| MODERNER SOZIALISMUS ALS EVOLUTIONSTHEORIE

Juni 2010  Druckansicht    Druckansicht
Von Rainer Land

Vor 20 Jahren erschien in Berlin (West) das »Umbaupapier«.1 Auf Grundlage des Konzepts des »Modernen Sozialismus« aus den 1980er Jahren entwarf es strategische Auswege aus der Krise des Staatssozialismus. Die Umstände, die Wirkung, das politische Konzept und auch das Scheitern des Modernen Sozialismus sind bereits ausführlich dargestellt worden (vgl. Brie 1993; Crome u.a. 1999; Kirschner 2000; Segert 2008; Land 1999; 2010). Hier werden theoretische Konsequenzen diskutiert, weiterentwickelt und die Frage nach der Bedeutung für die gesellschaftsstrategische Debatte der Linken gestellt.

MODERNE UND EVOLUTION

Mein Konzept des modernen Sozialismus gründet auf einer evolutorischen Gesellschaftstheorie. Danach können moderne Gesellschaften nur durch die Permanenz ihrer Veränderung existieren, durch andauernde Umwälzungen und fortlaufende Modernisierungen, durch endlose wirtschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Entwicklung. Eine evolutorische Theorie gesellschaftlichen Fortschritts findet sich in Ansätzen bei Marx, wenn auch eingebettet in eine an Hegel anknüpfende geschichtsphilosophischteleologische Rahmenkonstruktion. Gerade diese wurde bedauerlicherweise später zum dominanten Bestandteil des Historischen Materialismus. Marx’ evolutorische Ansätze werden dagegen meist übersehen – Schumpeter und Luhmann schätzen Marx dagegen gerade deswegen. Schumpeter war der erste, der eine ausgearbeitete nicht-teleologische Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung vorgelegt hat, wenn auch nicht in der Absicht, sozialistische Perspektiven aufzuzeigen. Ihm ging es darum, dass Kapitalismus als Evolutionsmaschine begriffen werden muss.

In modernen Gesellschaften ist fortwährende Veränderung zur Bedingung der Existenz geworden. Ihre gesellschaftlichen Strukturen – die Kapitalverwertungsökonomie, die systemische Organisation von Wirtschaft, Politik und Kultur, die (relative) Autonomie der Subsysteme gegeneinander und die Scheidung der System- von Lebenswelten – sind nur zu verstehen, wenn man sie funktional als Momente eines Evolution erzeugenden Zusammenhangs begreift.

Evolution ist grundsätzlich offen, es entsteht Neues, die in der Zukunft liegenden Resultate sind unbestimmt und unbestimmbar. Aber sie ist hinsichtlich der Entwicklungsrichtungen nicht beliebig – was nur scheinbar ein Widerspruch ist. Welche Resultate bleiben, welche untergehen, hängt von Entwicklungsrichtungen ab, die durch selektive Rekombination vieler Millionen einzelner Innovationen zustande kommen. Das gilt für Produktions- und Konsumtionsmittel, aber auch für technische Verfahren und für Innovationen von Institutionen, Rechtsformen, kulturelle Codes oder Kunstwerke.

EVOLUTION UND KAPITALISMUS

Evolution erfolgt, indem Veränderungen erzeugt werden, die in ihrer Wirkung zunächst unbestimmt sind. Sie werden im Prozess der Verbreitung und der Rekombination selektiert, methodisch analog zur darwinschen Theorie von Variation und Selektion. Die Kapitalverwertungsmaschine erzeugt und selektiert ständig Innovationen. Durch die Selektion entsteht eine bestimmte Richtung des Wandels der Produktionsmittel, der Produkte, der Verfahren, der Produktions- und Lebensweise. Formal werden Innovationen verbreitet, wenn sie rentabel sind, also mehr einbringen als sie selbst gekostet haben. Kapitalverwertung erzeugt einen permanenten Innovationsdruck und lässt zugleich nur solche Innovationen und Rekombinationen passieren, die einen Überschuss über ihre Kosten abwerfen. Daher konnte sich die Kapitalverwertungsökonomie gegen andere durchsetzen, die keine solchen Evolutionsmaschinen sind.

Marx hat in der Theorie der relativen Mehrwertproduktion (Das Kapital I, 13. Kapitel) gezeigt, dass diese Art der wirtschaftlichen Entwicklung gesellschaftlich nicht neutral ist, es keinen neutralen technischen Fortschritt gibt. Die Selektion nach den formal simplen Kriterien eines steigenden Mehrwerts bzw. steigender Produktivität und Profitabilität erzeugt eine sozialökonomisch bestimmte Richtung der Veränderung der Produktions- und Lebensweisen. Die Fabrik, die Arbeiterstädte, die Arbeits- und Lebenswelten der »Großen Industrie« sind Produkte wirtschaftlicher (in gewisser Weise auch kultureller) Evolution. Diese kommen durch Selektionen von Innovationen zustande, die an die Bedingung eines sinkenden Werts der Ware Arbeitskraft gebunden sind.2 Diese Entwicklungsrichtungen führen zur Subsumtion der lebendigen Arbeit unter den kapitalistischen Produktionsprozess und die Lebensweise der Arbeiter wird zur Reproduktion verkaufbarer Arbeitskraft für das Kapital. Damit hat Marx gezeigt, wie eine richtungsbestimmte sozioökonomisch fortschreitende Entwicklung theoretisch gedacht werden kann, ohne auf teleologische Konstruktionen zurückgreifen zu müssen. Dabei wird klar, dass diese Richtungsbestimmtheit nicht allein durch das formale Prinzip der Kapitalverwertung erklärt werden kann. Vielmehr hängt sie vom gegebenen sozialökonomischen Kontext ab – den sie aber zugleich längerfristig verändert. Unter den Bedingungen einer vorgefundenen (zunächst vorkapitalistischen) Klassengesellschaft und im Kontext der so genannten ursprünglichen Akkumulation führt Selektion nach den Kriterien der Produktion von Mehrwert und Profit zu einer Welt der »fortschreitenden Unterordnung der Arbeit unter das Kapital«. Nicht das Kapitalverwertungsprinzip (G-W-G’) für sich führt zu dieser Selektionsrichtung, sondern Kapitalverwertung unter den bestimmten sozialstrukturellen und kulturellen Voraussetzungen. In einem anderen Kontext – dies wissen wir durch die Analyse der Ambivalenz der Moderne zwischen Faschismus, Stalinismus, New Deal und Wohlfahrtskapitalismus – führen die gleichen formalen Selektionskriterien zu anderen sozioökonomischen Entwicklungsrichtungen. Dabei können wir mindestens vier historische Regime der Kapitalverwertung unterscheiden: den Kapitalismus der so genannten ursprünglichen Akkumulation, der ersten Industrialisierung, der großindustriellen und kolonialen Expansion (nach Rosa Luxemburg: der äußeren Landnahme) und den Teilhabekapitalismus. Dessen Aufstieg begann während des 2. Weltkriegs; seinen Niedergang erleben wir seit Mitte der 1970er Jahre. Meine These ist: Es handelt sich um jeweils andere Regime wirtschaftlicher Entwicklung mit anderen Selektionsrichtungen und Fortschrittskriterien.

Die Differenzen der Selektionsrichtungen können nicht durch die Formen der Warenproduktion, den Warenfetisch, die Verkehrung von Ware und Geld in der Zirkulation, das Prinzip der Kapitalverwertung (G-W-G’) oder den Akkumulationstrieb des Kapitals erklärt werden, denn die Formen bleiben gleich. Sie lassen sich nur erklären durch den sich verändernden kulturellen Kontext und sozialstrukturellen Zusammenhang, in dem Warenproduktion und Kapitalverwertung erfolgen. Man könnte dies auch veränderte kulturelle Hegemonien (oder gesellschaftliche Regulationsweisen) nennen.

In jeder kapitalistischen Produktionsweise erscheint die Reproduktion des Lebens der Arbeiter formal als bloßes Mittel der Kapitalverwertung (Marx, K I, 21. Kapitel). Es werden Selektionsrichtungen begünstigt, die das Leben der Arbeiter und Arbeiterinnen, ihrer Familien und sozialen Gemeinschaften an die Erfordernisse der Kapitalverwertung respektive die Maximierung des Profits adaptieren. Allerdings ist ein Mindestmaß an Koevolution unaufhebbar, d.h. die Kapitalverwertung muss umgekehrt auch an bestimmte natürliche und kulturelle Erfordernisse der Lebensweise der Arbeiterklasse adaptiert werden – was zugleich die Kapitalverwertung stabilisiert. Dies zeigte Marx an den Kämpfen um die Regulierung des Arbeitstages (K I, 18. Kapitel). In der Entwicklung des Kapitalismus wird nicht nur das Leben der Menschen an die Bedingungen der Kapitalverwertung adaptiert, sondern auch umgekehrt die Kapitalverwertung an die Lebensbedingungen der Menschen. Arbeiter sind nicht nur Opfer, sie sind auch Akteure.

Für das Verständnis des 20. Jahrhunderts ist entscheidend, ob und unter welchen Bedingungen sich der Koevolutionszusammenhang Kapital und Lebenswelt verändert. Für den New Deal und die Entstehung des Wohlfahrtskapitalismus ist das einigermaßen analysiert (ich spreche lieber von Teilhabekapitalismus, weil sein Prinzip in der etwa gleichen Verteilung der Resultate des Produktivitätsfortschrittes zwischen Kapital und Arbeit besteht; Busch/Land 2009).

Der Teilhabekapitalismus entstand als Ausweg aus einer existenziellen Krise der Kapitalverwertung. Der 1. Weltkrieg und die Weltwirtschaftsdepression seit 1929 zeigten die Erschöpfung des Evolutionspotenzials des Kapitalismus der äußeren Landnahme (Luxemburg 1913). Die tiefe Krise der 1930er Jahre führte zu sozialen und politischen Kämpfen und induzierte eine Vielzahl von Suchprozessen nach neuen Ressourcen und veränderten institutionellen Arrangements. Daraus ergaben sich verschiedene Transformationsversuche. Für neue institutionelle Arrangements und Entwicklungspfade stehen insbesondere das nationalsozialistische Deutschland (Lauermann 1998), Sowjet-Russland (vgl. Land 1996) und die USA (für alle drei vgl. Gramsci, Gefängnishefte). Dabei erweist sich nur der amerikanische New Deal als eine längerfristig (etwa 50 Jahre) tragfähige Lösung, die weltweit einen neuen Entwicklungsschub auslöste. Er führte zu einem anderen Arrangement des Verhältnisses von Kapital und Lohnarbeit sowie von Wirtschaft und Staat.

Entscheidend war die Kombination der fordistischen Massenproduktion mit der produktivitätsorientierten Lohnentwicklung, weil sie mit der so genannten inneren Landnahme ein neues Reservoir für Innovationen öffnete. Der Zusammenhang von Massenproduktion und Massenkonsum und damit die Koevolution von Kapitalverwertung und Lebensweise (vor allem der abhängig Beschäftigten) ist für dieses Regime konstitutiv. Offensichtlich funktioniert solch ein Kapitalismus nur, wenn und solange es halbwegs ausgewogene Kräfteverhältnisse zwischen Kapital und Lohnarbeit gibt, nämlich bis in die 1970er Jahre. Aus der Analyse dieser Entwicklungen ziehe ich die Schlussfolgerung, dass die sozioökonomischen Kräfteverhältnisse und die kulturellen Kontexte erklären, zu welche konkreten Entwicklungsrichtungen eine Kapitalverwertungsökonomie führt.

Der fordistische Teilhabekapitalismus geriet in den 1970er Jahren in eine existenzielle Krise, die durch die neoliberalen Bewältigungsstrategien verlängert und verschlimmert wurde. Fundamentale Ursache des Niedergangs scheinen die negativen Skaleneffekte der hinter der Entwicklung der Arbeitsproduktivität zurückbleibenden Ressourceneffizienz (Busch/Land 2009) zu sein. Hinzu kommen modifizierende Faktoren: die Suspendierung der produktivitätsorientierten Lohnentwicklung, der Wettbewerbsstaat als Welthandelsregime, die Finanzmarktliberalisierung. Kann die Grenze des Teilhabekapitalismus durch ein neues Regime wirtschaftlicher Entwicklung überwunden werden? Nur wenn nicht mehr die Arbeitsproduktivität, sondern die Ressourceneffizienz zur entscheidenden Quelle wirtschaftlicher Entwicklung würde.

Dies setzt soziale Kämpfe voraus, in deren Ergebnis eine Transformation der Kapitalverwertung in einen Ökokapitalismus erfolgt, und zwar in einen sozialen Ökokapitalismus! Das seit den 1980er Jahren suspendierte Prinzip des Teilhabekapitalismus – wachsende Einkommen für wachsenden Massenkonsum – kann nicht in der alten Form wiederhergestellt werden, es gibt keine Rückkehr zum fordistischen Wohlfahrtskapitalismus. Keinesfalls aber kann das Prinzip der Teilhabe selbst zurückgenommen werden. Die neuen sozialen Bewegungen, die Frauen-, Ökologie-, Friedensbewegung, die Globalisierungskritiker, ohne die keine ökologische Modernisierung erkämpft würde, können nicht von der Teilhabe an einem neuen und inhaltlich veränderten Reichtum ausgeschlossen werden – sie werden es sein, die in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen erst noch definieren, worin dieser neue Inhalt von Reichtum individueller Entwicklung bestehen könnte. Was aber bedeutet Teilhabe unter den Bedingungen ökologischer Modernisierung? Dies ist heute die wichtigste Frage an die sozialistische Bewegung. Ohne neue Antworten ist kein Entwicklungspfad denkbar, der die neoliberale Krisenstrategie überwinden könnte.

Ein neues, die Krise überwindendes Regime der Kapitalverwertung jenseits der fordistischen Massenkonsumtion muss sowohl mit der ökologischen Modernisierung als auch mit der Bewältigung der globalen Unterentwicklung vereinbar sein. Zugleich muss es progressive Entwicklung der Lebenswelten der Individuen ermöglichen, steigende Einkommen eingeschlossen. Selbstbeschränkung und Askese sind keine Antwort. Die Schwellenländer und der globale Süden insgesamt stehen vor der Herausforderung, für ihre nachholende Industrieentwicklung von vornherein einen ressourceneffizienten und umweltkompatiblen Pfad zu finden und zugleich die Teilhabe ihrer Bevölkerung über Arbeitsplätze, steigende Einkommen und bessere soziale Standards zu entwickeln. Dies müsste auch der Ausgangspunkt für das Engagement der globalisierungskritischen Bewegungen werden und eine neue Art der Kooperation begründen. Es hat keinen Zweck, die Neuverteilung der Emissionsrechte zu regeln, die nachholende Modernisierung aber auf den alten Pfaden laufen zu lassen und vor Kopien der westlichen Konsumkultur zu warnen, ohne an Alternativen zu arbeiten.

ENTWICKLUNG UND WACHSTUM

Profitabilität ist formal eine unhintergehbare Voraussetzung für Innovationen und Investitionen. Denn in einer auf Evolution basierenden modernen Gesellschaft wird es unter den Millionen laufend in Gang gesetzten Innovationsversuchen immer eine erkleckliche Zahl gescheiterter geben. Von 100 potenziellen Innovationen werden nur eine oder zwei langfristig wirksam.

Das bedeutet: Für jede einzelne Innovation muss gelten, dass sie mehr einbringen muss, als sie gekostet hat – deutlich mehr, weil nur dann die gesellschaftlichen Kosten der Entwicklung insgesamt gedeckt sind.3 Dies ist Bedingung jeglicher Evolution und hat mit Wachstumszwang nichts zu tun. Eine auf bloße Erhaltung, Selbstbeschränkung und die Vermeidung freier Überschüsse orientierte Produktion wäre zur Evolution unfähig. Zwar würden keine »überflüssigen« Produkte hergestellt, aber es könnten keine Innovationen realisiert werden, auch keine Effizienz steigernden. Jede auf Suffizienz im Sinne der Beschränkung auf das für die Erhaltung Notwendige und die Vermeidung unbestimmter freier Ressourcen orientierte Produktion würde schnell ineffizient und letztlich mehr Ressourcen verschwenden als eine evolvierende Wirtschaft. Man muss unterscheiden zwischen Verschwendung durch Ineffizienz und überflüssiger Produktion und disponiblen Ressourcen für Innovationen, für Suchprozesse, Experimente und eigenständige Kulturentwicklung.

Moderne Gesellschaften können nicht ohne Entwicklung bestehen, aber sie müssen nicht ständig wachsen. Entwicklung drückt sich oft in Wachstum aus, z.B. werden die Produktivität oder die Ressourceneffizienz wachsen. Bestimmte Branchen, Regionen oder Konsumbereiche wachsen, andere schrumpfen. Das Bruttoinlandsprodukt wird sich qualitativ verändern. Dies kann, muss aber nicht als Wachstum erscheinen, insbesondere dann nicht, wenn die Bevölkerung stagniert oder zurückgeht. Bei einer immer noch schnell wachsenden Weltbevölkerung wird das BIP weltweit auch quantitativ zunehmen müssen. Wichtiger ist aber, dass es sich dabei qualitativ verändert, etwa indem fossile durch regenerative Energie ersetzt wird, der Anteil von Bildungsleistungen am BIP steigt und der von Werbung, Drogen und Finanzberatungen zurückgeht.

KAPITALISMUS VERSUS SOZIALISMUS

In einer eher egalitären Gesellschaft mit Kopplungen (Koevolution) von Ökonomie und Lebenswelten, mit einer Kultur der demokratischen Mitbestimmung sind andere Entwicklungsrichtungen der Arbeitsweise, Produktionsmittel, Konsumgüter und Lebensweisen rentabler als in einer Klassengesellschaft. Nicht das formale Selektionskriterium G-G’ bestimmt die Entwicklungsrichtungen, sondern die konkreten gesellschaftlichen Kontexte. Was unterscheidet modernen Sozialismus von modernem Kapitalismus? Die grundlegende Maschinerie der Moderne, also die Apparate, mit denen Inventionen erzeugt, Innovationen versucht, verbreitet, rekombiniert und selektiert werden, ist im Prinzip die gleiche. Der Unterschied besteht in der Selektionsrichtung. Führt die Kapitalverwertung zu einer Selektionsrichtung, in der die Veränderung der Produktions- und Konsumtionsmittel und der Arbeits- und Lebensweisen dominant die Macht einer sozialen Gruppe über die andere verfestigt, Teile der Bevölkerung aus Karriere und Teilhabe am Fortschritt ausschließt, Abhängigkeit und soziale Ungleichheit vergrößert? Oder führen unternehmerisches Handeln, Investitionen und Kapitalverwertung zu einer Selektionsrichtung, bei der die Veränderung der Produktions- und Konsumtionsmittel, der Arbeit und der Lebenswelt, der Infrastruktur und der gesellschaftlichen Naturverhältnisse die Entwicklungsmöglichkeiten der Individuen vergrößert, und zwar im Prinzip die aller Individuen?4

Beide Richtungen wirtschaftlicher Entwicklung sind an die Voraussetzung der rentablen Verwertung der eingesetzten Ressourcen und der Profitabilität gebunden, aber ihre Richtung ist zu unterscheiden. Im 20. Jahrhundert haben wir es mit beiden Tendenzen zu tun und mit unterschiedlichen Mischungen. Ob die eine oder die andere Tendenz dominiert, ob Subsumtion oder Teilhabe der Individuen die Oberhand hatten, unterscheidet sich nach Raum und Zeit. Aus meiner Sicht ist Kapitalverwertung formal mit beiden Entwicklungsrichtungen vereinbar. Eine starke Abhängigkeit besteht hinsichtlich der Eigentums- und Einkommensverteilung, der Verteilung demokratischer Mitbestimmungs- und Entscheidungsmöglichkeiten und der Kräfteverhältnisse zwischen sozialen Gruppen und Interessenlagen. Nicht die Evolutionsmaschine, sondern die Kämpfe der Akteure entscheiden, in welche Richtung die Maschinerie der Moderne läuft. (Nur anhalten kann man sie nicht – aber sollte man das wollen?)

Diese Voraussetzungen angenommen, würde die Verwirklichung sozialistischer Ziele nicht von der Abschaffung des Kapitals abhängen und die Verstaatlichung der Banken oder der Großindustrie wäre keine Bedingung (auch wenn sie unter bestimmten Umständen ein probates Mittel sein kann, Kräfteverhältnisse zu verändern). Sie hängt ab von der Veränderung der Sozialstruktur, der Institutionen, der demokratischen Verfahren, der Kräfteverhältnisse und der Kultur. Sozialismus ist ein richtungsbestimmendes Regime fortschreitender wirtschaftlicher Entwicklung in einer Kapitalverwertungsökonomie; sein Fortschrittskriterium ist die freie Entwicklung der Individuen als Möglichkeit des endlosen Hinauswachsens der Fähigkeiten und Bedürfnisse über das jeweils Gegebene. Sozialismus ist wirklich, wenn die Entwicklung der Gesellschaft zugleich auch Entwicklung aller Individuen ist. Sozialismus ist ein möglicher Entwicklungsmodus der Moderne, aber kein zur Kapitalverwertung alternatives Gesellschaftsmodell.

Es geht nicht um Selbstregulation durch Märkte und nicht um Verzicht auf gesellschaftliche Regulation, sondern um eine gesellschaftlich eingebettete Kapitalverwertungswirtschaft: eingebettet in vielfältige basisnahe Organisationen der Bürger, die ihre Interessen selbst wahrnehmen und auch durch staatliche Gremien vertreten lassen. In einem modernen Sozialismus werden Kapitalverwertungswirtschaft und Staat so an die Lebenswelten und die politische Gesellschaft der Bürger gekoppelt, dass die Richtungen der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung stets auch die Räume für die freie und universelle Entwicklung der Individualität jedes einzelnen Menschen erweitern – ohne Staatseigentum an den Produktionsmitteln, ohne zentrale Planwirtschaft, ohne Parteienherrschaft, ohne Herrschaft der Machtapparate über die Bürger und ohne Dominanz der staatlichen Regulierung über eine politische und marktwirtschaftliche Selbstregulierung. Der Widerspruch zwischen Kapitalismus, dem Prinzip der Selbstreferenz moderner Wirtschaftsentwicklung, und Sozialismus, so man darunter das Prinzip der freien und universellen Entwicklung der Individuen versteht, ist unaufhebbar und muss immer wieder neu ausgefochten und austariert werden. Eine Koevolution ohne Dominanz oder Subsumtion ist zumindest theoretisch vorstellbar.

 

LITERATUR

Brie, André, 1993: Die Verhältnisse tanzen lassen. Das Forschungsprojekt »Moderner Sozialismus« an der Humboldt-Universität zu Berlin 1988/89, in: Z 16, 45–53
Busch, Ulrich, und Rainer Land, 2009: Deutschland zwischen 1950 und 2009 – Wirtschaftsentwicklung und Teilhabe, www.rainer-land-online.de
Crome, Erhard, Lutz Kirschner, und Rainer Land, 1999: Der SED-Reformdiskurs der achtziger Jahre. www.rosalux.de/cms/index.php?id=18682&0=
Gramsci, Antonio: Gefängnishefte, Hamburg 1991 ff.
Kirschner, Lutz, 2000: Konzepte gegen die Dogmatik. Ein neues Archiv zum SED-Reformdiskurs der achtziger Jahre, in: Deutschland Archiv 33, 251–258
Land, Rainer (Hg.), 1990: Das Umbaupapier. Argumente gegen die Wiedervereinigung, Berlin
Ders., 1996: Staatssozialismus und Stalinismus, in: Lothar Bisky, Jochen Czerny, Hernert Mayer, Michael Schumann: Die PDS – Herkunft und Selbstverständnis, Berlin
Ders., 1999: Moderner Sozialismus versus Neoliberalismus. Ein Blick zurück in die Zukunft, in: Das Argument 233, 6, 811–26
Ders., 2009: Schumpeter und der New Deal, in: Berliner Debatte Initial 20, 49–61
Ders., 2010: Eine demokratische DDR? Das Projekt »Moderner Sozialismus«, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 11/2010, »DDR 1990«, www.bpb.de/apuz
Lauermann, Manfred, 1998: Das Soziale im Nationalsozialismus, in: Berliner Debatte Initial 9, 35–52
Luhmann, Niklas, 1992: Beobachtungen der Moderne, Opladen Ders., 1998: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt/M
Luxemburg, Rosa, 1913: Die Akkumulation des Kapitals, in: Gesammelte Werke, Bd. 5, Berlin
Schumpeter, Joseph A., 1911: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, Berlin 2006
Segert, Dieter, 2008: Das 41. Jahr. Eine andere Geschichte der DDR, Wien, Köln, Weimar

Anmerkungen

1 Eine Sammlung von Texten, die Anfang 1989 entstanden und im Herbst verbreitet und ergänzt worden sind. Kern war eine »Studie zur Gesellschaftsstrategie«, ursprünglich für die Selbstverständigung und Diskussion an der Humboldt-Universität geschrieben. Autoren waren Michael Brie, Rainer Land, Dieter Segert, Rosemarie Will sowie André Brie, Hannelore Petsch, Wilfried Ettl und Wolfram Wallraf.
2 Diese Erkenntnis verdanke ich meinem Lehrer Prof. Hans Wagner, dessen Stelle an der HU Berlin 1992 abgewickelt wurde.
3 Zudem muss es einen beträchtlichen Teil von Entwicklungen geben, die außerwirtschaftliche Effekte haben, aber wirtschaftliche Kosten verursachen. Ohne das Kriterium der Produktivitätssteigerung und die Forderung, dass eine wirtschaftliche Innovation ihr Kapital verwerten und einen Überschuss einbringen soll, gäbe es keine Ressourcen für Entwicklungen, die außerhalb der Wirtschaft bereit stehen.
4 Dieses Kriterium qualifiziert die Politik der vergangenen Jahrzehnte im Unterschied zu der des New Deals und der Nachkriegszeit als dominant antisozialistisch und unsozial: Der Versuch, die Wachstumsschwäche durch verstärkten Druck auf die Individuen und mehr soziale Ungleichheit statt durch die Entwicklung ihrer Ressourcen und Fähigkeiten zu überwinden. Dies gilt insbesondere für die mit der Agenda 2010 eingeschlagene Politikrichtung