| Eine Chronologie der Abscheulichkeit des Autoritarismus

Juli 2019
Von Robert Cohen

Robert Cohen begann sein Tagebuch eines „abwendbaren Abstieges der USA unter Donald Trump” im November 2016. Minutiös verzeichnet er die Ereignisse im Zusammenhang mit dem neuen US-Präsidenten. Das Tagebuch wird  zunächst ohne Ziel und Zweck verfasst: „Frage ich mich, für wen diese Aufzeichnungen bestimmt sind, so kann die erste Antwort nur lauten: für mich selbst. Schreiben als Therapie, als fortwährende Anstrengung, in einer Zeit, die aus dem Ruder läuft, an der Vernunft festzuhalten.“ Auf den ersten Blick ist es eine nüchterne Chronik schier unglaublicher Nachrichten. Aber gerade die Form des Tagebuchs führt vor, wie verdichtet die zeitliche Abfolge der Ereignisse verläuft. In schneller Folge zeigt der neue Autoritarismus seine Fratze, begeht Abscheulichkeiten, schafft Tatsachen. Doch auch der Widerstand erhebt sich, vielfältig und wachsend. In einer Auswahl von 16 Tageseinträgen zeigt sich gedrängt die gesellschaftliche Polarisierung unserer Zeit. Wir dokumentieren die Einträge mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Samstag, 13. Oktober 2018

Seit er die Schlacht um den neuen Bundesrichter Kavanaugh gewonnen hat, kann der Präsident nicht aufhören zu schwadronieren. Auf dem Rasen vor dem Weißen Haus, auf Wahlversammlungen, bei Interviews in seinem Hofsender Fox News, im Hörfunk, im Jumbojet über dem Motorengedröhn – ein Gebrauchtwagenhändler auf der Suche nach Abnehmern für seinen Schrott. Er lügt, er erfindet, er beleidigt, er prahlt, er schneidet auf und streitet ab, kurz, er läuft zur Spitzenform auf. Die Republikaner schweigen, die Demokraten empören sich, die Fernsehsender haben aufgehört, das Geschwafel live zu übertragen, das Fernsehvolk hängt in den Seilen. Nur er macht immer weiter.

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Ekphrasis. Das Bild in der New York Times (NYT) zeigt den Migrantentrek an der Grenze zu Guatemala. Ein junger Mann in einem roten T-Shirt trägt ein schlafendes kleines Mädchen auf den Armen. Es ist nur von hinten zu sehen. Es trägt ein leichtes hellgrünes Blüschen, seine Haare sind zu lustigen Zöpfchen geflochten, die Füßchen sind bloß. Das Gesichtchen lehnt an der Wange des jungen Mannes. Wie viel mag es wiegen? Wie lange kann er es tragen? Geht es zeitweise selber? Ohne Schühlein? Weiter hinten in der Menge ein Wagen. Ob er das Kind aufnimmt, wenn die Arme des jungen Mannes erlahmen? Er hält den Kopf gesenkt, der Blick ist mit einer undurchdringlichen Schwere auf den Boden gerichtet. Die junge Frau neben ihm schreitet kräftig aus. In der linken Hand hält sie ein rosarotes Jäckchen, das dem Mädchen gehören mag. Sie trägt eine dunkle Baseballmütze und eine Jacke, eine weitere hat sie um die Hüften geschlungen – die des jungen Mannes? Ist ihr nicht zu warm? Oder brauchen sie die Jacken für die Nächte? Es kann kühl werden im mexikanischen Hochland, das noch fern ist. Auf der rechten Schulter des jungen Mannes ist der Riemen eines Rucksacks zu sehen. Auch andere tragen Rucksäcke. Mehr haben sie nicht dabei? Sie sind sauber gekleidet. Vielleicht sind sie gar nicht so arm? Oder haben sie die Kleider mit dem letzten Geld gekauft, um in der Fremde nicht als Habenichtse zu erscheinen? Werden sie die Grenze zu den Vereinigten Staaten erreichen? Wird man sie ins Land lassen? Wird das kleine Mädchen Schühlein bekommen? Über das Schicksal dieser Menschen wird nicht an der Grenze entschieden.

Donnerstag, 25. Oktober 2018

Im armen, dünn besiedelten, von Republikanern beherrschten Bundesstaat North Dakota wurde 2013 die zentristische Demokratin Heidi Heitkamp knapp in den US-Senat gewählt – unter anderem dank 3000 Stimmen von Native Americans. Viele von ihnen leben in Reservaten ohne Straßenadressen. Sie lassen ihre Post an ein Postfach schicken. Um zu wählen, genügte in North Dakota bisher ein offizieller Identitätsausweis mit Foto und Unterschrift, auch wenn eine Adressenangabe fehlte. Für die kommenden Wahlen haben die Republikaner beschlossen, wählen dürfe nur noch, wer auch eine Straßenadresse ausweisen könne.

Samstag, 27. Oktober 2018

Einmal mehr schlägt das Chaos, mit dem der Chaot das Land überzieht, über uns zusammen. Migrantenkarawane? Paketbomben? Woher soll uns die Festigkeit kommen, um auch noch die Massenschießerei in einer Synagoge in Pittsburgh zu ertragen? Aus welchen Reserven? Elf Tote? Das größte Judenmassaker in der Geschichte der Vereinigten Staaten? Trump rät den Juden, Bewaffnete an den Synagogentüren aufzustellen, und ruft wieder einmal nach der Todesstrafe. Will er der National Rifle Association (NRA) einen zusätzlichen Markt eröffnen? Sind die Juden selber schuld, weil sie nachlässig waren? Will er seine Anhängerinnen und Anhänger mit dem Gerede von der Todesstrafe aufgeilen? In diesem Moment auf Trump zu verweisen scheint mir ohne Würde.

Ich erwäge, diese Notizen abzubrechen.

Sonntag, 11. November 2018

Im Wahlkampf wurden die lärmenden Warnungen der Schießlobby NRA vor einem Sieg der Demokraten übertönt von den gedämpften, aber insistenten Stimmen von Waffengegnerinnen wie Lucy McBath aus Georgia. Nachdem ihr siebzehnjähriger Sohn am 23. November 2012 an einer Tankstelle in Jacksonville (Florida) von einem Weißen erschossen worden war, den die laute Musik im Autoradio des Jungen störte, wurde sie politisch aktiv. Am Dienstag ist sie ins Repräsentantenhaus gewählt worden.

Mittwoch, 14. November 2018

Einunddreißig Frauen ziehen zum ersten Mal in den Kongress ein: dreißig Demokratinnen und eine Republikanerin.

Donnerstag, 15. November 2018

Eine erste Gruppe aus der Migrantenkarawane hat in Bussen und auf Lastwagen die mexikanische Grenzstadt Tijuana erreicht. Hier wollen sie die Ankunft der Hauptgruppe abwarten, die sich noch in Mexiko-Stadt befindet. Jenseits der Grenze besucht Verteidigungsminister Jim Mattis seine Truppen und sagt, ihr Einsatz sei ein gutes Training für den Kriegsfall.

Dienstag, 20. November 2018

Trump soll erwogen haben, Hillary Clinton und den gefeuerten FBI-Chef James Comey durch das Justizdepartement strafrechtlich verfolgen zu lassen. Er benutzt das Justizdepartment zum Begleichen persönlicher Rechnungen. Meine Hemmung, mich den Stimmen anzuschließen, die das Land eine Bananenrepublik nennen, rührt von dem Zweifel her, ob es noch eine Republik sei.

Mittwoch, 21. November 2018

In Dürrenmatts Stück Der Besuch der alten Dame von 1956 erkauft Claire Zachanassian für eine Milliarde das Einverständnis der Einwohner von Güllen mit der Ermordung von Alfred Ill. Im neuen Güllen auf der Arabischen Halbinsel erkaufen die Ölscheichs für 110 Milliarden (für Waffenkäufe) das Einverständnis der USA mit der Ermordung Khashoggis. Selbst wenn man den Kaufkraftverlust einrechnet, übersteigt diese Summe bei weitem den Kostenaufwand von Claire Zachanassian.

Donnerstag, 6. Dezember 2018

Trauerfeier in der National Cathedral in Washington, einer riesigen, düsteren Kaverne. Der vergleichslose Pomp der über Tage sich hinziehenden Trauerveranstaltungen steht in keinem Verhältnis zur Mittelmäßigkeit Bushs, der nach der ersten Amtsperiode abgewählt wurde. Eine handfestere Interpretation der Feierlichkeiten begänne mit der Feststellung: Mit Bush père kommt diese ganze patrizierhaft patriarchalische weiße Welt und ihr Gesellschaftssystem einer liberalen kapitalistischen Demokratie an ein Ende. Wo hat man das schon gesehen: Eine Epoche trägt sich selbst zu Grabe.

Sonntag, 9. Dezember 2018

Köchin gesucht. Nach der UNO-Botschafterin Nikki Haley nimmt auch der Stabschef des Weißen Hauses, John Kelly, seinen Hut. Ersetzt werden sie, wie frühere Abgänge, durch noch beschränktere Figuren, die für ihre Ämter, wenn schon nicht das nötige Wissen, so doch das richtige Aussehen mitbringen, eines, das der Mar-a-Lago- und Playboyästhetik des Präsidenten entspricht. Der für den UNO-Posten zunächst in Betracht gezogene Fettsack Chris Christie, Ex-Gouverneur von New Jersey, hatte gegen die blonde Fernsehmoderatorin bei Fox News, Heather Nauert, keine Chance. Für den Posten des Stabschefs war der jungenhafte, ebenfalls blonde Nick Ayers vorgesehen, dessen Aussehen laut der NYT Trump an seine jüngeren Jahre erinnere. Und sowas regiert das mächtigste Land der Welt. Nach einem Lenin zugeschriebenen Ausspruch muss eine Köchin den Staat regieren können. Wie wir es wünschen!

Samstag, 15. Dezember 2018

Der von Trump zurückgetretene Innenminister Ryan Zinke war der Oberste Ausverkäufer der Heimat. Rund 52.000 km2 hat er an die Erdölindustrie verscherbelt. Wieviel ihm das einbrachte, wurde in 15 (in Worten: fünfzehn) wegen Amtsmissbrauch gegen ihn laufenden Untersuchungen verhandelt, von denen 6 noch nicht abgeschlossen sind. In einem Tweet dankt Trump dem Gefeuerten, der sein Amt ertragreich verwaltet habe. Die Höhe des Ertrags nennt er nicht.

Ende Dezember 2018

Einen Monat vor dem nächsten Women’s March ist die Bewegung zerstritten. Drei der vier Organisatorinnen sind Nichtweiße: die Schwarze Tamika Mallory, die Muslimin palästinensischer Abstammung Linda Sarsour und die Latina Carmen Perez. Mit ihren Erfahrungen von Unterdrückung haben sie der Bewegung die Richtung vorgegeben. Mallory war im vergangenen Februar auf einer Veranstaltung der radikalen schwarzen Sekte Nation of Islam, die sich besonders für die Niedrigsten unter den Schwarzen einsetzt. Der Anführer der Sekte, der Prediger Louis Farrakhan, ist bekannt für seine antisemitischen, homophoben und misogynen Äußerungen, auch auf jener Veranstaltung hat er damit nicht zurückgehalten. Mallory hat sich offenbar nicht deutlich genug von Farrakhans Äußerungen distanziert. Nun haben viele Frauenorganisationen sich von Women’s March, Inc. getrennt und wollen ihre eigenen Märsche durchführen.

Donnerstag, 3. Januar 2019

Trumps eineinhalbstündiger Redestrom vor dem versammelten Kabinett enthielt auch eine Passage über Grenzmauern. Sie hätten, so der Redner, ihre Wirksamkeit über die Zeiten hinweg erwiesen. Sie würden so wenig altern, wie das Rad. Wie wohl wahr. Für diesen erhellenden Exkurs wurde ihm, wie es der Brauch will, von den Kabinettsmitgliedern reihum gehuldigt. Ihren Tiefpunkt erreichte die Anhimmelei mit dem Hinweis des stellvertretenden Bundesanwalts Matthew Whitaker, der Chef habe im Interesse der Grenzmauer sogar auf seine Ferien in Mar-a-Lago verzichtet. Die 800.000 Regierungsangestellten, die, seit zwölf Tagen ohne Einkommen, ebenfalls auf ihre Weihnachtsferien verzichtet haben, werden das Opfer zu würdigen wissen. Der Vollständigkeit halber sei auf ein paar weitere Mauern hingewiesen, die ihre Wirksamkeit über die Zeiten hinweg erwiesen haben: die chinesische Mauer, die Maginot-Linie, die Berliner Mauer und die 759 km lange Grenzmauer zwischen Israel und dem Westjordanland.

Samstag, 12. Januar 2019

Zwischen der neue Mehrheit der Demokraten im Repräsentantenhaus und Trump ist ein Ringen um die Macht ausgebrochen, das alles Bisherige als Vorgeplänkel erscheinen lässt. Das signalisiert die bereits 22 Tage dauernde Schließung eines Teils der Bundesverwaltung. Die Zeitspanne, während der Regierungsangestellte ohne Lohn ausharren müssen, wird immer länger, die Zeitspanne, während der sie es können, immer kürzer.

Mittwoch, 16. Januar 2019

Konkrete Utopie. Im Fernsehen die Aufzeichnung eines Konzerts von Paul Simon aus dem Jahr 1991, im Central Park in Manhattan, in einer warmen Sommernacht. Auf dem Great Lawn, im Licht riesiger Scheinwerferbatterien, eine unabsehbare Menschenmenge (der Eintritt war frei). Vor ihnen auf einer Großbühne Simon mit seiner Band: 17 swingende Musiker, viele Rhythmusinstrumente, die Bläsergruppe aus Trompete, Tenor- und Altsax, mehrere Gitarristen, zwei afroamerikanische Sängerinnen und ein Sänger. Da ist viel Buntes, helle Haut und dunkle, die Körper der Musikerinnen und Musiker wiegen sich in karibischen, afrikanischen und Jazzrhythmen. In der Mitte der Bühne Paul Simon, verhalten gekleidet, mit einer akustischen Gitarre, die er gelegentlich gegen eine elektrische tauscht. Die schnellen Stücke (Me and Julio Down by the Schoolyard, Kodachrome, Loves Me Like a Rock) von einem Drive, der das Publikum hineinreißt in überbordende Lebensfreude, sie rocken, sie singen mit, sie lachen und applaudieren. Bei den Balladen (Sounds of Silence, Bridge over Troubled Water, Still Crazy After All These Years) folgen sie gebannt Simons lyrischen Evokationen (»people talking without speaking / people hearing without listening«). Ein Kritiker der NYT hat damals die Veranstaltung ein »Kollektivereignis« genannt, vergleichbar der Superbowl (Finale der Footballmeisterschaft) oder einer Wahlnacht. Gegen Schluss singt Simon America, einen Song über die Suche nach dem eigenen Land. In einem Bus der Greyhound-Linie, neben der schlafenden Freundin, unterwegs nach nirgendwo, zerstreut aus dem Fenster blickend, zum Zeitvertreib die entgegenkommenden Wagen zählend. Die Strophe endet mit den Versen:

They’ve all come to look for America

All come to look for America
All come to look for America

 

Robert Cohens „Abwendbarer Abstieg der Vereinigten Staaten unter Donald Trump – Das New Yorker Tagebuch“, erschienen im (c) Wallenstein Verlag.