Faschisierung

Lange Frist und kurze Zündschnur

Die Rede vom Faschismus markiert eine neue Dringlichkeit – und bringt die Linke in ein strategisches Dilemma. Anmerkungen zur Debatte um einen intersektionalen Antifaschismus

Veröffentlicht am 19. Mai 2026

Es ist nicht zu übersehen: Das F-Wort ist in der politischen Debatte Deutschlands angekommen. Wo vor einigen Jahren noch von Rechtspopulismus und Autoritarismus die Rede war, schiebt sich aktuell der Begriff des Faschismus ins Zentrum der Auseinandersetzung. Er taucht in breit rezipierten Zeitdiagnosen auf, findet Eingang in Feuilletons und Online-Debatten (vgl. etwa die Rezeption der Bücher von Amlinger/Nachtwey 2025; Herzog 2025; Redecker, von 2026; Terkessidis 2026). Zugleich orientiert er zunehmend auch linke Strategiedebatten, nicht zuletzt in der Zeitschrift Luxemburg. Was gewinnen diese, wenn die zentrale Herausforderung der gegenwärtigen Konjunktur als antifaschistische verstanden wird? Und wo bleibt sie in ihrer Mobilisierung des Faschismusbegriffs immer noch hinter den Anforderungen dieser Konjunktur zurück? Ich will hierzu eine zweiteilige These vertreten: Die neue Faschismusdebatte stellt eine progressive Problemverschiebung gegenüber früheren Auseinandersetzungen im Paradigma des Populismus dar; zugleich schöpft sie die Erkenntnispotenziale dieser Verschiebung noch nicht ausreichend aus. Das hat Folgen für die Frage der Gegenstrategien. Der Beitrag soll in diesem Sinne die Debatte um einen »intersektionalen Antifaschismus« weiterführen, die in der letzten Ausgabe der Luxemburg von Lia Becker, Lola Fischer-Irmler, Barbara Fried, Elisa Otzelberger, Birgit Sauer und Alex Wischnewski angestoßen wurde (Becker u. a. 2026).

Faschismus und Populismus

»Progressive Problemverschiebung« nannte der Wissenschaftstheoretiker Imre Lakatos einst die Form, die Fortschritt in der Erkenntnis annimmt: nicht als Abfolge von Entdeckungen von Wahrheiten, sondern als Wettstreit von Forschungsprogrammen, in dem sich jene durchsetzen, deren Erklärungskraft sich ausweitet. Die Populismusforschung muss in diesem Sinne als weitgehend erschöpftes oder in Lakatos’ Terminologie als degeneratives Forschungsprogramm gelten. Sie kann uns immer weniger über die politischen Entwicklungen der gegenwärtigen Konjunktur sagen. Ihr Fokus auf Fragen des politischen Stils und der Diskursstrategien lässt ihren Gegenstand substanziell unterbestimmt. Zu oft bleibt sie dabei stehen, den Einsatz rhetorischer Stilmittel zu untersuchen und zu kritisieren. Populismus muss erst mit einem Attribut auf der Links-rechts-Achse versehen werden, um überhaupt etwas über seine politischen Inhalte und Anliegen sagen zu können. Ebenso unbestimmt ist folglich das Verhältnis zur Demokratie: Der Populismus kann als ihr Feind oder ihr Gegenteil beschrieben werden, aber ebenso als Ergebnis ihrer Defekte oder als Rettung ihres Wesens. Es gibt wenige Überlegungen dazu, was ein Populismus an der Macht oder zumindest an der Regierung alles verfolgen kann.

Die neue Faschismusdiskussion stellt in jeder dieser Hinsichten einen Fortschritt dar. Sie bestimmt ihren Gegenstand eindeutig als rechtes Projekt, das auf die Überwindung des bürgerlichen Rechtsstaats und der liberalen Demokratie abzielt und Gewalt entfesselt. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf die verfolgten Ziele und fragt, welche gesellschaftlichen Kräfte sie auf welche Weisen und mit welchen Motiven unterstützen. Dass jeder Faschismus ein Staatsprojekt verfolgt, liegt auf der Hand – anders als der Populismus kann er nicht als fehlgeleiteter Protest verharmlost werden. Schließlich bietet die Problemverschiebung die Möglichkeit, im Sinne Gramscis nach dem Verhältnis von »Vergangenem« und »Gegenwärtigem« zu fragen: Was passiert, wenn man den hundertjährigen Begriff Faschismus auf die Gegenwart der späten 2020-er Jahre überträgt? Sprechen wir von historischen Parallelen, untergründigen Kontinuitäten, einer Neuauflage unter veränderten Bedingungen? Wie könnte ein Faschismus des 21. Jahrhunderts aussehen? Und wie die Prozesse, die seine Entstehung ermöglichen und die Handlungen, die seine Realisierung verhindern könnten?

Um in den Austausch darüber zu treten, welche Strategien nötig sind, muss also zunächst die Konjunktur bestimmt werden, »in der Faschismus denkbar wird, weil sich eine Reihe von Voraussetzungen beobachten lassen« (Terkessidis 2026, 12). Lia Becker (2024) und Mario Candeias (2024, 2025) schlagen vor, dafür auf den Begriff Faschisierung zurückzugreifen. Candeias (2024, 178) versteht darunter die »molekulare[n] Ausbreitung typischer ideologischer Elemente in zunehmend kohärenterer und geschichtlicher – also gesellschaftlich wirksamer – Form«. Statt davon auszugehen, dass es ein jeweils messbares Verhältnis von Populismus-Angebot und -Nachfrage auf dem Marktplatz des Parlamentarismus gibt (vgl. Rodrik 2021; Opratko 2021), geraten aus dieser Perspektive die längerfristigen kulturellen, affektiven und psychischen Dynamiken in der Gesellschaft in den Blick, die den »Drang zur Härte« (Redecker, von 2026) selbst antreiben. Denn im Prozess der Faschisierung wird »das Denken und Fühlen selbst herrschaftlich transformiert« (Candeias 2024, 178, Fn. 50). Das scheint mir eine entscheidende Einsicht zu sein. Wir wissen inzwischen aus zahlreichen Studien, dass die globalen Voraussetzungen für einen neuen Faschismus vom neoliberalen Kapitalismus der letzten vier bis fünf Dekaden geschaffen wurden (vgl. Maher 2023; Slobodian 2023, 2025; Brown 2015, 2019). Er ist aus der Erfahrung und der Krise einer liberalen demokratischen Ordnung hervorgegangen. Der Drang zur Härte, zur Rücksichtslosigkeit, zum Egoismus, der Hyperindividualismus und die Verächtlichmachung vermeintlich Schwacher sind Teil der DNA des Neoliberalismus. Die Umkodierung von Freiheit zu Marktfreiheit und die Delegitimierung staatlicher Unterstützungs- und Umverteilungsmechanismen waren dabei stets begleitet von der Überhöhung der Familie als letztes soziales Gefüge, in dem die Eigenverantwortung ihren Platz findet. Wer alt oder krank ist oder aus anderen Gründen nicht erwerbsarbeitend für sich selbst sorgen kann, soll sich auf niemanden anders verlassen können als auf die eigene Familie. Das ist der Konvergenzpunkt von Neoliberalismus und Neokonservativismus (Cooper 2017, 2018). Oder wie Margaret Thatcher (1987) es einst formulierte: »[Zu viele Menschen] laden ihre Probleme auf die Gesellschaft ab – und wer ist die Gesellschaft? So etwas gibt es nicht! Es gibt einzelne Männer und Frauen, und es gibt Familien. Und keine Regierung kann irgendetwas tun, außer durch die Menschen – und die Menschen schauen zuerst auf sich selbst.«

Das ist freilich noch kein Faschismus, aber der neue Faschismus ist das Abfallprodukt dieser liberalen Ordnung. Wir haben es mit einem postliberalen Faschismus zu tun. Seine Anziehungskraft entfaltet er als Modalität, sich in den vom neoliberalen Kapitalismus selbst verursachten Krisen zu behaupten, ohne dessen Dogmen herauszufordern. Er funktioniert als »Umverteilung von Gewalt und Demütigungen« (Seymour 2024), während der gesellschaftliche Reichtum im Schoß weniger obszön anschwillt. Das Vermögen der neuen Ultrareichen kann in der neoliberalen Rationalität nur als Ausweis ihrer besonderen Fähigkeiten gelten: Unternehmergeist, Risikobereitschaft, Innovationskraft, Rücksichtslosigkeit. Sie werden als mythische Gründer zu Rollenmodellen einer erneuerten unternehmerischen Maskulinität, während sie ganz praktisch daran arbeiten, ihre ökonomische Potenz mit Zwang zu panzern (vgl. Cooper in diesem Heft). Felix Diefenhardt (2026, 18) hat zuletzt die »unter Silicon-Valley-Unternehmern immer populärer werdende Strategie« beschrieben, »unmittelbarer Bestandteil des amerikanischen Staats- und Militärapparats zu werden«. Die Verschmelzung ökonomischer und staatlicher Macht ist ein klassisches Kennzeichen des Imperialismus und Voraussetzung für die neuen Faschisierungsprozesse.

Lange und kurze Frist

Die gegenwärtige Konjunktur der Faschisierung ist also der vorläufige Kulminationspunkt ökonomischer, politischer und sozial-kultureller Prozesse, die über mehrere Generationen Kraft gewonnen haben und zumindest in kurzer Frist nicht rückgängig gemacht werden können. Diese Tatsache muss jede antifaschistische Strategie einberechnen. Die unbequeme Wahrheit lautet, dass linke Gegenstrategien ein politisch-pädagogisches Projekt in langer Frist verfolgen müssen, das für Mehrheiten erfahrbar macht, dass es schöner und möglich ist, anders zu leben als nach den Mustern der Liberalen und Faschisten: umsichtig, kooperativ und so, dass Schwäche nicht Stärke provoziert. Es muss begrenzte politische Landgewinne nutzen, um zu beweisen, dass die dafür notwendigen Infrastrukturen politisch hergestellt und gegen Gegner durchgesetzt werden können (vgl. Redecker, von 2026, 239). Zugleich aber, und das macht die Lage so kompliziert, zeigt die semantische Verschiebung von der Populismus- zur Faschismusdebatte an, dass uns dafür die Zeit ausgeht. Die im Faschisierungsprozess gelegte Zündschnur ist kurz. Darum braucht es unmittelbare Schutz- und Gegenmaßnahmen.

Das Bewusstsein um diese Gleichzeitigkeit zieht sich auch durch die jüngeren Beiträge zur Strategiedebatte in der Zeitschrift Luxemburg. Meist wird betont, dass es beides braucht: eine kurzfristige Verhinderungsstrategie und eine längerfristige Strategie des Aufbaus einer sozialistischen Alternative. Doch wird darin nicht immer deutlich, dass es sich um ein echtes Dilemma handelt. Wenn es tatsächlich darum geht, von links die »größtmögliche Bündelung der Kräfte« zu ermöglichen, »um eine mögliche schwarz-blaue Regierung zu verhindern«, wird das Dilemma unvermeidlich. »Zur Debatte steht […], inwieweit über radikale Forderungen Mehrheiten gewonnen werden können oder ob es angesichts der Kräfteverhältnisse eher eines parallelen Herangehens bedarf«, ­schreiben Becker u. a. (2026, 42) in ihrem Plädoyer für einen intersektionalen Antifaschismus. Das ist zu vorsichtig formuliert. Denn es kann leicht dazu führen, dass die Linke (als Partei wie als gesellschaftliche Kraft) sich mit der alten Ordnung, die im Sterben liegt, gemein macht und jede Glaubwürdigkeit als Teil des Neuen verliert, das geboren werden muss. Im schlimmsten Fall findet sie sich in einer chinesischen Fingerfalle wieder, die sich immer fester zuzieht, weil an beiden Enden Kraft aufgewendet wird.

Ein lehrreiches Beispiel dafür bietet die Situation in Österreich. Dort hat sich die Sozialdemokratische Partei unter einem Vorsitzenden, der weit links von seinen Vorgängern steht, Anfang 2025 in eine Koalitionsregierung begeben, um zu verhindern, dass Herbert Kickl von der FPÖ (die mit 29 Prozent die Wahl gewonnen hatte) Bundeskanzler wird. Obwohl die SPÖ mit Vizekanzler Babler und Finanzminister Marterbauer aufrechte Links-Keynesianer in hohe Regierungsämter gebracht hat, führt die Anti-Kickl-Koalition im Wesentlichen die Politik fort, die die FPÖ großgemacht hat. Jüngste Umfragen sehen die Rechtsextremen bundesweit mit rund 36 Prozent mit großem Abstand auf Platz eins. Herbert Kickls Wette, dass die Bedingungen für das Projekt des autoritären Staatsumbaus nach der nächsten Wahl noch besser sein würden, scheint aufzugehen.

Auch in Deutschland wird der politische und mediale Druck, sich in eine Verhinderungskoalition mit dem politischen Zentrum einzureihen, groß. Die »Konvergenz von autoritär-neoliberalen und neofaschistischen Kräften« (Becker u. a. 2026, 40) kann nolens volens zu einer Konvergenz von linken und liberalen Kräften führen. Wie kann die Linke in diesem Kräftefeld agieren, ohne die Fehler der linken Sozialdemokraten im Nachbarland zu wiederholen? Hier kann die von Isabella Weber angestoßene Debatte um »antifaschistische Wirtschaftspolitik« Orientierung bieten (vgl. Krebs u. a. 2026) – wenn sie Wirtschaftspolitik im umfassenden Sinne begreift und den Aufstieg rechter und faschistischer Kräfte nicht auf vermeintlich ökonomische Faktoren reduziert (vgl. Demirović 2026, Nuss 2026). Becker u. a. (2026, 41) ist zuzustimmen, dass wir »dem Kulturkampf der Rechten […] nicht einfach durch ›soziale Themen‹ ausweichen« können. Die im Faschisierungsprozess sich Bahn brechende »Zerstörungslust« (Amlinger/Nachtwey 2025) lässt sich ihren Träger*innen nicht mit besserer Wirtschafts- und Sozialpolitik abkaufen – zumal sich die Zerstörungslust ja auch gegen diese Wirtschafts- und Sozialpolitik selbst richtet. So wie ich Isabella Webers Intervention, aber auch etwa Ines Schwerdtners Aneignung des Konzepts verstehe (vgl. Krebs u. a. 2026), zielt antifaschistische Wirtschaftspolitik aber nicht nur auf bessere Sozialleistungen und höhere Steuern für Reiche ab. Es geht darum, die Mittel des Staates einzusetzen, um materielle Bedingungen für Erfahrungen der Solidarität und des Zusammenhalts zu schaffen. Dass der Alltagsverstand vieler Menschen heute von Konkurrenz und Rücksichtslosigkeit geprägt ist, ist ja nicht nur das Ergebnis ideologischer Indoktrination, sondern entspringt der praktischen Erfahrung in einer Welt, die uns solche Verhaltensweisen aufdrängt. Wer sich nicht um sich selbst kümmert, sein Steueraufkommen nicht optimiert, nicht im Finanzmarktcasino mitspielt, kurz: Wer nicht trickst, um sich einen Vorteil zu verschaffen, ist am Ende oft tatsächlich die Blöde. Antifaschistische Wirtschaftspolitik müsste heißen, diese Erfahrungen zurückzudrängen. Die Vorschläge von Becker u. a. zum Ausbau und zur Aufwertung von Infrastrukturen für Pflege, Kinderbetreuung und Gesundheitsversorgung sind so gesehen Kern einer umfassend verstandenen antifaschistischen Wirtschaftspolitik und kein Konkurrenzprogramm. Umgekehrt ist antifaschistische Wirtschaftspolitik, die einen »aktiven Staat« erfahrbar macht, Voraussetzung für die Entwicklung »affektiver Demokratie« im Handeln »zwischen Körpern«, wie sie Birgit Sauer (2026) mit Bezug auf Gundula Ludwig vorschlägt.

Unmittelbar strategisch relevant werden diese Überlegungen als Richtschnur für die Ausrichtung kurzfristiger Maßnahmen. Diese müssen daran gemessen werden, ob sie das langfristige Ziel eines eigenen politisch-moralischen Pols in der Gesellschaft, um den sich neue Lebensweisen und Gefühlswelten und Begehren entwickeln können, eher gefährden oder eher stärken. Können durch antifaschistische Wirtschaftspolitik Orte geschaffen werden, wo andere Erfahrungen gemacht werden als jene der Vereinzelung, der Ohnmacht und der Verhärtung? Kann sie Erfahrungen des »Reichtums des Öffentlichen« (Candeias u. a. 2020; communia/BUNDJugend 2023; vgl. Redecker, von 2026, 239) ermöglichen, nicht zuletzt durch die Schaffung der »Bedingungen guter Sorge für alle« (Becker u. a. 2026, 44)? Wenn die kurzfristigen Maßnahmen das nicht tun, sollten sie von links nicht mitgetragen werden. Nicht weil man kompromisslos links sein möchte, sondern weil die Verhinderungsstrategie selbst so nicht funktioniert. Schwarz-Blau in Deutschland zu verhindern kann nur bedeuten, Zeit zu gewinnen. Diese Zeit darf nicht verschwendet werden. Sie muss so genutzt werden, dass das langfristige Ziel eines eigenständigen politisch-moralischen Pols in der Gesellschaft, um den sich neue Lebensweisen, Gefühlswelten und Begehren entwickeln können, bestärkt verfolgt werden kann. Dazu gehört auch der Aufbau eigener Medien, um dieses Ziel breit zu kommunizieren. Denn im Faschisierungsprozess werden sowohl öffentlich-rechtliche als auch etablierte privat geführte Medien zu Agenturen, die Unwahrheit und Fanatismus verbreiten.

Scheitern und Schützen

Zu einer ehrlich geführten antifaschistischen Strategiedebatte gehört auch, über Szenarien des vorläufigen Scheiterns nachzudenken und entsprechende Vorbereitungen zu treffen. Das führt uns zum Ausgangspunkt dieser Reflexionen zurück: die Verschiebung der Populismus- zur Faschismusdiskussion. Wenn wir uns tatsächlich in »noch nicht faschistischer Herrschaft« befinden (Becker u. a. 2026, 39), müssen wir klar aussprechen, was droht. Kennzeichen des Faschismus ist die Mobilisierung politischer Gewalt. Er ist weniger Ideologie als politische Praxis. Der Faschismus des 20. Jahrhunderts kam über Formationen bewaffneter Männer in die Welt, durch paramilitärische Verbände und Schlägerbanden, getragen von Weltkriegsveteranen, die unfähig waren, »in die bürgerlichen Erwerbs- und Lebensformen zurückzufinden« (Bauer 1967 [1936], 143). Ein zentrales Versprechen der faschistischen Parteien in Italien und Deutschland war, die extralegale Gewalt der Squadre und der Sturmabteilung im Nachhinein, wenn einmal der Staat erobert ist, zu legalisieren und zu belohnen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts fanden und finden ähnliche Prozesse etwa in Indien (wo Narendra Modi Pogrome gegen Muslime unterstützte), in den Philippinen (wo Rodrigo Duterte Massenmorde im Namen des »Kriegs gegen Drogen« zelebrierte) oder in Israel/Palästina (wo Übergriffe jüdischer Siedler*innen im Westjordanland von rechten israelischen Politiker*innen gedeckt werden) statt. Ein wesentlicher Aspekt der Faschisierung ist also die schrittweise Verstaatlichung privat organisierter, terroristischer Gewalt.

Wobei der Prozess auch umgekehrt verlaufen kann. In den USA scheint sich aktuell eher eine Privatisierung staatlicher politischer Gewalt zu vollziehen, wenn ICE-Agenten mit selbstgestalteten Fantasieuniformen und Sturmhauben vermeintliche Migrant*innen einsammeln und auf Protestierende schießen (vgl. Denvir u. a. 2025). Das Beispiel der USA zeigt, wie schnell politische Gewalt auf den Straßen entfesselt werden kann. Es ist deshalb auch in Deutschland geboten, ernsthaft zu untersuchen, wo sich politische Gewalt im Faschisierungsprozess formiert (räumlich, institutionell, innerhalb oder außerhalb staatlicher Apparate), gegen wen sie sich richtet und wie sie bereits jetzt diskursiv legitimiert wird. Antifaschistische Strategie muss physischen Schutz für möglichst viele organisieren, die von einer Gewaltkampagne betroffen wären. Wir wissen um rechte »Remigrationspläne« und Vernichtungsfantasien gegen trans* Personen. Wir müssen davon ausgehen, dass der Faschisierungsprozess in eine Situation münden kann, die diese Gewaltszenarien Realität werden lässt.

In dieser Hinsicht braucht es die breitestmöglichen Allianzen. Nicht als Allparteienkoalition gegen rechts in den Institutionen, sondern als Schutzbund von unten, um gefährdete Nachbar*innen, Freund*innen und Kolleg*innen dem Zugriff faschistischer (Staats-)Gewalt zu entziehen.[1] Die Zahl jener, die die Gewalt verabscheuen, ist immer noch hoch. Wenn die Linke sich im Sturm der Gewalt als verlässlich, aufrecht und nützlich erweist, wird sie das so gewonnene Vertrauen auch im Aufbau des Neuen einsetzen können.

Benjamin Opratko

Benjamin Opratko ist Politologe und Publizist. Er arbeitet u. a. zu Rassismus, Rechtspopulismus und Faschisierung. Bis zum Erscheinen der letzten Ausgabe der österreichischen Zeitschrift Tagebuch vor wenigen Monaten war er ihr Chefredakteur und ist nun freier Mitarbeiter der Redaktion LuXemburg.