| Auf ins Reich der Freiheit? Jenseits von Utopien und Dystopien in der digitalen Arbeit

Februar 2018  Druckansicht    Druckansicht
Von Ursula Huws

Vermutlich gibt es nicht allzu viele Marxist*innen, die an ein Leben nach dem Tod glauben. Wenn man aber für einen Moment die eigene Ungläubigkeit beiseite schiebt und sich dieser Phantasie hingibt, dann kommt man kaum umhin, sich auszumalen, wie Marx einen langen Seufzer von sich gibt. Trotz Krise ist kaum zu übersehen, dass der Kapitalismus noch immer quicklebendig ist. Wie konnte es dazu kommen? Was verleiht dem Kapitalismus diese erstaunliche Fähigkeit, der augenscheinlichen Logik des tendenziellen Falls der Profitrate und der Sättigung der globalen Märkte dauerhaft zu trotzen und sich in dieser phönixhaften Weise immer wieder neu zu erschaffen? Ein Grund für die bemerkenswerte Zähigkeit des Kapitalismus hängt mit seinem Vermögen zusammen, sich auf immer weitere (Lebens-)Bereiche auszudehnen, die zuvor außerhalb seines Zugriffs lagen, und sich diese einzuverleiben.

Begriffiche Verwirrungen

Mitverantwortlich für die allgemeine Verunsicherung und Konfusion ist der gängige Technologiediskurs, der mit jeder Wendung im Boom-und-Bust-Zyklus frische Nahrung erhält und neue Mythen produziert. Es liegt in der Natur von Innovationen und Trends, dass bei ihrem Aufkommen zunächst die Begriffe fehlen, mit denen man sie angemessen kennzeichnen könnte. Sie lassen sich auch nicht mithilfe offizieller Statistiken, deren Grundlage bereits etablierte Kategorien sind, erfassen. Da es an verlässlichen empirischen Informationen mangelt, fühlen sich alle möglichen Fachleute dazu berufen, seien es Akademiker*innen, Journalist*innen, Politiker*innen oder Wirtschaftsvertreter*innen, aus welchen Motiven auch immer – Neugier, Unverständnis, Selbstdarstellungsdrang oder echte Sorge –, Interpretationen anzubieten und zum Teil waghalsige Thesen dazu aufzustellen, wie die Veränderungen, die sie mit ihren Schlagworten vorgeben zu beschreiben, in Zukunft unser Leben völlig umkrempeln werden. In den 1970er und frühen 1980er Jahren war noch viel von »Informatik«, »Telematik«, »Datenautobahnen«, einer neuen »Informa­tionsgesellschaft« oder ganz schlicht von »neuen Technologien« die Rede. Spätestens in den 1990ern wurden diese Begrifflichkeiten von Phrasen wie »wissensbasierte Ökonomie«, »gewichtslose Ökonomie«, »digitale Ökonomie« oder einfach »New Economy« abgelöst. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende gerieten diese Bezeichnungen wiederum aus der Mode und wurden durch neue ersetzt, die weiterhin die gegenwärtige Diskussion bestimmen, wie »Plattform-Ökonomie«, »Gig-Ökonomie«, »Sharing Economy«, »Netzwerk-Ökonomie« oder Ähnliches.

Jedes Mal heißt es, es stehe eine neue industrielle Revolution bevor (ob diese als die zweite, die dritte oder die vierte gilt, hängt von der jeweiligen Weltanschauung ab), weswegen die bekannten ökonomischen Gesetzmäßigkeiten nicht länger greifen würden und für das neu angebrochene Zeitalter neu bestimmt werden müssten. Und immer wird stillschweigend vorausgesetzt, es handele sich bei diesem technologischen Wandel um einen unaufhaltsamen und wünschenswerten Fortschritt.

Gegenwärtig stecken wir mitten in dieser Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Zukunftsentwürfen, wobei das eine Lager von utopischen Vorstellungen bestimmt ist, in denen die »Sharing-Ökonomie« oder »Peer-to-Peer-Netzwerke« (Bowens 2006) als Vorläufer einer »Welt ohne Arbeit« (Mason 2015) gelten, einer Welt, in der Dienstleistungen und Güter (einige davon selbst hergestellt mithilfe von 3-D-Druckern) auf kybernetisch regulierten dezentralisierten Märkten individuell und bedarfsorientiert getauscht werden können. Hier gibt es Parallelen zu den utopischen Konzepten von André Gorz (1983) und Ivan Illich (1982) aus den 1970er und 1980er Jahren, die ähnlich über die neue Arbeitswelt nachgedacht haben. Dieser optimistischen Perspektive widersprechen alarmierende Berichte, mit denen Thinktanks und deren Wirtschaftsexpert*innen (Frey/Osborne 2013) vor einer drohenden, fast schon unvermeidlichen Massenarbeitslosigkeit warnen.

Bei einer Reihe von Ansätzen, die zu bestimmen versuchen, wie sich die Automatisierung auf die Beschäftigungssituation auswirken wird, stoßen wir auf eine ähnliche Nullsummenlogik. Es wird oft so getan, als seien »Jobs« eine fixe Größe, von der nur eine begrenzte Anzahl vorhanden ist. Stattdessen sollten wir uns stärker mit den zahlreichen Umstrukturierungen infolge der ausdifferenzierten neuen technischen Arbeitsteilung befassen, wie sie sich derzeit überall entlang der Wertschöpfungskette beobachten lassen. Sie führen nämlich dazu, dass an manchen Stellen und in bestimmten Bereichen Arbeitsplätze verlorengehen, zugleich aber anderorts neue entstehen.

Denken wir etwa an die Entwicklung, Fertigung und Montage all der Komponenten, die für die Herstellung von Robotern, Drohnen und 3-D-Druckern benötigt werden, die in Zukunft bei der Rohstoffförderung viele menschliche Arbeitskräfte ersetzen werden. Sie müssen nicht nur entworfen und zusammengebaut, sondern auch ständig überprüft und gewartet werden. Es werden auch Arbeitskräfte für das Management der Lieferketten und den Kundenservice gebraucht sowie für den Aufbau und den Unterhalt der Logistik, mithilfe derer diese Maschinen von der Fabrik auf das Containerschiff und von dort aus auf den Zug, ins Lager und schließlich zum Kunden gelangen. Ganz zu schweigen von der vielen Arbeit, die Grundlage für die gigantische Informations­infrastruktur ist, mit der globale Wertschöpfungsketten am Laufen gehalten werden: Satelliten, Glasfaserkabel, Stromleitungen, unzählige Steckdosen, Adapter, Ladegeräte, Bildschirme, Keyboards, Smartphones, Headsets, Router, Batterien und all die anderen Utensilien, die meist kurz nach dem Kauf schon wieder im Müll landen und ständig erneuert werden müssen. Hinzu kommen die Arbeiten, die fast immer vergessen werden: All dies muss gereinigt und sauber gehalten werden.

Dabei findet die unbezahlte Reproduktionsarbeit, die Voraussetzung bezahlter Arbeit ist, wenn überhaupt, nur am Rande Erwähnung. Wir kommen allerdings nicht umhin, uns zu fragen, »wer die Toilette putzt, während Adam bloggt« (Huws 2015a). Viele scheinen davon auszugehen, dass sowohl die Bedürfnisse des Menschen als auch die Arbeitsteilung, wie wir sie kennen, unveränderliche Konstanten sind.

Es entstehen neue Arbeitsplätze, während andere vernichtet werden und es zur Entwertung bestimmter Qualifikationen kommt. Es sind nicht immer die gleichen Bereiche oder dieselben Orte, in denen neue Aufgabenfelder und Stellen geschaffen werden. Zudem ist davon auszugehen, dass diese neuen Jobs oftmals andere Fertigkeiten und Kompetenzen von den Menschen verlangen. Zu diesen Umstrukturierungsprozessen gehören das Outsourcing ausgewählter Tätigkeiten und Aufgaben an andere Unternehmen oder Sektoren, Verschiebungen von einer Region in die nächste oder die Verlagerung ganzer Produktionsabläufe in andere Länder. Damit geht eine räumliche Reorganisierung der Arbeit einher.

Plattform-Ökonomie

Zahlreiche Bereiche wurden in den letzten Jahrzehnten zunehmend inwertgesetzt: Natur, öffentliche Güter und Dienstleistungen sind zwei davon. Bestimmte Unternehmen profitieren derzeit nicht nur enorm von der Übernahme vormals öffentlicher Aufgaben, der Bereich der Dienstleistungen in Privathaushalten hat sich inzwischen ebenso als riesige Geschäftsgelegenheit herausgestellt. Tätigkeiten wie Wohnungsreinigung, Gärtnerarbeiten, Kinderbetreuung und anderen Hilfen bei der Haushaltsführung haben Wirtschaftsexpert*innen in der Vergangenheit kaum Bedeutung zugemessen – vermutlich, weil sie früher meist von Hausangestellten oder Kleingewerbetreibenden übernommen wurden. Die meisten Sozialist*innen sind davon ausgegangen, diese würden genauso wie andere präkapitalistische Formen der Arbeit mit der Zeit verschwinden, wobei Feministinnen immer wieder darauf hingewiesen haben, dass eine entscheidende Voraussetzung für die halbwegs gleichberechtigte Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt in den sogenannten entwickelten Ländern die Verfügbarkeit von mittellosen Migrantinnen ist, die ihnen für wenig Geld einen Teil ihren familiären Verpflichtungen und Reproduktionsarbeiten abnehmen (Ehrenreich/Hochschild 2004).

Mithilfe von Internetplattformen wie Uber, Helpling und Handy wird nun von kapitalistischer Seite versucht, den Markt für solche Tätigkeiten neu zu strukturieren und unter die eigene Kontrolle zu bringen. Die Unternehmen kassieren bei jeder Transaktion um die 20 bis 25% des gezahlten Lohns oder Honorars. Inzwischen hat man die Aufgaben und Arbeitsabfolgen standardisiert und die Arbeitskräfte mit Mitteln diszipliniert, vor deren Anwendung die meisten individuellen Arbeitgeber*innen wohl eher zurückschrecken würden. Die Erfahrungen derjenigen, die heute von diesem neuen Arbeitsmarkt angezogen werden, sind vergleichbar mit denen von Arbeiter*innen in der Vergangenheit, die zum ersten Mal direkt mit kapitalistischen Verhältnissen in Berührung kamen. In mancher Hinsicht unterscheidet sich der unabhängige Fens­terreiniger, der heute mit seiner Leiter von Tür zu Tür zieht, kaum von einem präkapitalistischen Handwerker, der mit seinen Waren hausieren ging. Die Internetplattform des 21. Jahrhunderts, auf der irgendwann die Dienste des Fensterreinigers angeboten werden, hat viel mit dem Fabrikbesitzer im 18. Jahrhundert gemein, der sich dafür entschied, die Produktion an einem Ort zu zentralisieren, um sie besser kontrollieren zu können. Damit ist eine Formalisierung und Disziplinierung der Arbeit verbunden, während die Beschäftigungsbedingungen – solange sich die Arbeiter*innen nicht organisieren, um dem entgegenzutreten – in der Regel äußerst prekär bleiben. Für diejenigen, die ihre Dienste zuvor als Selbständige angeboten haben, bedeutet dies ganz klar einen Verlust an Selbstbestimmung. Für Neueinsteiger*innen auf dem Arbeitsmarkt eröffnet es jedoch zusätzliche Möglichkeiten, weil sie von Anfang an Geld verdienen können und nicht darauf angewiesen sind, sich über längere Zeiträume mühsam eine persönliche Reputation aufzubauen (etwa über Netzwerke von Freund*innen und Verwandten). Heute kann sich die verzweifelt nach Arbeit suchende Migrantin direkt online an eine Vermittlungsfirma wenden, genauso wie frühere Generationen von Migrant*innen, die typischerweise einen Großteil der industriellen Reservearmee bilden, auf die Plantagen oder zu den Fabriktoren strömten, jenen Stellen also, die ihnen als Einstieg auf den kapitalistischen Arbeitsmarkt dienten und wo sie ihre Zeit und ihre Arbeitskraft für einen Susbistenzlohn anbieten konnten (Huws 2015b).

Es finden sich weitere Gemeinsamkeiten, wenn man die neuen Formen der kapitalistischen Organisation wie Internetplattformen mit ihren Vorgängern vergleicht. In der Anfangszeit der ersten industriellen Revolution war es gang und gäbe, dass die Arbeiter*innen die für ihre Tätigkeiten benötigten Werkzeuge mitbringen mussten, manchmal hatten sie selbst für den Platz zum Arbeiten zu zahlen. In der neuen »Plattform-Ökonomie« gibt es auch genügend Unternehmen, die es vermeiden, ihr Geld in schnell an Wert verlierende Vermögensgegenstände zu stecken. Von daher verlangen sie von ihren Arbeitskräften, in ihre eigenen Produktionsmittel zu investieren. So wird zum Beispiel von Uber-Fahrer*innen erwartet, dass sie einen Wagen mitbringen. Manchmal werden sie sogar dazu gedrängt, bei Uber einen Kredit aufzunehmen, um sich ein geeignetes Fahrzeug anzuschaffen. Menschen, die vermittelt über Plattformen wie Upwork oder Amazon Mechanical Turk Digitalisierungstätigkeiten übernehmen, müssen dies in der Regel mit ihren eigenen Computern tun.

Kommodifizierung menschlicher Sozialität

Mit dem Aufkommen von sozialen Medien und Netzwerken ein riesiges neues Geschäftsfeld entstanden ist, weil man nun mit ganz unterschiedlichen Formen von oftmals trivialen menschlichen Bedürfnissen und Aktivitäten, die vormals nicht marktförmig organisiert waren (vom Erinnern an die Geburtstage von Verwandten bis hin zu Verabredungen mit neuen Freund*innen), Geld verdienen kann. Manche werden sicherlich einwenden, dies sei weniger ein Beispiel dafür, wie der Kapitalismus gezielt auf bestimmte Aspekte des persönlichen Lebens zugreift und sich diese aneignet, sondern dafür, wie immer mehr Menschen freiwillig ganz persönliche Informationen preisgeben, weil sie im Gegenzug von den Unternehmen, die diese sammeln und auswerten, etwas zurückbekommen, was für sie von hohem Gebrauchswert ist. Während einige Internetfirmen direkt neue Waren produzieren und neue Dienste anbieten oder zu deren Entwicklung beitragen, stammt ein Großteil der Einkünfte von anderen aus typischen Rentier-Aktivitäten (Huws 2014). Dazu zählen der Verkauf von Werbeflächen, der Wiederverkauf von Nutzerdaten oder die anteilige Beteiligung an Transaktionen, die über die eigene Internetplattform abgewickelt werden.

Es steht außer Frage, dass hier Kapitalakkumulation stattfindet und hierdurch massenhaft neue Arbeitsplätze entstehen. Dafür ist die steigende Zahl von Beschäftigten in den Firmenzentralen von Google und Facebook nur ein Indiz, sozusagen die Spitze des Eisbergs. In den letzten Jahren sind, ohne dass die Öffentlichkeit davon groß Notiz genommen hätte, Zehntausende neuer Jobs geschaffen worden. Fleißige Netzarbeiter*innen erledigen die versteckte »Hausarbeit« des Internets, all die Dinge, von denen die meisten denken, dass sie von Algorithmen erledigt werden. Internetplattformen wie Amazon Mechanical Turk (benannt nach einer schachspielenden, angeblich intelligenten Maschine aus dem 18. Jahrhundert, deren Operationen jedoch von einem Menschen gesteuert wurden) bieten Kunden aus der Wirtschaftswelt einen Pool von zum Teil hoch qualifizierten Freelancern an, die diverse human intelligence tasks übernehmen: die Überprüfung von Inhalten und Bildern (z.B. welche Dokumente von Kindesmissbrauch, Enthauptungen oder anderen Bestialitäten aus dem Internet entfernt werden sollen), die manuelle Berichtigung von Google-Ratings, die Kennzeichnung von Fotos, die Hinzufügung von Likes auf Internetseiten bestimmter Unternehmen oder politischer Gruppierungen und Ähnliches. Eine Menge menschlicher Arbeitskraft fließt zudem in die Gestaltung und Aktualisierung von Websites, in die Bearbeitung von Videoclips, in die Moderation von Chatrooms und Spielen sowie in eine Vielzahl weiterer Online-Tasks. Diejenigen, die in den 1990er Jahren noch voraussagten, das Internet werde mehr Jobs aus anderen Sektoren abziehen als neue schaffen, haben demnach ziemlich falsch gelegen.

Krise der Solidarität in der Arbeiterklasse

Abschließend kann also festgehalten werden: Die jüngsten technologischen Umwälzungen und Umstrukturierungen werden weder das weltweite Beschäftigungsvolumen dramatisch einbrechen lassen noch zu einem Kollaps des Kapitalismus führen. Trotzdem wird es in bestimmten Bereichen zu einem drastischen Rückgang von Arbeitsplätzen kommen. Vermutlich wird dies wie bereits bei ähnlichen Entwicklungen in der Vergangenheit vor allem zulasten von Facharbeiter*innen gehen, denen es irgendwann einmal gelungen ist, für sich relativ gute Löhne und Arbeitsbedingungen auszuhandeln. Aller Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei dem Gros der neu geschaffenen Jobs eher um prekäre und schlecht bezahlte Beschäftigungsverhältnisse, und viele davon werden in den Teilen der Welt entstehen, wo die Gewerkschaften traditionell eher schwach sind. In anderen Worten: Die Auswirkungen der gegenwärtigen Umstrukturierungen sind mehr qualitativer als quantitativer Natur.

Das stellt die Arbeiterbewegung in den entwickelten Industriestaaten vor eine gewaltige Herausforderung: die Wiederkehr dessen, was man als Problem der industriellen Reservearmee bezeichnen kann, und zwar in einer besonders akzentuierten Form. Das Problem besteht, etwas verkürzt formuliert, darin, dass durch das Vorhandensein einer industriellen Reservearmee die Arbeiter*innen sehr einfach gegeneinander ausgespielt werden können. Die gewerkschaftlich organisierten »Insider« können ihre vergleichsweise privilegierte Position und die halbwegs guten Arbeitsbedingungen, für die sie so lange und hart gekämpft haben, nur dadurch verteidigen, indem sie darauf bestehen, dass keine neuen Arbeiter*innen zu Konditionen angestellt werden, die diese ausgehandelten Ergebnisse unterlaufen. In der Praxis bedeutet dies oft, dass alle »Outsider« beargwöhnt werden und ausgeschlossen bleiben. Den »Outsidern« wiederum bleibt kaum etwas anderes übrig, als jedwede Beschäftigung, die ihnen angeboten wird, zu akzeptieren, ungeachtet der erkämpften Standards.

In den Zeiten, als Marx und Engels über die industrielle Reservearmee schrieben, war diese noch ein weitgehend lokales Phänomen. Auf der Suche nach billigeren Arbeitskräften heuerten die Fabrikanten damals vor allem Zugezogene aus der Landbevölkerung an oder Arbeitslose aus den Großstadtslums. Viele griffen darüber hinaus zum Mittel der Frauen- und Kinderarbeit und stellten – wenn diese zur Verfügung standen – auch Arbeiter*innen aus dem Ausland ein, um die Löhne der männlichen Fabrikarbeiter zu drücken. In den Kolonien sah das Ganze selbstverständlich noch einmal anders aus: Hier schufteten Sklaven, Kulis und Plantagenarbeiter*innen zum Teil Seite an Seite, um die imperialen Zentren mit billigen Gütern und Rohstoffen zu versorgen.

Im 20. Jahrhundert war es allerdings in den meisten entwickelten Ländern zeitweise gelungen, diesem Problem auf nationaler Ebene zumindest halbwegs beizukommen, und zwar durch die Herausbildung von wohlfahrtsstaatlichen Arrangements. Diese sorgten für gewisse Lebensstandards, die für die gesamte Bevölkerung galten, und ermöglichten ein bestimmtes Maß an Solidarität zwischen »Insidern« und »Outsidern«. Es war allgemein anerkannt, dass die Gewerkschaften und die sozialdemokratischen Parteien die Interessen der gesamten Arbeiterklasse vertraten. Dadurch und aufgrund des Grads an sozialstaatlicher Absicherung, die vor absolutem Elend schützte, konnten Arbeiter*innen, die erwerbslos oder prekär beschäftigt waren, insgesamt nicht so einfach gegen ihre glücklicheren Kolleg*innen in den gewerkschaftlich gut organisierten Belegschaften in Stellung gebracht werden.

Man darf allerdings nicht verschweigen, dass damals gerade Frauen und Arbeitsmigrant*innen stark benachteiligt waren und sich häufig mit den schlechtesten Jobs zufriedengeben mussten. Obwohl die Lage damals also alles andere als ideal war, gab es in der Gesellschaft jedoch einen größeren sozialen Zusammenhalt als heute.

Seit dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989, der symbolisch den Beginn eines neuen Globalisierungsschubs markiert, der inzwischen die gesamte Welt erfasst hat, sind solche auf nationaler Ebene geschlossenen Kompromisse in Bedrängnis geraten. Wir haben es heute mit einer globalen industriellen Reservearmee zu tun, auf die das Kapital auf zweierlei Weise zugreifen kann: Es kann Arbeitsplätze ins Ausland verlagern oder es kann Arbeitsmigrant*innen importieren, um bestimmte Tätigkeiten zu übernehmen. Mit jeder Umstrukturierungswelle verlieren die »Insider« an Privilegien und können die Kapitalist*innen immer ungehinderter von den Möglichkeiten Gebrauch machen, die ihnen die wachsende Reservearmee bietet. Erfahrungen aus der Vergangenheit legen nahe, dass diese Prekären, wenn sie erst einmal in die kapitalistischen Arbeitsbeziehungen eingesogen werden, damit beginnen, sich zu wehren, sich zusammenzuschließen und zu organisieren, um Forderungen nach mehr Sicherheit, höherem Verdienst und anderen Verbesserungen ihrer Situation durchzusetzen. Unorganisierte Arbeiter*innen sind also Teil einer organisierten Arbeiterschaft »im Aufbau« (selbst wenn sie in den ersten Generationen Ziel von Strategien sind, die auf Entqualifizierung und Lohndrückerei setzen).

Ungeachtet dessen befinden wir uns in Europa in einer Situation, in der der ökonomische Strukturwandel zusammen mit den verheerenden Auswirkungen der Austeritätspolitik kurzfristig zumindest eine ernsthafte Krise der Solidarität in der Arbeiterklasse hervorgerufen hat. Ausdruck davon ist das Erstarken von Xenophobie, man sieht es an den jüngsten Wahlergebnissen in Österreich und Frankreich oder am Ausgang des Brexit-Referendums in Großbritannien, was alles zumindest teilweise als verzweifelter Protest von ehemals gut organisierten Industriearbeiter*innen interpretiert werden kann, die inzwischen überflüssig geworden sind und sich verraten fühlen von den sozialdemokratischen Parteien, denen sie in der Vergangenheit zum Teil blind vertraut haben. Ihre Wut wird von den rechtspopulistischen Parteien und den vergifteten Massenmedien aufgegriffen, aber anstatt ihren Unmut gegen ihre wahren Feinde, die globalen Konzerne, zu richten, stellen sie sich gegen die verzweifelten Angehörigen der industriellen Reservearmee, die genauso wie sie Opfer der Verhältnisse sind, deren unmittelbare Interessen aber, objektiv betrachtet, aufgrund der Art und Weise, wie kapitalistische Arbeitsmärkte funktionieren, im Gegensatz zu ihren eigenen stehen.

Die Linke in Europa sieht sich vor die schwierige Aufgabe gestellt, die verloren gegangene Solidarität zwischen den Arbeitenden wiederzubeleben und an einem Manifest der Hoffnung zu arbeiten, das die »Insider« und »Outsider« zusammenbringt. Dies kann nur gelingen, wenn die Gewerkschaften dazu übergehen, nicht nur die Interessen ihrer gegenwärtigen Mitglieder zu vertreten, sondern sich stärker um die Bedürfnisse der gesamten Bevölkerung kümmern. Welche Belange und Forderungen sind von besonderer Dringlichkeit? Die Details müssen sicherlich im engen Dialog mit politischen Parteien der Linken und Vertreter*innen verschiedenster Bewegungen und Communities bestimmt und ausgearbeitet werden, aber zweifelsohne müssten folgende Forderungen dazugehören: mehr Mittel und Investitionen für das Gesundheits- und Pflegesystem, für die Kinderbetreuung, für das Bildungswesen und den Wohnungsbau; Erhöhung des Mindestlohns (wobei sowohl an Freiberufliche zu denken ist, die pro Auftrag bezahlt werden, als auch an Lohnabhängige, die für einen festen Stundenlohn arbeiten oder ein Monatsgehalt beziehen); die Einführung einer universellen Grundsicherung (oder zumindest eine Reform des sozialen Sicherungssystems, mit der gewährleistet wird, dass niemand jemals so in Not gerät, dass sie oder er jeden Job annehmen muss, der ihr oder ihm angeboten wird); bezahlte Urlaubstage; eine Reduzierung der Arbeitszeit sowie Unterstützung von Arbeitergenossenschaften. Vielen Gewerkschaften mag es schwerfallen, solch einen umfassenden Forderungskatalog ihren Mitgliedern schmackhaft zu machen (sehen viele doch verständlicherweise den Hauptzweck von Gewerkschaften darin, die Interessen ihrer zahlenden Mitglieder zu vertreten). Aber wenn es uns nicht gelingt, diese Aufgaben anzugehen und diese Forderungen irgendwann durchzusetzen, dann droht uns eine Situation, in der alle gewerkschaftlichen und auch anderen sozialen Errungenschaften aus der Vergangenheit in einem massenhaften Ausbruch xenophoben Furors hinweggefegt werden. In dieser Ära der Globalisierung sind wir auf internationale Solidarität entlang der gesamten globalen Wertschöpfungskette angewiesen, wir brauchen aber auch alle erdenklichen Formen der lokalen Solidarität auf jedem Fleckchen dieser Erde, auf jeder Ebene.

 

Auszug aus unserem transform! Jahrbuch 2017: „Die Linke, die Völker und der Populismus“, www.transform-network.net/de/publications/detail/transform-yearbook-2017-the-left-the-people-populism/

 

Literatur

Bauwens, Michel, 2006: The Political Economy of Peer Production, Ctheory.Net, www.ctheory.net/articles.aspx?id=499

Ehrenreich, Barbara/Hochschild, Arlie Russel, 2004: Global Woman: Nannies, Maids and Sex Workers in the New Economy, New York

Frey, Carl Benedikt/Osborne, Michael A., 2013: The Future of Employment: How Susceptible are Jobs to Computerisation?, www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/future-of-employment.pdf

Gorz, André, 1983: Wege ins Paradies. Thesen zur Krise, Automation und Zukunft der Arbeit, Berlin

Huws, Ursula, 2014: The Underpinnings of Class in the Digital Age: Living, Labour and Value, Socialist Register, Jg. 50, 80-107

dies., 2015: When Adam blogs: cultural work and the gender division of labour in Utopia, in: The Sociological Review, Jg. 63, Heftbeilage, 157-73

dies., 2015b: The Future of Work: Crowdsourcing, Report to the EU-OSHA, osha.europa.eu/en/tools-and-publications/publications/future-work-crowdsourcing/view

Illich, Ivan, 1982: Tools for Conviviality, London

Mason, Paul, 2015: PostCapitalism: A Guide to Our Future, London