| Potenziale politischen Zeltens. Alte und neue Camps als Aktionslaboratorien

März 2013  Druckansicht    Druckansicht
Von Christiane Leidinger

Protest, Isomatte und Zelt waren im Jahr 2011 unzertrennlich. Das Mobilisierungsflugblatt zu den Blockupy-Protesten in Frankfurt am Main 2012 weist »Zelten« sogar als »Symbol des Protests« aus. Orientiert man sich an der Geschichtsvergessenheit von Medien, mitunter auch der »neuen« AktivistInnen, ist politisches Zelten eine Erfindung von »Occupy« oder der »Bewegung 15. Mai« in Spanien 2011. Die »Indignados« (»Empörte«) hätten sich das Prinzip der Platz-Besetzung in Innenstädten von den Aufständen und Revolutionen in Ländern Nordafrikas abgeschaut.

Eine Geschichte emanzipatorisch-politischen Zeltens muss noch geschrieben werden. Beispiele sind: das Berlin-Kreuzberger Camp der Flüchtlinge vom »Refugee Protest March« seit Oktober 2012, die Krisenproteste mit Zelt seit 2011, die Zeltstadt der Stuttgart21-GegnerInnen im Schlosspark seit 2010, das Klimacamp in Hamburg 2008, die globalisierungskritischen Protestcamps gegen den G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm, das »summercamp of resistance« der Bildungsproteste 2005 in Berlin, das Camp der »feministischen Widerstandstage« in Berlin 2004, das erste internationale antirassistische Camp der »no border networks« 2002 in Straßburg oder das erste antirassistische »Grenzcamp« der Kampagne »kein mensch ist illegal« bei Rothenburg an der Neiße 1998. Politisches Zelten ist auch älter als das zweite »internationale Camp für Lesben und andere Frauen« in der Nähe von Amsterdam 1990 oder die Hüttendörfer des Widerstands gegen das Atomkraftwerk und die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf 1985/86. Die längste Camptradition der BRD haben die oftmals vergessenen Frauenwiderstandscamps: Elf Jahre lang wurden im Hunsrück Zelte in feministisch-antimilitaristischer Absicht aufgestellt. An ihrem Beispiel lassen sich Potenziale und Strategien politischen Zeltens ausloten.

Anfänge in der Bundesrepublik

In der Bundesrepublik fand das erste Protestzelten vermutlich 1973 in Nordhorn-Range statt. Die Range war militärisches Übungsgelände der britischen Royal Air Force in der Nähe von Nordhorn und Klausheide in Niedersachsen. Seit 1971 kämpften AnwohnerInnen gegen die immense Lärmbelästigung. Als diese am 12. Juni 1973 erneut den Platz besetzen, schlagen Jugendliche aus dem freien Jugendzentrum, Mitglieder des Verbandes für Kriegsdienstgegner und der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ), Zelte des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) auf. Sie wollen den Platz auch nachts okkupieren und die »Notgemeinschaft« unterstützen.

Bekannter ist das Hüttendorf in Whyl im Jahr 1975: Gegenüber von Whyl in Baden-Württemberg liegt die elsässische Ortschaft Marckolsheim, in der ein Bleichemiewerk gebaut werden soll. Am 20. September 1974 errichten dort im Rahmen eines Bauplatzbesuchs über 100 Demonstrierende aus dem bundesdeutschen und französischen Umland ein Camp: das womöglich erste transnationale Protestzeltlager in Europa. Der Werksbau wird im Februar 1975 verboten. Dieser politische Erfolg führt zu einem aktivistischen Aufschwung auf der anderen Rheinseite. Dort wurde schon länger gegen den Bau eines AKWs demonstriert. Am 18. Februar 1975 erzwingen rund 150 Frauen, Männer und Kinder die Einstellung der Baumaßnahmen. Sie schlagen Zelte auf und werden brutal mit Wasserwerfern geräumt. Wenige Tage später wird der hochgezogene Panzerdraht überwunden und der Platz in einer spektakulären Aktion erneut besetzt. Zwischen 10 000 und 28 000 Menschen sind aktiv. Acht Monate lang wird im Camp kollektives Leben und Lernen organisiert.

Historische Camps in anderen Ländern

Die Geschichte politischen Zeltens reicht mindestens bis in die 1920er Jahre zurück.1 In Großbritannien etwa sollen der Quaker-Website »Turning the Tide« zufolge Camps der Friedensbewegung als 24-Stunden-Proteste in der Nähe von Militärstützpunkten organisiert worden sein. Nachweislich campten friedensbewegte junge QuäkerInnen von 1935 bis 1939 in Süd-England. Ebenfalls aus den 1920er Jahren ist ein Mehrgenerationen-Camp aus den USA bekannt: Die massive Arbeits- und Wohnungslosigkeit der Great Depression traf insbesondere afro-amerikanische ArbeiterInnen. Sie wehren sich u.a., indem sie in New York auf dem Grund eines trockengelegten Wasserreservoirs Hütten und Zelte errichten; sie nennen es »Hoover Valley« oder »Hoovervilles« nach dem damaligen US-Präsidenten Herbert Hoover. 1968 campen ein paar Wochen nach der Ermordung von Martin Luther King Jr. rund 2 600 Afro-AmerikanerInnen in Washington, D.C. Im Rahmen der »Poor Peopleʼs Campaign« (Kampagne der Armenbewegungen) protestieren sie sechs Wochen lang unter dem Namen »Resurrection City« – Stadt des Wiedererwachens. Drei Jahre danach ist Washington erneut Schauplatz eines Camps: Am 12. Mai 1971 protestieren während der »May Day«-Proteste 35 000 bis 45 000 Menschen gegen den Vietnam-Krieg und planen vom West Potomac Park aus die nächsten Aktionen.

Camps mit langer Geschichte

Zelte als Protestsymbol werden auch von Aborigines in Australien genutzt: Sie machen seit 40 Jahren mit Zelt-Botschaften – »Aboriginal Tent Embassy« – auf ihr Recht auf Land, Ressourcen und Souveränität aufmerksam. Die erste Botschaft wird am 26. Januar 1972 in Form eines Sonnenschirms auf dem Rasen vor dem Parlament in Canberra errichtet – mit dem Hinweis »Aboriginal Embassy«. Darunter sitzen drei junge Leute mit Protestschildern; kurz darauf schlagen sie Zelte zur langfristigen Etablierung ihrer Botschaft auf. Als im Januar 2012 Tony Abbott, Oppositionsführer der konservativen Koalition, verkündet, es sei Zeit »to move on«, kommt es zu massiven Protesten. Auch die Landlosenbewegung »Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra« (MST) in Brasilien hat einen langen Atem im politischen Zelten. Sie errichten seit 1985 »acampamentos« (Camps) und protestieren damit gegen die rechtswidrige Nutzung von Ländereien.

Antimilitaristisch-feministische Camptradition

Populär wurde politisches Zelten in Europa und darüber hinaus – in friedenspolitischer und antimilitaristischer Absicht – mit dem »Greenham Common Women’s Peace Camp«. Greenham startete im Spätsommer 1981 gender-gemischt und entwickelte sich im Laufe des Jahres zu einem Frauencamp, das bis 2000 jährlich stattfand. Dem Greenham Camp gelingen Massenmobilisierungen: 1982 umzingeln 30 000, ein Jahr später 50 000 die Militärbasis. Greenham Common entfaltete eine inspirierende Strahlkraft in andere Länder – etwa in die BRD. Dort fanden von 1983 bis 1993, also elf Jahre lang, ähnliche, gleichwohl kleinere Frauenwiderstandscamps auf einem privaten Wiesengrundstück in Reckershausen im rheinland-pfälzischen Hunsrück statt. Die Bezeichnung »Frauenwiderstandscamp« war Programm: Die Frauen protestierten gegen Militarismus und Sexismus und zeigten Zusammenhänge zwischen beiden Herrschaftsverhältnissen auf. In Spitzenzeiten lebten, diskutierten und protestierten bis zu 2 000 politische Camperinnen zwischen vier und acht Sommerwochen gegen Militär, Rüstung und Alltagsgewalt gegen Frauen, Lesben und Mädchen. Anlass war die im Zuge des NATO-Doppelbeschlusses 1979 geplante – und schließlich durchgeführte – Stationierung von 96 Cruise Missiles im Hunsrück sowie die besondere Militärdichte in der Region mit ihren Folgen für Menschen und Umwelt. Die Aktivistinnen kamen aus verschiedenen Flügeln der Frauen-, der Lesben- sowie der (Frauen-)Friedensbewegung, zudem aus der linksradikalen Autonomen- und Anti-AKW-Bewegung oder der HausbesetzerInnen-Szene. Auch Anarchistinnen, Protestierende gegen die Startbahn West in Frankfurt am Main, Anti-Imperialistinnen, Aktivistinnen aus dem Verein der Verfolgten des Naziregimes (VVN) sowie aus anderen antifaschistischen Gruppen beteiligten sich. Unter den Organisatorinnen und Aktiven waren zu Beginn auch im Hunsrück ansässige Frauen.

Das frühe Zeltlagerleben wurde in Bezugsgruppen strukturiert. Ein Sprecherinnenrat sorgte neben dem Plenum für Austausch. Beschlüsse fassten die Frauen im Konsens mit Vetomöglichkeit; dezentrale Entscheidungen in Aktionsgruppen gab es ab dem zweiten Camp. Im Laufe der Jahre veränderte sich der Charakter von einem nach außen gerichteten Protest-Zeltlager gegen Militarismus und Sexismus zu einem kleineren, nach innen orientierten Diskussions- und Selbsterfahrungscamp vor allem für Frauen und Lesben mit sexualisierten Gewalterfahrungen.

Die Proteste zogen staatliche Repression nach sich: von kontinuierlicher Polizei-Überwachung über Bußgelder bis hin zu Haftstrafen. Gerade die Aktionen verschafften den »Campfrauen« und ihren Anliegen in der Anfangszeit mediale Aufmerksamkeit. Das breite Spektrum der politischen Aktionsformen umfasste z.B. spirituell motiviertes Blumen-Umpflanzen, das Umstellen militärischer Straßenschilder, Baukranbesetzungen oder Sabotage. Wie in Greenham wollten die Aktivistinnen »das Patriarchat entwaffnen«, wie Sasha Roseneil treffend formulierte.

Die Hunsrücker Proteste wurden in den ersten Jahren von einem politisch weitgreifenden Bündnis von Einzelfrauen und Gruppen getragen. Darin lag auch ein erhebliches Konfliktpotenzial und es bestand die Gefahr, dass die Koalition auseinanderbrechen könnte. Ein Bündnis muss im Prozess ausgehandelt und stets gepflegt werden. Zu dieser Bündnisarbeit gehört es bspw., verschiedene kommunikative Strategien zu überlegen sowie Diskussions- und Konfliktlösungsverfahren zu entwickeln. Dem gemeinschaftlichen Campieren selbst kam hierbei die tragende Rolle der Vertrauensbildung zu, was sich an den frühen Hunsrückcamps zeigen lässt.

Spezifische Potenziale politischen Zeltens

Das mehrwöchige Leben auf dem Frauenwiderstandscamp – gemeinsame reproduktive Tätigkeiten wie Zelte aufschlagen, Holz sammeln oder Kochen – bildete Formen kollektiven Alltagshandelns, ermöglichte Nähe und andere Bindungen. Dabei wirkte der niedrigschwellige Mitmach-Charakter für diejenigen mobilisierend, die nur anpolitisiert waren. Das lässt sich für alle längeren Camps dieser Art verallgemeinern. Das wochenlange gemeinschaftliche Zelten (Zeitfaktor) und das Prinzip des Camps (Zusammenleben auf territorial abgestecktem Raum) machten es einfacher, sich kennenzulernen. Im Zeltlageralltag konnten sich sogar politisch »verfeindete« oder sich nicht ernst nehmende Bündnispartnerinnen anders wahrnehmen: als Individuen, nicht (nur) als Vertreterinnen einer politischen (Aktions)Richtung. Im Idealfall, von dem noch die ersten Widerstandscamperinnen berichten, verhinderte oder minimierte dies Pauschalisierungen, Stereotype, mithin unproduktive, reflexartige und damit vorschnelle Abwehrreaktionen sowie Abwertungen. Auf den frühen Hunsrückcamps gelang es, gegenseitigen Respekt, Wertschätzung und Akzeptanz in Unterschiedlichkeit statt falsch verstandener Egalisierung zu entwickeln. Der produktive Umgang mit Differenzen sowie mit politischen Meinungsverschiedenheiten, das Kunststück, selbst bei scharfen politischen Kontroversen neugierig und offen zu bleiben, beugte Genervtheiten und Ablehnung vor. Diese intensive »Alltagsebene« barg gleichzeitig vielfältige Anlässe für eine Eskalation von Konflikten. Gegenüber trennenden politischen Auseinandersetzungen benennt eine damalige Aktivistin im Gruppeninterview 2010 die »Aktionsebene« der ersten Jahre als explizit verbindendes Element. Durch die Gemeinsamkeit der nach außen gerichteten Proteste konnte wieder eine Verbindung nach innen geschaffen oder erneut sichtbar gemacht werden. Sie formuliert es so: vorher »erbitterte Diskussionen führen« und »dann zu sehen, wir können dann trotzdem rausgehen und etwas damit machen«. Die inhaltlichen Kontroversen konnten auf diese Weise relativiert, teils sogar abgeschwächt werden; zumindest spalteten sie nicht mehr folgenreich die frühen Campbündnisse.

Darüber hinaus zeigt sich im Hunsrück ein weiteres Potenzial, das eng mit dem Prinzip des Zeltens zusammenhängt: Die teils kontroversen Aktionsformen können unmittelbar kognitiv und emotional reflektiert werden. Auf dem Zeltlager gab es – wie eine andere Camperin formuliert – »eigentlich immer das zeitnahe Aufarbeiten, […] wie hat es geklappt, was hat nicht geklappt, wie ist es jeder gegangen und was wünscht man sich für eine Veränderung«. Bei politischen Aktionen jenseits von Camp-Kontexten bedarf es eines zusätzlichen Treffens, das oftmals deutlich später und selten mit allen stattfindet.

In Reckershausen kamen aufgrund der politischen Breite des frühen Bündnisses Frauen mit unterschiedlichen Aktionserfahrungen zusammen und steckten einander mit der Vielfalt der Widerstandsmöglichkeiten an. Solche Protestcamps bergen das Potenzial, Ermöglichungsort und Experimentierfeld zu sein. Um das eigene Aktionsrepertoire zu erweitern, bedarf es emotionaler und kognitiver Sicherheit, durch die sich Vertrauen entwickelt. Schon im Verlauf des ersten Camps verringerte sich das Distanzierungsbedürfnis gegenüber anderen Aktionsformen, etwa solchen, die sich als »nicht gewaltfrei« verstanden. Das Zeltlager konnte zu einem Laboratorium für Aktionen werden und als Motor für das breite Bündnis wirken.

Ein weiteres wichtiges Element der Frauenwiderstandscamps – und damit ein Potenzial politischen Zeltens – ist die spezifische Verknüpfung von gemeinschaftlichem Alltagsleben im Camp, Diskussionen und Aktionen mit visionären, utopischen Zielen, die nicht »bis nach der Revolution« verschoben werden soll(t)en. Diese Strategie der Veränderungen im Alltag, der prefigurative politics geht auf eine frühsozialistische und -anarchistische Tradition zurück. Sie wird mit der Perspektive »Der Weg ist das Ziel« und einer Demokratisierung bzw. Revolutionierung alltäglicher Lebensbereiche verbunden. Radikale Feministinnen der Frauen- und Lesbenbewegungen (nicht nur) der BRD hatten sich dieser Form von Politik verschrieben. Sie kam besonders innerhalb von Camps zur Blüte, da dort Alltagshandeln und Aktionshandeln miteinander verbunden erlebt werden konnten.

Camp-Strategien

Im Gegensatz zur Aktionsform Demonstration ist politisches Zelten in seiner öffentlichen Dauer-Präsenz nicht flüchtig, wenngleich auch Demos manchmal Spuren entlang der Route hinterlassen. Camps arbeiten mit einer längeren Zeitspanne oder spielen zumindest symbolisch damit. Die Subjekte des Zeltens verlagern mit dem Camp sichtbar ihren Lebensmittelpunkt auf temporär unbestimmte Zeit. Da dies die Existenz der Einzelnen berührt, sind sie wahrnehmbar als Personen, die von der Motivation des Zeltlagers besonders überzeugt und handlungsentschieden sind. Zelte beanspruchen öffentlichen Raum und stellen Öffentlichkeit her. Sie symbolisieren die Bedeutung des Anliegens und artikulieren es. Zelte können zudem nach außen, als Aufbringflächen für politische Botschaften eine Transparent(aufhäng)funktion erfüllen. Im Kampf um Gegenhegemonie sorgen Camps insofern für eine anhaltende Sichtbarkeit von politischen Analysen, Forderungen oder zumindest Unmut; sie sind eine Form politischer Partizipation und repräsentieren diese zugleich.

Vier Grundformen politischen Zeltens lassen sich unterscheiden: Protestcamps, Gegen-, sub-, alternativ-kulturelle Camps, Diskussionscamps von Aktivist_innen und Work Camps. Protestcamps lassen sich in Aktionscamps und Präsenzcamps unterscheiden. Steht bei den einen das Zeltlager als präsenter Protestort im Mittelpunkt, so sind es bei den anderen die politischen Aktionen, die von dort ausgehen und durch das Vor-Ort-Camp ermöglicht werden. Stichworte: Anreise, Schlafplatz, organisatorische und technische Logistik etc. Die Krisenproteste mit Zelt sind ein Beispiel für Präsenzcamps etwa in Gestalt von Zeltstädten oder von Kundgebungszelten, die vor allem Raum aneignen. Von Präsenzcamps können ebenso nach außen gerichtete politische Aktionen ausgehen; fließende Übergänge und Wechsel sind möglich.

Das spezifische Potenzial emanzipatorischer Aktionscamps wie der Frauenzeltlager im Hunsrück oder der gender-gemischten in Heiligendamm zum G8-Gipfel besteht in ihrem Charakter als offene politische Laboratorien, experimentelle Utopie- und Aktionsforen und plurale Orte für territorial-basierte, reflexive, temporäre Organisationsformen. Sie bieten Mobilisierungs-, Partizipations-, Handlungs- und Protestformen. Die Vorbereitung, Errichtung und Durchführung eines Camps ist – vor dem Hintergrund der (Alltags-)Kollektivität – eine Form sozialer wie kollektiver Partizipation sowie eine Form politischen Handelns. Der Laboratorien-Charakter politischen Zeltens, der sich im Hunsrück als ein Camp an einem neuralgischen Ort entfaltet hat, dürfte jedoch bei Aktionscamps in Form eines Besetzungscamps aufgrund der damit verbundenen Unsicherheit weniger zum Tragen kommen.

Alle historischen Protestcamps zeigen: Zeltlager sind eine erfolgreich erprobte, ideale Strategie für Kämpfe um Territorien. Dies können umstrittene Räume sein: Land, Wohnraum, Plätze, Straßen; es kann um die aktuelle oder zukünftige Nutzung von Gelände sowie um Entmietung gehen. Die Zelte symbolisieren Raumaneignung und stellen damit einen direkten Bezug zu den umkämpften Territorien her. Bei den »Hoovervilles« ist das Zelten nicht nur symbolisch, sondern manifest und existentiell funktional. Das Camp symbolisiert das Thema Wohnraum und bietet diesen für die AktivistInnen – ähnlich wie zu Beginn der Krisenproteste in Israel, als campend gegen horrende Mietpreise protestiert wurde.

In den letzten Monaten ließen sich Politik, Justiz und Polizei bereits von Camping-Utensilien nervös machen, dabei wurden sogar Grundrechte wie die Versammlungsfreiheit außer Kraft gesetzt.2 Zelte an sich provozieren – ein Fakt, den sich Initiativen zunutze machen könnten. Bei politischen Aktionen ließe sich auch symbolisch zelten: Ein spontan aufgebautes Zelt bei Outdoor- oder Indoor-Veranstaltungen verweist mit Nachdruck auf den strukturellen Faktor Zeit und den emotionalen Faktor der Entschlossenheit: Wer ein Zelt mitbringt und aufschlägt, ist gekommen, um zu bleiben! Solche tent-ins könnten dabei – so gewollt – auch medial verwertbare Bilder liefern.

Die Analyse der frühen Frauenwiderstands­camps im Hunsrück illustriert, dass politisches Zelten im Sinne eines mehrwöchigen Aktionscamps politisch-strategisch eingesetzt werden kann: als Ort der unmittelbaren Reflexion für Aktionen, als Aktionslaboratorium und als Motor für breite Bündnisse. Dabei sind Camps zwar ein idealer Rahmen, gleichwohl aber keine hinreichende Bedingung für eine Umsetzung. Was tatsächlich im Kontext eines politischen Zeltlagers passiert, ist von den flankierenden Verfahren und den beteiligten Personen abhängig. Es erfordert kreative Kommunikationsstrukturen und Offenheit der Beteiligten, mit (potenziellen) Konflikten auf Camps umzugehen bzw. diesen präventiv zu begegnen – hier ließe sich von den feministischen Bewegungen und den Frauenwiderstandscamps einiges lernen.

Der Blick in die Geschichte von Kämpfen mit Zelt reagiert nicht nur auf die Geschichtsvergessenheit von Medien, AktivistInnen oder Wissenschaft, sondern stellt die Camphistorie zur Diskussion, verweist auf praktische politische Zelt-Erfahrungen, aus denen gelernt werden kann und die anerkannt werden sollten. Außerdem bietet die Geschichtsschreibung zu politischem Zelten Anknüpfungspunkte für aktuell Campende, sich in einem historischen Kontext zu verorten.

Das Reflexions- und Lernpotenzial bisherigen politischen Protestzeltens ist v.a. in zwei Aspekten zu sehen: Camps eignen sich besonders gut für die Pflege politisch breiter Bündnisse, die gemeinsam Aktionen machen wollen. Hier kann Zelten Ermöglichungsort, Experimentierfeld und Reflexionsraum in einem sein. Demgegenüber können Kollektivität und politische Sozialität von Camps dazu verführen, diese auf einen Erlebnisraum und ein soziales Event zu reduzieren, das geradezu desinteressiert ist an den externen politischen Zielen und Aktionen. Protestcampen ist eine Aktionsform und eine politische Strategie, die gezielt, aber nicht als Camp-Hype eingesetzt sinnvoll ist. Sonst wird die Oberflächen-Aneignung mit Zelt unfreiwillig zu einer oberflächlichen Besetzung, die politisch nichts mehr bewegt – außer die auf- und abgeschlagenen Zelte selbst.

 

Anmerkungen

1     Zeltlager im Kontext der ArbeiterInnenjugendbewegung oder der Reformpädagogik wären ein eigenes Thema.

2     Juristisch wird deshalb gegenwärtig darüber gestritten, ob Zelte – Veranstaltungszelte, Protestzelte – unter das Versammlungsrecht fallen. Während einige Städte Veranstaltungszelte als Versammlungen verstehen, sieht man dies in Frankfurt am Main in Politik und Rechtsprechung anders: Zelte auf öffentlichen Plätzen fallen unter die so genannte Sondernutzung, als seien sie kommerzielle Veranstaltungen.

 

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