| Feminismus ohne Strategie

Dezember 2012  Druckansicht    Druckansicht
Nancy Fraser im Gespräch

Nancy Fraser hatte 2009 argumentiert (»Feminism, Capitalism, and the Cunning of history«, New Left Review), dass feministische Gesellschaftskritik zu einer Modernisierung des Kapitalismus beigetragen habe. Die Kritik am »Familienernährermodell« half Lebens- und Arbeitsweisen zu entgrenzen und zu entsichern. Die neoliberalen Entwendungen feministischer Kritik seien bislang nur unzureichend reflektiert worden.

Wie beurteilst du aus heutiger Sicht deine Analyse von 2009?

Seit ich diesen Aufsatz geschrieben habe, ist nichts passiert, was meine Ansichten über die Geschichte der Zweiten Frauenbewegung verändert hätte. Ich denke immer noch, dass die feministische Kritik den Staatskapitalismus der Nachkriegszeit herausgefordert hat und ihn letztlich transformieren half. Ich würde auch am zweiten Schritt der Argumentation festhalten: Die feministische Kampfansage gegen diesen Kapitalismus konnte durch den aufkommenden Neoliberalismus eingehegt werden. Feministische Ideen wurden für seine eigenen Zwecke umgedeutet und gebändigt.

Auch die grundlegende Stoßrichtung des Aufsatzes bleibt. Ich wollte einen nüchternen, klaren Blick auf die Entwicklung feministischer Kämpfe in den letzten 40 Jahren werfen und verstehen, was aus dem Projekt des sozialistischen Flügels der Bewegung geworden ist, dem ich mich zugehörig fühlte. Mit etwas Abstand scheint unsere antikapitalistische Perspektive an den Rand gedrängt. Die Bewegung erwies sich in ihrer Praxis weniger als Gegenwehr gegen den Kapitalismus denn als seine Modernisierung. Unbeabsichtigt halfen unsere Ideen, den Übergang zu einem neuen, neoliberalen Akkumulationsregime zu legitimieren, das sich massiv auf Lohnarbeit von Frauen stützt. Dieser Kapitalismus hat das Modell des Familienlohns durch das einer neueren, moderneren Form der Doppelverdiener-Familie ersetzt. Ironischerweise hat unsere Kritik am Familienlohn Argumente zu dieser Verschiebung beigesteuert. Feministinnen mögen diese Folgen nicht beabsichtigt haben, aber wir haben dem Neoliberalismus doch einige symbolische Mittel in die Hand gegeben, mit denen er sich als modern und emanzipatorisch darstellen konnte. Selbstverständlich bietet der Neoliberalismus keine ernsthaften Emanzipationschancen für Frauen. Im Gegenteil, er generiert neue Formen der Geschlechterhierarchie und wirkt sich gleichzeitig negativ auf die Stellung der Arbeiterklasse insgesamt aus.

Eines würde ich heute allerdings doch anders schreiben. 2008/2009 war ich zu optimistisch, was die politischen Auswirkungen der Finanzkrise angeht. Da das Finanzsystem um Haaresbreite an seinem Zusammenbruch vorbeigeschrammt war, hoffte ich, dass wir an der Schwelle zu einer weiteren »großen Transformation« stünden, in der wir feministische Ideen für radikale Ziele wiedergewinnen könnten.

Was dann folgte, hat diese Hoffnungen nicht bestätigt. Als ich den Aufsatz schrieb, weckte Barack Obama gerade so viel Enthusiasmus – doch seine Präsidentschaft hat sich als schreckliche Enttäuschung herausgestellt. Das gleiche gilt für die europäische Kapitulation vor der Forderung der Banker nach umfassender Kürzungspolitik. Das Ergebnis ist in beiden Fällen eine weitere Version von Strukturanpassungspolitiken, die zuvor der sogenannten Dritten Welt auferlegt worden waren. Überall gibt es »Rettungspakte« für Aktionäre, Anleihegläubiger und Banken, während die normalen Leute die Kosten tragen. Leider bleibt uns der Neoliberalismus umfassend und tiefgreifend erhalten.

Was sollen wir jetzt tun? Wie reagieren wir darauf?

Zunächst müssen wir uns klar darüber werden, wie zerstörerisch dieser Neoliberalismus des freien Markts für die Mehrzahl der Frauen und für die Arbeiterschaft insgesamt ist, egal welchen Geschlechts, welcher ethnischen und nationalen Zugehörigkeit und welcher Religion sie sind. In einem zweiten Schritt müssen wir eine Idee davon gewinnen, wie wir ihn bekämpfen können. Dafür ist entscheidend, dass Feministinnen und andere emanzipatorische Kräfte aus unserer »gefährlichen Liebschaft« mit dem Neoliberalismus ausbrechen, um Hester Eisensteins Formulierung zu benutzen. Statt uns mit den Kräften zu verbünden, die auf Marktlogiken setzen, könnten wir uns versuchsweise denen anschließen, die Menschen (und Natur!) vor dem Markt zu schützen versuchen. In anderen Worten, wir brauchen eine echte politische Neuorientierung.

In deinem Text von 2009 sprichst du die Frage der sozialen Reproduktion an, die für alle Menschen, ob Mann oder Frau, ein Thema ist. Sie bildet den Kern einer Transformation der Gesellschaft. Wie können wir damit umgehen?

Mit sozialer Reproduktion meine ich die Gesamtheit der menschlichen Energien und Handlungen, die darauf abzielen, soziale Bindungen herzustellen, aufrechtzuerhalten und zu erneuern. Wir neigen häufig dazu, Reproduktion auf Haushalt und Familie beschränkt zu denken. Doch soziale Reproduktion geht weit darüber hinaus: Ein guter Teil ist in der Zivilgesellschaft angesiedelt – in den Communities, in Gemeinden, Berufsgenossenschaften und politischen Zusammenschlüssen – überall dort, wo Menschen miteinander in Kontakt treten und solidarische Praxen entwickeln. Bis vor kurzem haben sich diese Tätigkeiten außerhalb des Geldkreislaufs abgespielt, als selbstverständliche Voraussetzung für Marktverhältnisse und die Ausbeutung von Lohnarbeit. Obwohl sie für die Gesellschaft und den Kapitalismus absolut grundlegend ist, wurde reproduktive Arbeit nie angemessen anerkannt. Ein wichtiger Beitrag feministischer Theorie war es, deren Notwendigkeit als Bedingung für Lohnarbeit hervorzuheben und die Aufmerksamkeit auf soziale Reproduktion zu lenken. Heute gerät die soziale Reproduktion allerdings zunehmend unter Druck, da sie im Neoliberalismus verstärkt monetarisiert wird. Die Kommodifizierung von Sorgearbeit macht glauben, dass die notwendige Voraussetzung für Warenproduktion wiederum eine Ware sein kann, ein Produkt wie jedes andere. Doch das ist ein Irrtum – hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Die Folge kann nur eine Destabilisierung der sozialen Reproduktion und mit ihr des Kapitalismus selbst sein. Man führe sich die Auswirkungen neuer Formen von Prekarität vor Augen: In der heutigen neoliberalen Ökonomie müssen viele Menschen zwei oder drei Jobs annehmen, um genug Geld zum Leben zu haben. Familien müssen mehr Stunden Lohnarbeit durch mehr Familienmitglieder leisten, um einen Lebensstandard zu halten, der zuvor über einen einzigen Lohn abgedeckt war. Das Problem ist offensichtlich: Erhöhte Lohnarbeitszeiten bedeuten weniger Stunden, die für soziale Reproduktion zur Verfügung stehen. Dasselbe gilt für den massiven Eintritt von Frauen in den Arbeitsmarkt. Hinzu kommt der neoliberale Druck auf die Staaten, öffentliche Versorgung und soziale Infrastruktur zu beschneiden. Das Ergebnis ist eine enorme Belastung, die sich auf lange Sicht sogar für den Kapitalismus als dysfunktional erweisen wird. Sicherlich aber für die Menschen und die menschliche Gesellschaft insgesamt.

Umfasst dein Begriff der sozialen Reproduktion auch das Verhältnis von Mensch und Natur, von Gesellschaft und Umwelt?

Das ökologische Problemfeld bildet einen anderen Strang der gegenwärtigen Krise, beide sind aber ineinander verschlungen. Nach meinem Verständnis haben soziale Reproduktion und Natur eine analoge Stellung in kritischen Analysen: Beide gehorchen einer vergleichbaren Logik. Sowohl Natur als auch »Sorgearbeit« stellen unumgängliche Voraussetzungen für die kapitalistischen Produktionsbeziehungen dar. Doch das Kapital tendiert dazu, beide herabzuwürdigen. Wo es ihm möglich ist, neigt es zu unbeschränkter Ausbeutung der Natur wie zu unbeschränkter Ausbeutung der sozialen Reproduktion. In beiden Fällen nimmt es, was es brauchen kann, und spuckt den Rest aus. Wie ein Vampir saugt das Kapital den Wert aus, Natur behandelt es dabei als Quelle für Rohstoffe und als Auffangbecken für seine Abfälle. In dieser Hinsicht haben die ökologische Krise und die Krise der sozialen Reproduktion eine gemeinsame strukturelle Ursache. In beiden Fällen zerstört der neoliberale Kapitalismus seine eigenen Voraussetzungen und damit sein eigenes Fundament.

Wenn wir an soziale Bewegungen denken, an Klassen- und Geschlechterfragen, an Fragen der Ethnizität und anderer Unterschiede – was müsste politisch als nächstes geschehen? Wer sind mögliche Verbündete im Aufbau von Gegenbewegungen?

Trotz aller Differenzen haben »die 99%« einen gemeinsamen Feind im neoliberalen Kapitalismus. Potenziell könnten sie sich also mit dem Ziel organisieren, diesen zu bekämpfen und das gegenwärtige gesellschaftliche System zu transformieren. Im Prinzip könnten emanzipatorische soziale Bewegungen viele Verbündete finden, würden sie sich als Parteigänger der 99% darstellen. Als Bewegung derer, die eine Zerstörung der Natur, der gesellschaftlichen Solidarität und der menschlichen Lebensgrundlage durch den Kapitalismus verhindern wollen. Die Idee einer gemeinsamen Krisenlogik von Natur und sozialer Reproduktion legt die Möglichkeit eines Bündnisses zwischen Feministinnen und UmweltaktivistInnen nahe. Klar, weder alle UmweltaktivistInnen noch alle Feministinnen teilen diese Ansicht. Im Gegenteil, heute gibt es eine Reihe zweifelhafter Strömungen, die sich für »grünen Kapitalismus« und »grüne Finanzwirtschaft« (green finance) einsetzen. Diese entsprechen den Strömungen des liberalen Feminismus. Auch die ökologische Bewegung wird vom Neoliberalismus aufgegriffen. Entsprechend könnte es für radikale Mitglieder in diesen Strömungen durchaus Zeit sein, ihren Schwestern und Genossen die Frage vorzulegen: Auf welcher Seite steht ihr? Werdet ihr einfach zuschauen, wie unsere Ziele, unsere Träume, unsere Ideen als Legitimationen des Neoliberalismus wieder an Kraft gewinnen? Oder seid ihr bereit, für ihre Wiederaneignung zu kämpfen?

Ich möchte nicht suggerieren, dass dies einfach ist. All die bekannten Spannungen in Bündnissen bestehen fort: Spaltungen aufgrund von Geschlecht, ethnisch-rassistische Hierarchien, staatliche Repression und so weiter. Diese Spaltungen müssen weiter bearbeitet werden. Wir sind jedoch in einer so gefährlichen, kritischen und verzweifelten Situation, dass wir keine andere Wahl haben. Wenn es innerhalb dieser Krise Hoffnung gibt, dann ist es der Impuls, Klarheit darüber zu gewinnen, was auf dem Spiel steht, und die Alternativen deutlich zu machen. Früher hieß es, man müsse zwischen Sozialismus und Barbarei wählen. Wir stehen vor einer ähnlich gravierenden Entscheidung. Welchen Weg werden wir einschlagen?

Aus dem Englischen von Daniel Fastner.