Rechte/Rechtspopulismus

Drei Momente der Faschisierung

Die radikale Rechte weiß die Krise für sich zu nutzen. Doch was sind die gesellschaftlichen Dynamiken, die ihren Aufstieg ermöglichen?

Veröffentlicht am 30. Juni 2026

Im Jahr 1939 schrieb Max Horkheimer aus dem New Yorker Exil seinen Essay Die Juden in Europa. Sein Postulat ist bekannt: »Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.« Damit konstatierte er eine strukturelle Verstrickung: Faschismus als Produkt einer Gesellschaftsform, die ihn hervorbringt und zugleich verleugnet (Horkheimer 1939, 115).

Dieser Beitrag knüpft an diese Perspektive an, spricht jedoch bewusst von Faschisierung. Der Begriff verweist auf einen Prozess, dessen Ergebnis nicht bereits feststeht. Wie Alex Demirović hervorhebt, erlaubt die Rede von Faschisierung, autoritäre Entwicklungen zu analysieren, ohne vorschnell von einem bereits voll entwickelten Faschismus auszugehen. Der Unterschied zwischen Faschisierung und Faschismus verweist auf zwei Stadien, eine Phase der Bewegung und Machteroberung, eine Phase des Faschismus als Herrschaftsform. Ob die gegenwärtigen Elemente sich zu einer neuen Form des faschistischen Ausnahmestaats zusammenfügen oder ob wir es eher mit neuen Hybridformen zu tun haben, bleibt eine offene, empirisch zu klärende Frage (Demirović 2026).

Diese Perspektive unterscheidet sich zugleich von der Vorstellung, Faschisierung sei ein subjektloser Automatismus. Wie Mario Candeias betont, bedeutet Faschisierung heute nicht notwendig, dass faschistische Parteien unmittelbar die Macht übernehmen. Vielmehr treiben sie die alten konservativen Parteien in die Radikalisierung und ziehen das gesamte Parteienspektrum nach rechts (Candeias 2025). Faschisierung ist daher weder ausschließlich eine Bewegung »von unten« noch lediglich das Projekt autoritärer Eliten. Sie entsteht im Zusammenspiel gesellschaftlicher Krisendynamiken, politischer Akteure und sozialer Subjektivierungsprozesse.

Analytisch lassen sich zwei Vermittlungsformen der Faschisierung unterscheiden, die nur gemeinsam verständlich werden. Einerseits handelt es sich um einen politisch-strategischen Prozess, in dem autoritäre Kräfte, radikalisierte konservative Parteien und Teile des Machtblocks Krisen bearbeiten, Hegemonie neu organisieren und autoritäre Lösungen vorantreiben. Andererseits handelt es sich um einen subjektiven Prozess, in dem Erfahrungen von Ohnmacht, Konkurrenz und Dominanzverlust in Formen der entfremdeten Wiederaneignung von Handlungsvermögen übersetzt werden. Faschisierung entsteht erst im Zusammenwirken beider Vermittlungsformen. Ohne die politisch-strategische Vermittlung bleiben autoritäre Dispositionen gesellschaftlich diffus; ohne die subjektive Vermittlung fehlt autoritären Projekten ihre Massenbasis.

Die folgenden Überlegungen zielen darauf, beide Vermittlungsformen in ihrem Zusammenhang zu analysieren. Die leitende These lautet, dass Faschisierung dort entsteht, wo autoritäre politische Projekte auf gesellschaftlich produzierte Erfahrungen des Verlusts von Handlungsvermögen treffen. Sie versteht sich nicht als vollständige Theorie des Neofaschismus, sondern als Beitrag zum Verständnis gegenwärtiger Faschisierungsprozesse. Ausgangspunkt ist Rahel Jaeggis Begriff der Entfremdung. Entfremdung bezeichnet bei Jaeggi eine gesellschaftlich hervorgebrachte Erfahrung der Machtlosigkeit gegenüber den eigenen Lebensverhältnissen: »Entfremdung bedeutet Indifferenz und Entzweiung, Machtlosigkeit und Beziehungslosigkeit sich selbst und einer als gleichgültig und fremd erfahrenen Welt gegenüber« (Jaeggi 2016, 21). Die drei folgenden Momente beschreiben unterschiedliche Vermittlungen desselben gesellschaftlichen Zusammenhangs und zeigen, wie politisch organisierte Krisenbearbeitung und gesellschaftlich produzierte Erfahrungen der Entfremdung sich gegenseitig verstärken.

Erstes Moment: Austerität als Entstehungsbedingung

Der Aufstieg radikaler rechter Bewegungen und Parteien ist nicht vom systematischen Abbau sozialstaatlicher Strukturen zu trennen. Die neoliberale Wende seit den 1980er Jahren, verdichtet in den europäischen Austeritätsprogrammen und im Washington-Konsens, der dem Globalen Süden als Entwicklungsmodell aufgezwungen wurde, hat diesen Widerspruch verschärft. Karl Polanyi hat diesen Zusammenhang strukturell vorweggenommen. In The Great Transformation (1944) zeigte er: Der selbstregulierende Markt zerstört die sozialen Bindungen, die Gesellschaften zusammenhalten. Gegen diese Zerstörung bildet sich eine Gegenbewegung: Gesellschaften versuchen, sich durch staatlichen Schutz zu wappnen. Austeritätspolitik ist in diesem Rahmen kein bloßes Haushaltsinstrument. Sie ist ein Angriff auf eben diesen Schutz. Und Polanyi lässt keinen Zweifel daran, wohin das führen kann: »Den faschistischen Ausweg aus der Sackgasse, in die der liberale Kapitalismus geraten war, könnte man als eine Reform der Marktwirtschaft bezeichnen, erreicht um den Preis der Auslöschung aller demokratischen Institutionen« (Polanyi 2015, 314). Für ihn war der Zusammenbruch des internationalen Liberalismus die eigentliche Ursache der faschistischen Katastrophe (ebd., 311).

Nancy Fraser beschreibt das Ergebnis der neoliberalen Wende als doppeltes Unglück: »Einerseits sind die staatlichen Institutionen, die früher (einigermaßen) auf die Bedürfnisse der Bürger:innen reagierten, zunehmend unfähig, deren Probleme zu lösen oder deren Bedürfnisse zu erfüllen. Andererseits sind die Zentralbanken und die globalen Finanzinstitutionen, die die staatlichen Kapazitäten eingeschränkt haben, ›politisch unabhängig‹: Sie sind der Öffentlichkeit gegenüber nicht rechenschaftspflichtig« (Fraser 2023, 207). Die Erosion sozialstaatlicher Sicherungssysteme war kein natürlich verlaufender Prozess, sondern Ergebnis politischer Kämpfe, die von Kapitalfraktionen gewonnen wurden, deren Akkumulationsstrategie auf Deregulierung, Privatisierung und Finanzialisierung beruhte.

Die Gleichzeitigkeit materieller Not und institutioneller Machtlosigkeit produziert in Rahel Jaeggis Begriffen eine tiefgreifende Erfahrung des Verlusts von Handlungsvermögen. Sie beschreibt diesen Zustand als die »Verselbstständigung eigener Handlungen« (Jaeggi 2016, 80): Das eigene Tun wird nicht mehr als das eigene erfahren. Polanyis, Frasers und Jaeggis Diagnosen konvergieren hier auf unterschiedlichen Ebenen desselben Prozesses. Polanyi beschreibt die Zerstörung sozialer Substanz auf gesellschaftlicher Ebene. Fraser übersetzt dies in eine institutionelle Erfahrung. Bei Jaeggi schlägt sie sich als subjektive Kondition nieder: als Erfahrung, in Verhältnissen zu leben, die man selbst hervorbringt, aber nicht mehr kontrolliert.

Radikale rechte Bewegungen und Parteien bieten unter diesen Bedingungen eine Ersatz-Wiederaneignung an. Sie benennen reale Verluste und konstruieren Antagonisten. Nicht das Finanzsystem, nicht die Eigentumsverhältnisse werden als Verantwortliche markiert und zum Gegner erklärt, sondern die etablierten Parteien, Migrant*innen, Minderheiten. Die Systemfrage bleibt unangetastet.

Zweites Moment: Verteilungskonkurrenz und Affektpolitik

Eine allein strukturell-ökonomische Erklärung greift zu kurz. Polanyi hat gezeigt, dass die Zerstörung sozialer Schutzstrukturen notwendig eine gesellschaftliche Doppelbewegung erzeugt: »Denn wenn die Marktwirtschaft eine Bedrohung der menschlichen und natürlichen Komponenten der Gesellschaftssubstanz darstellte, wie wir behaupteten, was wäre dann anderes zu erwarten, als daß eine große Anzahl von Menschen das Bedürfnis nach einer Art Schutz hätte?« (Polanyi 2015, 207–208). Für ihn war der Faschismus explizit eine der möglichen Formen dieser Reaktion. Was er jedoch offen lässt: Warum kippt die Schutzreaktion nach rechts statt nach links?

Sabine Nuss (2025) beantwortet diese Frage mit dem Begriff der Verteilungskonkurrenz: Wo Ressourcen knapp werden, entsteht Konkurrenzdenken unter jenen, die um diese kämpfen müssen. Der Antagonist ist nicht das System, das Knappheit produziert, sondern der Konkurrent in derselben Lebenswelt. Der entscheidende Zug über Polanyi hinaus: Kapitalistische Tiefenstrukturen machen rechte Weltbilder im Alltagsbewusstsein anschlussfähiger als linke. »Es sind genau diese Tiefenstrukturen des Kapitalismus, die einen wunderbaren Resonanzboden für rechte Ideologien bieten« (Nuss, zit. nach Haas 2026).

Dieser Boden wird aktiv bestellt. Mario Candeias beschreibt die Ausbreitung reaktionärer Formen der »Ressentimentbewirtschaftung« als typisches Merkmal der Faschisierung, verbunden mit der typischen Abgrenzung von oben und von unten, mit einem harten Klassismus und immer wieder mit der Produktion des »Anderen« als Bedrohung von außen (Candeias 2025). Klassismus, Rassismus und Sexismus fungieren dabei als gesellschaftlich wirksame Formen ideologischer und sozialer Kompensation für die Unterordnung im Alltag. Sie ermöglichen es der radikalen Rechten, entgegen ihrer ursprünglichen Klassenzusammensetzung auch die Missstimmung »von unten« in populäre Zustimmung zu verwandeln. Ressentiment entsteht nicht spontan, es wird hergestellt, kanalisiert und politisch instrumentalisiert.

Unter neoliberalen Bedingungen, in denen die Ressourcen Arbeit, Wohnraum, soziale Leistungen systematisch knappgehalten werden, richtet sich die Schutzreaktion nicht gegen oben, sondern gegen jene, die um dieselben knappen Güter kämpfen. Migrant*innen, Geflüchtete, armutsbetroffene Menschen werden nicht als Verbündete in geteilter Prekarität wahrgenommen, sondern als Konkurrent*innen. Die radikale Rechte gibt dieser Konkurrenz ein politisches Gesicht, ohne die Verteilungslogik je anzutasten. Nuss bringt es auf den Punkt: »Da kann man zehnmal erklären, dass nicht die Migration das Problem ist, sondern die mangelnden Ressourcen, die der Staat zur Verfügung stellt – es ändert nichts am Gefühl: Die nehmen uns was weg« (Nuss, zit. nach Haas, 2026).

In Jaeggis Begriffen ist das eine entfremdete Wiederaneignung von Handlungsvermögen: Die systemische Dynamik lässt sich nicht verändern, aber der Antagonist lässt sich benennen, bekämpfen, ausgrenzen. Das erzeugt ein trügerisches Gefühl von Handlungsvermögen: affektiv real genug, um politisch wirksam zu werden; strukturell falsch genug, um die tatsächlichen gesellschaftlichen Machtverhältnisse zu stabilisieren.

Drittes Moment: Phantombesitz, Dominanzverlust und der Machtblock

Eva von Redecker hat eine dritte Dimension des Faschisierungsprozesses skizziert. Herrschaft über Andere wurde historisch als Quasi-Eigentumsanspruch kodiert. Von Redecker nennt dies Phantombesitz: ein residualer Anspruch nach erfolgter Amputation (Redecker, von 2024, 96–97). Dieser Herrschaftsverlust ist der verbindende Kern zwischen von Redeckers Analyse und der schwarzen radikalen Faschismuskritik, die Vanessa E. Thompson (2025) rekonstruiert. In den Zentren materialisiert sich Herrschaftsverlust als Infragestellung von Ausbeutungs- und Ausschließungsverhältnissen, in den Peripherien als Erschütterung kolonialer Nachfolgestrukturen und autoritärer Staatsgewalt. Die Form des Verlusts ist unterschiedlich, die Substanz dieselbe. Beide sind Erscheinungsformen derselben kapitalistischen Eigentumslogik, die Herrschaft über andere als verfügbares Gut kodiert. Für schwarze und antikoloniale Marxist*innen war Faschismus deshalb nie ein europäischer Sonderweg, er war eine Intensivierung von Herrschaftsverhältnissen, die im Kolonialismus bereits strukturell angelegt waren (ebd.).

Die Reaktion auf diesen Herrschaftsverlust ist aggressive Wiederherstellung von Dominanz. Diese Dynamik ist nicht auf eine Kapitalfraktion beschränkt, sie ist tief in das Kleinbürgertum und Teile der Arbeiterklasse eingeschrieben. Wer Herrschaftspositionen verinnerlicht hatte, erlebt deren Infragestellung als existenzielle Bedrohung. In Jaeggis Begriffen ist auch das ein Verlust von Handlungsvermögen und die gewaltsame Dominanzwiederherstellung seine pervertierte Wiederaneignung.

Entscheidend ist jedoch: Diese Dynamik von unten ist nicht unabhängig von einem aktiven Projekt von oben. Candeias zeigt, dass es stets gefährlich wird, »wenn gewichtige Kapitalfraktionen die Prozesse der Faschisierung unterstützen oder gar selbst vorantreiben, um ihre Ziele zu verfolgen oder um Krisen zu überwinden« (Candeias 2025). Rechte Strömungen und bestimmte Kapitalfraktionen sind damit in der Lage, in die Krise der Hegemonie stabilisierend einzuwirken, indem sie den Machtblock neu formieren und die subalternen Klassen zugleich einbinden und spalten. Die Politik der radikalen Rechten ist dabei, wie Candeias präzise formuliert, »ein bewusster Prozess gesellschaftlicher Regression«, der »nicht nur eine angemessene Krisenbearbeitung der großen gesellschaftlichen Probleme verhindert, sondern Gegenkräfte mobilisiert, ›die die Ressourcen zur Lösung vernichten‹« (ders. 2025, mit Verweis auf Jaeggi 2023, 218). Was übrig bleibt, ist ein regressives und zerstörerisches Projekt der Bereicherung der Wenigen.

Faschisierungsprozesse sind damit nicht nur Reaktion auf Verlust. Sie sind, wie Claudia Jones, George Jackson und Angela Davis betonten, die aktive Unterbindung von Gegenmacht von unten, »eine Rekombination und Intensivierung von Herrschaftsverhältnissen, die eine potenzielle Revolution von Ausgebeuteten und Entrechteten in Zeiten der Krise blockieren sollen« (Thompson 2025). Dominanzwiederherstellung in den Zentren und in den Peripherien dient damit demselben Zweck: Sie verhindert, dass gemeinsame Subalternität zu gemeinsamer Politik wird. Das ist Horkheimers Verstrickung konkret gemacht: Die Eigentumsordnung bringt zugleich die Kräfte hervor, die jede Infragestellung dieser Ordnung blockieren.

Horkheimer und Jaeggi zusammendenken

Die drei hier skizzierten Momente – strukturell-ökonomische Destabilisierung durch Austerität, affektpolitische Verteilungskonkurrenz und die Verteidigung von Phantombesitz als Dominanzverlust-Reaktion – sind keine konkurrierenden Erklärungen, sondern Dimensionen eines zusammenhängenden Prozesses der Faschisierung. Sie lassen sich je nach politischem Kontext unterschiedlich gewichten. Aber keines kann weggelassen werden, ohne dass das Bild verzerrt wird und keines erklärt sich ohne das andere.

Was alle drei verbindet, ist Jaeggis Diagnose der strukturell produzierten Ohnmacht. Faschisierung ist, auf einer grundlegenden Ebene, ein entfremdeter Versuch, Handlungsvermögen zurückzugewinnen: durch die Konstruktion von Antagonisten, durch die Verteidigung von Phantombesitz, durch die gewaltsame Behauptung von Dominanz. Zugleich ist er, mit Thompson, ein aktiver Prozess der Blockierung von Gegenmacht: Faschisierung als präventive Konterrevolution. Faschisierungsprozesse gewinnen ihre Wirksamkeit erst dort, wo sich subjektive Erfahrungen der Ohnmacht mit politisch organisierten autoritären Projekten verbinden. Walter Benjamin hat diese Logik präzise auf den Begriff gebracht: »Die Massen haben ein Recht auf Veränderung der Eigentumsverhältnisse; der Faschismus sucht ihnen einen Ausdruck in deren Konservierung zu geben« (Benjamin 1974, 506).

Faschisierung hat Subjekte. Sie entsteht dort, wo autoritäre politische Projekte und gesellschaftlich produzierte Erfahrungen des Verlusts von Handlungsvermögen aufeinandertreffen. Gerade deshalb ist sie kein Automatismus, sondern ein Prozess, der Gegenmacht erfordert. Horkheimers Postulat schließt den Bogen und wird hier zur strategischen Orientierung. Wer den Prozess der Faschisierung aufhalten will, muss bereit sein, über Kapitalismus zu reden: über Eigentumsverhältnisse, über die Produktion von Prekarität, über die politische Ökonomie des Ressentiments, über die kapitalistische Zerstörung kollektiver Zukunft. Die Antwort auf Faschisierung kann nur sein, was sie verweigert: die Wiedereroberung kollektiven Handlungsvermögens durch demokratische Gegenmacht. Selbstbestimmung nicht als possessives Recht des Einzelnen, sondern als gemeinsam gestaltete Praxis und, mit Thompson, als internationalistische Praxis. Das ist, in Horkheimers wie in Jaeggis Sinne, untrennbar von der Frage, wer über die Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens bestimmt. Diese Frage bleibt unbeantwortet, solange die Verhältnisse, die sie aufwerfen, unangetastet bleiben.

Aldo Beretta

Aldo Beretta ist Philosoph und arbeitet zu Kritischer Theorie und Gesellschaftstheorie.