| Warum ich Marxist geblieben bin

Februar 2018  Druckansicht    Druckansicht
Von Bernhelm Booß-Bavnbek

Wir veröffentlichen hier eine leicht gekürzte Fassung des Artikels „Entdeckung des Marxismus 1966/67“, den der Autor vor 30 Jahren in Forum Wissenschaft (4/88) anlässlich des 170. Geburtstags von Karl Marx veröffentlichte.

Entdeckung des Marxismus 1966/67

Als ich im Dezember 1966 von einer Mehrheit des Bonner Studentenparlaments zum Vorsitzenden des ersten linken AStA gewählt wurde, hatte ich nur sehr vage Vorstellungen vom Marxismus. Ich kannte die Karikatur des Marxismus, die im Schulunterricht und in den Bildungsheften des Gesamtdeutschen Ministeriums gezeichnet wurde: These, Antithese, Synthese;    Verelendungstheorie; Basis‑ Überbau: die Determiniertheit von Geschichte, Politik und Weltanschauungen durch die ökonomische Lage, die Produktion. So ganz konnte ich allerdings nicht daran glauben, dass der Marxismus nur aus solchen nichtssagenden, abstrackten, absurden Phrasen (Engels) besteht. Sich vom Gegenteil zu überzeugen war nicht leicht. Nicht einmal das Kommunistische Manifest konnte man kaufen. Es gab eine Ausgabe des Kapitals — ohne Fußnoten, knochentrocken, hochabstrakt. Antiquarisch erwarb ich schließlich Die heilige Familie, eine esoterische und für den Nichtphilosophen vollständig unverständliche Jugendschrift von Marx und Engels.

Nun brauchte man kein Marxist zu sein, um Empörung zu empfinden und sich zu äußern über

  • die Zunahme der Luftangriffe der USA auf Nordvietnam;
  • die stickige politische Luft der 50er und 60er Jahre, die sich in Bonn in der Bildung der großen Koalition verdichtete;
  • das selbstherrliche Herumlaborieren an Hochschulenund Studium durch industrielle, staatliche und professorale Leitungsgremien;

oder um sich zu fragen,

  • was ältere Familienangehörige oder geschätzte Hochschullehrer von 1933 bis 1945 gemacht hatten,
  • oder wieso eigentlich nur so wenige Mitstudenten aus Arbeiter- oder Bauernfamilien kamen.

Es stimmt aber nicht, dass wir damals nur emotional antiimperialistisch, nur gefühlsmäßig antifaschistisch, nur spontan demokratisch waren, wie es heute gelegentlich dargestellt wird. Immerhin gab es schon Studienzirkel des SDS, Publikationen der Abendrothschule, das Argument, die Marxistischen Blätter — und eine bedeutende marxistische Literatur jenseits des Brandenburger Tores, in denen analytische Anstrengungen vorgenommen wurden und die bemüht waren, marxistische Erkenntnisse zu erarbeiten, weiterzuentwickeln und zu verbreiten. Außerhalb des offiziellen Bonner Universitätsbetriebs.

Die Tabuisierung des Marxismus und das Verbot der KPD verletzten unseren Gerechtigkeitssinn und unsere intellektuelle Neugierde. Eine der ersten Handlungen des neuen linken AStA war deshalb die Vereinbarung eines wissenschaftlichen Vortragszyklus durch marxistische Referenten mit halbstaatlichen Stellen der DDR und eine Einladung an den Wiederzulassungsausschuß für die KPD. Für mich kam die Härte der inneruniversitären Obrigkeit (Hörsaalverweigerung, Polizeieinsatz und Relegationsdrohungen) und die außeruniversitäre Härte (Strafverfahren wegen Staatsgefährdung und eine unglaubliche Hetze in den Medien) überraschend. Noch überraschender war aber die Entdeckung, dass marxistische Untersuchungen praktisch für alle brennenden Fragen, die damals politisch anstanden, wesentliche und für viele von uns radikal neue Einsichten vermitteln konnten.

War das aber neues Denken?

Das war neu nur für uns bürgerliche Intellektuelle, die unter der ideologischen Käseglocke der Bundesrepublik aufgewachsen waren. In Wirklichkeit verdankten die marxistischen Ansätze damals ihre Anziehungskraft dem Umstand, dass es sich um wissenschaftlich gesicherte und im historischen und globalen Maßstab absolut nicht neue Analysen handelte. Ein Beispiel: Es genügte im Oktober 1967 zu einer Vorlesungsstörung, zu Ermahnungen durch den Dekan, Ausweiskontrolle, Hausverboten und schließlich Abbruch der Lehrveranstaltung, wenn wir von Stunde zu Stunde die flache und verlogene Darstellung der Oktoberrevolution durch einen Bonne Historiker in hektographierten Vorlesungsnachrichten kommentierten und z.B. mit Passagen aus dem Standardwerk des britischen Diplomaten und Historikers Carr konfrontierten.

Ich habe das allerdings nicht als eine Auseinandersetzung zwischen bürgerlicher Wissenschaft und Marxismus aufgefasst, sondern als eine Frage wissenschaftlicher Ehrlichkeit und Anständigkeit, wie sie anderswo, z.B. in Mathematik und Naturwissenschaften auch in der BRD damals schon als selbstverständlich gefordert wurden.

Warum bin ich Marxist geblieben?

Wenn einer den Marxismus damals in der geschilderten Weise als eine Bereicherung des wissenschaftlichen Denkens über Geschichte und Gesellschaft, als notwendige Korrektur und Ergänzung fehlerhafter oder einseitiger und mißweisender Auffassungen erlebt hat, dann ist es eigentlich klar, warum so einer Marxist geblieben ist. Warum von einem Erkenntnisgewinn abrücken? Als Mathematiker rückt man doch auch nicht einfach von erarbeiteten Methoden und Ergebnissen ab, die richtig sind und sich in bestimmten Zusammenhängen als sehr erleuchtend und nützlich erwiesen haben: Für manche Untersuchungen ist z.B. die Topologie weiterhin sehr wichtig, für manche weniger oder gar nicht oder direkt blockierend. Ist es mit dem Marxismus genauso? Ich meine ja.

Engels hat 1877 in einem berühmten Kalenderblatt, dann bei der Grabrede für Marx und später immer wieder in seinen Briefen ganz besonders auf zwei wissenschaftliche Entdeckungen von Karl Marx hingewiesen: Die Aufdeckung des allgemeinen Entwicklungsgesetzes der menschlichen Geschichte, wonach das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens ist; und die Aufdeckung des speziellen Bewegungsgesetzes der heutigen kapitalistischen Produktionsweise, die Entdeckung des Mehrwertes, die die heutige bürgerliche Gesellschaft nicht minder als ihre Vorgängerinnen enthüllt als eine großartige Anstalt zur Ausbeutung der ungeheuren Mehrzahl des Volks durch eine geringe und immer kleiner werdende Minderzahl. Für den Mathematiker und Naturwissenschaftler ist der Marxsche Gesichtspunkt aus der eigenen wissenschaftlichen Arbeit vertraut: Wesentliche Beziehungen in den Mittelpunkt rücken, auch wenn sie so rein und isoliert kaum in der Wirklichkeit anzutreffen sind; sich nicht durch Eigenheiten und Besonderheiten von der Analyse des Wesentlichen abbringen lassen, aber gleichzeitig alle Eigenheiten und Besonderheiten doch im Auge behalten!

Überall im Werk von Marx tritt diese tiefe Verbindung von Wissenschaftlichkeit und Humanismus hervor; die Wissenschaftlichkeit am deutlichsten im Hauptwerk von Marx, dem Kapital, aber bis in jeden kleinsten Artikel und Brief aufblitzend; der Humanismus am deutlichsten im philosophischen Frühwerk und in seinen anthropologischen Altersstudien, aber indirekt — und eben zentral — auch in seinem ökonomischen Hauptwerk. Deshalb bin ich also Marxist geblieben.

Da stimmt doch etwas nicht

Wie kann aber einer eigentlich Marxist bleiben? Da stimmt doch etwas nicht. Auch der Begriff Marxismus muss doch wohl historisch bestimmt werden. Sonst beißt sich die Katze in den Schwanz wie beim Begriff der Menge aller Mengen, die sich nicht selbst enthalten. Ich möchte deshalb zunächst einige Gründe angeben, derentwegen ich nicht Marxist geblieben bin, also einige Nicht-Gründe; und dann möchte ich Unterschiede im Marxismus von 1877, 1913, 1968 und 1988 aus meiner Sicht beleuchten.

  1. Nichtgrund: Wie schön ist der erste Lehrsatz jener eigentümlichen Mischung aus Hegelschem Welt- und Preußengeist und russisch-orthodoxer Frömmigkeit, die von dem Propagandisten Stalin zur massenwirksamen Koexistenz mit dem Marxismus erhoben wurde: Danach gibt der Marxismus(-Leninismus) den Praktikern die Kraft der Orientierung, die Klarheit der Perspektive, die Sicherheit in der Arbeit und den Glauben an den Sieg unserer Sache. Diese Erfahrung habe ich leider nicht machen können. Wie in der Mathematik und den Naturwissenschaften scheint mir auch in den Gesellschaftswissenschaften jeder Fortschritt in der Erkenntnis, so befriedigend er auch unmittelbar sein mag, und vor allem jede neue gesellschaftliche Veränderung eine Vielzahl neuer drängender und ungelöster Fragen aufzuwerfen. Es ist eine Verzerrung des Marxismus, dort die Kraft der Orientierung, die Klarheit der Perspektive etc. weiter zu behaupten, wo diese Sicherheit noch nicht oder nicht mehr vorhanden ist.
  2. Nichtgrund: Ebenso widerstrebt es mir, wenn ich höre, dass wir Marxisten geblieben sind, weil wir uns nicht vom Hauptwiderspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital haben ablenken lassen. Ja, richtig; aber auch verkehrt: Viel zu viele Probleme — wie die Frauenfrage oder die Technikfolgenabschätzung – wurden mit diesem Argument immer wieder zur Nebensache erklärt.
  3. Nichtgrund: Bedeutung des Marxismus für mein Fach, die Mathematik? Ein Blick auf das Programm mathematischer Kongresse, ein Vergleich von Biographien von Mathematikern mit ihrem mathematischen Schaffen zeigt, dass wohl kein Fach so wenig von Weltanschauung, Politik, Ökonomie, Geschlecht und Nationalität geprägt ist wie die Mathematik. Gewiss, der Klassenbegriff kann inspirierend für eine Analyse des Wahrscheinlichkeitsbegriffs unter dem Gesichtspunkt der Massenphänomene sein; die Subjekt-Objekt- Problematik tritt auch in der mathematischen Physik, z.B. im Grundlagenstreit um die Quantenmechanik auf – aber doch in erheblich simplerer Form als in den Gesellschaftswissenschaften; Marx selbst hat einige kleinere hübsche Beiträge zum Begriff der Differentiation und Integration geleistet.

Einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Mathematik oder auf meine eigene Sicht der Mathematik hat das aber nicht gehabt. Da hat man schon mehr vom Marxismus bei der Untersuchung der Mathematikgeschichte, der politischen und ethischen Fragen, die die Anwendung der Mathematik aufwirft, oder bei Fragen der Didaktik. Hier kann man die Referenz zu disjunkten Schulen z.B. von Sozialhistorikern, von Techniktheoretikern oder von Psychologen konstatieren, wobei mir die marxistischen Ansätze oft, aber nicht immer überlegen erscheinen.

Meine Nichtgründe, warum ich Marxist geblieben bin, haben alle etwas mit der tatsächlichen historischen Entwicklung des Marxismus zu tun: mit Verzerrungen ins Religiöse, mit fehlerhaften Verengungen auf den Hauptwiderspruch und mit unangemessenen Ausweitungen des Anwendungsbereichs. Ja, alles das hat es gegeben und zwar im Weltmaßstab; und vieles davon gibt es immer noch hier und da. Wir müssen uns fragen: Wie konnte es zu dieser Selbstverstümmelung des Marxismus kommen? Wie konnte es dazu kommen, dass

  • die Menschlichkeit und Parteilichkeit der Wissenschaftlichkeit und Objektivität entgegengestellt wurden,
  • das Schließen der Augen vor wichtigen Erscheinungen und die Ausblendung wesentlicher Aspekte als Erkenntnisfortschritt gefeiert wurden und umgekehrt
  • der Erkenntnisanspruch des Marxismus ins Absurde ausgeweitet wurde?

Hier liegen ganz gewiss noch große Aufgaben für eine zeitgemäße Geschichte der Arbeiterbewegung, der marxistischen Philosophie.

Ich will hier nur einen Hinweis geben und zwar auf den Briefwechsel von Engels mit Joseph Bloch, Conrad Schmidt und Franz Mehring zwischen 1890 und 1893. Engels macht sich da weidlich über die Gegner lustig, über einen über alle Erwartung flachen Burschen, den man zum Geschichtsprofessor in Leipzig macht, und – anerkennender – über dessen Vorgänger, der auch flach von Hirnkasten war, aber einen sehr ,großen Sinn für Tatsachen hatte, ein ganz anderer Kerl. Was findet er an diesen Gegnern so überaus lächerlich? Dass sie sich von marxistischen Erkenntnissen so bedroht fühlen, dass sie sie so lange verdrehen und verwandeln, bis nur noch eine nichtssagende,abstrackte, absurde Phrase übrig bleibt. Für ihn ist das nicht so sehr ärgerlich, sondern vor allem amüsant und ein klein wenig Anlass zu Stolz. Ganz anders legt Engels sich aber ins Zeug, wenn er mit denen in den eigenen Reihen abrechnet, die vor dem Druck der etablierten Halbwissenschaft ausgerechnet dadurch zurückweichen, dass sie sich heldenmütig z.B. zur Ausgrenzung der materialistischen Geschichtsauffassung vom Wissenschaftsbetrieb bekennen und nur noch agitatorische, journalistische Maßstäbe an ihre theoretischen Arbeiten legen. Dagegen wettert er, fast ohnmächtig und verzweifelt, visionär und aus konkretem Anlaß damals des Vormarschs des Rechtsopportunismus: “Auch die marxistische Geschichtsauffassung hat deren (fataler Freunde) heute eine Menge, denen sie als Vorwand dient, Geschichte nicht zu studieren. Ganz wie Marx von den französischen »Marxisten« der letzten 70er Jahre sagte: “Tout ce que je sais, c’ est que je ne suis pas marxiste,”

Damit wies Engels nach, wie der Marxismus als unwillkommene Ausweitung und Vertiefung des wissenschaftlichen Studiums der menschlichen Gesellschaft zunächst von bürgerlicher Seite verfälscht, als unwissenschaftlich deklariert, also ausgegrenzt wird und wie als Reflex darauf eben diese bürgerliche Karikatur des Marxismus, die Verletzung der Wissenschaftlichkeit, als Parteilichkeit und agitatorische Notwendigkeit innerhalb von Teilen der Arbeiterbewegung direkt gefeiert wird.

Also gute Aussichten für den Marxismus? Nein, wenn man einen schnellen und bequemen Ausgleich der großen gegenwärtigen theoretischen Defizite erwartet und langwierige theoretische Untersuchungen und Darlegungen als lästig und als Aktionshindernis auffasst.Nein, wenn man einen schnellen Beweis für die Engelssche Prophetie sucht, wonach “die den Händen der Bourgeoisie entwachsenen gesellschaftlichen Produktivkräfte nur der Besitzergreifung durch das assoziierte Proletariat harren, um einen Zustand herzustellen, der jedem Gesellschaftsmitglied die Teilnahme nicht nur an der Erzeugung, sondern auch an der Verteilung und Verwaltung der gesellschaftlichen Reichtümer ermöglicht und durch planmäßigen Betrieb der gesamten Produktion die gesellschaftlichen Produktivkräfte und deren Erträge derart steigert, dass die Befriedigung aller rationellen Bedürfnisse einem jeden in stets wachsendem Maße gesichert bleibt.” Wir wissen heute, dass die von Engels angesprochene Assoziierung des Proletariats in der Form einer demokratischen Organisation bewußter, aufgeklärter Individuen ein noch theoretisch und praktisch ungelöstes Problem ist. Ja, für diejenigen Menschen, die es schon genau wissen und nicht wie die Katze um den heißen Brei herumschleichen, dass nämlich die Macht des Kapitals zu brechen ist — dass mehr zu tun ist, als das Kapital nur in die von ihm jeweils akzeptierten Grenzen zurückzudrängen.

Anmerkung

*) Die dem Beitrag zugrunde liegende Sicht des Marxismus wurde gemeinsam mit Gien Pate (EDV-Berater in Hamburg) erarbeitet. Es handelt sich dabei nicht nur um gemeinsame Auffassungen, sondern um das Ergebnis eines langen kontinuierlichen Gesprächsprozesses, der 1966 im AStA der Universität Bonn begann.