| Was ist dran an McAlevey? Zur Debatte um »Deep Organizing« in Deutschland

September 2019
Von Christoph Wälz

In die Debatte um Organizing ist hierzulande neuer Schwung gekommen. Auf der Streikkonferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Februar 2019 stellte die US-amerikanische Organizerin Jane McAlevey das Konzept des Deep Organizing vor, zeitgleich mit der deutschen Übersetzung ihres Buches »Keine halben Sachen«. McAlevey hat im Anschluss eine Reihe von Workshops in Deutschland durchgeführt, an denen mehrere hundert haupt- und ehrenamtliche Gewerkschafter*innen teilgenommen haben und damit lebhafte Diskussionen in den deutschen Gewerkschaften provoziert. Ihr Konzept und ihre Methoden stoßen auf großes Interesse und werden zum Teil begeistert aufgenommen. Ein von der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit McAlevey organisiertes globales Online-Seminar »Wie wir lernen, Kämpfe zu gewinnen« bietet die Chance, Methoden des Klassenkampfes hunderten (nicht nur gewerkschaftlichen) Aktiven näher zu bringen.[i]

Dennoch gibt es nach wie vor viel Skepsis. Wird hier nicht nur die sprichwörtliche »neue Sau durchs Dorf getrieben«? Manche empfinden es so, als würde ihnen ein Allheilmittel für die Probleme der deutschen Gewerkschaften präsentiert. Als hätten wir hierzulande bisher überhaupt nichts zustande bekommen. Deshalb wird immer wieder die Frage gestellt: Was ist denn nun eigentlich das Neue an dem Konzept? Machen wir – gewerkschaftlich Aktive –  das nicht sowieso schon in der einen oder anderen Form?

Alter Wein in neuen Schläuchen?

Das Entscheidende am Deep Organizing ist tatsächlich gar nicht neu. McAlevey wurde von Organizer*innen ausgebildet, die das Erbe des kämpferischen US-amerikanischen Dachverbands Congress for Industrial Organisations (CIO) bewahrt hatten. Dieser setzte in den 1930er und 40er Jahren auf das Identifizieren von »organischen Führungspersonen« (organic leaders) in den Belegschaften und damit auf die vollständige Erschließung eines Betriebes, um »echte« Streiks unter Beteiligung möglichst aller Arbeiter*innen führen zu können. Das Leben der Beschäftigten außerhalb des Betriebs wurde einbezogen, um in Familie und Community zusätzliche Unterstützung zu gewinnen (whole worker organizing). Diese Methoden, die vielfach von Sozialist*innen getragen wurden, gingen im Kalten Krieg verloren, werden aber seit einigen Jahren von Teilen der US-Gewerkschaften wiederentdeckt. Einer der ersten großen Erfolge ist die Streikwelle der US-Lehrkräfte seit 2017/18 (Vgl. Blanc 2019).

Das Konzept ist nichts, was der deutschen Arbeiter*innenbewegung vollkommen fremd wäre. Als sie entstand, gab es noch keine Koalitionsfreiheit in Deutschland. »Sozialistische Umtriebe« wurden unterdrückt. Es würde sich lohnen, die Massenstreiks unter diesen Bedingungen – wie den viermonatigen Streik der Buchdrucker 1873, den Streik nahezu aller Bergarbeiter im Ruhrgebiet 1889 oder den Hamburger Hafenarbeiterstreik 1896/97 (Vgl. DGB 2019) – mit den Erfahrungen zu vergleichen, die McAlevey auswertet. Ich vermute, dass wir hier einige Parallelen ausmachen würden. Auch die Praxis systematischer Massenorganisierung war der Arbeiter*innenbewegung im Kaiserreich bekannt. Ein interessantes Beispiel dafür ist der Artikel »Gewinnung und Schulung der Frau für die politische Betätigung«, den die Sozialistin Luise Zietz 1914 verfasste (Zietz 1914).

Seit etwa einem Jahrzehnt wird hierzulande auch wieder verstärkt über beteiligungs- und konfliktorientierte Methoden diskutiert (Vgl. Wälz 2019). An vielen Orten werden schon seit Jahren Organizing-Konzepte erfolgreich eingesetzt. Die Diskussion um McAlevey knüpft an diese Debatten und Erfahrungen an und treibt sie weiter.

Dabei wirft das Deep Organizing Licht auf zwei große Schwächen der deutschen Gewerkschaften, die trotz aller Erneuerungsbemühungen bisher nicht überwunden werden konnten:

– Wir führen unsere Kämpfe (in der Regel) mit einer Minderheit der Kolleg*innen und geben uns viel zu oft auch damit zufrieden

– Wir arbeiten hauptsächlich mit den bereits überzeugten Aktiven (self selected activists) und kämpfen viel zu wenig um diejenigen, die tatsächlich Mehrheiten eines Betriebs hinter unsere Forderungen bringen könnten (organic leaders).

Die Identifizierung von betrieblichen »Schlüsselaktiven« gehört zwar längst zum Repertoire der Hauptamtlichen. Es lohnt sich jedoch, McAleveys Ausführungen zu organic leaders zu lesen und die eigene Praxis zu hinterfragen: Gewinne ich tatsächlich bereits die organic leaders oder sind meine »Schlüsselaktiven« letztlich doch die aufopferungsvollsten und überzeugtesten self selected activists? Auch diese brauchen wir für die Gewerkschaftsbewegung. Mit ihnen alleine organisieren wir jedoch zu selten Mehrheiten. Die eigene Praxis in Frage zu stellen, heißt nicht, dass wir alles falsch gemacht haben, sondern dass wir vielleicht besser werden können.

Passend für deutsche Verhältnisse?

Eine Überwindung der genannten Schwächen erfordert – unabhängig von McAlevey – einen in Breite und Tiefe erheblichen Mentalitätswandel für Haupt- und Ehrenamtliche in den deutschen Gewerkschaften. McAlevey bietet Erfahrungen und Ansätze an, die uns helfen können, diese Herausforderung zu bewältigen.

Große Skepsis wäre angebracht, würde das Konzept quasi-religiös als Erlösungs- und Heilslehre daherkommen. Das Gegenteil ist aber der Fall: Das Konzept wurde in Kämpfen entwickelt. In ihrem Buch analysiert McAlevey Arbeitskämpfe der letzten Jahre, die auf Deep Organizing gesetzt und weitreichende Erfolge erzielt haben.

Wie die konkrete Anwendung unter den ganz anderen deutschen Bedingungen aussehen kann, muss in Kämpfen erprobt werden. McAlevey serviert uns keine fertige Adaption. Wir selber müssen probieren, was für uns passt.

Beeindruckend ist, was seit Februar 2019 in dieser Hinsicht bereits in Deutschland geleistet wurde. So wurde in mehreren Fällen (Universitätsmedizin Rostock Logistik GmbH, Universitätsmedizin Mainz, Ryanair, Uniklinik Jena, Uniklinik Halle, Werner-Forßmann-Krankenhaus Eberswalde, Flughafen Köln-Bonn, Asklepios Kliniken Seesen,…) systematisch getestet, wie hoch die Bereitschaft der Beschäftigten ist, sich zu den gemeinsamen Forderungen zu bekennen und sich für sie einzusetzen (structure tests). In vielen Fällen wurde dabei dem Arbeitsgeber ein von der Mehrheit der Belegschaft unterzeichneter Brief mit den wichtigsten Forderungen übergeben. Mit diesem Mittel der »Mehrheitspetition« soll die Kampfbereitschaft der Belegschaft demonstriert und das Selbstbewusstsein der Beschäftigten gestärkt werden. Teilweise konnten so – auch ohne zu streiken – große Zugeständnisse erkämpft werden.

Einige Hauptamtliche versuchen derzeit, Tarifverhandlungen auch für eine große Zahl an betroffenen Kolleg*innen zu öffnen. Mit diesem demokratischen Instrument, das McAlevey seit Jahren sehr erfolgreich einsetzt, werden diejenigen in den Gewerkschaften herausgefordert, die es sich in sozialpartnerschaftlicher Bequemlichkeit eingerichtet haben. Dass kleine Verhandlungskommissionen unter Ausschluss der Öffentlichkeit und strikter Geheimhaltung tagen, wird von keinem deutschen Gesetz vorgeschrieben. Offene Verhandlungen können gegen die Arbeitgeberseite durchgesetzt werden.

Die Kolleg*innen an der Uniklinik des Saarlands sind damit bereits 2018 sehr weit gekommen. Dort tagten Vertreter*innen der Basis zeitgleich zu den Verhandlungen im Nebenraum und stellten eine enge Anbindung der Verhandlungskommission an den Willen der Beschäftigten sicher. Der Druck auf die Gegenseite war so viel stärker und es konnten große Zugeständnisse durchgesetzt werden.

In der GEW Berlin bereiten wir aktuell eine Kampagne zur Entlastung der Pädagog*innen an Berliner Schulen vor. Unsere Landesdelegiertenversammlung hat beschlossen, im kommenden November zu beurteilen, ob in den einzelnen Bezirken die Basis groß genug ist, um eine Organisierungs- und Druckkampagne durchzuführen, wie wir sie in diesem Ausmaß noch nie praktiziert haben. Dazu setzen wir in einem Testlauf das Mittel der Mehrheitspetition ein. Damit wollen wir an ausgewählten Schulen deutliche Mehrheiten gewinnen – für die Forderungen und für die Zusage, sich aktiv für diese einzusetzen. Angestrebt wird zunächst kein Streik, da Entlastung zurzeit nicht über den bundesweiten Tarifvertrag erreicht werden kann. Aber gerade für eine politische Druckkampagne auf Landesebene ist es erforderlich, dass eine deutliche Mehrheit der Betroffenen hinter der Kampagne steht und sie aktiv mitträgt.

Hohe Beteiligung als Hürde?

In der Diskussion um diese GEW-Kampagne wurde – als ein Gegenargument – auf McAlevey verwiesen, die eine super majority mit einer Beteiligung von mindestens 95 Prozent der Kolleg*innen als Voraussetzung für einen Kampf verstehe. Unterhalb dieser Größenordnung fasse sie einen Betrieb gar nicht erst an. Die Botschaft dahinter: »Wir würden die Auseinandersetzung mit der Landesregierung ja gern führen, aber 95 Prozent sind einfach unrealistisch!«

Hier zeigt sich, dass McAlevey nicht dogmatisch aufgefasst werden darf. Wenn sie von einer notwendigen Streikbeteiligung von mindestens 95 Prozent spricht, dann reflektiert dies die konkreten US-amerikanischen Umstände. Ohne (oder mit einem nur rudimentären) Streikrecht ist eine super majority absolute Voraussetzung für einen Streik, um Entlassungen verhindern. Das gilt für Deutschland nicht im selben Maße, auch wenn Maßregelungen und ein Klima der Angst zugenommen haben. In Deutschland ist es in der Regel auch möglich, mit 30 Prozent der Kolleg*innen zu streiken, ohne dass diese danach entlassen werden.

Nichtsdestotrotz können wir von McAlevey lernen, wie sich auch unter widrigen Bedingungen große Mehrheiten für einen Streik organisieren lassen. Wir merken oft, dass wir mit unserer Mobilisierungskraft an enge Grenzen stoßen –  und das in Zeiten des Booms und voller Staatskassen! Wie stellen wir uns denn Arbeitskämpfe vor, wenn die kapitalistische Wirtschaft richtig in die Krise abtaucht, die Schuldenbremse ihre volle Wucht entfaltet und die AfD in Landesregierungen einzieht? Wir müssen jetzt lernen, (wieder) große Mehrheiten für betriebliche Kämpfe (und zwar nicht nur für Tarifkämpfe!) zu gewinnen, um den Herausforderungen der kommenden Jahre gewachsen zu sein.

McAleveys »Mehrheitsstreiks« dazu heranzuziehen, Arbeitskämpfe hierzulande gar nicht erst zu beginnen, widerspricht ihrer Herangehensweise zutiefst. Sie wäre sicher nicht dafür, einen Kampf zu führen, wenn die notwendige Grundlage fehlt, ihn zu gewinnen. Genau deshalb beginnt der Kampf aber immer mit der systematischen Organisierungsarbeit im jeweiligen Betrieb. Denn McAlevey steht für einen »Machtaufbau« (organizing for power), um so stark zu werden, dass wir uns durchsetzen können.

Die bisherigen erfolgreichen Mehrheitspetitionen liegen in Deutschland meist deutlich unter einer Beteiligung von 95 Prozent. An der Universitätsmedizin Mainz unterschrieb mit 3542 Kolleg*innen nur eine knappe Mehrheit. Dennoch war die Gegenseite von diesem Signal der Beschäftigten überwältigt und bot gleich in der ersten Verhandlungsrunde weitreichende Zugeständnisse an. Aber auch Arbeitgeber lernen aus Erfahrungen und werden in Zukunft darauf pochen, dass wir in der Tat beweisen, was hinter den Zahlen, die wir vorbringen, wirklich steckt. Der Machtaufbau muss somit auch nach einer ersten Verhandlung weitergehen.

Leerstelle Bürokratiekritik?

Ein weiterer Kritikpunkt gegenüber McAlevey wird insbesondere von Linken angebracht, die strategisch auf eine Veränderung der Gewerkschaftsstrukturen abzielen. Auf der US-amerikanischen Plattform Labornotes formulierte Mike Parker bereits 2017:

»Es gibt [bei McAlevey] keine Diskussion darüber, wie man den Kampf innerhalb der Gewerkschaften weiterführen kann, um sie zu ändern, damit sie diese Richtlinien [des Deep Organizing] übernehmen […]. Tatsächlich müssen sie [die jetzigen Gewerkschaftsführer*innen] oft ersetzt werden, indem sich ihre Gegner*innen organisieren und ihnen ihre Ämter streitig machen. Das kann genauso schwierig sein wie der Kampf gegen den Chef – und ist genauso notwendig, um die Gewerkschaft in die Lage zu versetzen,den Chef bekämpfen zu können.«

Nun geht McAlevey ausführlich auf das Beispiel der Chicago Teachers‘ Union ein, in der ein Basis-Netzwerk zunächst die Führung herausforderte und ersetzte, um so erst in die Lage zu kommen, den Kampf für die Interessen der Mitglieder organisieren zu können. Auch in anderen Fällen analysiert McAlevey, wie sozialpartnerschaftliche und klassenkämpferische Tendenzen in den Gewerkschaften konkurrieren.

Eine ähnliche Kritik äußert der Sozialist Philip Locker aus Seattle:

»McAlevey betont, dass ‚die ganze Arbeiter*in‘ organisiert werden müsse. Sie erkennt an, dass gewerkschaftliche Kämpfe außerhalb des Arbeitsplatzes ausstrahlen und gleichzeitig auch Kraft von außerhalb schöpfen können. Es ist daher überraschend, dass es bei ihr keine Auseinandersetzung damit gibt, wie Arbeitermacht durch den Aufbau einer politischen Arbeiterbewegung aufgebaut werden kann.«

Diese Einwände mögen berechtigt sein. Dass McAlevey noch keine allgemeine Strategie für die Veränderung der Gewerkschaften ausarbeitet, bedeutet jedoch nicht, dass diese Tendenz in ihrem Konzept nicht angelegt wäre. Denn mit dem Klassenkampf ist es wie mit der Bildung: Fängt man damit an, begibt man sich in einen nicht genau planbaren, emanzipativen Prozess, in dem die Subjekte selbst die Mittel und Ziele ihres Handelns neu bestimmen. Dabei kann etwas ganz anderes  herauskommen, als es von denen intendiert war, die diesen Prozess angestoßen haben. Sie können ihn nicht mehr kontrollieren. Es gibt also gerade für diejenigen, denen McAlevey »nicht weit genug« geht oder die bislang noch nicht alle Fragen beantwortet sehen, gute Gründe, sich in die Debatten der Global Lectures einzubringen. Die Streikkonferenzen werfen seit 2013 die Frage auf, wie eine längerfristig tragende linke Strömung in den Gewerkschaften zustande kommen kann. Mit der Lernbewegung und Vernetzung um das Deep Organizing herum entsteht nun etwas Hoffnungsvolles in dieser Richtung.

Die Global Lecture findet an vier Sitzungen am 29. Oktober und am 12., 19. und 26. November statt. Informationen und Anmeldung auf  www.rosalux.de/organizing_for_power

 

Literatur

Eric Blanc: Red State Revolt. Verso: London / New York, 2019.

Deutscher Gewerkschaftsbund: Infografiken: Streiks und Arbeitskämpfe von 1848 bis heute, 16.07.2019. (online: www.dgb.de/uber-uns/bewegte-zeiten/geschichte-des-dgb/gewerkschaftsgeschichte-in-zahlen/++co++41f779fa-a7ab-11e9-9f88-52540088cada; aufgerufen am 17.08.2019)

Philip Locker: „Echte Streiks“ – In: Lernen im Kampf #2, 05/2019, S. 26-27. (online: lernenimkampf.net/2019/07/05/mehr-als-mobilisieren/; aufgerufen am 17.08.2019)

Jane McAlevey: Keine halben Sachen – Machtaufbau durch Organizing. VSA: Hamburg 2019.

Mike Parker: Review: No Shortcuts: Organizing for Power in the New Gilded Age, 19.10.2017. (online: www.labornotes.org/blogs/2017/10/review-no-shortcuts-organizing-power-new-gilded-age; aufgerufen am 17.08.2019)

Christoph Wälz: Beteiligungsorientierte Gewerkschaftsarbeit – Vom Modewort zu realer Veränderung? – In: Lernen im Kampf #1, 02/2019, S. 7-9. (online: lernenimkampf.net/2019/02/19/beteiligungsorientierte-gewerkschaftsarbeit/; aufgerufen am 17.08.2019)

Luise Zietz (1914): Gewinnung und Schulung der Frau für die politische Betätigung. – In: Gisela Brinker-Gabler (Hrsg.): Frauenemanzipation und Sozialdemokratie. Fischer: Frankfurt am Main 1981, S. 164-169.

 

Anmerkungen

[i]                Informationen und Anmeldung auf www.rosalux.de/organizing_for_power