| ABC der Transformation: Passive Revolution

Mai 2018  Druckansicht    Druckansicht
Von Mario Candeias

Kapitalismus bleibt nicht gleich Kapitalismus. Periodisch treten „organische Krisen“ oder auch „unheilbare Widersprüche“ (Gramsci, Gef. 7, 1557) in der Struktur der Gesellschaft auf. In den letzten 150 Jahren markierten sie Übergänge bzw. Transformationen innerhalb des Kapitalismus. Immer wieder gelang die passive Revolutionierung der Produktions- und Lebensweise. Denn mit Marx erinnert Antonio Gramsci immer wieder daran, „dass keine Gesellschaftsformation verschwindet, solange die Produktivkräfte, die sich in ihr entwickelt haben, noch Raum für eine weitere Vorwärtsbewegung finden“ (Gef.7, 1734).

Mit Beginn der „großen“ bzw. organischen Krise 2007/2008 begann ein neues Interregnum, eine Zwischenherrschaft, in der die aktive Zustimmung zur neoliberalen Ideologie verloren ging, der neoliberale Block an der Macht aber seine dominierende Stellung beibehielt. Herausgefordert von neuen Protestbewegungen und gesellschaftlichen Mobilisierungen der radikalen Linken, aber auch der radikalen Rechten, erleben wir eine Umwälzung der (partei)politischen Systeme und einen Kampf um die Neuzusammensetzung des Machtblocks. Soll diese Situation nicht in eine (vor)revolutionäre Situation oder anomische Barbarisierung führen, sind die herrschenden Klassen gezwungen, eine erneute „passive Revolution“, also von sich aus durchgreifende Veränderungen zu initiieren – ein Weiter-so wird nicht ausreichen.

Restauration – Revolution

Gramsci verwendet Vincenzo Cuocos Begriff „passive Revolution“ (Gef.7, 1727f) als eine Art der Restauration brüchig gewordener Herrschaft durch Revolutionierung aller Verhältnisse: „Restauration-Revolution“, in der die „politische und ökonomische Position“ der alten Klassen gerettet wird (Gef.6, 1242). Doch geht es nicht nur um Wiederherstellung der Ordnung, sondern um die Entwicklung bürgerlich kapitalistischer Herrschaft, die die Gesellschaft aktiv umgestaltet: wenn die führende Klasse „tatsächlich progressiv“ „die ganze Gesellschaft vorantreibt, indem sie nicht nur den existenziellen Erfordernissen nachkommt, sondern ihre Führungsrolle durch eine fortwährende Inbesitznahme“ neuer Tätigkeitsbereiche erweitert (Gef.1, 102).

Das passive Element besteht darin, in einem neuen hegemonialen Projekt Interessen der Subalternen herrschaftsförmig zu integrieren, die untergeordneten Gruppen aber in einer subalternen Position fern der Macht zu halten. Zugleich werden Intellektuellen und Führungsgruppen der Subalternen in den Machtblock absorbiert – eine Form, „sich einen Teil der Antithese einzuverleiben“ (Gef.7, 1728). „Die aktiven Elemente“ werden „aufgesogen“, die Subalternen damit ihrer Führung beraubt (ebd.). Gramsci spricht vom „Trasformismo“ „insofern die Absorption der Eliten der feindlichen Klassen zur Enthauptung derselben und zu ihrer Machtlosigkeit führt“ (Gef.1, 101). Ergebnis ist eine „Revolution ohne Revolution“, radikale Veränderung ohne Veränderung der grundlegenden kapitalistisch-bürgerlichen Verhältnisse (Gef.1, 101).

Als „fortschrittlich“ kann eine solche passive Revolution bezeichnet werden, weil die führende Gruppe „einen gewissen Teil der Forderungen von unten aufnahmen“ (Gef.6, 1330). Die herrschenden Interessen setzten sich keineswegs in reiner Form durch. Im Kampf um kulturelle Hegemonie sind die herrschenden Gruppen nicht nur zu Kompromissen gezwungen, sondern müssen ihre eigenen Vorstellungen auf konkrete Weise mit den allgemeinen Interessen der untergeordneten Gruppen verbinden, sich also auch selbst verändern. Es handelt sich um einen realen Prozess der ethisch-politischen Verallgemeinerung von Interessen, indem die Herrschenden ihre eigenen Interessen reartikulieren, ihre korporativ-ökonomischen Interessen überschreiten, „auf eine ‘universale’ Ebene“ stellen (Gef.7, 1561). Es geht darum, eine „Zeit der Erwartung und der Hoffnung zu schaffen“ (Gef.6, 1243). Auf diese Weise entwickeln die subalternen Gruppen ein echtes Interesse an dieser Form der Transformation, erwarten reale Vorteile, die sich keineswegs auf eine Art Selbsttäuschung reduzieren lassen. Im Prozess der Verallgemeinerung werden die Ziel der subalternen zugleich ver-rückt und verschoben. Die subalternen Gruppen werden gespalten und jene Interessen und Gruppen, die sich nicht dem herrschenden Konsens unterordnen wollen oder können, delegitimiert, marginalisiert, gewaltsam bekämpft werden.

Die herrschenden Gruppen werden sich also „auf konkrete Weise mit den allgemeinen Interessen der untergeordneten Gruppen abstimmen“; entsprechend ist „das Staatsleben als ein andauerndes Formieren und Überwinden von instabilen Gleichgewichten zu fassen[…], von Gleichgewichten, in denen die Interessen der herrschenden Gruppen überwiegen, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, d.h. nicht bis zu einem engen ökonomisch-korporativen Interesse“ (Gef.7, 1584). Die herrschenden Gruppen bestimmen aber weitgehend die Prämissen und Grenzen, die in den jeweiligen Kompromissen der diversen Fraktionen enthalten sind. Die herrschende Gruppen werden also Zugeständnisse und Opfer „korporativ-ökonomischer Art“ bringen, „aber es besteht auch kein Zweifel, dass solche Opfer und ein solcher Kompromiss nicht das Wesentliche betreffen können“ (Gef.7, 1567). Durch solche Formen der Restauration-Revolution konnten „die Führenden stets ihr ‘Partikulares’“ retten (Gef.6, 1330). Dabei wird u.a. die fortschreitende Vergesellschaftung der Produktion vorangetrieben, „ohne deshalb die individuelle oder gruppenmäßige Aneignung des Profits anzutasten (bzw. sich darauf zu beschränken, sie nur zu regulieren…)“ (Gef.6, 1243).

Entscheidend für Gramsci ist dabei, „dass nämlich nicht eine gesellschaftliche Gruppe die Führerin anderer Gruppen ist, sondern dass ein Staat, wenn auch als Macht eingeschränkt, der ‘Führer’ der Gruppe [oder Klasse] ist, die eigentlich die führende sein müsste.“ Es gibt keinen einheitliche Block des Kapitals. Es ist vielmehr in sich gespalten, Einzelkapitale stehen in schärfster Konkurrenz zueinander, unterschiedliche Fraktionen bekämpfen sich. Entsprechend erfolgt die Überführung kapitalistischer Interessen in ein korporatives, ursprünglich theoretisch-ideologisches Programm und sodann in ein populares, praktisch-politisches. Letzteres arbeitet die Interessen ethisch-politisch um, bündelt Kräfte und arbeitet sie zu einer durchsetzungsfähigen Strategie aus, ist also keine einfache Sache des Kapitals oder dominanter Kapitalfraktionen. Es handelt sich vielmehr um einen komplexen Prozess der Reartikulation mit anderen Kräften zu einem gesellschaftlichen Block, einem hegemonialen Projekt, das „zum Staat“ wird. Es bedarf ein „einheitliches Regierungsprogramm“, das „die wesentlichen Forderungen der Volksmassen“ umfasst (Gef.1, 102).

Zu diesem Zweck werden Kompromissmöglichkeiten ausgelotet, Bedürfnisse der Bevölkerung aufgegriffen und verändert. Ein solches Projekt bietet den Subjekten handlungsleitende Deutungen der gesellschaftlichen Situation und der Veränderungsprozesse an und gibt ihnen so Orientierung. Es macht strukturelle Verhältnisse vermeintlich durchsichtig und bringt wert- und erfahrungsgeleiteten Alltagsverstand weitgehend zu Deckung mit einer ideologischen Interpretation der Realität, sodass die Überzeugungskraft der Ideen als evident erscheint und sich in den Köpfen der Subjekte verankert. Vor allem aber lässt ein solcher Prozess der Reartikulation genügend Raum zur selbsttätigen Artikulation bzw. Einschreibung für unterschiedlichste gesellschaftliche (auch und besonders von subalternen) Gruppen. Insofern gilt: auch wenn die strukturelle Macht vor allem auf Seite der dominanten Kapitalfraktionen liegt, stellen sie keineswegs selbst die führende Rolle innerhalb eines hegemonialen Blocks. Ihnen gegenüber tritt die relativ autonome Macht des Staates, vor allem aber die Fähigkeit zur Führung durch die ideologische Reartikulation divergierender Interessen im integralen Staat. Möglicherweise ist die direkte Übernahme der Regierungsgewalt durch die Bourgeoisie, wie etwa durch die Regierung der Milliardäre unter Trump gerade höchster Ausdruck der Krise.

Periodisierung des Kapitalismus

Während der Offizialmarxismus mit Lenin vom „Imperialismus als höchstem Stadium des Kapitalismus“ sprach und von seinem Zusammenbruch träumte, untersuchte Gramsci in seinen Studien zu Amerikanismus und Fordismus, wie durch eine passive Revolution eine neue kapitalistische Produktions- und Lebensweise heranreift (Gef.9, 2063ff). Mit der Figur der passiven Revolution lässt sich auch der Übergang vom Fordismus zum Neoliberalismus begreifen. So trieb das neoliberale Management, in den frühen 1980er Jahren „zum Staate“ geworden, Globalisierung und Internationalisierung von Produktion, Kultur und Warenwelt voran und brach nationale Bornierungen auf; ebenso befördert wurde der informationstechnologische Schub, die Rücknahme extremer (tayloristischer) Arbeitsteilung und die Verwissenschaftlichung der Produktion durch den Einbezug des Wissens der unmittelbaren Produzenten. Zugleich wurde Eigenverantwortlichkeit erzwungen, Entstaatlichung drängte zum Teil dessen paternalistische Bevormundung zurück. Auch patriarchale Familienverhältnisse wurden aufgebrochen, Geschlechterverhältnisse entstaubt und Erwerbsarbeit für Frauen in stärkerem Maße möglich und auch erzwungen. Hinzu kam die Institutionalisierung von Umweltpolitiken, zunächst nachsorgend, dann zunehmend durch die In-Wertsetzung der ökologischen Krise.

Die neoliberale Ideologieproduktion ist dabei das organisierende Element des gesellschaftlichen Umbaus. Sie kann sich dabei auch auf aktive und passive Zustimmung stützen, weil sie die Interessen subordinierter Gruppen aufnimmt, ihre Ziele allerdings verschiebt und verändert. Zentrale Forderungen der 68er-, der Frauen-, der Öko- wie der Arbeiterbewegung wurden in neoliberale Politiken integriert, aktive Zustimmung organisiert, das kritische Potenzial dieser Bewegungen absorbiert und letztlich die Bewegungen damit selbst zersetzt. Die erste transnationale Welle neoliberaler Umwälzung schwächte die Macht von Lohnabhängigen, Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und Sozialdemokratie, die zweite Welle integrierte ihre gewendeten Repräsentanten in einen sozialdemokratisch-neoliberalen Machtblock (Candeias 1999; 2004). Ergebnis war eine rasante Entwicklung von Produktivkräften, von Akkumulation und Profiten, mit dem Preis von beschleunigter Umverteilung von unten nach oben, sozialer Ungleichheit und Umweltzerstörung. Seine progressiv-vorantreibende gesellschaftliche Funktion hat der Neoliberalismus jedoch verloren. Es mangelt an ausreichend Expansions- und Entwicklungsmöglichkeiten, um sowohl den Akkumulationsbedürfnissen wie den gesellschaftlichen Bedürfnissen der Bevölkerung nach Verbesserung ihrer Lage oder zumindest nach einer Fortschrittsperspektive gerecht zu werden. Dieses Versprechen wurde gebrochen. Die aktive Zustimmung der Bevölkerung ist brüchig geworden.

Ob in der gegenwärtigen organischen Krise eine weitere passive Revolution möglich wird, ist offen. Das gesellschaftliche Projekt eines „Grünen Kapitalismus“ (Candeias/Kuhn 2008) ist stark in der Defensive, ein linksreformistisches oder linkssozialistisches Projekt reicht bislang nicht an die stabilen Institutionen transnational abgesicherter Macht heran. Der Aufstieg der neuen radikalen Rechten hat bislang kein tragfähiges eigenes Projekt hervorgebracht, sondern arbeitet vielmehr einem neuen Autoritarismus von oben zu. Ein autoritäres Projekt im Sinne eines „gated capitalism“, eines autoritären Übergangs zu einer post-neoliberalen, digitalisierten Produktions- und Lebensweise, im Sinne eines neuen Typus von Kontrollgesellschaft, gewinnt leider an Kontur. In der Krise hat sich der Herrschaftsmodus verändert – aber noch keine stabile Akkumulations- und Regulationsweise herausgebildet. Die passive Revolution steht noch aus.

Aktive Revolutionierung

Offen bleibt Gramscis Frage, ob es eine „absolute Einheit von Stellungskrieg und passiver Revolution“ gibt, d.h. ob letztere den permanenten Modus gesellschaftlicher Veränderung darstellt? Passive Revolution als ein andauernder Prozess „molekularer Veränderungen, die in Wirklichkeit die vorhergehende Zusammensetzung der Kräfte zunehmend verändern und folglich zur Matrix neuer Veränderungen werden“ (Gef.7, 1727f)? Hier wäre versuchsweise zwischen zwei Formen zu unterscheiden: Auf der einen Seite die permanente Bearbeitung gesellschaftlicher Widersprüche innerhalb einer bestimmten hegemonialen Periode mit ihren Konjunkturen, ihren generischen (kleinen) Krisen und molekularen Veränderungen, auf der anderen Seite die Momente der Verdichtung, in denen sich molekulare Prozesse zu organischen Krisen zuspitzen und mittels passiven Revolutionen bearbeitet  werden, die zu großen Umbrüchen führen. Diese Bearbeitung von Widersprüchen innerhalb einer konkreten Periode erfolgt durch die Reartikulation des herrschenden Projekts, wie etwa den Wandel vom konservativ-liberalen Neoliberalismus  über den sozial-demokratischen hin zum autoritären Neoliberalismus (ausführlich Candeias 2004, 328ff).

Für die subalternen Gruppen stellt sich das Problem der passiven Revolution komplexer dar: Wie gelingt es, innerhalb kapitalistischer Hegemonien reale Verbesserungen der Lage und der Bedingungen erzielen –  ohne dass die eigenen Interessen einfach integriert oder herrschaftlich verschoben werden, ohne dass die eigenen Intellektuellen absorbiert und die Subalternen passiviert werden? Die Subalternen müssen selbst an der ethisch-politischen Verallgemeinerung ihrer Interessen arbeiten. Sie müssen einen möglichst weitgehenden popularen Konsens  und den Übergang vom „Stellungs-„ zum „Bewegungskrieg“ organisieren. Dies läuft letztlich auf den Bruch, die aktive Revolutionierung der gesamten gesellschaftlichen Struktur zu. Dies verweist auf die Kunst „revolutionärer Realpolitik“, wie Rosa Luxemburg sie nannte.

Literatur

Candeias, Mario, 2007: Gramscianische Konstellationen. Krisen des Marxismus und kapitalistische Produktions- und Lebensweisen, in: Andreas Merkens/Victor Rego Diaz (Hg.), Mit Gramsci arbeiten!, Argument, Berlin-Hamburg, 15-32

Candeias, Mario, 2004: Neoliberalismus. Hochtechnologie. Hegemonie. Grundrisse einer transnationalen, kapitalistischen Produktions- und Lebensweise, Hamburg, erw. Neuaufl. 2007

Candeias, Mario, 1999: 1989-99: Die Wende als Ausdruck neoliberaler Verallgemeinerung, Das Argument 234, 41.Jg., 645-55

Candeias, Mario/Kuhn, Armin, 2008: Grüner New Deal. Ein kapitalistischer Weg aus der Krise?, in: Das Argument 279, 50.Jg., 805-12

Demirovic, Alex, 1992: Regulation und Hegemonie; in: ders., H.-P. Krebs, T. Sablowski (Hg): Hegemonie und Staat, Münster, 128-157

Gramsci, Antonio, 1991ff, Gefängnishefte, 10 Bd., hgg. v. W.F.Haug u.a., Hamburg-Berlin