| Wiedergelesen: Der »Klassen-Rassismus«

September 2018  Druckansicht    Druckansicht
Von Étienne Balibar

Auch wenn die wissenschaftlichen Analysen des Rassismus vorzugsweise die rassistischen Theorien untersuchen, gehen sie doch davon aus, dass der »soziologische« Rassismus ein populäres Phänomen ist. Die Entwicklung des Rassismus in der Arbeiterklasse (die den sozialistischen und kommunistischen Aktivisten als etwas Widernatürliches erscheint) wird auf eine den Massen innewohnende Tendenz zurückgeführt und der institutionelle Rassismus in die Konstruktion eben dieser psychosoziologischen Kategorie »Masse« projiziert. Zu untersuchen wäre also der Prozess der Verschiebung von den Klassen zu den Massen, der diese zugleich als bevorzugtes Subjekt und Objekt erscheinen lässt.

Kann man sagen, dass eine soziale Klasse durch ihre Lage und ihre Ideologie (um nicht zu sagen ihre Identität) für rassistische Denk- und Verhaltensweisen prädestiniert ist? Diese Frage ist vor allem im Zusammenhang mit dem Aufstieg des Nazismus gestellt worden, und zwar zunächst spekulativ, dann anhand von diversen empirischen Indikatoren. 1 Das Ergebnis ist völlig paradox, denn es gibt praktisch keine Klasse, die von dem Verdacht ausgenommen wird, wobei allerdings eine besondere Vorliebe für das »Kleinbürgertum« festzustellen ist. Aber dieser Begriff ist bekanntlich mehrdeutig, da er eher die Aporien einer Klassenanalyse zum Ausdruck bringt, die eine Unterteilung der Gesellschaft in sich gegenseitig ausschließende Bevölkerungsschichten annimmt. Wie bei jeder Frage, die eine politische Schuldzuweisung impliziert, möchten wir die Fragestellung umkehren: es geht nicht darum, die Grundlage des Rassismus, der das tägliche Leben überflutet (oder der ihn tragenden Bewegung) in der Natur des Kleinbürgertums zu suchen, sondern zu verstehen, wie die Entwicklung des Rassismus auf der Basis unterschiedlicher materieller Situationen eine »kleinbürgerliche« Masse entstehen lässt. Die falsche Fragestellung der klassenmäßigen Basis des Rassismus werden wir folglich durch eine entscheidendere und komplexere Frage ersetzen, die durch die erste teilweise zugedeckt werden soll: welches Verhältnis besteht zwischen dem Rassismus als zusätzlichem Element des Nationalismus, und dem irreduktiblen Klassenkonflikt in der Gesellschaft? Wir werden uns zu fragen haben, auf welche Weise die Entwicklung des Rassismus eine Verschiebung des Rassenkonflikts bewirkt, bzw. inwiefern dieser immer schon durch ein tendenziell rassistisches gesellschaftliches Verhältnis transformiert wird; und umgekehrt, inwiefern die Tatsache, dass die nationalistische Alternative zum Klassenkampf die spezifische Form des Rassismus annimmt, als ein Indiz für ihren unversöhnlichen Charakter betrachtet werden kann. Das soll selbstverständlich nicht heißen, dass es nicht wichtig ist, in einer gegebenen Situation zu untersuchen, wie die Klassenlage (die aus den materiellen Existenz- und Arbeitsbedingungen, aber auch aus ideologischen Traditionen und praktisch-politischen Einbindungen gebildet wird), die Auswirkungen des Rassismus in der Gesellschaft determiniert: wie häufig er »in Aktion tritt«, welche Formen dies annimmt, wie die entsprechenden Diskurse geartet sind und wie groß die Anhängerschaft des militanten Rassismus ist.

Die Spuren einer konstanten Überdetermination des Rassismus durch den Klassenkampf sind in seiner Geschichte ebenso universell erkennbar wie die nationalistische Determination, und sie sind überall an die Bedeutungsinhalte seiner Phantasmen und seiner Praktiken gebunden. Das zeigt schon, dass hier eine Determination vorliegt, die konkreter und entscheidender ist, als die von den Soziologen der »Modernität« so gern angeführten generellen Merkmale. Es ist sehr unzureichend, im Rassismus (oder im Begriffspaar Nationalismus-Rassismus) entweder eine paradoxe Ausdrucksform des Individualismus oder Egalitarismus zu sehen, die für die modernen Gesellschaften angeblich charakteristisch sind (nach der alten Dichotomie von »geschlossenen«, »hierarchisierten« und »offenen«, »mobilen« Gesellschaften) oder eine Abwehrreaktion gegen diesen Individualismus, die die Sehnsucht nach einer »gemeinschaftlichen« Gesellschaftsordnung zum Ausdruck bringt.2 Der Individualismus existiert nur in den konkreten Formen der Warenkonkurrenz (einschließlich der Konkurrenz zwischen den Arbeitskräften), befindet sich in einem labilen Gleichgewicht mit der Assoziation der Individuen und unterliegt den Zwängen der Klassenkämpfe. Der Egalitarismus existiert nur in den widersprüchlichen Formen der politischen Demokratie (soweit sie vorhanden ist) des Wohlfahrtsstaats, der Polarisierung der Existenzbedingungen, der kulturellen Segregation, der reformistischen oder revolutionären Utopie. Es sind diese Determinationen, und nicht einfache anthropologische Strukturen, die dem Rassismus eine »ökonomische« Dimension verleihen.

Problematisch ist auf jeden Fall die Heterogenität der historischen Formen, die das Verhältnis von Rassismus und Klassenkampf angenommen hat. Sie reicht von der Art, wie sich der Antisemitismus zu einem verlogenen »Antikapitalismus« entwickelt hat, indem er das »jüdische Geld« zum zentralen Thema gemacht hat, bis zu der Weise, wie heute in der Kategorie Immigration das rassische Stigma mit dem Klassenhass zusammenfällt. Jede dieser Konfigurationen ist nicht weiter reduzierbar (wie die ihnen entsprechenden äußeren Bedingungen), wodurch es sich verbietet, zwischen dem Rassismus und dem Klassenkampf ein wie auch immer geartetes einfaches »Ausdrucks«-Verhältnis anzunehmen.

Die manipulative Umfunktionierung des Antisemitismus zum antikapitalistischen Köder, die im Wesentlichen zwischen 1870 und 1945 (d.h. in der wichtigsten Periode des Zusammenstoßes zwischen den europäischen bürgerlichen Staaten und dem proletarischen Internationalismus) stattfand, dient nicht nur dazu, der Revolte der Proletarier einen Sündenbock zu liefern und ihre Spaltungen auszunutzen; sie ist auch nicht nur die projektive Darstellung der Gebrechen eines abstrakten Gesellschaftssystems durch die imaginäre Personifizierung der Verantwortlichen (obwohl dieser Mechanismus für das Funktionieren des Rassismus eine wesentliche Rolle spielt).3 Wir haben es hier mit der Verschmelzung von zwei historischen Vorstellungen zu tun, die geeignet sind, sich wechselseitig als Metapher zu dienen: einerseits die Vorstellung von der Bildung der Nationen auf Kosten der verlorenen Einheit des »christlichen Europa«, andererseits die Vorstellung von dem Konflikt zwischen der nationalen Unabhängigkeit und der Internationalisierung der kapitalistischen Wirtschaftsbeziehungen, der möglicherweise die Gefahr einer Internationalisierung der Klassenkämpfe entspricht. Daher kann der Jude, der innerhalb jeder Nation ein Ausgeschlossener ist, aber durch den Hass der Theologen ein Negativ-Zeuge für die Liebe ist, die angeblich die christlichen Völker miteinander verbindet, imaginär mit dem »kosmopolitischen Kapital« identifiziert werden, das jede nationale Unabhängigkeit bedroht, während es gleichzeitig die Spur der verlorenen Einheit reaktiviert.4

Ganz anders liegen die Dinge, wenn der gegen die Immigranten gerichtete Rassismus die maximale Gleichsetzung von Klassensituation und ethnischer Herkunft vornimmt (deren reale Grundlage immer die interregionale, internationale oder interkontinentale Mobilität der Arbeiterklasse gewesen ist. Bald stark, bald schwach ausgeprägt, aber stets vorhanden, ist gerade sie eines der spezifischen Merkmale der proletarischen Existenz). Er kombiniert sie mit dem Amalgam antagonistischer sozialer Funktionen: so werden die Themen der »Überschwemmung« der französischen Gesellschaft durch die Maghrebiner und der für die Arbeitslosigkeit verantwortlichen Einwanderer mit dem des Geldes der Ölscheichs verquickt, die »unsere« Unternehmen, »unsere« Mietshäuser und »unsere« Sommervillen aufkaufen. Was teilweise erklärt, warum die Algerier, Tunesier oder Marokkaner generisch als »Araber« bezeichnet werden müssen (wobei nicht vergessen werden darf, dass dieser Signifikant, fürwahr ein diskursives Versatzstück, diese Themen mit denen des Terrorismus, des Islam usw. verknüpft). Aber auch andere Konfigurationen dürfen nicht vergessen werden, einschließlich derer, die sich aus einer Umwertung der Begriffe ergeben: beispielsweise das Thema der »proletarischen Nation«, das möglicherweise in den zwanziger Jahren vom japanischen Nationalismus erfunden wurde,5 aber auf jeden Fall bei der Herausbildung des Nazismus eine entscheidende Rolle spielte; man kann darüber nicht einfach hinweggehen, wenn man seine heutigen Spielarten betrachtet.

Die Komplexität dieser Konfigurationen erklärt auch, warum die schlichte Idee nicht haltbar ist, dass der Rassismus gegen das »Klassenbewusstsein« eingesetzt wird (als müsste sich dieses naturwüchsig aus der Klassenlage ergeben, wenn es nicht durch den Rassismus erstickt, verbogen, entstellt wird); dennoch stellen wir die unerlässliche Arbeitshypothese auf, dass »Klasse« und »Rasse« die beiden antinomischen Pole einer permanenten Dialektik sind, die im Mittelpunkt der modernen Geschichtsauffassungen steht. Im Übrigen haben wir den Verdacht, dass die instrumentalistischen, konspirativen Auffassungen vom Rassismus in der Arbeiterbewegung oder bei ihren Theoretikern (man weiß, welch hoher Preis für sie gezahlt worden ist: es ist der immense Verdienst von W. Reich, dies als einer der Ersten vorausgesehen zu haben), sowie die mechanistischen Visionen, die im Rassismus die »Widerspiegelung« einer bestimmten Klassenlage sehen, auch weitgehend die Funktion haben, das Vorhandensein des Nationalismus in der Arbeiterklasse und in ihren Organisationen zu leugnen; anders ausgedrückt, den inneren Konflikt zwischen dem Nationalismus und der Klassenideologie, von der der Massenkampf gegen den Rassismus abhängt (sowie der revolutionäre Kampf gegen den Kapitalismus). Die Entwicklung dieses inneren Konflikts möchte ich kurz darstellen, indem ich einige Aspekte des »Klassen-Rassismus« beleuchte.

Mehrere Historiker, die sich mit dem Rassismus befasst haben (Poliakov, Michèle Duchet, Madeleine Rebérioux, Colette Guillaumin,. E. Williams im Hinblick auf die moderne Sklaverei), haben unterstrichen, dass der moderne Rassenbegriff, soweit er in einen Diskurs der Verachtung und Diskriminierung eingebettet ist und dazu dient, die Menschheit in »Übermenschen« und »Untermenschen« zu spalten, anfangs keine nationale (oder ethnische) Bedeutung hatte, sondern eine klassenmäßige oder vielmehr (,weil es darum geht, die Ungleichheit der sozialen Klassen als eine naturgegebene Ungleichheit darzustellen) eine kastenmäßige.6 So betrachtet, hat er einen zweifachen Ursprung: einerseits die aristokratische Darstellung des Erbadels als eine höhere »Rasse« (d.h. die mythische Version, durch die sich eine schon in ihrer Herrschaft bedrohte Aristokratie der Legitimität ihrer politischen Privilegien versichert und die zweifelhafte Kontinuität ihrer Genealogie idealisiert); andererseits die sklavenhafte Darstellung der Bevölkerungsschichten, die als niedere »Rassen« ins Joch gespannt werden, zur Knechtschaft geboren und keiner eigenen Kultur fähig sind. Daher das ganze Gerede über Blut, Hautfarbe, rassische Vermischung. Erst später wurde der Rassenbegriff »ethnisiert« und fand dann Eingang in den nationalistischen Komplex, Ausgangspunkt seiner sukzessiven Metamorphosen. Daran zeigt sich deutlich, dass die rassistischen Darstellungen der Geschichte von Anfang an mit dem Klassenkampf verknüpft sind. Aber diese Tatsache gewinnt erst dann ihre volle Bedeutung, wenn wir untersuchen, wie sich der Rassenbegriff und der Nationalismus seit den ersten Ausformungen des »Klassen-Rassismus« entwickelt haben, wenn wir also, mit anderen Worten, seine politische Determination untersuchen.

Die Aristokratie hat sich nicht sofort in der Kategorie der »Rasse« gedacht und dargestellt: dies ist ein Diskurs, der erst später aufkommt und, in Frankreich zum Beispiel (mit dem Mythos des »blauen Bluts« und der »fränkischen« oder »germanischen« Herkunft), eine eindeutig defensive Funktion hat; er entwickelt sich, als die absolute Monarchie, den Staat auf Kosten der Feudalherren zentralisiert und damit beginnt, eine neue Verwaltungs- und Finanzaristokratie bürgerlichen Ursprungs zu »schaffen«, womit sie einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zum Nationalstaat gemacht hat. Noch interessanter ist der Fall des klassischen Spanien, so wie er von Poliakov analysiert wird: die Verfolgung der Juden nach der Reconquista, ein unerlässlicher Hebel für die Erhebung des Katholizismus zur Staatsreligion, ist auch ein Hinweis auf die »multinationale« Kultur, gegen die sich die Hispanisierung (oder besser: Kastilianisierung) richtet. Sie ist also eng mit diesem Prototyp des europäischen Nationalismus verbunden. Aber sie erhält eine noch ambivalentere Bedeutung, wenn sie zur Aufstellung des Kriteriums der »Reinheit des Blutes« führt (limpieza de sangre), das der gesamte rassistische Diskurs in Europa und den USA übernommen hat: der Verleugnung der ursprünglichen Vermischung mit Mauren und Juden entsprangen, dient die erbmäßige Definition der raza (Rasse) – und die Überprüfung der entsprechenden Nachweise – einem zweifachen Zweck: sie grenzt eine innere Aristokratie ein und verleiht dem ganzen »spanischen Volk« eine fiktive Noblesse, macht aus ihm ein »Volk von Herren« in dem Augenblick, da es durch Terror, Völkermord, Sklaverei und Zwangschristianisierung das größte aller Kolonialreiche erobert und beherrscht. Auf dieser exemplarischen Bahn verwandelt sich der Klassen-Rassismus in einen nationalistischen Rassismus, ohne deswegen zu verschwinden.8

Für unsere Frage aber noch entscheidender ist die Umkehrung der Werte, die in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts stattfindet. Der aristokratische Rassismus ist der Prototyp dessen, was die Wissenschaftler heute den »selbstbezogenen« Rassismus nennen. Er beginnt damit, dass er den Beherrscher des Diskurses selbst zu einer Rasse macht; daher die Bedeutung seiner imperialistischen Nachkommenschaft im kolonialen Kontext: die Engländer und Franzosen begreifen sich in Indien und in Afrika als eine moderne Aristokratie, wie schäbig ihre Ausbeutungsmethoden, Interessen und Verhaltensweisen auch sein mögen. Dieser Rassismus ist indirekt bereits mit der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals verknüpft, und wäre es auch nur durch seine Funktion in den kolonisierenden Nationen. Während die industrielle Revolution die eigentlich kapitalistischen Klassenverhältnisse schafft, bringt sie den neuen Rassismus der bürgerlichen Epoche hervor (der erste »Neo-Rassismus«, geschichtlich betrachtet): dieser sieht das Proletariat in seinem Doppelstatus als ausgebeutete (vor den Anfängen des Sozialstaats sogar überausgebeutete) und als politisch bedrohliche Bevölkerungsschicht.

Namentlich Louis Chevalier hat das Bedeutungsnetz dieses Rassismus detailliert beschrieben.9 Danach würde sich der Rassenbegriff im Zusammenhang mit der »Rasse der Arbeiter«, von seinen historisch-theologischen Konnotationen lösen, um in den Bereich der Äquivalenzen zwischen Soziologie, Psychologie, imaginärer Biologie und Pathologie des »gesellschaftlichen Körpers« einzugehen. Hier erkennt man die obsessiven Themen der Kriminalromane, der medizinischen und philanthropischen Literatur, der Literatur überhaupt (sie sind ein grundlegendes dramatisches Gestaltungsmittel und einer der politischen Schlüssel des sozialen »Realismus«). Zum ersten Mal verdichten sich alle typischen Aspekte der Rassisierung einer sozialen Gruppe in ein und demselben Diskurs: das materielle und geistige Elend, die Kriminalität, das Laster (Alkohol und Drogen), körperliche und moralische Merkmale, Ungepflegtheit und sexuelle Zügellosigkeit, spezifische Krankheiten, die die Menschheit mit »Entartung« bedrohen – wobei eine typische Schwankung vorhanden ist: entweder stellen die Arbeiter selbst eine entartete Rasse dar oder ihre Präsenz, der Kontakt mit ihnen, das Arbeiterdasein sind ein Entartungsferment für die »Rasse« der Bürger, der Staatsbürger. Anhand dieser Themen baut sich die phantasmatische Gleichsetzung der »arbeitenden Klassen« und der »gefährlichen Klassen« auf. Es kommt zur Verschmelzung einer sozio-ökonomischen und einer anthropologisch-moralischen Kategorie, die der Untermauerung aller Varianten des soziobiologischen (und psychiatrischen) Determinismus dient, indem sie dem darwinistischen Evolutionismus, der vergleichenden Anatomie und der Massenpsychologie pseudo-wissenschaftliche Garantien entnimmt; aber vor allem, indem sie ihren Niederschlag in einem engmaschigen Netz von polizeilichen und anderen Einrichtungen sozialer Kontrolle findet.10

Dieser Klassen-Rassismus ist untrennbar mit grundlegenden historischen Prozessen verbunden, die bis in unsere Tage hinein eine ungleichmäßige Entwicklung durchgemacht haben. Ich werde sie nur kurz umreißen. Zunächst ist er mit einem für die Bildung des Nationalstaats entscheidenden politischen Problem verbunden. Die »bürgerlichen Revolutionen«, insbesondere die französische, hatten durch ihren radikalen rechtlichen Egalitarismus die Frage der politischen Rechte der Masse in unumkehrbarer Weise auf die Tagesordnung gesetzt. Sie bildeten den Gegenstand von eineinhalb Jahrhunderten sozialer Kämpfe. Die Idee eines natürlichen Unterschieds zwischen den Menschen war juristisch und moralisch widersprüchlich, wenn nicht gar undenkbar geworden. Dennoch war sie politisch so lange unerlässlich, wie die (für die bestehende soziale Ordnung, das Eigentum, die Macht der »Eliten«) »gefährlichen Klassen« durch Gewalt und Recht von der politischen »Befähigung« ausgeschlossen und in die Randbereiche des Gemeinwesens abgedrängt werden mussten: so lange also, wie es darauf ankam, ihnen die Staatsbürgerschaft zu verweigern, indem man zeigte (und sich selbst davon überzeugte), dass es ihnen von ihrer Veranlagung her an den Qualitäten des vollendeten bzw. des normalen Menschseins fehlte. Damit stehen sich zwei Anthropologien gegenüber (ich habe von zwei »Humanismen« gesprochen): die der Gleichheit von Geburt an und die der erblichen Ungleichheit, die es erlaubt, die sozialen Antagonismen zu renaturalisieren.

Dieser Vorgang war von Anfang an durch die nationale Ideologie überdeterminiert. Disraeli11 (ein erstaunlicher imperialistischer Theoretiker, der die »Überlegenheit der Juden« sogar über die »höhere Rasse« der Angelsachsen postulierte) hatte das Problem in bewundernswerter Weise dahingehend zusammengefasst, dass die Staaten seiner Zeit der tendenziellen Spaltung ein und derselben Gesellschaftsformation in »zwei Nationen« ausgesetzt waren. Damit wies er den Weg, den die herrschenden Klassen gehen konnten, die mit der zunehmenden Organisiertheit der Klassenkämpfe konfrontiert waren: zunächst galt es, die Masse der »Elenden« zu spalten (indem insbesondere der Bauernschaft und den »traditionellen« Handwerkern die Qualität der nationalen Authentizität, der Gesundheit, der Moral, der rassischen Integrität zugesprochen wurde, die genau im Widerspruch zur Pathologie der Industriearbeiter stand); sodann waren die Merkmale der »arbeitenden Klassen« insgesamt, also die Gefährlichkeit und die Erblichkeit, auf die Fremden zu übertragen, insbesondere auf die Einwanderer und die Kolonisierten; gleichzeitig verlagerte die Einführung des allgemeinen Wahlrechts die Trennung zwischen den »Bürgern« und den »Untertanen« an die Grenzen der Nationalität. Aber an diesem Prozess war immer eines festzustellen (sogar in Ländern wie Frankreich, wo es in der nationalen Bevölkerung keine institutionelle Segregation, keine ursprüngliche Apartheid, gibt, außer wenn man den gesamten imperialen Raum betrachtet): ein charakteristisches Zurückbleiben der faktischen hinter den rechtlichen Verhältnissen, d.h. ein Weiterbestehen des »Klassen-Rassismus« gegenüber den unteren Klassen (und gleichzeitig eine besondere Empfindlichkeit dieser Klassen gegenüber der rassischen Stigmatisierung sowie eine extrem ambivalente Haltung gegenüber dem Rassismus). Womit wir bei einem anderen permanenten Aspekt des Klassen-Rassismus wären.

Ich meine damit etwas, was man die institutionelle Rassisierung der manuellen Arbeit nennen könnte. Hier ließen sich mühelos Ursprünge ausmachen, die so alt sind wie die Klassengesellschaften selbst. In dieser Hinsicht gibt es keinen nennenswerten Unterschied zwischen der Verachtung der Arbeit und des Arbeiters, wie sie von den philosophischen Eliten der griechischen Sklavenhaltergesellschaft und von einem Taylor zum Ausdruck gebracht wurde, der 1909 die natürliche Veranlagung gewisser Menschen für die ermüdenden, schmutzigen, monotonen Arbeiten beschrieb, die zwar körperliche Kraft, aber weder Intelligenz noch Initiative erfordern (der in seinem Buch Principles of Scientific Management dargestellte hirnlose Mensch hat paradoxerweise auch einen tief verwurzelten Hang zur »systematischen Faulenzerei«: darum braucht er einen Meister, der ihn dazu anhält, gemäß seiner Natur zu arbeiten).12 Dennoch kommt es durch die industrielle Revolution und die Entwicklung des kapitalistischen Lohnarbeiters zu einer Verschiebung. Der Gegenstand von Verachtung und Auslöser von Angst ist nicht mehr die bloße manuelle Arbeit (bei den patriarchalischen, archaisierenden Ideologien findet im Gegenteil eine Idealisierung dieser Arbeit in Gestalt des »Handwerks« statt): es ist die körperliche, genauer gesagt, die mechanisierte körperliche Arbeit, die zu einem »Anhängsel der Maschine« geworden, also einer fast beispiellosen physischen und symbolischen Gewalt ausgesetzt ist (die bekanntlich mit den neuen Etappen der industriellen Revolution nicht verschwindet, sondern sich in »modernisierten«, »intellektualisierten« und »archaischen« Formen in zahlreichen Produktionsbereichen perpetuiert).

Dieser Prozess modifiziert den Status des menschlichen Körpers (den menschlichen Status des Körpers): er schafft Körper-Menschen, deren Körper eine körperliche Maschine ist, zerstückelt und dominiert, für einzelne isolierbare Funktionen oder Gesten benutzt, in seiner Ganzheit zerstört und fetischisiert, in seinen »nützlichen« Organen unterentwickelt und überentwickelt. Aber wie jede Gewalt ist auch diese untrennbar mit Widerstand und auch mit Schuld verbunden. Die »normale« Arbeitsmenge kann erst festgestellt und dem Körper des Arbeiters abgerungen werden, wenn der Kampf ihre Grenzen festgelegt hat: die Regel ist die Überausbeutung, die tendenzielle Zerstörung des Organismus (die als »Entartung« beschrieben wird) und in jedem Fall die übermäßige Unterdrückung der geistigen Funktionen der Arbeit. Ein für den Arbeiter unerträglicher Prozess, der ohne die ideologische und phantasmatische Aufbereitung durch die Herren des Arbeiters nicht »akzeptiert« wird: Dass es Körper-Menschen gibt, bedeutet, dass es auch Menschen ohne Körper gibt; dass die Körper-Menschen Menschen mit einem verstümmelten und zerstückelten Körper sind (und sei es auch nur durch die »Trennung« von der Intelligenz), bedeutet, dass man die Individuen beider Kategorien mit einem Über-Körper ausstatten muss. Sie müssen Sport treiben und eine ostentative Männlichkeit entwickeln, um der über der menschlichen Gattung schwebenden Bedrohung entgegentreten zu können …13

Allein diese historische Situation, diese spezifischen gesellschaftlichen Verhältnisse ermöglichen es, den Prozess der Ästhetisierung (und damit der fetischhaften Sexualisierung) des Körpers vollständig zu begreifen, die alle Varianten des modernen Rassismus charakterisiert: bald werden die »physischen Merkmale« der rassischen Unterlegenheit stigmatisiert, bald wird der »menschliche Typus« der überlegenen Rasse idealisiert. Sie beleuchten die wirkliche Bedeutung des Rückgriffs auf die Biologie, der zur Geschichte der rassistischen Theorien gehört. Dieser hat im Grunde genommen nichts mit dem Einfluss der wissenschaftlichen Entdeckungen zu tun, sondern stellt eine Metapher und eine Idealisierung des somatischen Phantasmas dar. Neben der wissenschaftlichen Biologie können auch andere theoretische Diskurse diese Funktion erfüllen, sofern sie sich mit dem sichtbaren menschlichen Körper, seiner Beschaffenheit, seinem Funktionieren, seinen Gliedern und seinen versinnbildlichten Organen befassen. Entsprechend den an anderer Stelle formulierten Hypothesen über den Neo-Rassismus und seinen Zusammenhang mit den neuen Formen der Parzellierung der geistigen Arbeit müsste das Forschungsfeld erweitert werden; zu beschreiben wäre die »Somatisierung«, also die Rassisierung der intellektuellen Fähigkeiten, der man heute von der Handhabung des IQ bis hin zur Ästhetisierung des entschlussfreudigen, intellektuellen und sportlichen »Kaders« begegnet.14

Aber die Herausbildung des Klassen-Rassismus hat noch einen weiteren wichtigen Aspekt. Die Arbeiterklasse ist eine zugleich heterogene und fluktuierende Population, deren »Grenzen« per definitionem fließend sind, da sie von den fortwährenden Veränderungen des Arbeitsprozesses und des Kapitalverkehrs abhängen. Im Unterschied zu den aristokratischen Kasten oder den führenden Fraktionen der Bourgeoisie ist sie keine gesellschaftliche Kaste. Dennoch hat der Klassen-Rassismus (und erst recht der nationalistische Klassen-Rassismus, wie im Fall der Immigranten) die Tendenz, zumindest für einen Teil der Arbeiterklasse so etwas wie eine kastenmäßige Geschlossenheit zu erzeugen. Besser gesagt (oder schlimmer noch): die größtmögliche Geschlossenheit im Rahmen der »sozialen Mobilität« kombiniert mit der größtmöglichen Offenheit gegenüber dem Strom der Proletarisierung.

Drücken wir es anders aus. Die Logik der kapitalistischen Akkumulation weist in dieser Hinsicht zwei widersprüchliche Aspekte auf: einerseits werden die Lebens- und Arbeitsbedingungen ständig mobil gehalten und destabilisiert, um die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt zu sichern, fortwährend neue Kräfte aus der »industriellen Reservearmee« zu schöpfen und eine relative Überbevölkerung aufrechtzuerhalten; andererseits werden Arbeiterkollektive über lange Zeiträume (über mehrere Generationen) stabilisiert, um sie zur Arbeit zu »erziehen« und an das Unternehmen zu »binden« (und um den Mechanismus der Entsprechung zwischen der »paternalistischen« politischen Hegemonie und dem Familienleben des Arbeiters wirksam werden zu lassen). Einerseits hat die Klassenlage, die nur an das Lohnverhältnis gebunden ist, nichts mit den früheren oder späteren Generationen zu tun; im äußersten Fall hat selbst der Begriff der »Klassenzugehörigkeit« keine praktische Bedeutung, da allein die Klassensituation hic et nunc zählt. Andererseits müssen die Arbeiter zu einem bestimmten Teil Arbeitersöhne sein, muss es eine gewisse soziale Erblichkeit geben.15 Aber damit wächst in der Praxis auch die Widerstands- und Organisationsfähigkeit.

Aus diesen widersprüchlichen Erfordernissen sind die Bevölkerungspolitik, die Einwanderungspolitik und die Politik der städtischen Segregation hervorgegangen – allgemeiner ausgedrückt, die anthroponomischen Praxisformen, um einen Ausdruck von D. Bertaux zu verwenden16 – die vom Staat und den Unternehmern seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts praktiziert worden sind. Diese haben einen paternalistischen (,eng an die nationalistische Propaganda gebundenen) und einen disziplinarischen Aspekt, führen sie doch einerseits einen »sozialen Krieg« gegen die »wilden Massen« und »zivilisieren« sie andererseits genau diese Massen in jedem Sinn des Wortes, wofür der Umgang der Sozialbehörden und der Polizei mit den »Ghettos« und »Slums« die perfekte Illustration bietet. Es ist kein Zufall, wenn sich der gegenwärtige rassistische Komplex am »Bevölkerungsproblem« festmacht (mit den folgenden Konnotationen: Geburtenrate, Entvölkerung und Überbevölkerung, Rassenmischung, Urbanisierung, sozialer Wohnungsbau, öffentliche Gesundheit, Arbeitslosigkeit) und sich mit Vorliebe auf die Frage der zweiten Generation der so genannten unechten Einwanderer konzentriert. Bei ihr stellt sich die Frage, ob sie in die Fußstapfen der vorausgehenden Generation tritt (die eigentlichen »Arbeitsimmigranten«) – wobei das Risiko besteht, dass sie einen noch stärkeren sozialen Kampfgeist entwickelt, bei dem sich klassengebundene mit kulturellen Forderungen verbinden – oder ob sie das Heer der »Deklassierten« vergrößert, die zwischen dem Lumpenproletariat und dem »Ausstieg« aus der Arbeiterexistenz schwanken. Der herrschenden Klasse und den unteren Klassen selbst geht es darum, dass der Klassen-Rassismus dies leistet: er hat den Bevölkerungsgruppen generische Merkmale anzuheften, die kollektiv für die kapitalistische Ausbeutung vorgesehen sind oder für sie in Reserve gehalten werden, wenn der Wirtschaftsprozess sie der direkten Kontrolle des Systems entreißt (oder durch die Massenarbeitslosigkeit die früheren Kontrollmechanismen schlicht unwirksam macht). Von Generation zu Generation muss er diejenigen »an ihrem Platz« halten, die keinen festen Platz haben und eben darum eine Genealogie brauchen. Er hat die widersprüchlichen Erfordernisse des Nomadentums und der sozialen Erblichkeit, der Domestizierung der Generationen und der Abwertung des Widerstands imaginär zu verknüpfen.

Wenn diese Feststellungen richtig sind, können sie einiges Licht auf die widersprüchlichen Aspekte dessen werfen, was ich ohne Zögern die »Selbst-Rassisierung« der Arbeiterklasse nennen werde. Hier wäre ein ganzes Spektrum von sozialen Erfahrungen und ideologischen Formen zu beleuchten, von der Organisation der Arbeiterkollektive um Symbole ethnischen oder nationalen Ursprungs bis hin zu der Art und Weise, wie ein bestimmter, an den Kriterien der Klassenherkunft (und folglich an der Institution der Arbeiterfamilie, die allein das »Individuum« mit seiner »Klasse« verbinden kann) und der Überbewertung der Arbeit (und folglich an der Männlichkeit, die nur sie verleiht) orientierter Ouvrierismus ein »Klassenbewusstsein« hervorbringt, das einen Teil der Darstellungen der »Arbeiter-Rasse« reproduziert.17 Zwar ist es richtig, dass die radikalen Formen des Ouvrierismus, zumindest in Frankreich, mehr bei den Intellektuellen und politischen Apparaten anzutreffen sind, die die Arbeiterklasse »repräsentieren« wollen (von Proudhon bis zur kommunistischen Partei) als bei den Arbeitern selbst. Dennoch entsprechen sie einer Tendenz, sich zu einem geschlossenen »Block« zu formieren, um errungene Positionen zu halten, Kampftraditionen zu wahren und die Signifikanten des Klassen-Rassismus gegen die bürgerliche Gesellschaft zu kehren. Aus diesem reaktiven Ursprung ergibt sich die Ambivalenz des Ouvrierismus: der Wunsch, der Ausbeutungssituation zu entrinnen, und die Zurückweisung der ihr entgegengebrachten Verachtung. Nirgends wird diese Ambivalenz so deutlich wie in seinem Verhältnis zum Nationalismus, zur Fremdenfeindlichkeit. In dem Maße, wie die Arbeiter den offiziellen Nationalismus praktisch zurückweisen (wenn sie es tun), deuten sie eine politische Alternative zur Pervertierung der Klassenkämpfe an. Aber in dem Maße, wie sie ihre Ängste und Ressentiments, ihre Verzweiflung und ihren Trotz auf die Fremden projizieren, bekämpfen sie nicht nur die Konkurrenz, wie es heißt, sondern versuchen sie, sich von ihrem eigenen `Ausgebeutetsein` zu distanzieren. Sie hassen sich selbst als Proletarier oder als Menschen, die in die Mühle der Proletarisierung zu geraten drohen.

So wie es eine ständige wechselseitige Determination des Nationalismus und des Rassismus gibt, gibt es eine wechselseitige Determination des »Klassen-Rassismus« und den »ethnischen Rassismus«, und diese beiden Determinationen sind nicht unabhängig voneinander. Jede produziert ihre Auswirkungen gewissermaßen auf dem Feld und unter dem Zwang der anderen. Haben wir unsere Anfangsfragen beantwortet, wenn wir diese Überdetermination in ihren großen Linien nachzeichnen (und wenn wir zu zeigen versuchen, wie sie die konkreten Erscheinungsformen des Rassismus und die Bildung seines theoretischen Diskurses erklärt)? Wir haben sie eher neu formuliert. Was an anderer Stelle der konstitutive Überschuss des Rassismus über den Nationalismus genannt wurde, erweist sich zugleich als das Symptom eines Mangels im Bereich des Klassenkampfes. Aber obwohl dieser Überschuss an die Tatsache gebunden ist, dass sich der Nationalismus gegen den Klassenkampf konstituiert (während er dessen Dynamik benutzt) und dieser Mangel an die Tatsache gebunden ist, dass der Klassenkampf durch den Nationalismus zurückgedrängt wird, heben sie sich nicht auf: sie haben vielmehr die Tendenz, sich zu ergänzen. Es macht keinen wesentlichen Unterschied, ob man annimmt, dass der Nationalismus zunächst dazu gedient hat, die Einheit des Staates und der Gesellschaft als Vorstellung zu entwickeln und praktisch zu realisieren, die dann auf die Widersprüche des Klassenkampfes stößt, oder ob er zunächst eine Reaktion auf die Hindernisse ist, die der Klassenkampf der nationalen Einheit entgegenstellt. Entscheidend ist dagegen die Feststellung, dass der Nationalismus dort zwangsläufig die Form des Rassismus annimmt, wo historisch eine irreduktible Kluft zwischen Staat und Nation besteht und wo zugleich fortwährend die Klassenantagonismen reaktiviert werden. Manchmal in Konkurrenz zu anderen Formen (sprachlicher Nationalismus), manchmal in Kombination mit ihnen, befindet er sich so ständig auf der Flucht nach vorn. Während der Rassismus im Bewusstsein der Menschen latent bleibt oder eine untergeordnete Rolle spielt, ist er bereits der innere Überschuss des Nationalismus, der im doppelten Sinn des Wortes seine Verknüpfung mit dem Klassenkampf verrät. Daher sein endlos reproduziertes Paradoxon: er entwickelt eine regressive Vorstellung von einem Nationalstaat, in dem die Menschen von Natur aus »zu Hause« sind, weil sie »unter sich« sind (unter ihresgleichen) und er macht diesen Staat unbewohnbar; er versucht, eine gegen die »äußeren« Feinde vereinte Gemeinschaft zu produzieren, indem er unablässig entdeckt, dass sich der Feind »im Inneren« befindet, indem er ihm Zeichen zuschreibt, die nur das wahnhafte Produkt der von ihm erzeugten Spaltungen sind. Eine solche Gesellschaft ist eine politisch entfremdete Gesellschaft im eigentlichen Sinn. Aber ringen nicht alle heutigen Gesellschaften bis zu einem gewissen Grad mit ihrer eigenen politischen Entfremdung?

Dieser Artikel ist entnommen aus: Etienne Balibar und Emmanuel Wallerstein: Rasse, Klasse, Nation: Ambuivalente Identitäten, Kapitel 12, Hamburg 1990, alle Rechte © Argument Verlag

Anmerkungen

  1. Pierre Aycoberry, La question nazie. Essai sur les interpretations du national-socialisme, Paris, Seuil, 1979.
  2. Siehe die theoretischen Arbeiten von Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (2 Bde., Bern, A. Francke, 1958) sowie in neuerer Zeit von Louis Dumont, Essais sur l’indivi Une perspective anthropologique sur l’Idéologie moderne, Seuil, 1983.
  3. Die Personifizierung des Kapitals, eines gesellschaftlichen Verhältnisses, beginnt mit der Gestalt des Aber diese reicht niemals aus, um den Affekt zu mobilisieren. Darum werden ihm entsprechend der Logik des »Überschusses« andere real-imaginäre Züge zugeschrieben: Umgangsformen, Vorfahren (die »zweihundert Familien«), ausländische Herkunft, geheime Strategien, rassische Verschwörung (das jüdische Projekt der »Weltherrschaft«), usw. Dass diese Personifizierung vor allem im Fall der Juden im Zusammenhang mit der Ausarbeitung des Geldfetischismus geschieht, ist offensichtlich kein Zufall.
  4. Die Dinge werden dadurch noch komplizierter, dass die verlorene Einheit des »christlichen« Europa, die mythische Vorstellung von den »Ursprüngen der Zivilisation«, in dem Augenblick in das rassistische Register aufgenommen wird, als sich genau dieses Europa anschickt, die »Welt zu zivilisieren«, d.h. sie durch eine zügellose Konkurrenz zwischen den Nationen seiner Herrschaft zu unterwerfen.
  5. Benedict Anderson, Imagined Communities, London, 1983, S. 92-93.
  6. Poliakov, Histoire de l’antisémitisme, Neuauflage, Le Livre de poche Pluriel (dt. Ausg.: Geschichte des Antisemitismus, 8Bde., Worms, Heintz, 1977ff.); M. Duchet, M. Reberioux, »Pré-histoire et histoire du racisme«, in: Racisme et société, unter der Leitung von P. de Comarmond und Cl. Duchet, Paris, Maspéro, 1969; C. Guillaumin, L’idéologie raciste. Genèse et langage actuel, Mouton, Paris-La Haye, 1972; »Caractères spécifiques de l’idéologie raciste«, Cahiers internationaux de sociologie. Bd. LEI, 1972; »Les ambiguités de la catégorie taxinomique ‘race’« in: L. Poliakov (Hrsg.), Hommes et bètes. Entretiens sur le racisme (I), Mouton, Paris-La Haye, 1975; Eric Williams, Capitalism and Slavery, Chapel Hill, 1944.
  7. Der in Frankreich an die Stelle der »Ideologie der drei Funktionen« tritt; eine im Wesentlichen theologisch und juristisch fundierte Ideologie, die auf den organischen Platz des Adels im Staatsgefüge abhebt (der eigentliche »Feudalismus«).
  8. Poliakov, op. cit., Bd. 1, S. 95ff.
  9. Louis Chevalier, Classes laborieuses et classes dangereuses à Paris pendant la première moitié du XIXe siècle, Le Livre de poche Pluriel, Paris, 1984.
  10. G. Netchine, »L’individuel et le collectif dans les représentations psychologiques de la diversité des ètres humains au XIXe siècle«, in: L. Poliakov, N juif ni grec. Entretiens sur le racisme (II), Mouton, Paris-La Haye, 1978; L. Murard und P. Zylberman, Le Petit Travailleur infatigable ou le prolétaire régénéré. Villes-usines, habitat et initimités au XIXe siècle, editions Recherches, Fontenay-sous-Bois, 1976.
  11. H. Arendt, Antisemitismus, erster Teil von Die Ursprünge des Totalitarismus; L. Poliakov,
    Histoire de l’antisémitisme, op. cit., Bd. II, S. 176 ff. Karl Polanyi, The great transformation: politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Anhang XI (Frankfurt/M., Suhrkamp, 1977).
  12. Frederic W. Taylor, La Direction scientifique des entreprises, Übers., éditions Marabout; siehe die Kommentare von Robert Linhart, Lénine, les paysans, Taylor, Le Seuil, Paris, 1976, und von Benjamin Coriat, L’Atelier et le chronomètre, Christian Bourgois, Paris 1979. Vgl. auch meine Untersuchung »Sur le concept de la division du travail manuel et intellectuel«, in: Jean Belkhir u.a., L’intellectuel, l’intelligentsia et les manuels, Anthropos, Paris, 1983.
  13. Offenbar war die »Animalität« des Sklaven ständig ein Problem, von Aristoteles und seinen Zeitgenossen bis zum modernen Menschenhandel (das bezeugt schon ihre Übersexualisierung); aber die industrielle Revolution setzt ein neues Paradoxon frei: der »tierhafte« Körper des Arbeiters ist immer weniger ein animalischer und immer mehr ein technisierter, mithin humanisierter. In den Phantasmen der Animalität kommt eher die Angst vor einer Überhumanisierung des Menschen (sie betrifft seinen Körper und seine durch die kognitiven Wissenschaften und die entsprechenden Selektions- und Ausbildungstechniken »objektivierte« Intelligenz) als vor einer Unterhumanisierung zum Ausdruck (sie sind auf jeden Fall umkehrbar). Diese Phantasmen werden mit Vorliebe auf den Arbeiter projiziert, dem sein Status als »Fremder« gleichzeitig die Attribute eines »anderen Mannes«, eines »Konkurrenten« verleiht.
  14. in diesem Band die Kapitel 1 und 3.
  15. Nicht nur im Sinne einer individuellen Verwandtschaftsreihe, sondern im Sinne einer »Bevölkerung«, die praktisch zur Endogamie neigt; nicht nur im Sinne einer Übertragung von Fertigkeiten (vermittelt durch die Lehre, die Schule, die industrielle Disziplin), sondern im Sinne einer »kollektiven Ethik«, die durch die Institutionen und die subjektiven Identifikationen geschaffen wurde. Außer den bereits angegebenen Werken vgl. J.-P. de Gaudemar, La Mobilisation générale,
    Editions du Champ urbain, Paris, 1979.
  16. Daniel Bertaux, Destins personels et structures de classe, PUF, 1977.
  17. G. Noiriel, Longwy. Immigrés et prolétaires, 1880-1980, PUF, 1985; J. Frementier, La Vie en bleu. Voyage en culture ouvrière, Fayard, 1980; Francoise Duroux, La Famille des ouvriers: mythe ou politique?, Habilitationsschrift, Universität Paris-VII, 1982.