Im Einklang mit der NATO hat der Verteidigungsminister Boris Pistorius im Juni 2024 im Bundestag gefordert „Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein … Wir müssen Abschreckung leisten, um zu verhindern, dass es zum Äußersten kommt.“ (Pistorius 2024)
Aber was bedeutet Kriegstüchtigkeit und welche Folgen hat sie für die Gesellschaft generell und insbesondere für die Geschlechterverhältnisse?
Kriegstüchtig zu sein, bedeutet, die Bereitschaft und Fähigkeit zu haben, das Leben und die Lebensgrundlagen anderer Menschen, aber auch das eigene Leben, zu gefährden. Dies nicht als individueller Akt, sondern innerhalb einer hierarchischen, vor allem aber arbeitsteiligen Organisation. Im Krieg oder kriegerischen Konflikten ist erlaubt, was in der Gesellschaft typischerweise verboten ist und strafrechtlich verfolgt wird. Mehr noch, wie wir aus früheren und aktuellen Kriegen wissen, wird im Krieg auch anders über das Leben und den Tod gesprochen: Soldat*innen sterben nicht einfach, sie „fallen“ in Ausübung ihres ehrenvollen Dienstes oder auch fürs Vaterland. Getötete Soldat*innen der gegnerischen Seite gelten als Erfolg, nicht als Verbrechen. Häufig erfährt man auch eher etwas über die Zahl der auf der gegnerischen Seite getöteten Kämpfenden, während die Informationen darüber, wie viele Opfer in den eigenen Reihen zu beklagen sind, spärlicher ausfallen.
Aber auch wenn es gegenwärtig vermeintlich nur darum geht, durch Aufrüstung und die Herstellung von Kriegstüchtigkeit einen weiteren Krieg in Europa zu verhindern, so hat dies doch auch deutliche Folgen sowohl für die zivile Gesellschaft als auch das Militär. Dabei sollen hier drei Dimensionen genauer betrachtet werden:
Zum ersten muss die Volkswirtschaft immense Mittel für die Verteidigung bereitstellen. Davon profitieren vor allem Rüstungsunternehmen, die einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben. Diese Mittel werden in Deutschland und den anderen europäischen Staaten zumeist über Schulden – in Deutschland Sondervermögen genannt – bereitgestellt. Es sind Mittel, die gegenwärtig und später für andere Aufgaben in Bildung oder dem Sozialbereich nicht ausgeben werden können.
Zum zweiten geht es darum, die Bevölkerung moralisch, ideologisch und psychisch auf einen Krieg vorzubereiten. Verteidigung soll Teil des allgemeinen Denkens werden, Schulen sollen ein „unverkrampftes Verhältnis zur Bundeswehr“ (Die Zeit 2024) entwickeln. Bezieht man sich auf Herfried Münklers Unterscheidung zwischen heroischer und postheroischer Gesellschaft (2006, 2012), so leben wir derzeit (noch) in einer postheroischen Gesellschaft. Diese ist, so Münkler, gegen Opfer allergisch. Heldentum und Tapferkeit werden lediglich im Sport oder in Filmen honoriert, aber nicht in der zivilen Gesellschaft. Stattdessen sucht die Gesellschaft nach Möglichkeiten, die eigenen Opfer in militärischen Auseinandersetzungen möglichst gering zu halten. Die asymmetrische Kriegsführung (aus der Luft, mittels ferngesteuerter Drohnen oder auch zur „Aufstandsbekämpfung“) hat auch darin ihre Wurzeln. Als postheroisch werden diese Gesellschaften im Unterschied zu nicht- oder unheroischen Gesellschaften (Münkler 2012) bezeichnet, da sich Erinnerungen an verlorene, im Nachhinein auch als unsinnig bewertete Kriege und Verluste ins kulturelle Gedächtnis eingegraben haben. Wenn aber eine Gesellschaft kriegstüchtig werden soll, werden auch die Reflexe gegen Opferbereitschaft und Heldentum infrage gestellt. Kriegerdenkmäler, Tapferkeitsmedaillen, heroische Kriegsfilme, öffentliche Vereidigungen, ein nationaler Veteranentag sind Symbole eines veränderten Umgangs damit. Margot Käßmann (2024) kritisiert diese schleichende Militarisierung der Sprache, sie weist darauf hin, dass „‚Helden‘, ‚Blutzoll‘, ‚Tapferkeit‘, ‚Ehre‘, (…) inzwischen Teil des alltäglichen Sprachgebrauchs in den Medien geworden“ sind und dass „Kriegsdienstverweigerung, Skepsis, Drängen auf beispielsweise Soziale Verteidigung (…) in der Konsequenz als Infragestellung der Kriegstauglichkeit gewertet“ werden. In Bayern sind Schulen inzwischen zur Zusammenarbeit mit der Bundeswehr verpflichtet (Spiegel 2024). Und wenn in Frankreich eine staatliche Kampagne zum Kinderkriegen gestartet wurde, so kann man auch dies als Zeichen einer auf Kriegstüchtigkeit orientierten Gesellschaft ansehen. Denn Gesellschaften mit geringer Geburtenrate sind – so wieder Münkler – typischerweise eher postheroisch und opferscheu, weil die Bereitschaft, ein Kind für einen Krieg zu opfern, ebenso sinkt.
Und zum dritten soll die Bundeswehr selbst gestärkt werden: durch massive Investitionen in die technisch-technologische Ausrüstung und durch verstärkte Rekrutierung mittels des neuen Wehrdienstes. Zunächst soll dieser freiwillig sein. Werden aber die als erforderlich genannten Personalstärken damit nicht erreicht, wird eine „Bedarfswehrpflicht“ hochwahrscheinlich (vgl. Scheuing 2026). Die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung soll jedoch bestehen bleiben.
Alle drei Elemente greifen ineinander. Was aber bedeutet dies für die Geschlechterverhältnisse?
Rückkehr der militärischen Männlichkeit
Die Geschlechterverhältnisse interessieren hier auf drei Ebenen. Auf der ersten Ebene werden die Genusgruppen Frauen und Männer und diejenigen, die sich dieser Zuordnung widersetzen, betrachtet. Diesen Gruppen werden in den Gesellschaften häufig unterschiedliche Rollen und Aufgaben zugewiesen und damit gehen typischerweise auch unterschiedliche Lebenschancen einher.
Auf der zweiten Ebene geht es um die Normen, das Wahrnehmen, die Körpererfahrungen, das Denken und Handeln, die den Genusgruppen zugeordnet werden, also um Männlichkeit und Weiblichkeit. Männlichkeit steht dabei für das Streben nach Erfolg, Status und Dominanz, für Unabhängigkeit, Mut und Tapferkeit. Weiblichkeit wird assoziiert mit Fürsorglichkeit, Emotionalität, Sanftmut, Passivität, Abhängigkeit, Erotik (Rastetter 1994, 38). Abhängig davon, wie Gesellschaften konstituiert sind, wirken diese Normen mehr oder weniger stark disziplinierend auf das Verhalten von Männern und Frauen, in einer heroischen Gesellschaft stärker als in einer postheroischen.
Auf einer dritten Ebene lässt sich mit Raewyn Connell (1995) von verschiedenen Männlichkeiten sprechen, die in unterschiedlichen Räumen unterschiedliche Anerkennung finden und in Konkurrenz zueinanderstehen. Dabei kommt der hegemonialen Männlichkeit besondere Bedeutung zu. Diese erfährt in der Gesellschaft hohe Zustimmung, sie dient als Orientierungsmuster und Leitidee, zu denen sich Männer (zustimmend oder abgrenzend) in Bezug setzen müssen. Sie wird durch die soziale Praxis der gesellschaftlichen Eliten definiert, also durch eine zahlenmäßige Minderheit der Bevölkerung, ohne dass die Elite selbst den Normen hegemonialer Männlichkeit entsprechen muss.
Dies zugrunde legend können die drei Dimensionen der Kriegstüchtigkeit aus einer Geschlechterperspektive genauer betrachtet werden:
Zum ersten Punkt: Die hohen Investitionen in Rüstung und Verteidigung und die dafür aufgenommenen Schulden führen letztlich zwangsläufig dazu, dass in anderen Bereichen staatlicher Finanzierung zukünftig gekürzt werden muss. Es werden also in noch stärkerem Maße Mittel fehlen für Bildung, für Kinderbetreuung, für soziale Belange, Familien und Gleichstellung. Dies trifft Frauen als Träger*innen familialer Aufgaben und als diejenigen, die immer noch mehrheitlich in den betroffenen Bereichen berufstätig sind, in besonderer Weise.
Zum zweiten Punkt: Mit der ideologisch-moralischen Herstellung von Kriegstüchtigkeit gewinnen die als männlich kodierten Eigenschaften – Mut, Tapferkeit, Dominanz – an Bedeutung. Zugleich verschieben sich die Beziehungen zwischen unterschiedlichen Männlichkeiten. Mit der Durchsetzung des allgemeinen (also für junge Männer geltenden) Wehrdienstes und der Verknüpfung von Nationalismus, Militarismus und Männlichkeit – in der Zeit zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und dem Ende des zweiten Weltkriegs – konnte die militärische Männlichkeit eine hegemoniale Position in der Gesellschaft erlangen (Frevert 2001). Danach, mit der langanhaltenden Friedensphase in Europa, der Entwicklung der Atombombe, mit der ein Krieg nicht mehr durchführbar erschien, und der Individualisierung und Demokratisierung von westlichen Gesellschaften galten militärische Normen und Werte zunehmend als fremd und altertümlich. Das Militär verlor an gesellschaftlicher Akzeptanz, militärische Männlichkeit ihren hegemonialen Status. Nun aber, wo die Gesellschaft kriegstüchtig werden soll, soll auch die militärische Männlichkeit gegenüber anderen an Bedeutung gewinnen. Wer Wehrdienst leistet, dem winken – davon ist auszugehen – auch in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen Vorteile. Andere abweichende Männlichkeiten sollten dagegen an Status (weiter) verlieren.
Die Schulstreiks gegen Wehrpflicht zeigen, dass dies nicht widerspruchslos hingenommen wird. Die jungen Menschen wenden sich gegen Aufrüstung, gegen eine Wehrpflicht und damit auch gegen die gesellschaftliche Hegemonie einer militarisierten Männlichkeit. Sollte der Wehrdienst für junge Männer – die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag scheinen einer Einbeziehung der Frauen zu widersprechen – verpflichtend werden, so werden sich viele dagegen wehren. Fraglich erscheint dann, wie Politik und Militär mit der Verweigerung des Wehrdienstes umgehen würden, ob die Verweigerungen also wie in der 1990er Jahren hingenommen werden oder dies so rigide wie in den 1970er und 80er Jahren behandelt wird und sich viele junge Männer dann in einer für sie fremden Welt wiederfinden. Dies hätte dann auch Folgen für das Militär, das auf unwillige Rekruten mit stärkerem Zwang, Drill und Sanktionen reagieren müsste.
Zum dritten Punkt: Durch die Wiedereinführung des Wehrdienstes, die ideologische Aufrüstung und die stärkere Relevanz der Landesverteidigung verändern sich auch die Geschlechterbeziehungen innerhalb des Militärs, die Beziehungen zwischen Männern und Frauen, genauso wie die zwischen unterschiedlichen Männlichkeiten.
Gehen wir zurück in der Geschichte, dann sehen wir, dass die Position von Frauen, dort wo sie sich den Zugang zum Militär als Soldatinnen erkämpft haben – so Stiehm (1982) –, immer problematisch war. Als Kämpferinnen wurden und werden sie häufig als Bedrohung der militärischen Männlichkeit angesehen, da sie der Dichotomie von kämpfendem, beschützendem Mann und friedfertigen Frauen widersprechen. Sprachliche Abwertungen, Mobbing und sexualisierte Übergriffe waren und sind dann Mittel von Soldaten, die Kameradinnen zu bekämpfen.
Im Zuge der Aussetzung oder Aufhebung der Wehrpflicht und der Durchsetzung von Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsgesetzen sollte sich dies ändern, denn zumindest formal unterliegen Frauen und Männer dadurch den gleichen Zugangs- und Aufstiegsbedingungen. Durch die Wiedereinführung des Wehrdienstes bzw. der Wehrpflicht aber kann es zu einer Retraditionalisierung der Geschlechterbeziehungen im Militär kommen. Es ist davon auszugehen, dass der Anteil der Frauen am militärischen Personal dadurch sinkt und der der Männer sich erhöhen wird, insbesondere dann, wenn der Wehrdienst vor allem auf die jungen Männer abzielt. Der Minderheitenstatus, in dem Frauen sich in den Streitkräften befinden, wird sich verschärfen. Sie werden, wie Kanter (1977) ausgearbeitet hat, besonders sichtbar und müssen sich der männlichen Dominanz unterordnen. Anzunehmen ist, dass die Unterschiede zwischen Männern und Frauen wieder stärker herausgehoben werden und die Zugänge zu informellen Netzwerken und Gruppen für die Soldatinnen noch schwieriger werden.
Aber auch die Beziehungen zwischen den Truppengattungen und damit einhergehend zwischen verschiedenen Männlichkeiten im Militär verändern sich. In den früheren Out-of-Area-Einsätzen seit den 1990er Jahren ging es neben den militärischen auch um polizeiliche, logistische oder medizinische Aufgaben. Das bedeutet, dass viele verschiedene Fähigkeiten und Qualifikationen gefordert waren. Die Hierarchie zwischen kämpfenden und anderen Truppen hatte an Bedeutung verloren und so auch die Hierarchie zwischen der militärischen Männlichkeit von Panzergrenadieren, Kampfschwimmern oder Fallschirmjäger gegenüber derjenigen von Sanitäts-, Logistik- oder Informationstechnikern. Ist das Männlichkeitsbild in den ersteren eher durch Disziplin, Gehorsam, körperliche Stärke, Kampfkraft und Opferbereitschaft geprägt, sind es bei der zweiten Gruppe eher Teamorientierung, Flexibilität und demokratische und gleichberechtigte Interaktionsformen, die das Männlichkeitsbild prägen (Apelt/Dittmer 2007).
Hier schließt sich der Kreis zum zweiten Punkt: Gewinnt militärische Männlichkeit in der Gesellschaft wieder an Status, so gibt die militärische Männlichkeit der kämpfenden Truppen dafür die Orientierung. Und diese grenzt sich typischerweise deutlicher von anderen Männlichkeiten und von Frauen ab. Nicht automatisch ist damit geklärt, wie sich die weitere Bedeutungszunahme von Informatik und Drohneneinsatz auf die Beziehungen zwischen den Männlichkeiten unterschiedlicher Einheiten auswirkt.
Die Gesellschaft soll kriegstüchtig werden, um die demokratische, pluralistische Gesellschaft zu schützen. Die Gefahr aber, die damit einhergeht, ist, dass Demokratie und Pluralismus, also auch Gleichberechtigung und Gleichstellung auf diesem Wege unterhöhlt werden.


