| Wer das Feld bestellt

Mai 2018  Druckansicht    Druckansicht
Gespräch mit Katharina Varelmann

Wie Wanderarbeiter*Innen um ihre Rechte kämpfen

Die deutsche Landwirtschaft ist auf Wanderarbeiter*innen aus dem Ausland angewiesen. Jährlich kommen rund 314.000 Menschen nach Deutschland, um Spargel zu stechen oder Erdbeeren und Gemüse zu ernten. In der Landwirtschaft und im Gartenbau stellen sie rund 60 Prozent der Beschäftigten. Ihre Arbeit ist »flexibel und unsicher«: ein kurzer Aufenthalt ohne eine Integration in die sozialen Sicherungssysteme. Das macht auch die gewerkschaftliche Organisierung so schwierig. Hier setzt die 2016 gegründete »Initiative Faire Landarbeit« an.

Auch heute fällt in der deutschen Landwirtschaft ein hohes Maß an einfacher Handarbeit an. Was bis in die 1960er Jahre von Frauen, Studierenden oder Erwerbslosen, die sich etwas »dazuverdienen« wollten, erledigt wurde, übernehmen heute zum großen Teil Migrant*innen. Warum ist das so?

Dass Migrant*innen in der Landwirtschaft arbeiten, hat jahrhundertealte Tradition. Schon seit den 1860er Jahren wurden fehlende Hände durch Wanderarbeitskräfte ausgeglichen.

Heute sind die Rahmenbedingungen andere. Der Lebensmittelmarkt ist hart umkämpft und es herrscht ein gnadenloser Preisdruck. Insbesondere bei der Ernte
von Obst und Gemüse ist die menschliche Arbeitskraft ein wesentlicher Kostenfaktor. Durch die Vergrößerung und Spezialisierung der Betriebe werden in sehr kurzen Zeiträumen sehr viele Hände für einfache Tätigkeiten gebraucht. Genau hier wird versucht, die Lohnkosten zu drücken oder automatisierte Verfahren einzusetzen. Dass diese Arbeit auch heute fast ausschließlich Migrant*innen erledigen, hängt mit dem Lohn- und Wohlstandsgefälle in Europa zusammen und mit einer räumlichen Verschiebung von sozialen Problemen. Das zeigt vereinfacht das Beispiel Rumänien: Agrarkonzerne eignen sich dort Flächen für die industrielle Exportproduktion an. Die kleinen Betriebe können dem Preisdruck nicht standhalten. Damit verschwinden Perspektiven im ländlichen Raum und die Menschen suchen Verdienstmöglichkeiten in anderen Ländern.

Wer sind denn die Erntehelfer*innen und warum gehen sie nach Deutschland? Sind die Gründe vor allem Armut und Perspektivlosigkeit oder gibt es auch andere Motive?

Traditionell kommt ein Großteil der landwirtschaftlichen Saisonarbeitskräfte aus Polen. Hier gibt es Betriebe mit guten, fast schon familiären Beziehungen zur Belegschaft. Seit der Öffnung des Arbeitsmarktes 2014 stellen Menschen aus Rumänien und Bulgarien die zweitgrößte Gruppe der Beschäftigten. Außerdem kommen viele Arbeiter*innen aus Serbien, Kroatien und seit Kurzem auch aus der Ukraine. Das sind aber nicht nur arme oder mittellose Menschen. Einige nehmen sich Urlaub, um in kurzer Zeit oft ein Vielfaches ihres regulären Einkommes zu verdienen. Es gibt auch junge Menschen, die sich damit ihr Studium finanzieren. Viele finden eine kurzfristige Beschäftigung attraktiv. Die Anwerbung erfolgt oft über Mundpropaganda, über Verwandte und Bekannte. Es gibt auch (häufig illegale) Vermittlungsagenturen, die mitunter hohe Gebühren fordern und ein Rundum-sorglos-Paket versprechen: »Du musst dich um nichts kümmern, wir holen dich ab und die Verträge warten auf dich.« Diese Agenturen haben ein gutes Netzwerk und können unliebsame Beschäftigte einfach austauschen. Mitunter werden auch die Pässe einbehalten, um zu verhindern, dass die Menschen ihren Arbeitsplatz verlassen.

Wie genau sehen die Arbeitsbedingungen auf den Feldern aus? Wie ist das System Saisonarbeit organisiert?


Für eine kurzzeitige Beschäftigung in der Landwirtschaft (unter 70 Tagen) fallen keine Sozialabgaben an. Darum wird diese Form am häufigsten genutzt. Ein Grundproblem sind die sehr langen Arbeitszeiten, zum Teil sieben Tage die Woche und 10 bis 14 Stunden am Tag. Unbezahlte Überstunden und die hohe körperliche Belastung kommen noch hinzu.

Mit der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns hätte es vielerorts zu einer Verdopplung des Stundenlohns kommen müssen. Das hat die Betriebe erfinderisch gemacht, zum Beispiel bei der Anwendung von Akkordlöhnen. Die sind eigentlich nur erlaubt, wenn pro Stunde der Mindestlohn erreicht wird. Häufig werden die Stückzahlen digital erfasst und automatisch in Zeiteinheiten umgerechnet. Zufällig kommt dann immer der Mindeststundenlohn heraus. Dass die Beschäftigten für diese Menge tatsächlich viel länger gebraucht haben, können sie schwer nachweisen. Häufig gibt es weder Arbeitsverträge noch eine klare Dokumentation der Arbeitszeiten. Zudem werden den Beschäftigten häufig unverhältnismäßig hohe Summen für Essen und eine (zum Teil miserable) Unterbringung abgezogen. Selbst die Schutzkleidung oder Arbeitsmaterialien wie Spargelmesser müssen sie vielerorts rechtswidrig selbst bezahlen. Dass wir diese dreisten Formen der Ausbeutung immer wieder antreffen, legt eine ausgeklügelte Systematik des Lohndumpings nahe.

Warum ist es für migrantische Saisonkräfte so schwierig, sich dagegen zu wehren?


Die Betriebe üben enormen Druck aus. Wenn Erntehelfer*innen die Leistung nicht schaffen, können sie von heute auf morgen gekündigt werden. Diese wiederum sind an stabilen Verhältnissen interessiert. Sie wollen in kurzer Zeit so viel wie möglich verdienen und auch im nächsten Jahr wiederkommen. Viele sind nur unzureichend über ihre Rechte in Deutschland informiert. Oft werden die Löhne auch erst am Tag der Abreise ausgezahlt. Viele merken dann erst im Bus nach Hause, dass sie nicht genug bekommen haben, und können nachträglich kaum dagegen vorgehen. Zugleich haben wir den Eindruck, dass sich das System von Vorarbeiter*innen und Vermittler*innen immer weiter professionalisiert. Viele Beschäftigte weigern sich, mit uns zu sprechen, und nehmen unsere Flyer nur heimlich an. Oft scheinen sie »vorgewarnt« zu sein. Das zeigt aber auch, dass die Arbeitgeber*innen in uns eine Bedrohung sehen.

Was sind Strategien, um die Beschäftigten zu stärken, und wo genau setzt eure Initiative Faire Landwirtschaft an?


Das DGB-Projekte »Faire Mobilität« und der Europäische Verein für Wanderarbeiterfragen (EVW) bieten schon länger eine arbeitsrechtliche Beratung für mobile Beschäftigte an. Lange kamen aber kaum Menschen aus der Landwirtschaft. Die logische Konsequenz war: Wir müssen die Beschäftigten dort aufsuchen, wo sie leben und arbeiten, also auf den Feldern und in den Unterkünften. Dazu war es wichtig, unterschiedliche Akteure zusammenzubringen: neben den Beratungsstellen auch das PECO-Institut, die Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt und das Bündnis gegen Menschenhandel. Wir wollen die Isolation der Saisonarbeiter*innen aufbrechen, ihnen Informationen und Beratung zugänglich machen und sie ermutigen, sich nicht alles gefallen zu lassen.

Dafür erstellen wir Informationsmaterialien in mehreren Sprachen. Wir bemühen uns, einfache Instrumente zu verbreiten, die handlungsfähig machen und die Organisierung unterstützen, zum Beispiel Arbeitszeitkalender. Wir sprechen mit den Beschäftigten über ihre Rechte, möglichst in der eigenen Muttersprache. In den Beratungsstellen arbeiten viele engagierte Menschen mit Migrationserfahrung und den nötigen Sprachkenntnissen. Durch den persönlichen Kontakt wird Vertrauen aufgebaut – mit Erfolg. In den Regionen, wo wir immer wieder auftauchen, steigt auch die Zahl derjenigen, die sich beraten lassen. Ganz wichtig ist der Kontakt zu den Communities der Migrant*innen, auch über soziale Medien.

Wir haben auf diesem Weg einiges erreichen können. Manche Migrant*innen beenden das Arbeitsverhältnis nach wenigen Tagen und sagen vor dem Zoll aus, wie ihr Betrieb die Mindestlöhne umgeht. Mehrfach konnten wir die Zahlung ausstehender Löhne durchsetzen, indem wir mit der Presse gedroht haben. Zwei polnische Erntehelfer, die auf einem Weingut in Hessen gearbeitet haben und nicht bezahlt wurden, konnten im letzten Jahr vor Gericht ihren Jahreslohn erstreiten. Das sind Erfolge, die Mut machen.

Was müsste denn passieren, um die Bedingungen strukturell zu verbessern? Und wie ließe sich das Thema noch besser verankern, etwa in den Debatten um gute Ernährung?

Ein wichtiges Ziel ist der Ausbau von Beratungsstrukturen, auch in den Entsendeländern. Dafür arbeiten wir mit Agrargewerkschaften, Behörden und Initiativen aus Polen, Bulgarien und Rumänien zusammen. In einer europäischen Partnerschaft entwickeln wir eine App zu den Rechten von Saisonarbeitskräften. Sehr sinnvoll wäre es, wenn Gewerkschaften eine angepasste Form der Mitgliedschaft für Saisonkräfte entwickeln würden, die zum Beispiel auf Ortswechsel eingestellt ist.

Dieses Jahr wollen wir mit unseren Informationstouren mehr Menschen erreichen. Dafür versuchen wir, die Initiative Faire Landarbeit um neue Akteure wie etwa lokale Aktionsgruppen, NGOs, Kirche und Vereine zu erweitern. Sehr wichtig ist uns, die Frage der Arbeitsbedingungen auch in die Diskussionen um Ernährungssouveränität einzubringen, etwa durch unsere Mitarbeit im Nyéléni-Bündnis. Dieses Jahr haben wir gezielt für Auszubildende im Ökolandbau Seminare zu den Themen Arbeitsrecht und Gewerkschaften durchgeführt.

Wir sind zudem der Meinung, dass Schutzinstrumente für Arbeitnehmer*innen auch Teil der gemeinsamen Agrarpolitik auf europäischer Ebene sein müssen, etwa durch die Integration von Regelungen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz. Ich würde mir wünschen, dass alle Menschen, die in der Lebensmittelproduktion arbeiten, für ihre Arbeitsrechte und das Recht auf ein gutes Leben kollektiv einstehen. Das passiert in dieser Branche viel zu wenig.

Das Gespräch führte Hannah Schurian.