Gewalt braucht Legitimität – erst recht, wenn sie von liberalen Demokratien organisiert, finanziert und exekutiert wird. Geschlecht stellt dafür eine lohnende und wandelbare Ressource dar. Diese lässt sich aber auch nutzen, um der Normalisierung von Krieg als Mittel der Politik zu widersprechen. Ein diffuser Begriff von Gender als Variable der Diskriminierung oder Privilegierung ist dafür wenig hilfreich. Vielmehr braucht es ein Verständnis von Geschlecht als intersektionale Kategorie und von Feminismus als Herrschaftskritik. Welche Fragen sind also zu stellen, wenn Aufrüstung die Antwort zu sein scheint?[1]
Wann beginnt der (Vor-)Krieg?
In ihrem auch heute noch beeindruckend aktuellen Essay »Kassandra« (Wolf 1983) lässt die Feministin und Pazifistin Christa Wolf ihre Protagonistin mitten im Krieg über unbequeme Fragen nachdenken, die uns auch heute beschäftigen sollten: Wann hat der Kriegszustand, in den wir zunehmend gedrängt werden, eigentlich begonnen? Und wie sind wir an den Punkt gekommen, an dem es angeblich kein Zurück mehr gibt? Um diesen Fragen nachzugehen, führt Wolf den Begriff des »Vorkrieges« (ebd., 76) ein, dessen Regeln, so Kassandra, es auszusprechen, niederzuschreiben und zu überliefern gelte. Nur dann könne verhindert werden, dass »in uns der leere Raum [entsteht], in den der Krieg hineinströmt« (ebd., 75). »Was stünde da?« bringt es Kassandra auf den Punkt: »Da stünde, unter anderen Sätzen: Lasst Euch nicht von den Eigenen täuschen.« (Ebd.)
Die Täuschung besteht heute nicht nur im schwer bewaffneten Versprechen von Frieden und Sicherheit, sondern auch in der behaupteten Alternativlosigkeit von Abschreckung, Aufrüstung und sogar Atomwaffen. Mit diesen offensiven Ansagen soll die defensive Erzählung des »Friedensprojekts Europa« in ein Narrativ der Verteidigungsunion transformiert werden. Dafür reicht es nicht aus, dass wir die umfassende Militarisierung der Gegenwart als kleineres Übel der sogenannten Realpolitik akzeptieren. Wir sollen diesen Prozess auch verinnerlichen und an ihn glauben, damit seine imaginative Kraft in unseren eigenen Affekten wirksam wird. Die seit Langem wehrhaft genannte liberale Demokratie soll wieder kriegstüchtig werden – und uns das Fürchten lehren. Ist dieser Modus der immateriellen Generalmobilmachung in der Bevölkerung verankert, hat der Vorkrieg bereits begonnen.
Wie funktioniert die diskursive, kognitive und affektive Militarisierung?
Krieg ist immer auch ein Kampf um (Be-)Deutungen, Haltungen und Empfindungen, die Menschen erst dazu bringen sollen, im Namen von Krone, Vaterland, Nation oder Zivilisation zu töten oder auch zu sterben. Dieses »Opfer« für die Aktienkurse von Rheinmetall und Hirtenberger, Deutsche Bank und Raiffeisen, Aral und OMV2 zu erbringen, ließe sich bedeutend schwieriger öffentlich argumentieren – und es ließe sich erst recht nicht von den unmittelbar Betroffenen internalisieren. Umso dringlicher erscheint die bereits in Zeiten des Vorkrieges zu leistende »immaterielle Wehrpflicht«. Was und wie wir sprechen und hören, lesen und denken, empfinden und verinnerlichen, geht der Gewalt des Krieges voraus, folgt ihr nach und kann auch vom unmittelbaren Moment ihrer Ausübung und ihres Erleidens nicht vollständig isoliert werden.
Jahre vor dem sogenannten Ersten Weltkrieg3 stellte Karl Liebknecht (1907, o. S.) fest, der militärische Geist müsse durch die ganze Gesellschaft wehen, um sich zu entfalten. Als dezidiert antimilitaristischer Sozialist formulierte er seine Analyse als unmissverständliche Kritik an der Kriegstreiberei seiner Zeit, die letztlich auch von der Sozialdemokratie mit befeuert wurde. Als Affirmation dieser Dynamik hingegen, und erneut unter reger Beteiligung sozialdemokratischer Kräfte, hören und lesen wir heute Tag für Tag vergleichbare Anrufungen vonseiten höchst unterschiedlicher Diskursakteur*innen. Nicht nur Militärs wissen um die Notwendigkeit der intellektuellen und emotionalen Normalisierung des Krieges. Auch Politiker*innen des gesamten Parteienspektrums, Wissenschaftler*innen, Unternehmer*innen, Journalist*innen und allerlei andere, in diesen Fragen rasch zu Expert*innen werdende Stimmen betonen heute, wie wichtig es sei, den nachlassenden »Wehrwillen« der Bevölkerung auf allen Ebenen zu stärken, die Gesellschaft nicht nur »resilient«, sondern auch »kriegstüchtig« zu machen (Brunner 2025). Dabei unterstreichen sie gern ihre liberal-demokratische Gesinnung. Mit der aktiven Beteiligung insbesondere dieser Diskursakteur*innen lässt sich Militarismus, allen Beschwörungen des »Friedensprojekts Europa« und den zig Millionen Toten des 20. Jahrhunderts auch auf europäischem Territorium zum Trotz, erschreckend schnell remobilisieren.
Was bedeutet Geschlecht als Ressource für den Krieg?
Für diese »diskursive, kognitive und affektive Militarisierung« (Brunner 2024) ist Geschlecht nicht die einzige, aber eine wandelbare und wirksame Ressource. Ungeachtet eines anhaltenden strukturellen Sexismus und geschlechterbasierter Gewalt kommt sie gerade in liberalen Demokratien häufig zum Einsatz, wenn es darum geht, staatliche Gewalt zu rechtfertigen – insbesondere gegen rassifizierte »Andere« und deren vermeintliche oder auch reale »Barbarei«. Die in 500 Jahren Kolonialismus gefestigte eurozentrische Tradition einer mission civilisatrice kann auch heute auf rassifiziert-vergeschlechtlichte Rhetoriken des Beschützens und/oder der Ermächtigung nicht verzichten. Als Begleitprogramm der zunehmend offen martialischen Militarisierung erleben wir heute die x-te Variation von eingebettetem Feminismus, Homonationalismus und verwandten Strategien, mit denen ausdrücklich über Geschlechterfragen auch der Einsatz staatlicher Gewalt gerechtfertigt wird. Aber die stets von Klassenverhältnissen und Ethnisierung ko-konstituierte Indienstnahme von geschlechter- und sexualitätspolitischen Fragen fällt auch in jenen – meist konservativen oder noch weiter rechts verorteten – Kontexten auf, wo die Relevanz von Geschlechterfragen kategorisch in Abrede gestellt oder aber zur ultimativen Bedrohung hochstilisiert wird. Auf diesen Terrains werden vergeschlechtlichte Emanzipations- und Zivilisationsrhetoriken derzeit besonders wirksam in Kombination mit antimuslimischem Rassismus. Es zeigt sich, dass auch Militarismus, Patriarchat, Nationalismus und Kapitalismus in der kolonialen Moderne stets von Neuem lernen, wie sich der wandelbaren und zugleich verlässlich konstanten Ressource Geschlecht für die je eigene Agenda zu bedienen ist.
Geschlecht ist eben nicht nur sozialer Platzanweiser, sondern auch wirkmächtiges Symbolsystem. Mit Rekurs auf diese Dimension von Geschlecht lässt sich etwa die Grenze zwischen öffentlicher und privater Sphäre, zwischen Produktion und Reproduktion beständig verschieben, um soziale und politische Inklusions- und Exklusionsprozesse zu naturalisieren. In Bezug auf den aktuell erstarkenden Militarismus ist insbesondere die dynamische Grenzziehung zwischen weiblich konnotierter ziviler und männlich konnotierter militärischer Sphäre von Bedeutung. Während der Corona-Pandemie erlebten wir in ganz Europa uniformierte Militärs als Akteure in gesundheitspolitischen Zusammenhängen, aktuell normalisiert sich deren Präsenz auch im Bildungsbereich, in Schulen und Hochschulen und auch in der Wissenschaftspolitik. Derlei vermeintliche Aufweichung über eine Forcierung zivil-militärischer Kooperationen materieller und immaterieller Art kommt jedoch keineswegs einer Zivilisierung des Militärischen gleich. Vielmehr bedeutet dieser oft von vergeschlechtlichten Referenzen begleitete Wandel eine zunehmende Militarisierung des Zivilen. Militärisches Denken und Handeln ist dann nicht mehr die Ultima Ratio, sondern wird zum privilegierten Mittel der Politik – und soll sich nicht nur unvermeidbar, sondern auch gut und richtig anfühlen. Zugleich erweist sich die dabei zu beobachtende genderfokussierende oder pseudofeministische Rhetorik – Zugang von Frauen zu allen Funktionen des Militärs, Verteidigung der Zivilisation auch über Frauen*rechte – als durchaus kompatibel mit der faktischen Remaskulinisierung von Sicherheits- und Verteidigungs- oder auch konkreter Kriegspolitik, selbst wenn diese immer öfter auch von Frauen* verkörpert wird. Die binär-dualistisch-hierarchisierende Epistemologie der kolonialen Moderne, deren Modus des Teilens und Herrschens neben einem tief verankerten Rassismus auch auf der heteronormativ-patriarchalen Matrix von Männlichkeit und Weiblichkeit beruht, bleibt intakt.
Wer profitiert (angeblich) von der militarisierten Dividende?
Inzwischen geht es bei »gegenderten« oder gar feministisch gerahmten sicherheits- und verteidigungspolitischen Debatten in Politik, Wissenschaft oder auch Zivilgesellschaft nicht mehr vorrangig um die Rettung von oder die Solidarisierung mit (allerdings nur ganz bestimmten) Frauen* und LGBTQIA+-Personen im sogenannten Nahen (Palästina) oder noch näheren Osten (Ukraine), die hervorragend kompatibel ist mit dem tief verankerten epistemischen und strukturellen Rassismus der kolonialen Moderne. Auch die immer unverblümter militärisch gerahmte Mobilisierung der eigenen Staatsbürger*innen und nicht zuletzt auch aller Steuerzahler*innen braucht Gender-Diversität als Vehikel der Inklusion, um die neue Normalität des Krieges auch auf dem eigenen Territorium, in der eigenen Gesellschaft – nationalen, europäischen oder auch gern »westlichen«, »freien« oder »zivilisierten Charakters« – zu plausibilisieren. Auf diese Weise wird vormals qua Geschlecht oder Rassifizierung benachteiligten Personen bereits im Vorkrieg gesellschaftliche Anerkennung ausgerechnet in jenen sozialen Feldern zuteil, von denen sie lange Zeit – und ebenfalls unter Beschwörung geschlechter- und sexualitätspolitisch verbrämter Argumente – erfolgreich ausgeschlossen blieben.
Bezugnahmen auf Geschlecht als Ressource des Krieges – Inklusion, Gleichberechtigung, zivil-militärische Kooperation – lassen sich in öffentlichen Debatten ebenso zunehmend beobachten wie in den Selbstdarstellungen der deutschen Bundeswehr und des österreichischen Bundesheeres – und in der zumeist oberflächlichen medialen und auch akademischen Verarbeitung der Thematik.
Das Feld für die Generierung einer qua Geschlecht militarisierten Dividende ist weit: Sensibilisierung für und Maßnahmen gegen sexuelle Belästigung innerhalb des Militärs, die Integration von Homosexualität in das PR-relevante performative Spektrum soldatischer Identitäten, die Attraktivierung des im Berufsheer normalisierten Berufsbildes Soldat*in für alle Geschlechter und Karriereförderung für Frauen* in der Armee sind Beispiele etwa für den bundesdeutschen Kontext. In Österreich hat die Diskussion der Wehrpflicht auch für Frauen* begonnen. Als erster Schritt zu dieser in der Bevölkerung noch unattraktiven Forderung wird eine Stellungspflicht für Frauen* als Maßnahme der Gesundheitsprävention verharmlost. In beiden Ländern werden Kinder und Jugendliche auf niederschwelligen und »diversitätssensiblen« Wegen für eine künftige berufliche Tätigkeit im beziehungsweise einer davon unabhängigen Identifikation mit dem Militär adressiert.
Warum braucht es antimilitaristischen Feminismus und feministischen Antimilitarismus?
Daraus folgt, dass wir mehr brauchen als eine diversitätspolitisch verstandene Variable Geschlecht oder gendersensibel genannte Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik, um der materiellen und immateriellen Normalisierung des Krieges laut und deutlich zu widersprechen. Auch eine realpolitisch ernüchterte Interpretation feministischer Außenpolitik, wie sie in den Leitlinien des Auswärtigen Amts der BRD 2022 beinahe zeitgleich mit der Bereitstellung von 100 Milliarden Euro »Sondervermögen« für Aufrüstung und Bundeswehr verlautbart wurde, ist nicht geeignet, dem Vorkrieg Einhalt zu gebieten. Bereits auf den ersten Seiten der Richtlinien für feministische Außenpolitik wird unmissverständlich festgehalten: Feministische Außenpolitik ist nicht gleichbedeutend mit Pazifismus. Diese Ansage stellt nicht nur einen Bruch mit der immer schon fragwürdigen Gleichsetzung von Frauen und Frieden dar, sondern auch mit der herrschaftskritischen Verknüpfung von Feminismus und Antimilitarismus (Brunner 2022). Auch hier ist ein Verständnis von Geschlecht als Symbolsystem von Bedeutung und ein intersektionaler und dezidiert antimilitaristischer Feminismus vonnöten, um die Gender-Camouflage der Militarisierung zu entzaubern.
Doch auch die mit weiblich konnotierten Zuschreibungen von Naivität, Passivität und Schwäche einhergehende Abwertung von Pazifismus als verantwortungslose individuelle Gesinnungsethik erschwert eine ernsthafte Debatte über Antimilitarismus, der auf staatlich organisierte Gewalt und Krieg als systemimmanentes Herrschaftsinstrument abzielt – und ebenfalls eine lange feministische Tradition hat (vgl. Ausdruck 2025). Antimilitarismus wird daher nicht nur versehentlich gern mit Pazifismus verwechselt. Wenn kollektiv-politische Strategien gewaltfreier Konfliktbearbeitung zu individuell-persönlicher Gewissensverweigerung diskreditiert und Pazifismus zu verantwortungsloser Gesinnungsethik erklärt wird, was über vermeintlich emanzipatorisches »Geschlechtergerede« besonders gut funktioniert, muss über Antimilitarismus als Gesellschaftskritik jenseits isolierter Gewaltereignisse erst gar nicht mehr diskutiert werden.
Um die rasant zunehmende Akzeptanz von Militarisierung und Krieg zu verhindern, müssen feministische Stimmen hörbar antimilitaristisch werden. Und antimilitaristische Positionen sollten Feminismus als Ressource nutzen, um die zivilisationsrhetorischen und pseudo-emanzipatorischen Rhetoriken des Vorkrieges zu entlarven. Diese Debatte aus intersektional-feministischer Perspektive zu führen bedeutet seit dem Internationalen Frauenfriedenskongress 1915 in Den Haag vor allem eines: Nicht nur die jeweiligen Exzesse konkreter Kriege oder Konfliktparteien gilt es anzuprangern, sondern die Ursprünge des Krieges als sozialer Institution in seiner Verschränkung von Militarismus, Nationalismus, Kolonialismus und Imperialismus, Kapitalismus und Patriarchat – und auch deren Profiteur*innen. Feministische Fragen an die Normalisierung dieses systemischen Zusammenspiels zu stellen, ist längst an der Zeit. Der Vorkrieg hat schon lange begonnen.


