| So wie es ist, bleibt es nicht

August 2015  Druckansicht    Druckansicht
Von Birgit Mahnkopf

Mit dem gegenwärtigen Kapitalismus gibt es keine Zukunft

Wir befinden uns gegenwärtig nicht allein in einer strukturellen oder »systemischen Krise« des Kapitalismus als eines welt-ökonomischen Systems, aus der kein Weg zurückführt – in die Wachstumskonstellation vor Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2007/2008. Zugleich befinden wir uns in einer tief greifenden Krise des Kapitalismus als eines welt-ökologischen Systems – die Krise, die zum ersten Mal in der Geschichte tatsächlich die Zukunft aller auf dem Planeten lebenden Menschen verknüpft.

Der Kapitalismus ist nicht allein ein globales ökonomisches System, welches in seiner modernen Form – als Produktionssystem – auf Privateigentum und Lohnarbeit, auf einem Akkumulations- und daher Wachstumszwang sowie auf der Trennung von Politik und Ökonomie beruht. Er ist zugleich eine spezifische und historisch einmalige Form der Transformation von Stoffen und Energie in nützliche Güter und Dienstleistungen durch menschliche Arbeit. Denn sein Stoffwechsel beruht auf der Erschließung und nachfolgenden Plünderung aller erneuerbaren und nicht erneuerbaren »Gratisleistungen der Natur« (Marx) sowie auf der gänzlich unverantwortlichen Überfüllung natürlicher Senken (oder Deponien) für die festen, flüssigen und gasförmigen Stoffe, die nach ihrer Verwendung in Produktion und Dienstleistung übrig bleiben und als »Müll« behandelt werden. Im Kapitalismus werden frü- her oder später die äußere wie die innere Natur des Menschen zum Gegenstand ökonomischer Verwertung. Das schließt Eingriffe in die biologischen Gegebenheiten des Lebens wie die Veränderung ganzer Landschaften, die Vernichtung unzähliger Arten und die Veränderung des Weltklimas mit ein. Über die Ursachen, die Ausdrucksformen und die gravierenden Folgen der sozioökonomischen Krise des Kapitalismus wird in der Linken viel diskutiert. Die Dynamik der ökologischen Krise des Kapitalismus indes wird nach wie vor als eher sekundäres Problem behandelt. Dagegen soll hier deutlich gemacht werden, weshalb der Kapitalismus als ein welt-ökologisches System keine Zukunft hat. Nur ein radikaler Bruch mit der kapitalistischen Akkumulationsdynamik könnte die Hoffnung nähren, dass die menschliche Zivilisation auf diesem Planeten einer halbwegs erträglichen Zukunft entgegengehen kann (vgl. dazu ausführlicher Mahnkopf 2015a).

Der Kapitalismus steht für eine ins Unendliche zielende Bewegung der Gewinnmacherei. Genau diese seine Antriebskraft, so heißt es oft, habe doch in der Vergangenheit die alten Herrschaftsverhältnisse hinweggefegt, behäbige Technik durch neue, viel flexiblere ersetzt und damit für die Menschen viele Erleichterungen und Verbesserungen ihres Lebensalltags bewirkt. Aus Krisen seiner Akkumulationsdynamik sei der Kapitalismus doch immer wieder gestärkt und verjüngt hervorgegangen. Warum sollte dies zukünftig nicht auch der Fall sein? Könnte nicht der stotternde Wachstumsmotor zumindest in den westlichen Industrieländern durch massive Investitionen in ressourcenschonende und effizienzsteigernde neue Technologien, durch informationsbasierte Dienstleistungen und ›smarte‹ Infrastrukturen wieder in Gang gebracht werden – finanziert von gewaltigen Public-Private-Partnership-Projekten zwischen dem globalen Finanzkapital und den in Folge der Schuldenkrise arg gebeutelten öffentlichen Geldgebern? Die ›grüne Ökonomie‹ sei doch ein lohnendes Geschäft – so lautet das Versprechen von IWF, Weltbank und OECD, von UN-Organisationen wie der UNCTAD und dem UNEP, vonseiten der Europäischen Kommission und nicht zu vergessen von unzähligen Thinktanks und Lobby-Organisationen transnationaler Konzerne sowie von grünen Parteien. Auch die deutsche Bundesregierung erwartet von einer kohlenstoffarmen Energieversorgung, einer Verbesserung der städtischen Infrastrukturen und der Recyclingtechniken und von Bioraffinerien zur Nutzung von CO2 als Kohlenstoffquelle, dass ›die Umwelt‹, ›das Klima‹ oder gar ›der Planet‹ gerettet werde. Dabei steht bereits heute fest, dass der Klimawandel nicht mehr vermeidbar ist, auch wenn seine kumulativen Wirkungen erst für die Mitte des Jahrtausends erwartet werden. Die steigende CO2-Konzentration und die nachfolgende Erderwärmung markieren eine planetarische Grenze, deren Überschreitung zum Kollaps komplexer Ökosysteme führen dürfte. Aber auch der Stickstoffzyklus und der Verlust an Artenvielfalt befinden sich im roten Bereich. Bei der Übersäuerung der Meere und beim globalen Frischwasserverbrauch sowie beim Wandel der Landnutzung sind die planetarischen Grenzen sehr nahe. In dem neuen Bericht an den Club of Rome unternimmt Jorgen Randers den Versuch, eine globale Prognose für die kommenden 40 Jahre zu erstellen. Sie fällt düster aus: Weil in der ersten Hälfte des Jahrhunderts der »Krieg gegen den Planeten« (Bardi) fortgesetzt wird, werde die Welt nach 2050 auf dem gefährlichen Pfad der sich selbst verstärkenden globalen Erwärmung gelandet sein. »Alle, insbesondere die Armen, werden in einer Welt leben, die zunehmend von Chaos und Klimaschäden geprägt ist«, so Randers. Nur »ein Wunder« könnte dafür sorgen, dass sich die menschliche Zivilisation gegen Ende des Jahrhunderts »in einer erstrebenswerten und stabilen Situation« wiederfindet.

Aber können wir vom Kapitalismus ein solches Wunder erwarten? Das »Neue« wird im Kapitalismus durch die unendliche Bewegung des Geldes gesteuert; die Kapitalanlage muss um den Gewinn vermehrt zum Investor zurückkehren. Da dieser sich das Geld geliehen hat, muss der Gewinn hoch genug ausfallen, um die Kreditzinsen aufzubringen. Es gibt nur einen Pfad, auf dem im Kapitalismus Neues geschaffen wird: Es muss sich um eine Investition handeln, die eine Kapitalrendite aus zukünftigen Gewinnen einträgt, die an die heute erzielbaren Renditen auf den globalisierten Finanzmärkten anknüpft. Die Zukunft wird also als eine Verlängerung der Gegenwart geplant. Daher sind KapitalanlegerInnen vorwiegend konservativ und dem Neuen gegenüber wenig aufgeschlossen. Die Zukunft soll nicht wirklich etwas kategorial Neues hervorbringen, sondern auf der Basis des heute Vorstellbaren morgen mehr Geld abwerfen. Wunder lassen sich nun einmal nicht einpreisen und auf internationalen Finanzmärkten mit Gewinn handeln. Was morgen als Neues zur Verfügung stehen wird, ist genau das, was heute einen hohen return on capital verspricht.

Wenn indes eine Technik, ein Stück Natur, eine Gruppe von Menschen oder irgendein kulturelles Artefakt nicht verspricht, in der nahen Zukunft einen Gewinn abzuwerfen, kann im Kapitalismus auch nicht damit gerechnet werden, dass sie oder es entwickelt, erhalten, gefördert oder geschützt wird. Diese Eigenart des Kapitalismus hat Günther Anders als »Präsentation der Zukunft« bezeichnet. Wir könnten auch von einer »Kolonialisierung der Zukunft durch die Gegenwart« sprechen. Daher muss, wer eine andere Zukunft will, als die Allgegenwärtigkeit des Kapitalismus es zulässt, wohl tatsächlich darauf hoffen, dass ein »Wunder« dafür sorgt, dass sich die menschliche Zivilisation gegen Ende dieses Jahrhunderts in einer halbwegs erstrebenswerten und stabilen Situation wiederfindet.

Doch Wunder gibt es nur im Märchen, in der banalen Wirklichkeit muss die Politik dem Unwahrscheinlichen zum Durchbruch verhelfen. Dazu gehört vor allem eines: der sofortige und radikale Ausstieg aus der kohlenstoffbasierten energetischen Grundlage des modernen Industriekapitalismus – und zwar vor dem Erreichen der Kipppunkte von biophysischen Systemen.

Dies würde heißen, dass bis 2050 weltweit insgesamt – nur noch – 870 bis 1240 Milliarden Tonnen CO2 ausgestoßen werden dürften. Werden hingegen die heute geschätzten Reserven an fossilen Rohstoffen tatsächlich verbrannt, entspräche dies der dreifachen CO2-Menge. Allein um den Klimawandel in einem erträglichen Umfang zu halten, müssten rund 80 Prozent der gegenwärtig bekannten und bereits eingepreisten Reserven an fossilen Rohstoffen im Boden bleiben. In den USA beträfe dies 92 Prozent, in der EU rund 78 Prozent aller Kohlereserven, in China und Indien rund zwei Drittel. Große Teile der Ölreserven im Nahen und Mittleren Osten sowie etwa 60 Prozent der Gasreserven müssten im Boden bleiben. Unkonventionell gefördertes Öl, dessen Förderung in Nordamerika gegenwärtig wie ein Konjunkturmotor für die Weltwirtschaft wirkt, und eine Förderung in der Arktis wären vollkommen tabu (vgl. Ekins/McGlade 2015).

Dem stehen freilich die Interessen von Kohle-, Öl-, Schiefergas-, Petrochemie- und Automobilindustrie sowie der von diesen Industriezweigen abhängigen Energieversorger im Wege. Deren VertreterInnen werden alles daran setzen zu verhindern, dass es innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahrzehnte zu der gebotenen schnellen und umfassenden Transformation in den Bereichen Energie, Landwirtschaft, Verkehr und Produktion kommt. Und ihre Argumente finden Gehör. Dabei ist eigentlich allen Verantwortlichen klar, dass ein »gutes Leben innerhalb der Belastungsgrenzen unseres Planeten« – so das Leitmotiv des neuen Berichts der Europäischen Umweltagentur (EUA) – nur dann möglich wäre, wenn die sehr profitablen fossilen Energieträger durch erneuerbare und keineswegs kostengünstige Energie ersetzt würden und der Energiebedarf insgesamt gesenkt würde. Doch nach wie vor werden drei Viertel der in der EU verbrauchten Energie mit fossilen Brennstoffen erzeugt.

Daran wird sich auf absehbare Zeit auch nicht viel ändern. Für die nächsten 20 Jahre – und dies sind die für die Vermeidung des worst case entscheidenden Jahre – erwartet die EUA beim Eintritt der Treibhausgase in die Atmosphäre, beim Umfang des Energieverbrauchs und bei der Nutzung fossiler Brennstoffe nur negative Entwicklungen.

Mit einem Mix aus halbherziger Förderung erneuerbarer Energien, beschleunigtem technologischen Wandel und Appellen, die zu Konsum- und Lebensstilwandel aufrufen, lässt sich der »Krieg gegen den Planeten« nicht stoppen. Und solange die Produktion wie in der Automobilindustrie ausgeweitet wird, zehren Skaleneffekte des Wachstums Effizienzgewinne durch neue, ressourcensparende technische Verfahren oder Ersatzstoffe auf; dies wird seit vielen Jahren unter dem Begriff des Rebound-Effekts thematisiert (vgl. u. a. Witt in LuXemburg 1/2011). Vor allem aber spielt das Finanzkapital bei derlei »ökologischer Restrukturierung« eine entscheidende Bremsrolle. Es müsste für den beabsichtigten Wandel Kredite oder Beteiligungskapital zur Verfügung stellen. Dies würde aber unweigerlich Druck auf das produktive Kapital erzeugen, Mehrwert respektive Profit zu generieren, der genügend hoch ausfällt, um entweder die Zinsen zu bedienen oder Renditen für AnteilseignerInnen zu erwirtschaften. Doch das Finanzkapital verfolgt nur kurzfristige Interessen an der Profitabilität des investierten Kapitals. Es verhält sich daher gegenüber Investitionen in Technologien, die für einen paradigmatisch radikalen Wandel der Produktionsstrukturen nötig wären, eher risikoscheu. Dabei ist nicht nur für die ökologische Transformation der bestehenden Industrieinfrastrukturen Finanzkapital nötig. Das Gleiche gilt auch für den Ausbau vieler arbeitsintensiver Dienstleistungen (in den Bereichen Transport, Gesundheit, Informationstechnologie, Tourismus), denn diese mögen im Vollzug zwar weniger CO2-Emissionen erzeugen, benötigen aber für den Ausbau der nötigen Infrastrukturen viel fixes Kapital.

Auch Wind- und Solarenergie erfordern einen beachtlichen materiellen Input bei ihrer Produktion. Sie benötigen spezielle, zum Teil nicht substituierbare Rohstoffe, die auch für andere Zwecke nachgefragt werden. Dies treibt sowohl den Verbrauch wie die Kosten der Extraktion vieler dieser von der EU als ›strategisch‹ ausgewiesenen Materialien nach oben. Ganz abgesehen davon, dass diese im geopolitischen Sinne knappen und nur energieintensiv produzierbaren Materialien sich sehr schwer, wenn überhaupt wiederverwenden, recyceln und sicher entsorgen lassen.

Gravierend ist auch das Problem der Landnutzungskonkurrenz: Eine Fläche lässt sich eben nicht gleichzeitig als Stellfläche für Windräder oder Solarkollektoren, als Transportweg für Massenmobilität oder als Anbaufläche für biologische Landwirtschaft, für den Siedlungsbau oder als Erholungs- und Freifläche nutzen. Darüber hinaus haben erneuerbare Energieträger, genauso wie Energie, die aus unkonventionellen Öl- und Gasvorkommen gewonnen wird, eine gegenüber Kohle und konventionellem Öl und Gas deutlich geringere Energiedichte, was sie zumindest auf absehbare Zeit teuer macht. Vor allem aber kann unter den Bedingungen kapitalistischer Produktions- und Herrschaftsverhältnisse auch eine ›grüne Ökonomie‹ Probleme der globalen Gerechtigkeit ebenso wenig lösen wie ihr ›brauner‹, fossil-atomarer Vorläufer – etwa wenn es um Fragen geht, die die Gewinnung, Verarbeitung und Entsorgung von Ressourcen betreffen oder das Problem der asymmetrischen Abhängigkeit von Industrie- und Entwicklungsländern hinsichtlich des Zugangs zu wissenschaftlichem und technischem Know-how (vgl. Mahnkopf 2015b).

In den entwickelten Industrieländern der OECD-Welt erfüllt die Vision eines ›grünen Kapitalismus‹ freilich eine wichtige ideologische Funktion: Sie verspricht, die Kluft zwischen unbegrenztem Anspruchsdenken (in der Form des Profits oder des Konsum) und physischer Endlichkeit von Ressourcen und Senken ließe sich durch technische Innovationen überbrücken. Dies ist eine gefährliche Illusion. Denn sie legitimiert die Verschiebung politischer Entscheidungen, die heute getroffen werden müssten, wenn der Kollaps von Ökosystemen vor Erreichen der Kipppunkte abgewendet werden soll.

An den Kipppunkten der Ökosysteme geraten unweigerlich auch das soziale und ökonomische System unter Druck. Und wehe, wenn dann nicht auch die Fähigkeit wächst, sich auf die Veränderungen einzustellen, die der unvermeidliche Wandel mit sich bringt – und wenn die Elastizität der gesellschaftliche Systeme und die Bereitschaft und Fähigkeit der Menschen, auf Schocks zu reagieren, sich nicht erhöhen. Möglicherweise sind viele Menschen in Ländern des Globalen Südens auf diese Aufgabe sogar besser vorbereitet als jene in den entwickelten Industrieländern, die sich ein Leben jenseits des »Immer alles zur gleichen Zeit« und des »Immer mehr vom Selben« kaum noch vorstellen können.

Doch letztlich sind gesellschaftliche Fortschritte im Sinne der Absicherung und Ausweitung politischer, sozialer und industrieller Bürgerrechte und die Partizipation aller BürgerInnen am Gemeinwesen, an der ›öffentlichen Sache‹, das, was Gesellschaften zusammenhält. Solche Fortschritte ergeben sich aber nicht als unbeabsichtigte Nebenfolge einer weiteren Steigerung von Produktion, Profit und Konsum. Sie werden nur dann möglich, wenn Menschen sich die Zukunft als etwas grundsätzlich Neues, als etwas Anderes vorstellen können als die verlängerte und gesteigerte Gegenwart des Kapitalismus.

Niemand vermag vorherzusagen, von welchen Kräften der ›große Wandel‹ angestoßen werden wird – ob Notlagen, Katastrophen und Kriege den Ausschlag geben, oder ob der Wandel vernunftgeleitet erfolgen wird, ausgelöst durch die vielen kleinen Experimente und Initiativen, die es heute schon gibt, überall auf der Welt.

 

Literatur

Ekins, Paul und Christophe McGlade, 2015: Un-burnable Oil: An Examination of Oil Resource Utilization in a Decarbonised Energy System, in: Energy Policy 64, 102–112,
Mahnkopf, Birgit, 2015a: Can Green Growth Rescue Capitalism from its own Contradictions?, in: Gareth Dale et al. (Hg.), Green Growth: Political Ideology, Political Economy and Policy Alternatives, London, im Erscheinen
Dies., 2015b: Greening inequality? Limitations of the »Green Growth« Agenda, in: Alexander Gallas et al. (Hg.), Fighting Inequality in the Global South and North, London, im Erscheinen
Randers, Joergen, 2014: 2052. Der neue Bericht an den Club of Rome. 40 Jahre nach »Die Grenzen des Wachstums«, München
Rockström, Johan et al., 2009: Planetary Boundaries: Exploring the Safe Operating Space for Humanity, in: Ecology and Society 14 (2),