| VON SEATTLE NACH KOPENHAGEN

Dezember 2009  Druckansicht

HERAUSFORDERUNGEN DER GLOBALEN SOZIALEN BEWEGUNGEN

Pünktlich zum Jahrestag des WTO-Treffens in Seattle vom 30. November 1999 erhielt die Redaktion ein Manifest von Franco ›Bifo‹ Berardi, italienischer Aktivist und Intellektueller seit den frühen 1970er Jahren: Ten years after Seattle. One strategy, better two, for the movement against war and capitalism.

In Seattle kam es überraschend zu breiten militanten Protesten. Es gelang, Abkommen zu Ungunsten des Globalen Südens zu verhindern und die öko no mischen und ökologischen Folgen der neoliberalen Globalisierung zu skandalisieren. ›Seattle‹ symbolisiert seitdem den kraftvollen Neubeginn der Kämpfe gegen kapitalistische Globalisierung.

Heute bezieht Berardi Stellung gegen diese Erfolgserzählung. Zwar sei ›Seattle‹ eine erfolgreiche Rebellion mit großem Zukunftsversprechen gewesen, dennoch – so Berardi – konnten soziale Bewegungen letztlich gegen neoliberalen Kapitalismus, die Zunahme globaler Kriege und die Ausbreitung von Fundamentalismen nichts ausrichten. Berardis Bestandsaufnahme der Erfolglosigkeit sozialer Bewegungen wie seine Schlussfolgerungen lösten in der Redaktion eine heftige Kontroverse aus: Wollten wir einem solch düsteren Text und mehr noch, wollten wir Schlussfolgerungen Raum geben, mit denen Aktivisten – »Militanten« – und Intellektuellen der Rückzug ins Kloster nahe gelegt wird, um neue Strategien zu ersinnen und genügsames Leben zu erproben? Doch zwingt Berardis Einschätzung zu Reflexion und Analyse. Die Kontroverse verdeutlicht die Notwendigkeit einer Debatte, wie zehn Jahre nach Seattle die globalen sozialen Bewegungen einzuschätzen sind – ihre Niederlagen, Grenzen, verlorenen Hoffnungen genauso wie neue Entwicklungen, Bündnisse und kleinere und größere Fortschritte inmitten katastrophischer Zeiten.

Wir haben Intellektuelle und Aktivistinnen und Aktivisten aus verschiedenen Bewegungen und Regionen der Welt gebeten, ausgehend oder unabhängig von Berardis Analyse ihre Perspektiven auf Kämpfe der globalen sozialen Bewegungen in wenigen Absätzen darzustellen. Die Antworten zeichnen ein vielfältiges Bild von Kräftekonstellationen, Bündnisoptionen und neuen strategischen Aufgaben. Die sehr verschiedenen Kommentare und Analysen nehmen das Verhältnis von spezifischen Anordnungen der Kräfte und allgemeinen Herausforderungen – die sich beispielsweise durch die drohende ökologische Katastrophe stellen – in den Blick. Das ist Voraussetzung, um produktiv zu streiten, wie ›Zehn Jahre nach Seattle‹ der ›Zustand der Welt‹ verändert werden kann und wo mögliche und notwendige Interventionsfelder liegen. Wir möchten diese Debatte fortführen und laden alle Leser/innen dazu ein, auf www.zeitschrift-luxemburg.de eigene Texte zu verfassen oder die bisherigen zu diskutieren.

Corinna Genschel für die Redaktion