| Über Laclau, die Multitude und Hegemonie

Dezember 2015  Druckansicht    Druckansicht
Von Antonio Negri

Ich möchte mich dazu äußern, was mir Laclaus Werk und der Dialog, den wir beide in den letzten Jahren geführt haben, bedeutet. Es war ein intensiver und zugleich kritischer Dialog, der von klaren Differenzen, aber auch großem Respekt gekennzeichnet war. Für mich stellt Laclaus Analyse eine neukantische Variante dessen dar, was sich als »post-sowjetischer Sozialismus« bezeichnen ließe. Bereits in der Epoche der Zweiten Internationale bot der Neukantianismus eine kritische Perspektive auf den Marxismus. Ohne ihn als Feind zu betrachten, versuchte er ihn seinen eigenen Zielen unterzuordnen und ihn in gewisser Weise zu neutralisieren. Die Kritik richtete sich gegen den politischen Realismus und die Ontologie des Klassenkampfes.

Die erkenntnistheoretische Vermittlung bestand während dieser Periode im Gebrauch beziehungsweise Missbrauch des kantischen Transzendentalismus. Laclaus Denken kann – wenn wir uns, entsprechende Veränderungen vorausgesetzt, selbst in einer Phase des Post-Sowjetismus verorten – teils in diesem Sinne verstanden werden. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass wir hier nicht über Reformismus im Allgemeinen sprechen – ein Reformismus, der manchmal nützlich und manchmal unbrauchbar sein kann. Vielmehr geht es darum, Laclaus theoretisches und politisches Wirken in einem bestimmten historischen Kontext und damit auch in seiner gegenwärtigen Bedeutung zu begreifen.

DIE MULTITUDE ODER SUBJEKTIVITÄTEN IN SPANNUNG

Beginnen wir mit einem ersten Punkt. Laclau argumentiert, die gegenwärtigen Gesellschaften seien durch Multitudes geprägt. Die Multi­tu­de weist aber keine ontologischen Bestimmungen auf, und noch weniger Regeln, die es ihr ermöglichen würde, ihre eigene Zusammensetzung zu steuern. Also kann sie nur ›von außen‹ zustande kommen. Worum es in einem sehr kantischen Sinne bei dieser Operation geht, ist ein Verständnis des ›Dings an sich‹ – eines Dings, das nicht ohne Hinzuziehung ›der Form‹ erkennbar ist. Diese Operation ist eine Art transzendentale Synthesis.

Ist es möglich und erstrebenswert, dass sich heterogene soziale Subjektivitäten spontan organisieren, oder müssen sie organisiert werden? Das ist eine klassische Fragestellung – sie liegt dem kantischen Kritizismus zugrunde. Laclaus Antwort lautet: Es gibt heute keinen sozialen Akteure mehr ›für sich‹, also keine universelle Klasse (wie Marx die Arbeiterklasse fasste); aber es gibt auch kein Subjekt mehr, das als Ergebnis sozialer Spontaneität und Selbstorganisierung in Anspruch nehmen könnte, hegemonial zu sein.

Der klassische Marxismus hat mit einer zu einfachen Vorstellung vom Klassenkampf im Kapitalismus gearbeitet und ein Subjekt, einen Akteur der Emanzipation konstruiert, bei dem Autonomie und Zentralität zusammenfielen. In der heutigen Epoche hat sich dieses Terrain aufgelöst – folglich konnte sich ein anderes Terrain durchsetzen, das aus einer Vielzahl von Heterogenitäten besteht. Nur eine politische Konstruktion kann künftig in diesem Raum der Nicht-Homogenitäten zum Tragen kommen. Die Homogenität ist so oder so verschwunden, gleich, ob wir sie als etwas Vorauszusetzendes verstehen oder ob wir uns darauf beschränken, ihre Existenz festzustellen. Das ist es, womit sich Laclaus Überlegungen zu Hegemonie auseinandersetzen. Er negiert damit nicht, dass Momente organisierter Autonomie oder große Subjektivitäten auf der Bühne der Geschichte auftreten könnten. Doch macht er immer ein ›Spannungsverhältnis‹ zwischen diesen subjektiven Gestalten aus und nimmt in allen Fällen an, sie müssten ›in ein Spannungsverhältnis‹ gebracht werden. Laclau versteht diese Spannung als konstitutiv. Das ist die transzendentale Einbildungskraft in Aktion. Mir kommt es vor, als würde er den politischen Kontext als Januskopf begreifen und die Spannung zwischen den beiden Gesichtern als eine Spannung zwischen Raum und Zeit, zwischen Kette und Schuss, die jede Konstruktion von Macht durchqueren und überschreiten, lösen und bestimmen muss. So entsteht Hegemonie/Macht.

DIE SCHWIERIGE ARTIKULATION HETEROGENER SUBJEKTIVITÄTEN

Es sollte klar sein, dass die Immanenz, Autonomie und Pluralität, die für die Multitude konstitutiv sind, nicht imstande sind, Macht zu konstruieren. Mehr noch, sie stellen immer auch Hindernisse für die Herausbildung jedweder politischen ›Szene‹ dar. Denn wenn, so Laclau weiter, die Gesellschaft völlig heterogen wäre, dann wäre eine Bedingung für politisches Handeln, dass die Singularitäten auf der Ebene der Immanenz einen Prozess der ›Artikulation‹ in Gang setzen können, der es ihnen erlaubt, die grade erwähnte Spannung zu strukturieren. Sie müssten in der Lage sein, die politischen Beziehungen zwischen diesen Singularitäten zu definieren. Aber sind sie dazu imstande?

Bei Laclau fällt die Antwort negativ aus, und dies verweist auf eine transzendentale Antriebskraft. Es gibt keine andere Möglichkeit, als die Artikulation auf einer formalen Ebene anzusiedeln – wobei unter ›Form‹ nicht nur ›etwas Leeres‹, sondern eine Art ›konstitutiver Hülle‹ zu verstehen ist. Tatsächlich betont Laclau, dass, wenn wir uns eine Artikulation der Multitude vorstellen wollen, eine hegemoniale Instanz jenseits der Ebene der Immanenz entstehen muss – eine hegemoniale Instanz, die geeignet ist, diesen Prozess anzuleiten und ein Zentrum zu repräsentieren, mit dem sich alle Singularitäten identifizieren können. Ich zitiere ihn: »Es gibt keine Hegemonie ohne die Konstruktion einer popularen Identität auf der Grundlage der Pluralität demokratischer Forderungen.«

Wenn der gesellschaftliche Kontext aus einer inhomogenen Multitude besteht, muss eine Kraft etabliert werden, die die verschiedenen Teile dieser Inhomogenität artikuliert, um deren Integration zu gewährleisten. Das Beharren auf Selbstorganisierung oder der Bezug auf präkonstituierte Subjekte sollten nicht vergessen lassen, dass es notwendig ist, gemeinsame Themen und homogenisierende Sprachen zu finden, die durch die verschiedenen lokalen Organisationen zirkulieren können. Diese Artikulation/Vermittlung kann auf keinen Fall das alte Modell der traditionellen ›mächtigen‹ Organisationen (Parteien, Kirchen, Unternehmen) kopieren. Sie muss vielmehr von der Vorstellung eines ›leeren Signifikanten‹ her gedacht werden. Aber wie schon gesagt, bezeichnet dieser leere Signifikant keine leeren Formen der Einheit, die dogmatisch mit diesem oder jenem konkreten Signifikat verbunden werden, sondern vielmehr eine ›konstitutive Hülle‹. Wir befinden uns nicht länger auf dem Terrain der Ästhetik oder Analytik, sondern auf dem der ­transzendentalen Einbildungskraft. Es gibt einen Moment, in dem Laclau einen neuen Anlauf nimmt und – fast als würde er eine neue Tonart anschlagen – das Thema des ›flottierenden‹ und des leeren Signifikanten angesichts der sozialen Heterogenität reformuliert. Wenn er sich mit der Frage nach der Artikulation verschiedener sozialer Kämpfe auseinandersetzt, repräsentiert dieses Moment (das schon in Hegemonie und radikale Demokratie [engl. 1985, dt. 1991] angelegt war) ein Modell des ›konstitutiven Antagonismus‹. An einer ›radikalen‹ Grenze zwischen Konflikt und Zerfall entstehe eine schwache Form der Doppelmacht, die gleichzeitig eine Synthese alter Souveränitätsrechte und der demokratischen Rechte auf Selbstregierung konstitutiere. Sandro Mezzadra und Brett Neilson haben diesen Aspekt meiner Meinung nach zu Recht hervorgehoben. Wir sollten uns Folgendes klarmachen: Als Laclau diese Vorstellung von einer Dialektik zwischen konfligierenden Mächten entwickelte, interpretierte er einen historischen Wendepunkt – oder genauer gesagt: ein unter sozialistischen Aktivisten aufkeimendes Gefühl, (unfreiwillig) Teil einer in den 1970er Jahren einsetzenden Krise der Linken zu sein, einem weiteren Niedergang aber nicht einfach tatenlos zuschauen zu wollen. Ist die Wirkungslosigkeit dialektischer Instrumente erkannt, entsteht unter solchen Bedingungen die Notwendigkeit, ein ›Volk‹ zu rekonstruieren, seine Einheit herzustellen – dies gilt es, als die politische Aufgabe par excellence zu erkennen. Im Jahr 1985 ging es also um die mit Nachdruck gestellte Frage, ob die Öffnung des Sozialen gegenüber der Politik nicht weniger eine diskursive Struktur ist als eine ›Praxis der Artikulation‹, die entsprechend soziale Beziehungen organisiert.

Dieser Gesichtspunkt wurde aber schnell wieder fallengelassen. Ich zitiere Laclau und Mouffe (1991, 143): »Wir können daher von einer zunehmenden Komplexität und Fragmentierung der entwickelten Industriegesellschaften sprechen […] in dem Sinne, dass sie um eine grundsätzliche Asymmetrie herum konstituiert sind. Diese Asymmetrie besteht zwischen der wachsenden Vermehrung von Differenzen – ein Bedeutungsüberschuss des Sozialen – und den Schwierigkeiten, auf die jeder Diskurs stößt, der versucht, jene Differenzen als Momente einer stabilen artikulatorischen Struktur zu fixieren.« Wir müssen uns also von der Vorstellung von Gesellschaft als einer »selbstdefinierten Totalität«, in der sich das Soziale selbst etabliert, verabschieden. Vielmehr gilt es, die »Knotenpunkte« zu identifizieren, die partielle Bedeutungen und Orientierungen bieten und die es der einen oder anderen Formation des Sozialen ermöglichen, Gestalt anzunehmen. Das bedeutet mehr denn je, von allen dialektischen Lösungen, die auf Konzepten wie »Vermittlung« oder Determination beruhen, Abschied zu nehmen. Politik entsteht als Problem der transzendentalen Bedingungen des Spiels zwischen Artikulationen und Äquivalenzen, die sich im Sozialen konstituieren. Die Identität der sich im Kampf befindlichen Kraft ist ständigen Transformationen unterworfen und erfordert einen unaufhörlichen Prozess der Neudefinition.

Ein Gleichgewicht dieser Artikulation zu erreichen, ist allerdings schwierig. Es gibt zwei Schwierigkeiten: Die erste könnte man als »Veränderlichkeit der Forderungen« bezeichnen oder genauer als ein Problem, das sich aus dem prinzipiell unabgeschlossenen Charakter des Zusammentreffens von Äquivalenzen ergibt. Diesbezüglich müssen wir nur einen Blick auf Laclaus Werk On Populist Reason werfen, das zwanzig Jahre nach Hegemonie und radikale Demokratie, nämlich 2005 erschien. Auch hier springt die Betrachtung direkt ins Soziale und dreht sich um die Stimuli und den Conatus (Selbsterhalt) der Multitude, die das Politische vorwärts drängen. Laclau schreibt: »Die kleinste Einheit, von der wir ausgehen, entspricht der Kategorie der sozialen Forderung.« Wenn diese Forderungen aber auf der einen Seite zu einer Vertiefung der Identitätsbildung drängen, öffnen sie auf der anderen Seite das Feld des Antagonismus. Die Frage, die daraus erwächst, lautet: Wie ist es möglich, den unklaren und sich stetig vermehrenden Antagonismus in einen sichtbaren und dualistischen Antagonismus zu transformieren? Mündet die Äquivalenzkette nicht schließlich durch das Äquivalent-Setzen in eine immer weitere Vermehrung der Kettenglieder, sodass sich daraus keine Schlussfolgerung mehr ziehen lässt? Laclau selbst scheint sich dieses Problems bewusst gewesen zu sein: »Die Spezifität der Äquivalenz ist die Zerstörung von Bedeutung gerade durch deren Vermehrung.« Dieser unbestimmte Charakter der Macht der Immanenz droht, die transzendentale Konstruktion des Signifikanten zu verhindern oder sie auf jeden Fall zu erschweren.

Die zweite Schwierigkeit für das Gleichgewicht steht im direkten Verhältnis zu dessen endgültiger Stabilität, wie sie im Konzept der Hegemonie zum Ausdruck kommt. Laclau hat sein Konzept der Hegemonie mit Bezug auf Gramsci entwickelt. Die Sache ist aber nicht ganz so einfach. Wie Peter Thomas herausgestellt hat, haben Ernesto Laclau und Chantal Mouffe in Hegemonie und radikale Demokratie die politischen Mechanismen von Hegemonie, wie sie in der leninistischen Tradition bestimmt wurden, durch ein formales, diskursives Konzept ersetzt. Für Thomas betreten wir hier das Terrain eurokommunistischer Theoriebildung, die sich als »entschärfter« Gramscianismus entwickelt hat und damit den Übergang hin zu einer postmarxistischen, radikal-demokratischen Politik markiert. Unabhängig davon, ob wir mit dieser Interpretation von Thomas einverstanden sind, sollten wir uns auf jeden Fall in Erinnerung rufen, dass Gramsci eine marxistische und leninistische Position vertrat und daher in der Diktatur keine totalitäre Herrschaft sah, sondern sie vielmehr als Hegemonie begriff – als die organische Konstruktion einer konstituierenden revolutionären Macht. Von daher stimmt es: Laclaus Bezugnahme auf Gramsci ist entschärfend, zumal sie eher der Suche nach einer »Abstammungslinie« geschuldet ist als einer wirklichen Verwandtschaft. Grundlage von Gramscis Hegemoniekonzept ist und bleibt (von den Praktiken der Räte bis zur Theorie des Modernen Fürsten) der Klassenkampf; es bewahrt seine materialistische »Solidität« und erzeugt ein Dispositiv der Arbeitermacht im kommunistischen Sinne.

Darüber hinaus kommt es mir etwas seltsam vor, wenn Laclau das Konzept der Hegemonie – um dessen gramscianische Schlagkraft beraubt – mit der politischen Praxis der von Togliatti geführten Kommunistischen Partei Italiens in Verbindung bringt. Denn das Gleichgewicht zwischen der Autonomie der Basisbewegungen und der Partei – die in ihrer Eigenschaft als Signifikant manchmal flottiert, aber sicherlich niemals leer ist – konnte sich deshalb nach links orientieren, weil die Partei eng mit der Politik der Sowjetunion verbunden war. Die X-Achse ›Hegemonie-Gesellschaft‹ und die Y-Achse ›links-rechts‹ konnten deshalb im Gleichgewicht gehalten werden, weil es dem Signifikanten – der Partei – unmöglich war, sich in den Staat zu transformieren. Das wurde durch das Jalta-Abkommen verhindert. Das National-Populare konnte im italienischen Kommunismus und bei Togliatti also nur deshalb links interpretiert werden, weil die Kommunistische Partei nicht an die Macht kommen konnte, solange sie sich nicht derart veränderte, wie es ihr dann schließlich doch noch gelang. Ich denke, dass hier der Begriff der Hegemonie paradoxerweise mit dem der politischen »Zentralität« zusammenfällt.
Kurz gesagt: Die Gestalt und die Funktion von Hegemonie bei Laclau erscheinen mir eher zweideutig. Statt dass sie zur Analyse beitragen, wie der Kapitalismus funktioniert, legen sie eher fest, wie eine wünschenswerte Gesellschaft ohne Kapitalismus funktionieren würde – oder machen aus ihm eine Notwendigkeit. Das Gleiche lässt sich für das ›Volk‹ sagen: Laclau verweist mit diesem Begriff auf einen Riss im hegemonialen Block, den er als leeren Signifikanten bezeichnet. Das Volk kann die Stelle dieses leeren Siginifikaten einnehmen, von dem aus ein neuer Block geschaffen wird. Dies ausgehend von einer Gruppe, welche imstande ist, eine neue Universalität vorzuzeichnen. Aber so klar ist das nicht: Vielmehr scheint es, als sei das Volk einerseits ein Auswuchs aus dem Kampf verschiedener Fraktionen, andererseits aber der Repräsentant einer neuen Kristallisation politischer Identitäten.
Ein Grund für unsere Meinungsverschiedenheiten, aber auch ein Motiv für unsere Diskussionen und unseren Austausch hat mit folgendem Eindruck zu tun: Ich bin der Ansicht, dass der leere Signifikant bei Laclau eine strukturalistische Abstraktion darstellt, die einen wesentlichen Punkt aus den Augen verliert: Was als leer bezeichnet wird, wird durch einen Exodus und nicht durch eine strukturelle Modifikation hervorgebracht. Darauf hat zu Recht Bruno Cava (ein brasilianischer Aktivist, der sich intensiv mit Laclaus Werk beschäftigt hat) hingewiesen: »Eines sticht besonders hervor, wenn wir uns die gegenwärtigen Formen von Politik betrachten: die Loslösung ›des Volkes‹ von dem Moment der Partizipation, mit dem es durch das moderne öffentliche Recht verbunden war. In der heutigen Situation wird der leere Signifikant noch leerer – er hat keinen Einfluss mehr auf die Multitude, sondern wird von starken Mächten vereinnahmt, die nichts mehr mit dem Volk, der Nation oder all den anderen schönen Begriffen des modernen politischen Vokabulars zu tun haben. Für die Bewegungen gilt, dass sie als konkrete Universalität bestehen, deren Funktion darin liegt, die Signifikanten zu vernähen und zu artikulieren. Die Macht aber liegt in der Multitude, sie ist ein Klassenkonzept.«

JENSEITS DES NATIONALSTAATS?

Nun komme ich zum letzten, entscheidenden Punkt: zur historischen Konkretisierung der transzendentalen Form. Der leere Signifikant bewegt sich auf der nationalen Ebene. Ich denke, dass es für Laclau unmöglich war, sich auf einen kosmopolitischen Diskurs zu beziehen – und sei es nur als Horizont. Um eine wirkliche Beständigkeit zu haben, bedarf Macht einer nationalen Identität. Trotz Globalisierung und trotz des Bedeutungsverlusts des Nationalstaats kann Laclau auf dieses Konzept nicht verzichten. Es aufzugeben wäre nicht nur wenig realistisch, sondern gefährlich. Ohne nationale Einheit wären die horizontale Ausdehnung von sozialem Protest und ein vertikales Verhältnis zum politischen System undenkbar. Laclau insistiert, dass dies in vielerlei Hinsicht von den lateinamerikanischen Erfahrungen in den 1990er und 2000er Jahren bestätigt worden ist.
Ich habe eine völlig andere Lesart: Die progressiven Bewegungen in Lateinamerika haben in hohem Maße dazu beigetragen, den nationalen Rahmen zu überschreiten, auf den sie nicht zuletzt durch die Herrschaft der USA und ihre imperialistischen Werte beschränkt waren. Nun konnte sich die Horizontalität der sozialen Bewegungen durch den Bezug ›auf das Innere‹ Lateinamerikas im größeren Rahmen entfalten. Manchmal hat sie den neuen kontinentalen Geist vorweggenommen, manchmal ist sie ihm gefolgt, ein Geist, der bestimmte Volksregierungen angetrieben und es ihnen erlaubt hat, jegliche Form von Chauvinismus zu überwinden – der sowohl in der lateinamerikanischen als auch in der europäischen Tradition reaktionär ist.

Dennoch gibt Laclau seinen Nationalismus nicht auf. Dieser zeigte sich bereits in seinen früheren Werken – ich denke dabei an Politik und Ideologie im Marxismus (engl. 1977, dt. 1981). Gegen Althusser vertritt Laclau die Ansicht, die Arbeiterklasse sei durch eine irreduzible nationale Spezifik gekennzeichnet. Nachdrücklich lobt er die Erfahrung des Peronismus, der »unbestreitbaren Erfolg« dabei gehabt habe, »auf der nationalen Ebene eine alle verbindende popular-demokratische Sprache hervorzubringen«.

Stuart Hall zufolge läuft die nationalistische Option von Laclaus diskursiver Position Gefahr, alle Bezüge zur materiellen Praxis des Klassenkampfes und zu seinen historischen Bedingungen zu verlieren. Deren Macht werde durch die Bezugnahme auf den nationalen Kontext ›neutralisiert‹. Wir können Gesellschaft nicht einfach als ein offenes diskursives Feld betrachten und auf dieser Grundlage politische Hegemonie an einen national-popularen Horizont binden. Solch ein Vorgehen kann nur dazu führen, dass die anderen sozialen Kräfte auf diesem Feld einen ernsten Angriff auf die Bastion unternehmen – wie es dann in Argentinien tatsächlich der Fall war. Aus meiner Sicht zeigt sich hier ein weiteres Mal, dass Laclaus Modell nur dann trägt, wenn es die ›zentristische‹ Gestalt der Regierung annimmt. So wie es konstruiert ist, kommt es nicht umhin, dem Positivismus einer Souveränität nachzugeben, die von einer zentralen Autorität ausgeübt wird. Erneut handelt es sich um eine formale Transzendenz, die de facto die Macht setzt und sie rechtfertigt.

Es sollte jedoch ergänzt werden, dass nach und nach und insbesondere in Laclaus späteren Arbeiten die Transzendenz der Befehlsgewalt nicht mehr nur in nationalen Begriffen und im Namen eines überbordenden Staatszentralismus gedacht wird. Ich erkenne hier sogar eine gewisse Distanzierung von der ursprünglich hobbesianischen Konzeption, wonach die Macht das ist, was das Volk formiert. Gleichwohl zeigt sich hier ein Paradox: Auch wenn die Transzendenz der Befehlsgewalt und die hobbesianische Versuchung schwächer werden – insbesondere weil es unter den gegenwärtigen Verhältnissen wachsende Machtunregelmäßigkeiten gibt –, so materialisiert sich bei Laclau dennoch diese ›unmögliche Transzendenz‹ erneut. Diesmal wird sie nicht ausfindig gemacht, sondern eher gefunden, nicht länger konstruiert, sondern aufgezwungen durch just die Mechanismen des Transzendentalismus. Anstelle einer Synthese der Multitude sieht der transzendentale Ansatz in und durch die Entstehung eines Volkes immer mehr einen ›vollen‹ Signifikanten sich verdichten – und auf diese Weise das Politische begründen. Lässt sich hier ein Übergang vom Kritizismus hin zu etwas erkennen, das viel stärker dem objektiven Idealismus zuzurechnen ist?

SCHLUSSBETRACHTUNG

Laclau hat auf großartige Weise herausgearbeitet, dass das Volk weder eine natürliche noch eine spontane Formation ist, sondern im Gegenteil durch repräsentative Mechanismen konstituiert wird, die die Vielfältigkeit und Heterogenität von Singularitäten in eine Einheit übersetzen. Und auch wenn diese Einheit – durch die Identifikation mit einer Führungsperson, einer dominanten Gruppe oder auch mit einem Ideal – Wirklichkeit wird, scheint mir diese Konzeption dennoch sehr eng mit einer bestimmten ›aristokratischen‹ Idee verschränkt und eine Neuauflage der ältesten und beständigsten Themen der Geschichte des modernen Staates. Vielleicht bestätigt sich hier die Wende vom Kritizismus zum objektiven Idealismus, von der ich gesprochen habe. Die zentrale Rolle, die Laclau den Intellektuellen und der Kommunikation in der politischen Organisation zuschreibt, ist bezeichnend. Der Begriff des ›organischen Intellektuellen‹, der für Gramsci zentral war, wird hier fallengelassen, während die autonome Funktion des Intellektuellen als Gehilfe bei der Herausbildung von Hegemonie – oder von Führung? – betont wird. Merkwürdigerweise hat sich Laclau in seinem demokratischen und sozialistischen Engagement genau dagegen immer gewehrt. Diesen Mut und die Redlichkeit gilt es anzuerkennen. Aber warum gibt es in seinem Werk trotzdem diese Einheit von ›Autonomie der Politik‹ und intellektueller Führung?

Ich habe viel über die Differenz zwischen Laclaus Verständnis und meinem eigenen nachgedacht und sage dies mit der Offenheit, mit der ich es auch ihm selbst gesagt habe: Ich schätze sein Denken sehr, halte aber seinen Begriff von Populismus weniger für das Ergebnis einer Reflexion über die Macht, als über das Konzept der Transition und die Macht in der Transition – also der Übergänge zwischen verschiedenen Phasen ihrer Organisation. Laclau hat hier eine flexible Form der Vermittlung von Transitionen erfunden, und zwar sowohl innerhalb von politischen Regimes als auch des einen zum anderen – hauptsächlich oder gar ausschließlich mit Blick auf die Transition in Lateinamerika. Diese Form der Vermittlung betrachte ich als eine ›schwache‹ Form – nicht konzeptionell, aber hinsichtlich der Realität, auf die sie sich bezieht. Und weil die ›Leere‹, um die es als Problem geht, oftmals keine ›Leere‹ ist, die gefüllt werden müsste, sondern eher ein Abgrund, in den sie hineinzustürzen droht. Diese ›Schwäche‹ wird noch dadurch verstärkt, dass Laclau nicht bereit ist, seine Arbeit für ontologische Betrachtungen zu öffnen und entsprechend der Entstehung des Neuen Sinn zu verleihen. Außerdem gesteht er ein, dass die Governance einer Transition notwendigerweise konstituierend sein muss. Diese ›ungewisse‹ konstituierende Dimension führt am Ende paradoxerweise dazu, die Modelle der Moderne nachzuahmen. Insbesondere leugnet sie jegliche emanzipatorische Spannung. In dem Maße, in dem Laclau zwar akzeptiert, sich im Spannungsverhältnis von Spontaneität und Organisierung zu bewegen, aber gleichzeitig die materielle Dimension von Klassenkämpfen ausradiert, führen seine Überlegungen letztlich dazu, einige wirklich problematische Momente des europäischen öffentlichen Rechts aufzugreifen. Wenn Carl Schmitt sich beispielsweise der Frage der sozialen Bewegungen zuwendet, definiert er ihre Form, indem er anerkennt, dass die sozialen Bewegungen die Grundlage der popularen Zusammensetzung des Staates bilden – eine Anerkennung des Unten von oben, welche die Gesellschaft mit dem Ziel politisiert, eine nationale Identität zu konstruieren. Oder wenn Schmitt den Ort der politischen Repräsentation als die ›Präsenz einer Abwesenheit‹ definiert, eine Abwesenheit, die immer gefüllt werden muss, damit der Staat existieren kann, eine Präsenz, die immer wieder entleert werden muss, damit der Staat über den Parteien – super partes – stehen kann. Bis zu welchem Punkt ist also der leere Signifikant eine Wiederholung des Schmitt’schen Modells der Repräsentation?

Es ist mir klar, dass diese Fragen vielleicht unsachgemäße Interventionen sind: Für Laclau ging es lediglich um Instrumente, die er aus dem Archiv des europäischen öffentlichen Rechts aufgreifen konnte. Denn die Größe seines Denken besteht nicht so sehr in der Fähigkeit, das Problem des leeren Signifikanten gelöst zu haben, oder aus einer rechten Perspektive formuliert darin, dass er sich geweigert hat, sich auf Klassenkampf und soziale Konflikte zu beziehen, um diese Leere zu füllen. Sie besteht vielmehr darin, im Inneren des Problems gelebt zu haben. Der flottierende Signifikant, den er vor sich sah, war nicht das alte Modell des Staates, sondern etwas Neues. Es gibt hier eine konstituierende Spannung, die sich ausdehnt und auf dem Terrain der Krise des modernen demokratischen Staates zum Ausdruck kommt. Es geht nicht darum, diesen Staat, dem wir bis heute unterworfen sind, zu entdecken, sondern darum, einen anderen zu konstruieren; darum, einen neuen leeren Signifikanten für einen radikalen demokratischen Übergang zu erfinden. Hier kann sich der Kritizismus wirklich zu seiner ursprünglichen Bedeutung steigern – nicht so sehr im Sinne einer transzendentalen Konstruktion des Staates, sondern eher als einer fragwürdigen Investition in dessen Krise.

Ich denke, dass wir uns mit all den genannten Punkten weiter befassen sollten, insbesondere angesichts der Tatsache, dass wir erstaunliche, wenn nicht gar unzulässige Bezugnahmen auf das Denken von Laclau beobachten. Wenn beispielsweise versucht wird, realen Bewegungen eine Art ›Hut‹ aufzusetzen und sie auf eine bestimmte Weise zu stilisieren, aber gleichzeitig nicht wahrgenommen wird, dass dieser Hut ein Problem darstellt; oder mehr noch, wenn – wie es in der europäischen oder in der lateinamerikanischen Linken immer häufiger vorkommt – im Versuch, die in ihrer Vitalität immer etwas ›schmutzigen‹ Bewegungen zu reinigen, die alte italienische Kommunistische Partei als Vorbild herangezogen wird als ein Modell, wie man der Stimme des Volkes zuhört und es gleichzeitig lenkt. Doch all das diskreditiert nicht die außergewöhnliche Kraft und Vitalität von Laclaus Arbeit und deren Anregungen. Er hat Fragen gestellt, die weiterhin unbeantwortet sind, wenn sie manchmal auch neu überdacht und neu formuliert werden müssen, immer mit dem Anspruch, sie den Problemen gemäß zu formulieren. Dafür sollten wir ihm unendlich dankbar sein.

Leicht gekürzte Fassung eines Vortrags, der zuerst im Französischen auf euronomade.info veröffentlicht wurde.
Aus dem Englischen unter Hinzuziehung des französischen Originals von Britta Grell und Alex Demirović

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Von Alex Demirovic