| Kein Warten auf Godot

August 2015  Druckansicht    Druckansicht
Von Dieter Schlönvoigt

Plädoyer für eine linke politische Bildungspraxis

Estragon: Komm wir gehen!
Wladimir: Wir können nicht.
Estragon: Warum nicht?
Wladimir: Wir warten auf Godot.
Estragon: Ach ja.
(Warten auf Godot, Samuel Beckett)

Alle gesellschaftlichen Phänomene existieren, weil sie Menschen machen. Auch der Kapitalismus. Die Linke ist genauso Teil des Problems und hat kein Recht, die Dinge aus einer Mondperspektive abwartend zu betrachten. Der Kampf als Kritik, diskursive Intervention, Widerstand, Rebellion kann nur als Prozess der Selbstemanzipation, die Veränderung der Welt als schöpferischer Akt der Öffnung von Handlungsräumen und der Wiederaneignung der kollektiven Handlungsfähigkeit gedacht werden, eine andere Welt solidarisch mitgestalten zu können. Und das ist nicht als Aufführung eines Theaterstücks zu verstehen, dessen Skript unter dem Titel »Machtergreifung« längst in der Schublade der Geschichte fix und fertig vorliegt.

Entsprechend ist die Methode auch eine andere. Die traditionelle Rede eines weltlosen Wissenschaftsmenschen, der vor unseren Augen objektive Tatsachen analysiert, ist für diese Praxis eher ungeeignet. Jetzt geht es um die Fähigkeit der Akteure zur Reflexion der Bedingungen, Möglichkeiten und Ziele des eigenen Handelns, kurzum die Reflexion der rebellischen Subjektivität, eine Subjektivität, die nur wir selbst sein können (John Holloway). Das wäre für mich der Ansatz politischer Bildung. Ein Ansatz, der die Überzeugung nicht verloren hat – der Kapitalismus ist nicht das Ende der Geschichte und die Welt ist veränderbar, auch die kapitalistische. Jeder Widerstand, jede Kritik im Kapitalismus ist ein Angriff auf seine Dauerhaftigkeit. Politische Bildung ist für mich eben auch Verhinderungsarbeit, die Preisgabe der Hoffnung auf Änderbarkeit der Umstände, undenkbar zu machen.

Es gibt viel zu tun. Allerdings wage ich zu bezweifeln, dass das nach den alten edukativen Methoden funktioniert, »falsches Bewusstsein« durch ein vermeintlich »richtiges Bewusstsein« zu ersetzen. In diesem Zusammenhang sei an die machttheoretischen Konsequenzen der Leninschen Parteitheorie erinnert – im Zweifelsfall steht immer die Elite gegen die Massen, die Partei gegen die Bewegung, die Bewusstheit gegen die Spontaneität und die Wissenschaft gegen die Erfahrung.

In meinem Selbstverständnis geht es um eine politische Bildungspraxis, die auf die Selbstbefreiungspotenziale der Menschen setzt, die die Mechanistik des autoritären Lernens verneint, jegliche Reglementierung des Geisteslebens ablehnt, in der die geistig-intellektuelle Mündigkeit und Selbständigkeit des Einzelnen Bedingungen der tatsächlichen Entwicklung der Bewegung sind. Ihr Ziel ist das Fördern von gesellschaftskritischem politischen Bewusstsein, verstanden als ein Bewusstsein über die individuelle Eingebundenheit in ein allseitiges Weltverhältnis, welches die Gesellschaftlichkeit des Menschen stärkt und dazu beiträgt, als Subjekt personale Handlungsfä- higkeit im Sinne der bewusst vorsorgenden Verfügung über gesellschaftlich-individuelle Lebensbedingungen erlangen zu können. Das schließt für mich die Auseinandersetzung mit den eigenen historischen Fehlern ebenso ein wie die Infragestellung und Selbstüberprüfung der eigenen Bewegung. Ich denke, man ändert das Problem nicht dadurch, dass man die Frage ändert oder historische Tatsachen umdeutet.

Die Auseinandersetzung mit den eigenen historischen Fehlern bedeutet zugleich auch das kritische Befragen der Bildungsgeschichte der Arbeiterbewegung. Ist mit der Niederlage des Sozialismus nicht auch eine Hauptlinie der marxistischen Arbeiterbildung untergegangen, nämlich die der von oben verkündeten Verflechtung von Bildung und Macht als Strategie zur Erlangung politisch-kultureller Hegemonie? Peter Weiss sieht in Ästhetik des Widerstands, die für mich auch als eine Geschichte der Arbeiterbildung angelegt ist, gerade darin eine Ursache für die Niederlage der organisierten Arbeiterbewegung im Faschismus. Gilt das nicht auch für den Zusammenbruch des Sozialismus? In den Notizbüchern hält Weiss für den Schlussabschnitt des Romans fest: »Linie Luxemburg-Gramsci – Voraussetzung: Aufklärung der historischen Fehler – die lebendige kritische Wissenschaft, Ablehnung jeder Illusionsbildungen, Idealismen, Mystifikationen«. Diese Linie der Kritiker einer »atavistischen Bevormundung« (Weiss) wäre zu verlängern mit Persönlichkeiten wie August Thalheimer, Walter Benjamin, Ernst Bloch, Karl Korsch, Bertolt Brecht, Augusto Boal oder Paulo Freire. Was mit dieser Kritik am traditionellen Bildungsverständnis der Arbeiterbildung gemeint ist, lässt Peter Weiss in Ästhetik des Widerstands den Bremer Arbeiter Münzer so sagen: »Wenn ich versuche, mir klarzuwerden über meine Stellung in der Arbeiterbewegung, so ist es, als müsse ich mich rauswühlen, rauskratzen aus einer Masse von Schutt, die uns zudeckt. Unsere Organisationen sind wie Erdschichten, die abgehoben werden müssen, damit wir uns selbst finden können«.