – statistisch gesehen nicht die größte Gruppe, aber die leidenschaftlichste –, die ich in Anlehnung an einen Ausdruck von Orwell als „untere obere Mittelschicht“ bezeichne. Das sind Menschen, die zwischen zwei Stühlen sitzen: Sie haben zwar einen guten Lebensstandard, verfügen aber nicht über das Vermögen oder das soziale Kapital der echten Elite. Sie werden nicht nur von der Angst vor sozialem Abstieg geplagt, sondern fühlen sich auch durch jeden noch so kleinen Aufstieg derer bedroht, die unter ihnen stehen – wie während der „Rosa Welle“ in Lateinamerika, als die Armen weniger arm wurden, an die Universität gingen, ins Ausland reisten und so weiter. Dies führte zu einem Gefühl der Missgunst, das leicht instrumentalisiert werden konnte.
Die Anziehungskraft der heutigen Rechtsextremen hängt davon ab, welchen Standpunkt man vertritt. Die herrschende Klasse sieht darin die räuberischste Form des Kapitalismus, die alle Herausforderungen von unten neutralisiert. Die breite Basis fühlt sich vom Diskurs über Recht und Ordnung sowie von der Aussicht auf eine stärker deregulierte Wirtschaft angezogen, die ihr „den Staat vom Hals schafft“ und es ihr ermöglicht, auf dem Markt effizienter zu konkurrieren. Für eine bunt zusammengewürfelte Gruppe aus beiden Lagern ist dies zudem eine berufliche Chance: Als rechtsextreme*r Aufwiegler*in kann man mittlerweile gutes Geld verdienen.
Wie funktioniert der „Bolsonarismo“ auf organisatorischer Ebene?
Der „Bolsonarismo“ als rechtsextreme Bewegung verfügt über drei strukturelle Vorteile.
Erstens steht er weitaus mehr im Einklang mit den Interessen des Kapitals, sodass er auf die Unterstützung der Großunternehmen und Unternehmensverlage zählen kann, wie es der Linken niemals möglich wäre.
Zweitens will er die Gesellschaft nicht verändern, sondern bestehende Machtunterschiede aufrechterhalten, ja sogar noch verstärken, was den Aufbau von Koalitionen erheblich erleichtert. Jeder Partner hat seinen eigenen Einflussbereich – die Grundbesitzeroligarchie ihr Land, die Finanzoligarchie ihre wirtschaftlichen Hebel –, und solange die Interessen aller gewahrt bleiben, können sie zusammenarbeiten. Sie streiten sich in der Regel nicht über eine Hierarchie der Bedürfnisse oder über strategische Differenzen – genau die Probleme, mit denen die Linke zu kämpfen hat.
Der dritte Vorteil ergibt sich aus den sozialen Medien, die den öffentlichen Raum als einen Markt strukturieren, auf dem die Menschen individuell um „Likes“ und „Shares“ konkurrieren, die als Zeichen der Aufmerksamkeit gelten. Dies führt sowohl zu einer Hyperindividualisierung der Politik als auch dazu, dass die Online-Beteiligung gegenüber der Offline-Organisierung bevorzugt wird. Dies prägt maßgeblich die Organisationsstruktur eines Großteils der heutigen extremen Rechten: Sie gleicht einer Art Pyramidensystem, dessen Bausteine „politische Unternehmer*innen“ sind – Menschen, die von einer prominenten Position in den sozialen oder traditionellen Medien aus Inhalte produzieren, die ihnen gleichzeitig Aufmerksamkeit und soziales und politisches Kapital einbringen.
Durch einen ständigen Strom an aufmerksamkeitsstarken Inhalten halten sie ihre Anhängerschaft zwar kontinuierlich bei Laune, sorgen aber gleichzeitig dafür, dass diese zersplittert bleibt und keine Möglichkeiten zur nicht-digitalen Teilhabe hat. Daher können sie mehr oder weniger nach Belieben mobilisiert und demobilisiert werden. Es ist bezeichnend, dass Bolsonaro sich nie die Mühe gemacht hat, eine eigene richtige Partei aufzubauen – ebenso wenig wie Farage oder Trump. Sie betrachten die Parteistruktur nicht als Ziel an sich, sondern lediglich als Mittel für eine Politik, die eigentlich anderswo betrieben wird.
Wenn die Politik von der Aufmerksamkeitsökonomie vereinnahmt wird, verwandelt sich der öffentliche Diskurs in ein sich ständig wandelndes Meer der Empörung. Heute dies, morgen das. Das ist ein Zustand, der einer emanzipatorischen Politik völlig zuwiderläuft, da diese darauf beruht, die Fähigkeit der Menschen zu stärken, Entscheidungen über ihr gemeinsames Schicksal zu treffen und sich an nachhaltigen Bemühungen zur Veränderung des Status quo zu beteiligen. Trump hält uns mit Schlagzeilen und nächtlichen Beiträgen auf Trab, während im Hintergrund die eigentliche Zerstörungsarbeit weitergeht.
Wofür steht der „Bolsonarismo“ auf ideologischer Ebene? Inwiefern unterscheidet er sich von der traditionellen Rechten?
Wir haben die extreme Rechte falsch eingeschätzt, indem wir ihren Diskurs für bare Münze genommen haben. Es ist ein Irrtum, Trump, Bolsonaro und Co. Glauben zu schenken, wenn sie davon sprechen, sich vom „Globalismus“ zu distanzieren, zu einem fordistischen Traum von Industriearbeitsplätzen zurückzukehren, die Uhr vor die sexuelle Revolution zurückzudrehen und die Kernfamilie sowie traditionelle Geschlechterrollen wieder zu sakralisieren. Diese Ideen üben auf bestimmte Wähler*innen offensichtlich eine psychologische Anziehungskraft aus, werden jedoch durch das Handeln der heutigen extremen Rechten nicht bestätigt. Im Gegenteil, es handelt sich um eine Bewegung, die von dem sozialen Zerfall lebt, den jahrzehntelanger Neoliberalismus hervorgerufen hat, und die diesen Prozess in Richtung eines bestimmten Ziels beschleunigt.
In meinem Buch bezeichne ich diesen Horizont als einen „privat verwalteten, ungleich verteilten Naturzustand“: eine Situation, in der der Staat immer mehr Verantwortung für die Schlichtung sozialer Konflikte abgibt und stattdessen das Recht der rohen Gewalt verankert.
Lassen Sie mich ein aufschlussreiches Beispiel nennen. Im Jahr 2019 setzten illegal arbeitende Holzfäller*innen im Amazonas-Bundesstaat Rondônia einen Tanklastwagen in Brand, der im Rahmen einer bundesstaatlichen Strafverfolgungsaktion im Einsatz war, woraufhin diese abgebrochen werden musste. Zwei Wochen später reiste der Umweltminister in die Stadt, um sich mit den Holzfäller*innen zu treffen und sich ihre Forderungen anzuhören. Die ausdrückliche Botschaft lautete: „Ich bin auf Ihrer Seite. Es ist in Ordnung, wenn man staatliches Eigentum in Brand steckt, die indigene Bevölkerung tötet, auf deren Land man Bäume abholzt, und mit den Drogenhändlern zusammenarbeitet, die dieselben Routen nutzen – all das ist Privatwirtschaft, und wir mischen uns nicht in die Privatwirtschaft ein.“ Derselbe Gedanke prägt auch Trumps Verhältnis zu den großen Technologiekonzernen.
Dies kann in Form dessen geschehen, was ich als „Aufseherkapitalismus“ bezeichnet habe. In Plantagenwirtschaften wie Brasilien und dem amerikanischen Süden war die Polizeiarbeit eine öffentliche Aufgabe, die aus einer privaten hervorgegangen war. Der Aufseher, der einst damit beauftragt war, die Arbeitskräfte auf der Plantage zur Disziplin zu zwingen, wurde nach der Abschaffung der Sklaverei zum Polizeibeamten, der die befreiten Männer und Frauen unter Kontrolle hielt. Heute wird diese öffentliche Funktion wieder zu einer privaten. Wagner und Blackwater, die Drogenkartelle in Mexiko, die Milizen in Rio – solche nichtstaatlichen Akteure üben in den von ihnen kontrollierten Gebieten zunehmend das Gewaltmonopol aus. Der „Aufseherkapitalismus“ beinhaltet das Bündnis zwischen dem Kapital und diesen freien Akteuren der Unterdrückung, die sich der Koalition nicht bloß als Söldner*innen, sondern als gleichberechtigte politische Partner*innen anschließen. Eine solche Annäherung zeichnete sich bereits in der ersten Bolsonaro-Regierung ab und könnte sich unter Flávio leicht durchsetzen.
Es ist klar, warum die Mächtigen sich zu einem solchen Modell hingezogen fühlen, das ihnen den uneingeschränkten Genuss der Macht verspricht. Aber warum stimmen auch die Schwächsten dafür? Wegen der im Paket enthaltenen psychologischen Ausgleichsmaßnahmen. Das Versprechen lautet: „Selbst wenn du in deinem Job weiterhin extrem ausgebeutet wirst, selbst wenn deine Lebenserwartung von Tag zu Tag sinkt, werden wir dafür sorgen, dass es zumindest einen Lebensbereich gibt, in dem du uneingeschränkt Macht ausüben kannst. Zu Hause kannst du es an deiner Frau oder deinen Kindern auslassen, niemand wird sich einmischen; und niemand kann dir verbieten, Witze über Schwarze oder Homosexuelle zu machen.“
Ihr neues Buch verspricht zu erklären, „was Brasilien über die globale extreme Rechte verrät“. Was sehen wir, wenn wir das Weltsystem von der Peripherie aus betrachten? Inwiefern wird die Welt „brasilianisiert“?
Das lateinamerikanische und insbesondere das brasilianische gesellschaftliche Denken hat sich mit der Neugestaltung westlicher Vorstellungen vom Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie befasst. Diese Tradition reicht bis in die 1960er Jahre zurück und hat ihren Ursprung in der „Dependenztheorie“, die als Kritik an der Modernisierungstheorie entstand – jener von Walt Rostow und Seymour Martin Lipset populär gemachten Vorstellung, dass Länder in peripheren Regionen, wenn sie ihre Karten richtig ausspielten, denselben Wohlstand wie die fortgeschrittenen Länder erreichen könnten – also den Übergang von der Rückständigkeit zur vollständigen Modernität.
In der Kritik hieß es: „Diese Vorstellung ist falsch, denn wir stehen weder außerhalb des Kapitalismus noch hinter ihm; wir waren schon immer als Randgruppe Teil davon. Unsere Aufgabe bestand schon immer darin, den wichtigsten Volkswirtschaften natürliche Ressourcen und billige Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen, und daher wird jede Entwicklung, die wir erreichen können, stets deren Entwicklung untergeordnet sein.“ So lautete also die Argumentation in den 1960er und 1970er Jahren: „Es ist falsch, das Zentrum als die Zukunft der Peripherie zu betrachten; der Zustand der Peripherie ist ein Zustand, in dem das Moderne und das Rückständige stets miteinander verbunden sind – und diese Verbindung ist entscheidend für die Entwicklung des Kapitalismus.“
In den 1980er- und 1990er-Jahren wendete sich das Blatt, als die USA und die europäischen Länder in gewisser Weise begannen, der Peripherie zu ähneln – mit wachsender Ungleichheit, Prekarität, Informalität und „Favelisierung“ (einer Zunahme von Slums wie den brasilianischen Favelas). Und so begannen die Menschen sowohl in Brasilien als auch im globalen Norden, sie als „brasilianisiert“ zu bezeichnen.
Worauf war diese Kehrtwende zurückzuführen? Die Anhänger*innen der Dependenztheorie haben nun die Modernisierungstheorie selbst historisiert – mit dem Argument, dass diese die Ideologie einer Epoche kapitalistischer Expansion gewesen sei, in der der Erwartungshorizont von dauerhaftem Wachstum geprägt war. Nun, in einer Zeit des Rückgangs und schrumpfender Horizonte, würde der globale Norden zunehmend der Peripherie ähneln.
Dieser Gedanke lässt sich auf den Bereich der Politik übertragen. Das Konzept, dass die extreme Rechte mit einer Beschleunigung des Zerfalls einhergeht, zeigt sich in Brasilien unter Bolsonaro, in Argentinien unter Milei oder in El Salvador unter Bukele viel deutlicher als noch in Trumps erster Amtszeit oder bei der AfD in Deutschland oder der RN in Frankreich.
Sie sagten, dass „bloße Normalität“ den Bolsonarismus nicht besiegen werde. Wie könnte also eine radikale Antwort auf die heutige extreme Rechte aussehen?
Lassen Sie mich mit einem Paradoxon aus der Informationstheorie beginnen: Damit ein Signal als Information wahrgenommen wird, muss es sich ausreichend vom Hintergrundrauschen unterscheiden, darf sich aber auch nicht so stark davon unterscheiden, dass es gar nicht mehr als Signal erkannt wird. Wenn wir diesen Gedanken auf die Politik übertragen, wird uns klar, dass Radikalismus nicht die Treue zu einem Prinzip in seiner reinsten, abstraktesten Form ist, sondern vielmehr eine Abweichung von der Norm, die dennoch erkennbar bleibt.
Man findet eine Taktik, die einen am weitesten von der bestehenden Situation entfernt – und sich dennoch in diese integrieren lässt: eine Taktik, die das Vertrauen der Menschen weckt, sie zur Teilnahme bewegt und echte Wirkung erzielt.
Das Problem heute ist, dass all die Dinge, die tatsächlich getan werden müssen, äußerst radikal erscheinen. Nehmen wir zum Beispiel die Machtkonzentration. Wir leben in einer Welt, in der ein Geschäftsmann einen Teil der Armee eines Landes lahmlegen kann – so wie es Elon Musk tat, als er mitten in der ukrainischen Gegenoffensive 2022 die Starlink-Verbindung zu den ukrainischen Streitkräften unterbrach (und dies jüngst wiederholte, Anm.d.Red.) – etwas, das in den 1970er Jahren noch als Handlung für einen James-Bond-Film gegolten hätte. Die vernünftige Reaktion besteht darin, gesetzliche Regelungen zu erlassen, die Privatpersonen daran hindern, solche Macht auszuüben. Wenn man jedoch heute eine solche Politik vorschlägt, wird man beschuldigt, Enteignung zu fordern oder Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Wir sind so weit in eine Richtung gegangen, dass man nur noch eingreifen kann, indem man sehr kräftig in die andere Richtung zieht.
Hier können wir etwas von der extremen Rechten lernen. Heute werden Dinge gesagt, die vor kurzem noch undenkbar waren (z. B. dass Bürger*innen mit der falschen Hautfarbe abgeschoben werden sollten). Seit 2016 hört das Undenkbare nicht auf zu geschehen und das Unaussprechliche ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Die extreme Rechte hat die Grenzen des Möglichen in Richtung dessen verschoben, was ihrer Ansicht nach wirklich getan werden müsse.
Vielleicht ist heute nichts von dem, was wir wirklich tun müssen, möglich – aber wir werden es auch morgen nicht schaffen, wenn wir nicht schon jetzt damit beginnen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Wir müssen eine gesellschaftliche Basis für unsere Ziele schaffen. Wir können nicht nur rationale Argumente und eine glaubwürdige Politik anbieten; wir müssen in den Menschen – ausgehend von ihren alltäglichen Erfahrungen – den Wunsch nach dieser anderen, besseren Welt wecken. Die Menschen dürfen nicht nur das Gefühl haben, dass sie in einer neu gestalteten Welt besser leben würden, sondern auch, dass sie bereits jetzt ein besseres Leben führen können, indem sie sich der Bewegung anschließen, die dieses Ziel anstrebt.
Dieser Beitrag erschien zuerst in © Equator unter dem Titel „Brazil: The Fure oft he Far Right“ am 30.9.2026. Das Gespräch wurde geführt von Carlos Pérez.


