| Interview: »Die letzte Haltestelle vor dem Atheismus«

September 2014
Mit Recep İhsan Eliaçık

Herr Eliaçık, auf einer Konferenz der RLS-NRW und des Menschenrechtsvereins TÜDAY 2013 sprachen Sie von vier symbolischen Figuren der Gezipark-Proteste in der Türkei.

Gezi war ein Traum, keine Fiktion. Ein Traum, der 19 Tage währte. Ein Traum, von dem viele sich wünschen, er wäre in der gesamten Türkei verwirklicht. Eine erste Figur sind die Bäume mit denen alles begann. Die Menschen wollten das Grün und den Park verteidigen. Hier spiegeln sich Umweltschutz und der Sinn für Ökologie wider. Die zweite Figur ist das Zelt: Zahlreiche v.a. junge Menschen kamen in den Park, übernachteten dort und eröffneten ihre Informationsstände. Das allein ist bemerkenswert: Derart unterschiedliche Gruppen standen friedlich zusammen. Wir hatten z.B. gleich neben dem Zelt der LGBT*-Initiativen unser Gebetsraum-Zelt.

Lesben, Schwule, Queers und Religiöse dicht an dicht?

Ja. In unserer Nähe standen auch KurdInnen, die mit Öcalan-Fahnen tanzten, während auf der anderen Seite die kemalistische Jugendorganisation türkische Fahnen und Atatürk-Poster aufhängte. Die Fußballfans hatten gegenüber vor den Zelten der feministischen Kollektive ihre Zelte aufgestellt. Man konnte verfolgen, wie die Feministinnen die Fußballfans überzeugten, keine sexistischen Slogans mehr zu brüllen. Die Gezipark-BewohnerInnen regulierten selbständig das Leben im Park. Das Zeltlager zeigt uns, wie die Menschen ihre Freiheiten auskosten konnten, ohne die anderen einzuschränken. Hier sehe ich die Verwirklichung von Freiheit und Respekt ohne Autoritäten und Hierarchien. Das ist die Bedeutung der zweiten Gezi-Figur.

Es waren vier an der Zahl…

Die dritte Figur sind die Solidaritätsstände. Es gab 18 solcher Stände in und um den Park. Dort legten die Menschen alles hin, was sie selbst nicht brauchten. Wer etwas benötigte, konnte es sich abholen, ohne zu zahlen. Den ParkbewohnerInnen konnten so einige ihrer Grundbedürfnisse kostenlos befriedigen. Der antikapitalistische Geist, der Solidaritätsgedanke und die Idee sozialer Gerechtigkeit sind in der dritten Gezi-Figur symbolisiert. Die farbenfrohe Vielfalt der Fahnen, Poster und Transparente auf dem Atatürk-Kulturzentrum am Taksim-Platz bildet die vierte Figur. Sie symbolisiert den Pluralismus der Gezi-Proteste. Jeder und Jede hatte etwas zu sagen und sollte dies auch ungehindert tun können.

Wer sind die Menschen, die geträumt haben?

Eine enorme Zahl ganz unterschiedlicher Leute, darunter viele neue Gesichter: UmweltschützerInnen, besonders prominent hier z.B. die Gruppe »Our Commons«[1], AktivistInnen gegen innerstädtische Verdrängung, Wasserkraft-GegnerInnen, Studierende, aber auch die Fangruppen der drei großen Fußballclubs Beşiktaş, Fenerbahçe und Galatasaray – alle waren dort. Während des Eid-ul-Fitr (Mohammeds Himmelfahrt) auf dem Taksim-Platz kamen 500 Beşiktaş-Fans und beteten mit uns. Daneben waren auch politische Organisationen älteren Typs anwesend: linke Splittergruppen, die kemalistische Republikanische Volkspartei (CHP), kurdische Organisationen und vor allem die linkskurdische Partei für Frieden und Demokratie (BDP). Eine wundervolle Vielfalt. Um diesen Traum Wirklichkeit werden lassen, müssen die Menschen daran glauben und dann in eine gesellschaftliche Realität transformieren, oder besser gesagt, dafür kämpfen.

Wer sind die Antikapitalistischen Muslime?

Als Gruppe sind sie relativ jung. AktivistInnen kritisierten 2011 während des Fastenmonats das in Luxushotels arrangierte Fastenbrechen (İftar) öffentlichkeitswirksam mit einem »Straßen-İftar für Alle«. Am 1. Mai 2012 schlossen sie sich nach einem »Gebet für die Rechte der Arbeiter« den 1. Mai-Kundgebungen in Istanbul an. Seit ihrer Beteiligung an den Gezi-Protesten 2013 werden die »antikapitalistischen Muslime« und ich selbst von der AKP als Regierungsfeinde bezeichnet. Die Grundlage des Engagements waren meine Schriften. Doch von den jungen Muslimen kommen neue Texte, die das Bestehende weiterentwickeln. Ihr Manifest[2] etwa hat viel Beachtung gefunden. Ich habe da keine Führungsposition inne, weder in einem Verein noch in der Bewegung. Zurzeit ist die Gruppe in einer intensiven Diskussionsphase und wird ihren Weg selbst finden.

Ihr wart während der Gezi-Proteste medial sehr präsent.

An den Freitagsgebeten auf dem Taksim-Platz nahmen immer rund hundert Leute teil. Siebzig bis achtzig AktivistInnen der antikapitalistischen Muslime waren jeden Tag im Park. Mit dem Eid-ul-Fitr, den Freitagsgebeten und dem »Allerwelt-Fastenbrechen« hatten sie eine spirituelle Mission. Die Ausstrahlung von Bildern aus dem Gezi-Park, auf denen religiösen Aktivitäten mit Respekt begegnet wurde, hat die Regierung – aufgrund ihrer eigenen Wurzeln im politischen Islam – sehr verstört.

Habt ihr zu anderen Protestgruppen Kontakte aufgenommen?

Ja, wir haben zahlreiche Gruppen kennengelernt und arbeiten mit manchen zusammen. Und die Gezi-Begegnungen gehen weiter. Es finden Foren und Diskussionsveranstaltungen statt, und wir werden zu Veranstaltungen eingeladen, landesweit. Wir arbeiten in den Koordinationsräten der Foren und in der Plattform »Taksim-Solidarität« mit. Wir sind in einem Prozess des gegenseitigen Kennenlernens. Hier entstehen kulturelle Wechselwirkungen, die uns alle viel Neues lehren.

Wir haben zum Beispiel zwischen den SozialistInnen und religiösen Kreisen eine Art Brückenfunktion übernommen. Zwar sind wir für manche zu links, für andere zu religiös. Doch wir decken ein vorhandenes Bedürfnis ab. In religiösen Kreisen gibt es Menschen, bspw. AbsolventInnen der Religionsgymnasien oder an den theologischen Fakultäten, die insgeheim linke Liedermacher hören. Dies können sie aber weder in ihren Familien noch in der religiösen Gemeinschaft erzählen. Durch uns kommen sie aus ihrer Isolation heraus und können sich ›bekennen‹. Wir geben ihnen eine öffentliche Stimme. Und umgekehrt gibt es natürlich gläubige Linke. Die würden z.B. am Freitagsgebet teilnehmen, haben aber Angst, von ihren KameradInnen kritisiert oder bloßgestellt zu werden. Wir geben ihnen den Mut, links und religiös zugleich sein zu können.

In der Öffentlichkeit haben die antikapitalistischen Muslime überwiegend ein männliches Gesicht. Wollen Frauen nicht bei euch mitmachen?

Im Gegenteil. Überall, wo ich hingehe, kommen Aktivistinnen mit, auch in die Fernsehsendungen. Wir verfügen über ein Kulturhaus, in dem hauptsächlich Frauen tätig sind. Auch im SprecherInnenkreis sind Frauen vertreten. Sie beteiligen sich an Demonstrationen und geben gemeinsam und gleichberechtigt mit den männlichen Mitgliedern Pressekonferenzen. Dennoch müssen wir noch einiges tun, es gibt noch viele Vorurteile. Einige Fromme reagieren skeptisch bis ablehnend. Während des Eid-ul-Fitr hat eine Aktivistin aus dem Koran vorgelesen. Religiöse Organisationen haben das kritisiert. Doch warum sollte eine Frau das nicht tun, wo sie in unserem Fall auch noch Arabisch-Lehrerin ist?

Mit welchen Gruppen klappt die Zusammenarbeit denn gut?

Wir haben zu feministischen Gruppen Kontakte aufgebaut, weil wir sie in ihrem Kampf gegen männliche Dominanz und für Gleichberechtigung unterstützen. Genauso unterstützen wir die LGBT*-Initiativen. Die sexuelle Orientierung eines Menschen ist seine Privatsache, daran gibt es nichts Schamhaftes. Wo sie Unrecht erfahren, müssen wir uns mit ihnen solidarisieren.

Eine recht außergewöhnliche Position unter religiösen Gruppen in der Türkei…

Allerdings. Die frommen Eiferer mögen uns nicht. Auch weil ich in einer Fernsehsendung gesagt habe, wir seien die letzte Haltestelle vor dem Atheismus. Denn ein kluger Muslim kann das, was als Religion präsentiert wird, nicht glauben. Er würde beginnen, alles zu hinterfragen. Und wenn diese Person keine ausreichenden Antworten bekommt, müsste sie eigentlich Atheist werden.

Sie rufen als Theologe die Menschen dazu auf, Atheisten zu werden?

Ich rufe die Menschen dazu auf, kluge Muslime zu werden. Ein solcher kann nicht alle Hadithe[3], von denen viele erfunden sind, glauben. Ich rufe die Menschen dazu auf, ihre Würde, ihre Persönlichkeit, die Vielfalt ihres Landes zu verteidigen. Das ist meine Mission.

Der türkische Kapitalismus kann mit der Religion aber gut leben, die AKP macht viel Politik im Namen des Islam. Warum stoßen Ihre Äußerungen auf Kritik?

Mein Problem sind nicht die ›durchschnittlichen‹ Frommen, sondern die religiösen Organisationen und Gemeinschaften. Der Lebensmittelhändler, der Änderungsschneider oder die abhängig Beschäftigte verstehen mich gut. Ich erläutere ihnen die Religion in verständlicher Sprache, nicht in der Sprache der Eiferer. Ich sage ihnen, dass sie nicht gezwungen sind, fünfmal am Tag zu beten, ein oder zweimal reichen völlig aus. Es macht auch nichts, wenn sie ein bisschen Alkohol zu sich nehmen oder wenn die Haare der Frau zu sehen sind. Deshalb werdet ihr nicht in der Hölle schmoren. Wichtig ist, ob ihr jemanden ausbeutet oder nicht. Das verstehen die einfachen Menschen. Für die Religionseiferer ist die Ausbeutung nicht wichtig. Sie schauen nur darauf, ob du betest oder nicht. Sie sind natürlich empört, wenn ich die Menschen danach frage, was die Religion, der Glaube ihm oder ihr gibt.

Wofür brauchen wir dann überhaupt die Religion?

Wir streben nach gesellschaftlicher Befreiung. Und wir vertreten einen klaren Klassenstandpunkt. Diese Perspektive ist im Koran verankert. Das habe ich versucht, in meiner kommentierten Koranübersetzung anhand der jeweiligen Verse zu belegen. Bspw. steht in der Meryem-Sure: »Schaut euch diesen reichen Menschen an. Leben sie besser als ihr? Wird Allah ihnen ins Gesicht lächeln oder euch?« Hier wird Klassenanalyse betrieben. Wenn wir uns die Menschen um den Propheten anschauen, sehen wir arme Menschen und befreite Sklaven.

Immer wieder begegne ich Reaktionen wie »aber der Prophet hat auch Handel betrieben« oder »Abraham war doch auch reich«. Natürlich hat Mohammed, bevor er Prophet wurde, Handel betrieben. Doch Handelbetreiben muss nicht unbedingt ausbeuterisch sein. Wenn Sie mich fragen, sind Mieteinnahmen Ausbeutung, gerechte Entlohnung nicht. Warum soll es nicht möglich sein, gerechten Lohn zu zahlen und ohne Profit zu wirtschaften?

Vielleicht weil Religion auch dazu beiträgt, Ungerechtigkeiten und das irdische Schicksal leichter zu ertragen?

Genau das erzähle ich einem frommen Muslim, der die Menschen in Gläubige und Ungläubige unterteilt. Ich sage ihm, lass das sein. Dieser Mensch hat dich ausgebeutet und ist damit reich geworden. Er antwortet mir: Aber das ist Schicksal. Er wird in Reichtum geprüft, ich in Armut. Allah will es so. Dann antworte ich ihm, dass es ein solches Schicksal nicht gibt. Im Gegenteil, im Koran steht: »Wir haben ihr Schicksal in ihre Hände gelegt«. Solange du dir dessen nicht bewusst bist und deine Rechte nicht einforderst, ist der Ausbeuter reich und du arm. Ich versuche zu erklären, wo im Koran etwas über das ›Schicksal‹ geschrieben steht. Ich möchte, dass der Mensch sich seiner Klasse bewusst wird.

Und dann?

Es geht auch darum, Eigentums- und Verteilungsfragen zu stellen. Die Aussage aus dem Koran, »das Eigentum gehört Allah« steht dem kommunistischen Gedanken sehr nahe. Zu sagen, dass das Eigentum einer nicht sichtbaren Kraft gehört, bedeutet im Grunde, dass die ›Sichtbaren‹ kein Eigentum besitzen sollten bzw. alles der Allgemeinheit gehört. In einem anderen Koran-Vers steht »Wir haben auf der Erde alle notwendigen Quellen geschaffen, damit die Menschen es untereinander zu gleichen Teilen bekommen sollen«. Oder im 25. Vers der Meala-Sure: »Die Armen haben Rechte auf die Waren der Reichen«. Im Koran gibt es eine ganze Menge solcher Verse.

Bestimmte Strömungen im politischen Islam legen die Religion ganz anders aus…

Da der Koran ein starrer Text ist, der vor ca. 1 400 Jahren geschrieben wurde, versuchen die Menschen, diesen Text nach ihren kulturellen Prägungen und ihrem eigenen Verständnis zu begreifen. Das kann auf autoritäre, gewaltförmige, gar totalitäre Weise, aber auch in freiheitlicher Absicht geschehen. Koran-Verse und religiöse Referenzen können genutzt werden, um gesellschaftliche Vorstellungen und politische Interessen zu verteidigen. Zum Beispiel mit Blick auf das Verständnis von Dschihad: Statt ihn als Mittel der Muslimisierung zu deuten, sollte man sich die Stellen genau anschauen, an denen im Koran von Dschihad gesprochen wird. Dort geht es um Freiheit und Gerechtigkeit. Muslime sind verpflichtet, sich der Unterdrückung zu widersetzen. Das ist unser Verständnis von Dschihad.

Das Interview führten Murat Çakır, Kadriye Karci und Anne Steckner.

 


[3] Im islamisch-religiösen Gebrauch bezeichnet der Begriff die Überlieferungen über den Propheten Mohammed: über seine Anweisungen, nachahmenswerte Handlungen, Billigungen von Handlungen Dritter, Empfehlungen, Verbote und religiös-moralische Warnungen, die im Koran als solche nicht enthalten sind. Die Summe dieser Überlieferungen mit ihrem normativen Charakter bildet die Sunna des Propheten und ist somit Teil der religiösen Gesetze im Islam; die Sunna ist nach dem Koran die zweite Quelle der islamischen Jurisprudenz.