| »Keine Feigheit vor dem Freund!« oder: Wie kritisiert man Revolutionen?

Januar 2019  Druckansicht    Druckansicht
Von Lutz Brangsch

»Der Revolutionärin Rosa Luxemburg war es natürlich selbstverständlich, solidarisch zur russischen Revolution zu stehen. Doch Solidarität ohne Kritik, ohne Kritik an der Politik von Lenin und Trotzki, galt Rosa Luxemburg als Feigheit – als Feigheit vor dem Freund.« (Schütrumpf 2006, 1001)

Die Auseinandersetzungen um das Verhältnis von Lenin und Luxemburg spielten vor allem in der kommunistischen Strömung der Linken über Jahrzehnte eine zentrale Rolle. Die Beziehung beider kann mit voller Berechtigung als spannungsgeladen bezeichnet werden. Gleichzeitig verband sie der Kampf gegen den Opportunismus der rechten Sozialdemokratie und für eine sozialistische Revolution. Die Gemeinsamkeiten sind unstrittig, die Bedeutung der Widersprüche zwischen beiden wird jedoch unterschiedlich beurteilt. Während Paul Levi (1921, 138) in einem Brief an Clara Zetkin betonte, dass Rosa Luxemburg »nun einmal – das läßt sich nicht leugnen – in gewissen Fragen im Gegensatz zu den Bolschewiki« stand, und dass »gerade diese Fragen« durch den »Gang der russischen Revolution in den Vordergrund geschoben« worden seien, schätzte Zetkin etwa die Grundsätzlichkeit der Unterschiede anders ein.

Differenzen zwischen Luxemburg und Lenin

Lenin selbst benannte in seinem zweifelhaften Nachruf auf Luxemburg die aus seiner Sicht wesentlichen Unterschiede in ihren jeweiligen Auffassungen. Für ihn waren es »Irrtümer« Luxemburgs. Die Vorstellung, dass es sich dabei um legitime Differenzen handeln könnte, also die Möglichkeit bestünde, dass Luxemburg Recht hatte, lag ihm fern. Er machte die Unterschiede an konkreten Daten fest: »Sie irrte 1903 in der Beurteilung des Menschewismus; sie irrte in der Theorie der Akkumulation des Kapitals; sie irrte, als sie im Juli 1914 neben Plechanow, Vandervelde, Kautsky u. a. für die Vereinigung der Bolschewiki mit den Menschewiki eintrat; sie irrte in ihren Gefängnisschriften von 1918 (wobei sie selbst beim Verlassen des Gefängnisses Ende 1918 und Anfang 1919 ihren Fehler zum großen Teil korrigierte).« (Lenin 1922, 195) Jede dieser Behauptungen würde einen eigenen Artikel erfordern, zumal aus der heutigen Sicht in vielen Punkten auch Lenin »irrte«. Grob gesagt, lassen sich die Differenzen an drei Komplexen festmachen.

Partei und Emanzipation

Erstens ging es um die Potenziale der Massen zur Selbstemanzipation, um die Rolle der Partei und des Parteiapparates gegenüber den Massen und den Parteimitgliedern sowie um die Breite von Anschauungen, die in einer revolutionären Partei möglich sein sollte. Luxemburg leugnete nie die Notwendigkeit einer disziplinierten Partei, die sich als Führerin des Proletariats verstand. Zur Diskussion stand jedoch, wie diese notwendige Führungsrolle ausgestaltet werden sollte. Lenin trat ausgehend von den russischen Erfahrungen für eine zentralisierte Partei ein, die den Bedingungen der Illegalität gewachsen war. Luxemburg hingegen entwickelte ihre Auffassung vor dem Hintergrund der Spielräume, die eine westeuropäische bürgerliche Demokratie bot. Sie akzeptierte den Lenin’schen Kurs für Momente zugespitzter Klassenauseinandersetzungen, lehnte aber die Vorstellung ab, dass dieses Parteimodell universell, unter allen historischen Bedingungen, das Richtige sei. In diesem Zusammenhang ist auch ihre Vorsicht gegenüber organisatorischen Spaltungen zu sehen. Sie sah ihren Platz dort, wo die Massen waren, und die waren in den großen und von den Opportunisten dominierten Parteien. Revolutionäre Ideen müssen sich deshalb gerade in Konfrontation mit den Opportunisten bei den Massen durchsetzen. Den Raum dafür sah sie innerhalb der Partei, nicht in der Konfrontation verschiedener sozialdemokratischer Parteien. Daher verblieb sie auch nach dem Versagen der SPD 1914 in der Partei und vollzog den vollständigen organisatorischen Bruch erst Ende 1918, als der Raum für Auseinandersetzung nicht mehr vorhanden war.

Das Marx’sche Erbe

Zweitens bezogen sich die Differenzen auf ihr jeweiliges Verständnis des Marx’schen Erbes (vgl. Dellheim in diesem Heft). Lenin bezeichnete Luxemburg 1920 (334) noch als Vertreterin eines »unverfälschten Marxismus«. Beide lehnten die »Orthodoxie« der Zweiten Internationale ab, standen aber trotzdem für unterschiedliche Lesarten. Luxemburg sah stärker als Lenin das Unfertige und Entwicklungsbedürftige in den Marx’schen Ansätzen. Lenin betonte das Harmonische der Marx’schen Auffassungen, weshalb ihm die Kritik Luxemburgs in deren Schrift »Die Akkumulation des Kapitals« (1913) als ungeheuerlich erschien.

Revolution

Drittens vertraten Lenin und Luxemburg verschiedene Positionen zum Zusammenhang von Strategie und Taktik im revolutionären Handeln. Zugespitzt zeigte sich dies in ihrer Kritik der Russischen Revolution. Luxemburg war nie gegen die Revolution, gegen eine Rätemacht oder gegen die Diktatur des Proletariats. Sie wandte sich lediglich gegen ganz konkrete Entscheidungen und Maßnahmen der Bolschewiki, in denen sie die Gefahr sah, proletarische Politik zu diskreditieren. Vordergründig ging es um die Art und Weise, mit Macht umzugehen. Lenin ordnete die taktischen Entscheidungen bedingungslos einer Strategie der Machtergreifung unter. Er sah die Bolschewiki bzw. seine Fraktion unter den Bolschewiki als die legitimen Repräsentanten des Proletariats an und ging entsprechend davon aus, dass die bolschewistische Macht mit der Diktatur des Proletariats zusammenfällt. Eine Konsequenz dieser Sichtweise war, dass sich diese Diktatur auch gegen das Proletariat selbst wenden konnte. Luxemburg war sich bewusst, dass die Klassenkräfte in revolutionären Prozessen nicht immer konsistent sind, durchaus schwanken können. Aber eine dauernde Diktatur der Partei oder gar des Parteiapparates gegen die Massen lehnte sie als die Idee des Sozialismus unterminierend ab.

Revolution anders denken…

Luxemburg fordert uns mit ihrer Lenin-Kritik auf, den Blickwinkel zu verändern, weg von der Faszination des Ereignisses »Revolution« und des augenblicklichen Sieges hin zu der Einordnung der Ereignisse in den Prozess der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse. Es ging um eine Kritik und eine Selbstkritik globaler sozialdemokratischer Politiken der damaligen Zeit. Drei Blickrichtungen spielten dabei für sie eine Rolle:

»1. In die Vergangenheit, um die Frage nach dem Warum zu beantworten.
2. Nach der russischen Revolution, um ihre Lehren zu sichten.
3. In die Zukunft, um die durch den Krieg geschaffene neue Situation u. die aus ihr sich ergebenden Aussichten u. Aufgaben des Sozialismus zu schauen.« (Luxemburg 1918a, 1092)

Im Zentrum stand jeweils das Versagen des deutschen Proletariats und die Rolle Karl Kautskys als Symbol der Zweiten Internationale. Ihre Kritik an Lenin und Trotzki war immer auch eine Kritik am Zustand der internationalen Sozialdemokratie. Sie sah das Problem nicht in der Stärke des Gegners, sondern »im Proletariat selbst, in seiner Unreife, vielmehr in der Unreife seiner Führer, der sozialistischen Parteien« (Luxemburg 1918b, 373). Entsprechend kam sie zu folgender Bewertung des Handelns der Bolschewiki:

»Der Bolschewismus ist das Stichwort für den praktischen revolutionären Sozialismus, für alle Bestrebungen der Arbeiterklasse zur Machteroberung geworden. In diesem Aufreißen des sozialen Abgrunds im Schoße der bürgerlichen Gesellschaft, in dieser internationalen Vertiefung und Zuspitzung des Klassengegensatzes liegt das geschichtliche Verdienst des Bolschewismus, und in diesem Werk – immer in großen historischen Zusammenhängen – verschwinden wesenlos alle besonderen Fehler und Irrtümer des Bolschewismus.« (Ebd., 371)

Es ist diese Dialektik von Versagen (des internationalen Proletariats) und Verdienst der »Zuspitzung« (durch die Bolschewiki), die ab Januar 1918 bestimmend war für Luxemburgs analytische Arbeiten. Im September schrieb sie: »Jede sozialistische Partei, die heute in Russland an die Macht gelangt, muß eine falsche Taktik verfolgen, solange sie als ein Teil der internationalen proletarischen Armee vom Gros der Armee im Stich gelassen wird.« (Luxemburg 1918c, 391) Damit warf sie die Frage auf, wie sich denn das »Gros der Armee«, also die internationale Arbeiterklasse, gewinnen lasse, und gab ihre Zweifel kund, dass dieses Ziel auf dem von Lenin und Trotzki gewählten Weg zu erreichen sei.

Lenin wiederum hatte sich diese Frage nicht mit Konsequenz gestellt. Er hoffte darauf, dass die sich zuspitzenden Widersprüche und die fleißige Agitation der Partei die Massen dem Bolschewismus zutreiben. Damit lag er nicht völlig falsch, aber nachhaltige Wirkungen waren so nicht zu erreichen.

… und machen

Zwei Punkte lassen sich herausstellen, um die Probleme des unterschiedlichen Herangehens von Luxemburg und Lenin an die Kritik revolutionären Handelns deutlich zu machen. Der erste betrifft das Verhältnis von Allgemeinem und Besonderem.

»Das Gefährliche beginnt dort, wo sie [die Bolschewiki] aus der Not die Tugend machen, ihre von diesen fatalen Bedingungen aufgezwungene Taktik […] theoretisch in allen Stücken fixieren und dem internationalen [Proletariat] als das Muster der sozialistischen Taktik zur Nachahmung empfehlen wollen.« (Luxemburg 1918d, 364)

In der Praxis des Momentes gefangen, musste Lenin diese Kritik Luxemburgs als Angriff deuten. Zum einen verstand er (wie übrigens auch die Mehrheit der Leser*innen) sie schlichtweg nicht. Er folgte anderen Prinzipien der Erkenntnis. Angesichts ihrer Isoliertheit nahm er das Werden der Sowjetmacht aus dem revolutionären Prozess heraus und machte es – auch wenn er verschiedentlich das Gegenteil sagte – zur Determinante des Allgemeinen, also die Macht der Bolschewiki zum Kriterium für die Befreiung der Arbeiterklasse.

Die Dinge entwickelten sich in der von Luxemburg befürchteten Weise. Schon im März 1919 wurden die »Richtlinien der Kommunistischen Internationale« angenommen, in denen sich keine Spur der differenzierten Luxemburg’schen Überlegungen findet (vgl. Hedeler/Vatlin 2008, 202ff). Auf dem Gründungsparteitag der KPD hatte sie – ausgehend von den spezifischen deutschen Bedingungen – noch eine andere Diktatur des Proletariats und eine andere Schwerpunktsetzung der Kämpfe skizziert. Ihr Argument war, dass die erste Periode der Revolution »eine noch ausschließlich politische Revolution war; und darin liegt das Unzulängliche, das Halbe und Bewußtlose dieser Revolution« (Luxemburg 1918/19, 501). Sie stellte die Rolle der Räte in ihrer ursprünglichen Funktion als Selbstorganisation der Massen in den Vordergrund – zu einem Zeitpunkt, zu dem diese in Sowjetrussland schon in Organe der Partei verwandelt worden waren. Ihr zufolge waren die Arbeiter- und Soldatenräte zu stärken, nicht als Instanzen einer Partei, sondern als Orte des Lernens der Massen (vgl. Pieschke in diesem Heft). Auch hinsichtlich der Kampfformen setzte Luxemburg andere Schwerpunkte:

»Der Sozialismus wird nicht gemacht und kann nicht gemacht werden durch Dekrete, auch nicht von einer noch so ausgezeichneten sozialistischen Regierung. Der Sozialismus muss durch die Massen, durch jeden Proletarier gemacht werden. Dort, wo sie an die Kette des Kapitals geschmiedet sind, dort muss die Kette zerbrochen werden. Nur das ist Sozialismus, nur so kann Sozialismus gemacht werden. Und wie ist die äußere Form des Kampfes um den Sozialismus? Es ist der Streik […].« (Ebd., 502)

Den notwendig demokratischen Charakter der Revolution betonend, argumentierte Luxemburg, dass die Nationalversammlung einerseits ein »gegenrevolutionäres Bollwerk« sei, aber eben auch ein Instrument, um die »geistige Revolutionierung der Massen zu vertiefen« (ebd., 483).

Ein zweiter Punkt in der unterschiedlichen Beurteilung revolutionären Handelns durch Luxemburg und Lenin betrifft die Anforderungen an die Zeit »davor«, die Frage vorbereitender Politiken. Dies ist der wahrscheinlich aktuellste Punkt dieser Kontroversen. Indem Luxemburg das Allgemeine der Revolution letztlich auf ein einziges Kriterium, auf den Emanzipationsanspruch und die Selbstorganisation des Proletariats, zurückführte, formulierte sie Anforderungen an linke Parteien für die Zeit »vor der Revolution«. Auch hier griff sie Gedanken aus ihren Auseinandersetzungen mit den Spitzen der SPD (und der Gewerkschaften) vor 1914 auf der einen und Lenin auf der anderen Seite auf. Revolutionen finden immer im »falschen« Moment statt – wie kann dieser »falsche« Moment in einen »richtigen« verwandelt werden?

Lenin dagegen setzte ab 1918 auf folgenden Dreiklang: Terror gegenüber Kapitalisten und Großbauern; Erziehung, Bildung und gelegentlicher Terror gegenüber den werktätigen Massen und schließlich gelegentlicher Terror und Bestechung gegenüber Intellektuellen und Mittelbauern. Der permanente Bürgerkrieg war die Bewegungsform dieser Politik. Das von Luxemburg skizzierte Verhältnis von politischem und ökonomischem Kampf setzte hingegen voraus, was sie vor und während der Revolution immer wieder forderte: in heutigen Worten eine »lernende Organisation«.

Nimmt Luxemburg ihre Kritik zurück?

Der Mitstreiter Luxemburgs Adolf Warski, auf den sich später vielfach bezogen wurde, verkannte das Wesen der Luxemburg’schen Kritik, als er behauptete, das Manuskript »Zur russischen Revolution« sei ein »Fragment eines überwundenen Geistesringens der Verfasserin« (Warski 1922, 8) gewesen. Betrachtet man das Manuskript zu diesem Text und ihre Reden auf dem Gründungsparteitag der KPD gemeinsam, zeigt sich, dass die Kritik der Revolution für sie ein Werkzeug zur Schärfung der eigenen revolutionstheoretischen und praktischen Vorstellungen war. Das betrifft die Gewerkschaftspolitik, die Rolle der Räte und der Nationalversammlung, das Verhältnis von politischem und ökonomischem Kampf, das Verhältnis von Massen und Partei sowie den Charakter der Partei selbst. In allen diesen Punkten standen Luxemburg und ihre Gruppe im Gegensatz zu den Auffassungen der Mehrheit der sich gerade konstituierenden KPD, die sich wiederum von den Bolschewiki inspiriert sah.

Unmittelbar vor ihrem Tod schrieb sie: »Die Massen sind das Entscheidende, sie sind der Fels, auf dem der Endsieg der Revolution errichtet wird.« (Luxemburg 1919, 536) Sie veränderte ihre Kritik an dem Versuch Lenins, die von den russischen Bedingungen bestimmte Praxis der Ersetzung der Massendurch eine Parteiaktion als das Allgemeine herauszustellen, bis zum Schluss in keiner Weise. Jeder Versuch, die revolutionäre Aktion aus einer tatsächlichen Minderheitenaktion mit List in eine Massenbewegung umzuinterpretieren, blieb ihr fremd: »[…] es gibt nichts, was der Revolution so schädlich ist als Illusionen, es gibt nichts, was ihr so nützlich ist wie die klare offene Wahrheit« (Luxemburg 1918/19, 499).

 

Literatur

  • Hedeler, Wladislaw/Vatlin, Alexander, 2008: Die Weltpartei aus Moskau: Der Gründungskongress der Kommunistischen Internationale 1919. Protokoll und neue Dokumente, Berlin
  • Lenin, W. I., 1920: Geschichtliches zur Frage der Diktatur, in: Lenin Werke 31, Berlin
  • Ders., 1922: Notizen eines Publizisten, in: Lenin Werke 33, Berlin, 188–196
  • Levi, Paul, 1921: An Clara Zetkin, in: Beradt, Charlotte (Hg.), Paul Levi: Zwischen Spartakus und Sozialdemokratie; Schriften, Reden und Briefe, Frankfurt a.M., 136–138
  • Luxemburg, Rosa, 1918a: Handschriftliche Fragmente zur Geschichte der Internationalen, der deutschen Sozialdemokratie, zu Krieg, Revolution und Nachkriegsperspektiven, in: GW 7.2, Berlin, 1088–1114
  • Dies., 1918b: Fragment über Krieg, nationale Frage und Revolution, in: GW 4, Berlin, 366–373
  • Dies., 1918c: Die russische Tragödie, in: GW 4, Berlin, 385–392
  • Dies., 1918d: Zur russischen Revolution, in: GW 4, Berlin, 332–365
  • Dies., 1918/19: Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands vom 30. Dezember 1918 bis 1. Januar 1919 in Berlin, in: GW 4, Berlin, 479–511
  • Dies., 1919: Die Ordnung herrscht in Berlin, in: GW 4, Berlin, 533–538
  • Schütrumpf, Jörn, 2006: Rosa Luxemburg, die Bolschewiki und »gewisse Fragen«, in: Utopie kreativ 193, 995–1002
  • Warski, Adolf, 1922: Rosa Luxemburgs Stellung zu den taktischen Problemen der Revolution, Hamburg