| Wem gehört die Zeit?

Juni 2013  Druckansicht    Druckansicht
von Sybille Stamm

Als aktive Gewerkschafterin habe ich die Erfahrung gemacht, dass Sehnsucht in Kämpfen – insbesondere in Kämpfen um Zeit – eine zentrale Rolle spielt. Sehnsucht nach einer anderen Zeiteinteilung, -verteilung und -umverteilung ist ein wichtiger und treibender Motor. Sehnsucht nach einer anderen, nicht fremdbestimmten und gleichberechtigten Gesellschaft, einer ›gerechten‹ Verteilung der Zeit ist Voraussetzung für mutige und beharrliche Kämpfe um Zeit.

Es gibt einige Gründe, warum die dringende Frage der Arbeitszeitverkürzung derzeit in den Gewerkschaften und Betrieben nur schwer ankommt: Zunehmende Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse, Erfahrung von Arbeitsverdichtung durch Rationalisierung, Befürchtungen, dass die Kraft für den vollen Lohnausgleich nicht reichen könne, und insgesamt Angst vor einer Niederlage in den Gewerkschaftsführungen. Außerdem richtet sich der strategische Blick der Gewerkschaften ausschließlich auf die Arbeitszeit – vielleicht liegt es an dieser (Selbst-) Beschränkung, dass die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung nicht massenhafte Begeisterung auslöst.

Im Arbeitskampf um die 35-StundenWoche 1984 war die Losung der Frauen: Wir wollen »mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen«. Und manchmal wurde ein »Lernen« hinzugefügt, denn auch dafür wollten die Frauen mehr Zeit. Das ging weit darüber hinaus, Arbeitslosigkeit mit Arbeitszeitverkürzung bekämpfen zu wollen. Mit der Frauen-Losung ertönte plötzlich eine ganz besondere Melodie im Streik, eine Melodie, die das ganze Leben in den Blick nahm.

Der Streik wurde ein Jahr lang vorbereitet: strategisch, argumentativ, agitatorisch und kulturell. Auch damals ging es uns darum, Sehnsucht zu wecken für eine ›andere Zeit‹. Trotz ökonomisch relativ guter Zeiten und intensiver, basisorientierter Vorbereitung war es nicht einfach, die Belegschaften von der Notwendigkeit eines Arbeitskampfes zu überzeugen. Da war die harte Abwehrfront des Gegners, die Ungewissheit, ob das mit dem vollen Lohnausgleich klappen wird, und in Teilen der Belegschaften fehlte die Klarheit – und die Sehnsucht. Als Mitglied der Streikleitung der IG Metall und in Baden-Württemberg zuständig für Frauenpolitik, erkannte ich, dass Frauen anders kämpfen. Mir wurde klar, dass sie vor dem Hintergrund ihrer Lebenssituation und Erfahrung nicht nur das Arbeitsleben in den Blick nehmen. Daraus resultiert: Es darf in den Gewerkschaftskonzepten nicht nur um Arbeitszeitverkürzung, es muss umfassender um Zeitpolitik gehen.

Wenn wir von Wohlstand reden, meinen wir implizit gutes Einkommen, ein Auto, eine Wohnung – »Geldwohlstand« eben. Das Wort »Zeitwohlstand« existiert in unserer Alltagssprache gar nicht, und dennoch ist das Bedürfnis danach latent oder vehement bei fast allen Menschen vorhanden. Ein Indiz dafür, dass Zeit kaum bewusst wahrgenommen wird. Im Arbeitskampf 1984 habe ich begriffen, dass meine Zeit begrenzt ist und ich sie nur einmal leben kann. Seither gehe ich bewusster mit meiner Zeit und der anderer Menschen um. Wichtig ist die Erkenntnis, dass es Leben immer nur in der Zeit gibt und es eines sorgfältigen Umgangs mit ihr bedarf.

Die Frauen der IG Druck und Papier machten 1984 eine Aktion »Rund um die Uhr«, in der auch die Aufforderung auftauchte, sich Gedanken zu machen über die eigenen Wünsche und Bedürfnisse nach dem Motto »Was ich schon immer mal machen wollte …« Erschreckend war, dass auf Anhieb keine Frau dazu etwas sagen konnte (vgl. Kurz-Scherf/Breil 1987). Ganz ähnlich habe ich das auf einem ver.di-Seminar »Kämpfe um Zeit« im Januar 2013 erlebt.

Die Fähigkeit, über den Tag hinauszudenken, Vorstellungen zu entwickeln, was »in meiner Zeit« alles möglich ist, sind teilweise blockiert und bekommen erst in der Diskussion mit anderen Gestalt. Der Schriftsteller Hermann Peter Piwitt formuliert treffend, dass die intensivierte Lohnarbeit einen Menschen erzeuge, »der eigentlich ständig den Wunsch hat, abzuschalten. Bei der Arbeit schaltet er ab. Er wünscht sich, im Urlaub abschalten zu können. Er schaltet ab, wenn er den Fernseher anschaltet. Und im Schlaf sowieso. Einmal von allem nichts mehr hören und sehen zu müssen, ist der merkwürdige Wunschtraum von Menschen, die unter Bedingungen arbeiten müssen, unter denen Hören und Sehen vergehen« (Piwitt 1987, 9f). Unter Zeit zum Leben verstehen wir etwas anderes.

»Ökonomie der Zeit, darin löst sich schließlich alle Ökonomie auf«

Die Kämpfe um Zeit sind so alt wie die Arbeiterbewegung. Der Kampf um die zehnStunden-Bill in England, der Kampf um den Acht-Stunden-Tag im 19. und 20. Jahrhundert, der Streik um die 35-Stunden-Woche, aber auch Abwehrkämpfe gegen die Verlängerung der Wochenarbeitszeit wie 2006 bei den kommunalen Betrieben in Baden-Württemberg, Niedersachsen und Hamburg, immer waren Kämpfe um Zeit Klassenkämpfe, in denen das Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit neu justiert wurde. Immer ging und geht es dem Kapital darum, die Arbeitszeit zu verlängern und die Rationalisierungsgewinne abzuschöpfen, also den bezahlten Teil des Arbeitstages zu verkleinern, den Marx als notwendige Arbeit zur Reproduktion der eigenen Arbeitskraft bezeichnet. Es muss den Gewerkschaften also immer um beides gehen: die Arbeitszeit absolut zu verkürzen und den Anteil am Produktivitätsgewinn zu erhöhen, z.B. durch die Ausweitung der »Poren im Arbeitstag«. Im Erwerbsleben muss Raum geschaffen werden, der es Menschen ermöglicht, den Arbeitsprozess »unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen (zu) vollziehen. Aber dies bleibt immer ein Reich der Notwendigkeiten […]. Jenseits desselben beginnt […] das wahre Reich der Freiheit. Die Verkürzung des Arbeitstages ist die Grundbedingung« (Marx 1964, 828). Die ständig steigende Produktivität als Quelle gesellschaftlichen Reichtums ist dafür die Grundlage, wie Marx schreibt – und daran hat sich bis heute nichts geändert: »Je weniger Zeit die Gesellschaft bedarf, um Weizen, Vieh etc. zu produzieren, desto mehr Zeit gewinnt sie zu anderer Produktion, materieller oder geistiger. Wie bei einem einzelnen Individuum, hängt die Allseitigkeit ihrer Entwicklung, ihres Genusses und ihrer Tätigkeit von Zeitersparung ab. Ökonomie der Zeit, darin löst sich schließ- lich alle Ökonomie auf.« (Marx 1974, 89)

In der Metall- und Elektroindustrie wurde 1967 die 40-Stunden-Woche eingeführt, also vor 45 Jahren. Unterstellt man eine Produktivitätssteigerung von nur zwei Prozent pro Jahr, und wäre nur die Hälfte der Produktivitätssteigerung in Arbeitszeitverkürzung umgewandelt worden, dann gäbe es jetzt in der Metall- und Elektroindustrie die 20-Stunden-Woche. Die Wirklichkeit sieht anders aus. 2011 arbeitete ein in Vollzeit Beschäftigter bei einer tariflichen 35-Stunden-Woche einschließlich der Überstunden durchschnittlich 40,2 Stunden. Der eine Teil der Menschheit wird gezwungen, immer länger zu arbeiten und immer verfügbarer zu sein, während gleichzeitig die Zahl der Menschen wächst, die Minijobs oder überhaupt keine Arbeit mehr haben. Bezahlte Erwerbsarbeit ist nicht unbegrenzt verfügbar. Jede Stunde längere Arbeitszeit mindert die Chancen der Erwerbslosen und der Jugend auf einen Arbeitsplatz. 2012 sind in Baden-Württemberg, einem der reichsten Bundesländer, 53 Prozent der Ausgebildeten nur befristet übernommen worden.

Die radikale Ökonomisierung der Zeit bedroht soziale und gesellschaftliche Strukturen und hat längst die unterschiedlichsten Felder erfasst. So wird von außen bestimmt, wie viel Zeit eine Krankenpflegerin für einen Kranken aufwenden darf (vgl. Wolf in diesem Heft). Das bedeutet: Zuwendung im Minutentakt. Die Flexibilisierung der Arbeitszeit kostet immer mehr gemeinsame Zeit. Der Zusammenhalt und das solidarische Miteinander schwinden. Gesellschaftliches Leben aber ist an Rhythmen und gemeinsame Zeiten gebunden. Dazu gehört das freie Wochenende. Doch selbst das »ganze Wochenende« (Samstag und Sonntag) ist für viele bereits zur Ausnahme geworden.

Zeit zum Handeln

Es lohnt der Blick auf vergangene Erfahrungen und Forderungen. Diskussionen über Arbeitszeit vor bald 100 Jahren muten heute geradezu unvorstellbar radikal an, wenn man liest, dass im November 1918 der Arbeiter- und Soldatenrat in Stuttgart den Sieben-Stunden-Tag, die Einführung eines Mindestlohnes und equal pay – gleiche Bezahlung von Männern und Frauen – forderte (Scherer/Schaaf 1984, 217) und die Spartakusgruppe Stuttgart nur eine Woche später nachlegte: »Normale Arbeitszeit vorläufig der 6-Stunden-Tag« (Rote Fahne Nr.2, 15.11.1918). Selbst auf Unternehmerseite wurde angesichts immens gestiegener Produktivität über Arbeitszeitverkürzung nachgedacht. So stellte Robert Bosch Mitte der 1920er Jahre Überlegungen zum Sechs-Stunden-Tag an. Zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit hatte er 1932 bereits den Fünf-Stunden-Tag im Blick – dieser sollte aus der Arbeitslosenversicherung bezahlt werden. Fünfzig Jahre später, 1984, kämpften die Gewerkschaften IG Metall und IG Druck und Papier für die 35-Stunden-Woche, die in Stufen, immer wieder von Streiks begleitet, erst 1995 eingeführt wurde – das heißt die Auseinandersetzung dauerte elf Jahre.

Und heute? Manchmal verschwinden Ergebnisse von Kämpfen wie im Zeitraffer oder wie ein Wassertropfen in der Sonne. Allemal bestätigt sich die alte gewerkschaftliche Erkenntnis, dass Stillstand Rückschritt bedeutet. Das gilt insbesondere in der Arbeitszeitfrage.

… machbar, aber eine Machtfrage

Gewerkschaften fordern in der Kampagne »Gute Arbeit« menschlichere Arbeitsbedingungen und Arbeitszeitverkürzung. Dass in den vergangenen Jahren wenig bis nichts erreicht wurde, macht die Ziele nicht obsolet. Die Entwicklung gibt jedoch Hinweise auf die mangelnde gesellschaftliche und ökonomische Durchsetzungskraft der Gewerkschaften. Das Ende der Systemkonkurrenz, der Abbau des Sozialstaates, wachsende Arbeitslosigkeit – auch infolge neoliberaler Politik – und die ›Verbetrieblichung‹ der Tarifpolitik sind einige, wenngleich nicht ausreichende Erklärungsversuche.

Auf dem ver.di-Bundeskongress im September 2011 wurde mit großer Mehrheit eine neue Arbeitszeitkampagne beschlossen. Zwei Stichworte sind mir in diesem Zusammenhang wichtig: Sehnsucht nach mehr eigenverfügbarer Zeit und Durchsetzungsmacht. Beide bedingen sich gegenseitig. Es geht auch, wie in vergangenen Kämpfen, um das Entwerfen realer Utopien. Ein bekanntes Bild von Gertrude Degenhardt, der 35-Stunden-Woche-Zug aus dem Jahr 1984, zeigt vorn einen kleinen Trommler, der die Zahl 30 auf der Mütze trägt. Der Sechs-Stunden-Tag war das Ziel feministischer Gewerkschaftsfrauen, um eine annähernd gerechte Verteilung aller Tätigkeiten durchzusetzen: der bezahlten Erwerbsarbeit, der Reproduktionsarbeit und der zivilgesellschaftlichen Arbeit. Das war und ist eine reale Utopie. Diese sind uns in den Abwehrkämpfen teilweise verlorengegangen, und wir wissen sehr gut, dass sich, »wenn die utopischen Oasen austrocknen, eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit« ausbreitet (Habermas 1985, 161). Anknüpfend an die Erfahrungen in Kämpfen um Zeit und an die drei guten Gründe für Arbeitszeitverkürzung – Arbeitsplätze sichern und schaffen, Arbeit humanisieren und Leben und Gesellschaft gestalten – verdichtet Frigga Haug in der »Vier-in-einem-Perspektive« (LuXemburg 2/2011, 122ff) die reale Utopie einer Umverteilung aller anfallenden Arbeiten. Frauen und Männer sollen ein Recht auf bezahlte Erwerbsarbeit haben, gleichberechtigt die Sorge- und Familienarbeit teilen, Zeit für sich selber haben und Zeit für Politik, um handelnd in die Gestaltung der Gesellschaft eingreifen zu können.

Bei der Architektur der »Vier-in-EinemPerspektive« ist das geforderte ›Besondere‹, dass alle vier Tätigkeitsbereiche gleichgewichtig sind, ja sich gegenseitig bedingen. Das könnte ein neues real-utopisches Projekt auch für die Gewerkschaften werden. Es hat drei entscheidende Voraussetzungen, um materielle Kraft zu entfalten: Das Leben muss als Ganzes gedacht werden, radikale Geschlechterdemokratie wird eingefordert und Zeit als wichtigste Kategorie im Leben von Menschen wird in den Mittelpunkt politischen Handelns gestellt.

Ein solches Projekt bedeutet einen grundlegenden Umbau der Arbeitsgesellschaft und des Sozialstaates. Es rechnet sich auch ökonomisch. Es ist machbar, aber eine Machtfrage, denn es geht um eine radikale Umverteilung gesellschaftlich geschaffener Werte. Zweifelsohne gilt: »Wie wir unsere Zeit außerhalb der Erwerbsarbeit verbringen, wird ein entscheidender Schlüssel dafür sein, ob in uns die Sehnsucht nach mehr frei verfügbarer Zeit und einer gerechten Verteilung wächst. Nur wer mit ›seiner Zeit‹ etwas anzufangen weiß, wird den Kampf um mehr frei bestimmte Zeit aufnehmen.« (KAB 2005)

 

Literatur

Habermas, Jürgen, 1985: Die neue Unübersichtlichkeit, Frankfurt/M KAB – Katholische Arbeitnehmerbewegung 2005: Diskussionspapier Arbeitszeit, www.kvab.de/mm/Diskussionspapier_arbeitszeit.pdf
Kurz-Scherf, Ingrid, und Gisela Breil, (Hg.), 1987: Wem gehört die Zeit? Ein Lesebuch zum 6-Stunden-Tag, Hamburg
Marx, Karl, 1964: Das Kapital, Band 3, Berlin Marx, Karl, 1974: Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie, Berlin
Piwitt, Hermann Peter, 1987: Das Vergehen von Hören und Sehen: Aspekte der Kulturvernichtung, Hamburg
Scherer, Peter, und Peter Schaaf, 1984: Dokumente zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Württemberg und Baden 1848–1949, Stuttgart