Dass Technologien sogenannter Künstlicher Intelligenz (KI) mit einer enormen, global ungleich verteilten Macht- und Kapitalkonzentration einhergehen, ist über die letzten Jahre immer wieder festgestellt worden: Technologiekonzerne wie Google, OpenAI und Anthropic konkurrieren um »KI-Spitzenmodelle«; Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud kontrollieren zwei Drittel des wachsenden globalen Cloud-Marktes. Die wissens- und kapitalintensive Herstellung von leistungsstarken KI-Chips findet maßgeblich im Rahmen globaler strategischer Kooperationen zwischen den Konzernen NVIDIA, TCMS und ASML statt. Gegenwärtige KI-Modelle wie Grundlagenmodelle und große Sprachmodelle (LLM) – auch »generative KI« genannt – basieren in technischer Hinsicht größtenteils auf statistischer Optimierung. Stoßrichtungen vorangegangener Ansätze, wie etwa der »Symbolic AI« oder den einst populären »Expertensystemen«, unterscheiden sich erheblich von den datenhungrigen Rechenoperationen heutiger KI-Modelle, die auf sogenannten neuronalen Netzen basieren und dem menschlichen Gehirn nachmodelliert sind. Ihr Aufstieg hängt vor allem mit einem immensen Ausbau von Rechenkapazitäten und der gewinnbringenden Nutzbarmachung großer Datensätze zusammen. Dabei erzwingt die ihnen eingeschriebene Art der algorithmischen, datenbasierten Wissenserzeugung über immer mehr wirtschaftliche Anwendungsfelder hinweg Anpassungsleistungen und produziert neue, komplexe Unsicherheiten – sei es in Hinblick auf Arbeitsplätze, die Lohnentwicklung oder Grenzkontrollen. Manche befürchten gar einen KI-induzierten Börsensturz.
Es wäre jedoch vorschnell, eine Kritik der KI ausschließlich am Modell und seiner Anwendung auszurichten. Denn dass die KI der Gegenwart nicht nur aus Chatbots und Software besteht und dass ihre Herrschaftseffekte durch ein mehr an »Fairness« und Datenschutz allein wohl kaum eingehegt werden können, wird deutlich, wenn man sich die Wertschöpfungs- und Lieferketten anschaut, die zur Produktion von KI-Systemen notwendig sind. KI-Lieferketten bestehen aus Hunderten von Unternehmen und Tausenden separaten Prozessen und Produkten, die in opaken, global sehr ungleich verteilten infrastrukturellen Netzwerken aus Produktionsstätten, Elektronik, Daten, Energie, menschlicher Arbeitskraft und natürlichen Ressourcen hergestellt und verschifft werden (Muldoon u. a. 2026). Sie können als umkämpfte Formen gesellschaftlicher Arbeitsteilung verstanden werden, in denen Ansprüche auf Ressourcen, Arbeit und globale Hegemonie ausgehandelt werden – sei es über Konflikte um den Bau und Betrieb von energieintensiven Rechenzentren, Kämpfe für bessere Arbeitsbedingungen oder Auseinandersetzungen um den umweltschädigenden Abbau kritischer Mineralien.
Neue geopolitische Spannungen, insbesondere der sich mit dem Aufstieg Chinas entfaltende Wirtschaftskrieg mit den USA, haben zu einer hohen Aufmerksamkeit für digitale Infrastrukturen und »Spitzentechnologien« sowie zu neuen globalen Konkurrenzdynamiken geführt. Im Wettlauf um die »Technologieführerschaft« sind Regierungen zunehmend bestrebt, attraktive Investitions- und Verwertungsbedingungen für KI-Unternehmen zu schaffen und gleichzeitig eigene technologische Kapazitäten aufzubauen. Wird KI nämlich als Schlüsseltechnologie (general purpose technology) begriffen, ist sie von strategischer Relevanz sowohl für Staaten als auch Unternehmen und zentral für den Ausbau geopolitischer Vormachtstellung. Im Gegensatz zu »klassischen«, territorial ausgetragenen geopolitischen Konflikten geht es heute allerdings vorrangig um die Macht zur Kontrolle und Gestaltung von globalen Netzwerken und Infrastrukturen, an deren Knotenpunkten wie etwa Cloud-Zugängen, Halbleiter-Technologien und KI-Chips wechselseitige Abhängigkeiten als Hebel für die Durchsetzung eigener Interessen geltend gemacht werden können (Schindler u. a. 2024). Zum Zweck der Förderung des Wachstums von KI-Technologien und verbesserten Lieferketten entstehen stetig neue strategische Partnerschaften, nicht zuletzt deswegen, weil das hohe Investitionsvolumen in die KI-Industrie eine kritische Relevanz für globale Märkte erreicht hat. Dabei wird das globale KI-Ökosystem weiterhin vertikal von den proprietären Märkten, Wertschöpfungsstrategien und »Blackbox«-Architekturen der großen US-amerikanischen und chinesischen Technologieunternehmen (Big Tech) dominiert. Das schließt nicht aus, dass auch andere Technologiekonzerne und Zulieferer erfolgreich Wertschöpfungsstrategien, zum Beispiel in Hinblick auf die Entwicklung eigener KI-Modelle, anwenden (vgl. Srnicek 2025). Zusätzlich zu ihrer Ausgangslage als Anbieter digitaler Dienste verfügen vor allem die Big-Tech-Konzerne aber zunehmend mittels proprietärer KI-Systeme über exklusives Planungs- und Innovationswissen, was enorme Machtungleichgewichte und wirtschaftliche Abhängigkeiten nicht nur zwischen Firmen, sondern zwischen ganzen Regionen, vor allem im Globalen Süden, zur Folge hat. Hinzu kommt, dass sich KI-Innovation zunehmend finanzialisiert hat und damit neben den Technologiekonzernen auch kapitalstarke Einzelinvestoren in neuem Ausmaß Macht über die Gestaltung von KI-Infrastrukturen ausüben können. Diese Entwicklungen werden insbesondere für die USA aktuell meist unter der Überschrift »Tech-Oligarchie« diskutiert (Pascal u. a. 2026): Gründer und CEOs von Technologieunternehmen wie Elon Musk, Peter Thiel oder Mark Zuckerberg nutzen ihre wirtschaftliche und infrastrukturelle Macht, um politische Institutionen und Entscheidungen zugunsten ihrer eigenen wirtschaftspolitischen Ziele zu beeinflussen, über Lobbyismus, Gerichtsklagen, Gesetzesinitiativen, Wahlkampffinanzierung und eine direkte Zusammenarbeit mit den politischen Eliten.
Häufig prominent eingelassen in Bestrebungen nach »digitaler Souveränität« und »strategischer Autonomie« führt die verstärkte Mobilisierung von Ressourcen in KI-relevante Infrastrukturen in den in dieser verschärften Konkurrenz zurückliegenden Gegenden und Nationalstaaten nicht unbedingt zu einer vollständigen technologischen Abkopplung, sondern zu einer stärkeren Integration in entweder die US-amerikanische oder die chinesische Technologiesphäre. Ein jüngeres Beispiel hierfür ist der Beitritt Indiens zur US-geführten Pax-Silica-Initiative auf dem AI Impact Summit in Neu-Delhi im Februar 2026 (wo eine chinesische Delegation im Übrigen gänzlich fehlte). Die Pax-Silica-Initiative setzt vor allem auf eine strategische Absicherung kritischer Mineralien und Halbleiter-Lieferketten. Im konkreten Fall von Indien wird diese flankiert durch massive Beteiligungen von Konzernen wie NVIDIA oder Microsoft am Ausbau von KI-Infrastrukturen und auch neuen Kooperationen wie etwa der zwischen den indischen Firmen Tata und Infosys mit OpenAI und Anthropic. Hier werden also bewusst Schritte zur Schaffung neuer Absatzmärkte und einer expansiven Absicherung relevanter KI-Infrastrukturen unternommen – eine Tendenz, die sich auch in Europa zeigt.
Der europäische Hightech-Omnibus verlässt die Garage
Die KI-Politik der Europäischen Union (EU) wird weithin als »wertebasierte« Alternative zu den Verhältnissen in den USA und China mit besonderer Stärke in der Regelsetzungskompetenz hingestellt. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass KI-Anwendungen in Europa zukünftig entlang bestimmter ethischer Mindeststandards entwickelt werden. Trotz der begrenzten Handlungsspielräume europäischer Staatlichkeit in Hinblick auf koordinierte industriepolitische Initiativen, die vor allem auf nationalstaatlicher Ebene entwickelt und umgesetzt werden, ist der in europäischer KI-Politik prominent platzierte Anspruch, digitale Technologien »menschenzentriert«, »vertrauenswürdig« und »nachhaltig« zu gestalten, nicht in Gänze als Lippenbekenntnis abzuschreiben. Er hat tatsächlich zu politischen Kompromisslösungen geführt, die nun wieder unter Beschuss stehen.
Für solch einen fragilen Kompromiss steht die im August 2024 in Kraft getretene KI-Verordnung (AI Act), die als Meilenstein der KI-Regulierung präsentiert und global als erstes umfassendes Regelwerk begrüßt wurde. KI-Modelle werden anhand ihres Schadenspotenzials in Risikoklassen eingeteilt, was Konsequenzen für ihre Nutzung und für Haftungsfragen hat. Die Verordnung kann als Fortführung einer auf die Einhegung der Marktmacht von Technologiekonzernen abzielenden Digitalgesetzgebung gesehen werden. Zugleich geht es um bessere Arbeitsbedingungen sowie Verbraucher- und Datenschutz, wofür etwa das EU-Gesetz über digitale Märkte und auch die EU-Richtlinie zur Plattformarbeit stehen. Spätestens mit Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine vor vier Jahren hat allerdings auch in der EU die öffentliche Debatte um Anfälligkeiten digitaler Infrastrukturen und Cybersicherheit weiter an Fahrt aufgenommen. Damit haben sich auch die Schwerpunkte der politischen Programmatik verschoben. Abhängigkeiten von US-Cloud-Diensten werden nun als potenzielle Gefahr gesehen, hat doch die US-Regierung unter Trump sehr deutlich gemacht, dass sie nicht zögert, wirtschaftliche und technologische Abhängigkeiten zu nutzen, um Marktöffnungen zu erzwingen.
Im letzten Jahr schließlich trat auch das europäische Parlament einen Schritt nach rechts, was eine autoritäre Ausweitung der Befugnisse zur europaweiten Nutzung von KI-Überwachungstechnologien ermöglichte und für die Zukunft nichts Gutes verheißt.Auf Druck von Technologiekonzernen und der US-Regierung, aber auch befördert durch Lobbygruppen wie Business Europe geht es inzwischen wieder offen darum, »Wettbewerbshindernisse« und »Bürokratie« abzubauen. Diese Deregulierungsagenda, die an bekannte neoliberale Prinzipien anschließt und fast in Gänze auf dem falschen Gegensatz »Regulierung versus Innovation« basiert, zeigt sich etwa beim »Digitalen Omnibus«. Teil dieses Ende 2025 eingebrachten Gesetzespakets zur »technischen Straffung« der EU-Digitalgesetze ist eine Aufweichung der gerade erst verabschiedeten KI-Verordnung. Das betrifft insbesondere den Umgang mit hochriskanten KI-Systemen als auch die angepassten Regeln für Datennutzung, Datenschutz und Cybersicherheit, was von zivilgesellschaftlichen Akteuren als massive Schwächung sozialer Rechte und des Umweltschutzes kritisiert wurde.[1] Ursula von der Leyen hingegen umschrieb den Vorstoß in ihrer Rolle als EU-Kommissionspräsidentin als gewinnbringende »Vereinfachung«, die sich perfekt in die neue »AI-First-Linie« der EU einsortiert: Denn gleichzeitig zur Deregulierung werden auch in Europa immer mehr Fördermittel im Sinne einer neuen KI-Entwicklungspolitik mobilisiert.
Indes werden Verbände der an der KI-Entwicklung beteiligten Unternehmen, wie zum Beispiel BITKOM, nicht müde zu betonen, dass die europäischen Infrastrukturausgaben im internationalen Vergleich zu gering ausfallen. Laut der Beratungsagentur McKinsey lagen die privaten KI-Investitionen in den USA in den Jahren 2020 bis 2024 etwa fünf Mal höher als private KI-Investitionen in Europa. Privates Kapital nimmt aber auch in Europa eine immer größere Rolle als mittlerweile fester Teil einer marktbasierten Finanzierungsstrategie »europäischer KI« ein. Das zeigt sich in aktuellen von der Europäischen Kommission angeschobenen Koalitionen wie etwa der InvestAI-Initiative, die als weltweit größte öffentlich-private Partnerschaft zur Entwicklung »vertrauenswürdiger« KI beworben wird. Hier versammeln sich Mitgliedsstaaten, die Europäische Investmentbank (EIB) und privatwirtschaftliche Akteure aus dem Umfeld der EU Champions Initiative (über 70 Unternehmen, u. a. Airbus, Mercedes, Siemens, SAP), mit deren Hilfe 200 Milliarden Euro für sogenannte KI-Gigafabriken, in denen zukünftig große KI-Modelle trainiert werden, mobilisiert werden sollen. Private Investoren verfügen damit zukünftig über erhebliche Hebel in einem sich nach Silicon-Valley-Manier konsolidierenden europäischen KI-Ökosystem.
Da der »KI-Kontinent« Europa – so Leitbild und Titel des aktuellen Aktionsplans der Europäischen Kommission[2] – trotz aller Führungsambitionen im Bereich KI nach wie vor über keine eigenen großen Cloud-Anbieter verfügt, werden kleine und mittelständische Unternehmen und vor allem europäische Start-ups als Hauptakteure der KI-Transformation ausgemacht: Das erklärte Ziel ist eine breite Anwendung und Nutzung von KI, wobei Unternehmen angehalten werden, ein »AI-first-Mindset« einzunehmen. »Rechenleistung, Daten und Talente« sollen parallel in neu entstehenden KI-Fabriken gebündelt werden. Es gelte, sich an die systemischen Erfordernisse von »KI-Innovation« und »KI-Beschleunigung« schnellstmöglich anzupassen, damit »die Zukunft der KI in Europa gestaltet wird«[3], so Ursula von der Leyen. Paradoxerweise scheint es jedoch so, dass im Zuge dieser angestoßenen Restrukturierungen alte gegen neue technologische Abhängigkeiten getauscht oder auch alte verschärft werden könnten: Statt der Macht der US-Technologiekonzerne konsequent entgegenzutreten, wird nach technischen Übergangslösungen gesucht. Als deren Hauptprofiteure könnten aber ebendiese Konzerne mit leicht angepasstem Produktportfolio und Geschäftsmodell hervorgehen. Denn der neue geopolitisch befeuerte Fokus auf KI-Infrastrukturausbau und -bereitstellung verschafft ihnen die Gelegenheit, ihren über Daten und integrierte Soft- und Hardware-Architekturen ausgebauten Vorsprung auf dem Cloud-Markt sowie die eigenen Lobby-Ressourcen optimal zu nutzen.
Ganz im Sinne der seit Längerem für digitale Plattformen wohlbekannten Strategie, zentrale Plattformdienste als digitale Services und modulare Lösungen anzubieten und Kund*innen darüber an das eigene Ökosystem zu binden (»Lock-in«), lautet die neue (alte) Lösung: »Sovereignty as a Service«. Es sind vor allem Microsoft, Amazon und Alphabet (Google), die sich in Europa strategisch innerhalb der Debatten um »digitale Souveränität« positionieren, das Thema im Sinne der kalifornischen Ideologie umdeuten und auf technische, rechtliche und infrastrukturelle Aspekte verengen (Grohmann/Costa Barbosa 2025). Statt dass »Souveränität« über Plattformen ausgeübt wird, wird sie so von diesen nach ihren eigenen Bedingungen bereitgestellt und wird zu einer Dienstleistung, die erworben, konfiguriert und optimiert werden kann (ebd.). Die privatisierte Bereitstellung und Aneignung digitaler Infrastrukturen begünstigt so die Netzwerkzentralität der Technologiekonzerne, anstatt sie zu durchbrechen. Diese »Winner-takes-most-Dynamik« (Rikap u. a. 2024) verursacht hohe Kosten, da der Großteil der KI-Anwendung und -Entwicklung in Europa somit einem Wissens- und Wertabfluss in Richtung der Big-Tech-Konzerne unterliegt. Die gegenwärtigen europäischen Bestrebungen führen also mitnichten zu einem automatischen Ende von technologischen Abhängigkeiten und schon gar nicht zu einer nachhaltigen Bearbeitung der ökologischen Krise oder zu besseren Arbeitsbedingungen. Dies sind Perspektiven, die, wenn überhaupt, nur als Anhängsel der gegenwärtigen Agenda auftauchen.
Es gilt, die Irrationalität dieser Technikverhältnisse zu benennen. Dazu gehört auch, sich zu vergegenwärtigen, dass weder ein pauschales Mehr an »KI-Innovation« noch deren »Beschleunigung« Chiffren für gesellschaftlichen Fortschritt darstellen. Im Gegenteil ist Skepsis gegenüber einer Kombination der beiden Blackboxes »Künstliche Intelligenz« und »Innovation« und den in ihrem Kontext aufgerufenen wettbewerbsorientierten Benchmarks, wie etwa dem Global AI Index, angebracht. Solche Rankings lenken das Augenmerk von der grundlegenden Frage, inwiefern eine Integration in das Gesamtpaket des globalen KI-Ökosystems mitsamt seiner negativen Herrschaftseffekte neu ausgehandelt werden müsste, hin zur optimierten Einpassung in private kapitalistische Aneignung.


