| Gehört das 21. Jahrhundert der Mittelklasse?

Dezember 2013  Druckansicht    Druckansicht
Diskussion mit Göran Therborn, Lothar Peter, Ingrid Kurz-Scherf Nicole Mayer-Ahuja Michael Vester

Göran Therborn

Gehört das 21. Jahrhundert der Mittelklasse?

Sicher gibt es eine Reihe von plausiblen Etiketten, die sich an das 20. Jahrhundert anheften lassen. In den Begriffen der Sozialgeschichte aber war es klar das Zeitalter der Arbeiterklasse. Erstmals wurden die eigentumslosen ArbeiterInnen eine große und nachhaltige politische Kraft. Das 20. Jahrhundert wurde – als Resultat von Kämpfen der Arbeiterklasse – zu einer Zeit der Angleichung der Klassen innerhalb der Nationen. Im 21. Jahrhundert jedoch konvergieren die Nationen, während die Klassen divergieren – eine historische Umkehr nicht nur in der Geopolitik, sondern auch in Bezug auf die Ungleichheit: Wir sehen seit den 1990ern eine Rückkehr der Klasse als mächtiger Determinante von Ungleichheit. Klasse und Klassenkonflikt werden sich im 21. Jahrhundert in zwei neuen Konfigurationen entwickeln die beide überwiegend nichteuropäisch sind und deren Schwerpunkte südlich von Natoland liegen. Die eine ist wahrscheinlich von den Hoffnungen und Verärgerungen der Mittelklasse getrieben. Die andere wird ihre Basis unter den Arbeitern und den Volksklassen in all ihrer Verschiedenheit finden – den Plebejern also, weniger dem Proletariat. Die erste Konzeption charakterisiert das 21. Jahrhundert als Jahrhundert der globalen Mittelklasse. Die ArbeiterInnen des letzten Jahrhunderts werden hier aus dem Gedächtnis gelöscht, das Projekt der vom Proletariat angeführten universellen Emanzipation wird ersetzt durch den universellen Anspruch, zur Mittelklasse zu werden. So wünschte sich Dilma Rousseff, die einstige Guerillera und Nachfolgerin von Präsident Lula, »Brasilien in eine Mittelklassenbevölkerung zu transformieren«. In einer Welt, in der die Modernität der Arbeiterklasse und des Sozialismus für obsolet erklärt wurden, ist hier die Mittelklassengesellschaft das Symbol einer alternativen Zukunft geworden. In ihrem Mittelpunkt steht ein Traum des grenzenlosen Konsums, einer Mittelklasse, die von der Erde Besitz nimmt, Autos, Häuser und eine grenzenlose Vielfalt elektronischer Waren kauft und die globale Tourismusindustrie in Gang hält. Der Konsum der Mittelklasse hat den großen Vorteil, den Privilegien der Reichen entgegenzukommen und zugleich einen Wunschtraum für die Volksklassen zu liefern. Die dunkle Seite dieses Traumes ist sein Anspruch auf Exklusivität: Menschen, die weder zur Mittelklasse noch zu den Reichen gehören, haben keine vergleichbaren Ressourcen aufzubieten. Sie sind losers oder underclass.

Ein zweites Szenario sieht eine Konfrontation zwischen den Reichen und dem Rest voraus, in dem die Mittelklasse eine wichtige Rolle spielt – in Kairo und Tunis, in Thailand, Barcelona oder Madrid.

Die Zeit, in der die Arbeiterklasse als die Zukunft der gesellschaftlichen Entwicklung angesehen wurde, scheint erst gestern gewesen zu sein – aber ihre Rückkehr ist unwahrscheinlich. Die entwickelten Ökonomien wurden deindustrialisiert und ihre Arbeiterklassen gespalten, geschlagen und demoralisiert. Der Stab der Industrie ist an China weitergegeben worden – und dort ist eine neue Runde des sozialen Konflikts über die Verteilung des Reichtums nicht ausgeschlossen. Die Entstehung einer machtvollen, auf dem dortigen Proletariat basierten Bewegung würde in der ganzen sich entwickelnden Welt einen außerordentlichen Einfluss haben – aber ist sie wahrscheinlich? Anderswo sind politische Umwälzungen noch unwahrscheinlicher. Ein Vormarsch der Arbeiterklasse im klassischen Sinn ist in der Welt von heute nicht denkbar, aber wir können Fortschritte auf den verschiedensten Fronten erkennen – schließlich wird die Expansion des Kapitalismus und das Wachstum seiner Ungleichheiten die Arbeiterklasse auf der Agenda der Politik des 21. Jahrhunderts halten.

Für die kommenden Jahrzehnte zeigen sich vier plausible Klassenperspektiven: ein globalisierter Mittelklassenkonsumismus; die politische Rebellion der Mittelklasse; industrieller Klassenkampf und schließlich eine heterogene Mobilisierung der Volksklassen. Der soziale Charakter des neuen Jahrhunderts wird sich noch ausbilden müssen, aber Klassen werden mit Sicherheit eine äußerst wichtige Rolle spielen. Die klassischen Anliegen der Linken – kapitalistische Ausbeutung und Imperialismus, repressive Geschlechterhierarchien oder ethnische Ungleichheit – gelten auch in dem neuen Jahrhundert. Der Kampf wird weitergehen: Das ist sicher. Aber wer wird ihn prägen: die neue Mittelklasse oder die popularen Massen?

Der Artikel ist in Auszügen entnommen aus Class in the 21st Century, erschienen im New Left Review 78/2012, 5–29. Aus dem Englischen von Rainer Rilling.

 

Nicole Mayer-Ahuja

Welche Mittelklasse?

Der angelsächsische Begriff middle class wird im Deutschen eher mit »Mittelschicht« als mit »Mittelklasse« übersetzt. Sein Charme liegt in den vielfältigen (und angenehmen) Assoziationen, die er weckt, nicht aber in seiner analytischen Schärfe. Was soll die middle class, die angeblich Ende des 20. Jahrhunderts das Zepter gesamtgesellschaftlicher Prägekraft von der working class übernommen hat, von ihrer Vorgängerin unterscheiden? Für Therborn besteht die working class aus IndustriearbeiterInnen, die middle class aus Angestellten und Freiberuflern im Dienstleistungssektor; verbunden ist die working class durch ihre Stellung im Produktionsprozess, die middle class hingegen durch ihre globalisierten und tendenziell grenzenlosen Konsumstandards. Übersetzt man nun working class ins Deutsche, so hat man die Wahl zwischen »Arbeiterklasse« und »arbeitende Klasse«. Bei der zweiten Variante geht es um diejenigen Menschen, die zur Sicherung ihres Lebensunterhalts auf den Verkauf der eigenen Arbeitskraft angewiesen sind. Diese Gruppe umfasst abhängig Beschäftigte in Industrie- wie Dienstleistungssektor. Seit etwa 1950 wurden die Unterschiede zwischen ArbeiterInnen und Angestellten (im Hinblick auf Einkommen, soziale Absicherung und Tätigkeitsprofile) schrittweise reduziert. Wenn es nun aber nicht die sektorale Zugehörigkeit ist, die working class und middle class trennt, bleibt der Verweis auf unterschiedliche Konsumstandards. Tatsächlich entfalteten Begriffe wie »Mittelschicht« oder »Mittelstand« ihre größte Anziehungskraft in den prosperierenden Nachkriegsjahrzehnten, als ein wachsender Teil der Bevölkerung die neue Erfahrung machte, selbst als ArbeiterInnen und kleine Angestellte immer mehr konsumieren zu können – und sich somit als Teil einer wachsenden Mittelschicht fühlte. Trotz weiter bestehender Klassenunterschiede war das ideologische Konstrukt einer »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« (Schelsky 1956) daher überzeugend. Der Begriff »Mittelklasse« ist vor diesem Hintergrund doppelt problematisch: Er ist für die empirische Gegenwartsanalyse ungeeignet und steht in dieser Tradition der ideologischen Rechtfertigung des Kapitalismus durch Verweis auf seine integrativen Potenziale. Zugleich ist er Teil einer übergreifenden Tendenz, Arbeit zu dethematisieren. Zwar gibt es weiter eine eindeutig identifizierbare »arbeitende Klasse«, doch werden die betreffenden Menschen eher als KonsumentInnen, kreative Geister, Lifestyle-OptimiererInnen oder eben als »Mittelklasse« adressiert. Dies lenkt von den Herrschaftsverhältnissen in der Arbeitswelt ab.

Wem also »gehört« das 21. Jahrhundert? Wer sind die heutigen Akteure sozialer Veränderung? Zwischen 1950 und 1980 spielte die working class hier eine dominante Rolle, denn die organisierte Arbeiter- und auch Angestelltenschaft speziell im öffentlichen Sektor setzte emanzipatorische Fortschritte durch. Allerdings wurde dies dadurch erleichtert, dass es ein gemeinsames Interesse von Arbeit, Staat und Kapital an einer »Humanisierung der Arbeitswelt« gab. Dieser zeitweilige Kompromiss ist aufgekündigt. Will man wissen, wem das 21. Jahrhundert »gehört«, wird man folglich aktuelle Akteurs-, Interessen- und Kräftekonstellationen analysieren müssen, statt (wie heute üblich) auf anonyme Kräfte (wie Märkte, Globalisierung oder Finanzialisierung) zu verweisen.

Für Therborn wurde sozialer Fortschritt im 20. Jahrhundert vor allem von der Industriearbeiterschaft der kapitalistischen Zentren erkämpft – im 21. Jahrhundert ziehe diese Funktion zusammen mit den Schloten der großen Industrie weiter nach Lateinamerika oder China, während die »Mittelklasse« immer globaleren Konsumstandards huldige, aber politisch beliebig geworden sei. Freilich wurde etwa die Etablierung rechtlich abgesicherter, dauerhafter Lohnarbeit mit existenzsichernder Vergütung und kollektiver Interessenvertretung zwar im nationalstaatlichen Kontext und vor allem in den Zentren erkämpft – doch Normen von Arbeitsregulierung strahlen durchaus auf andere Weltregionen aus. Daher weisen etwa Regulierungsstandards im indischen öffentlichen Sektor erstaunliche formale Ähnlichkeit zum bundesdeutschen »Normalarbeitsverhältnis« auf – und umgekehrt führt die direkte Konkurrenz mit Arbeitenden in Weltregionen, in denen derlei Regulierungen nicht oder schon nicht mehr gelten, zur Senkung sozialer Standards in den Zentren. Somit können wir den sozialen Fortschritt schwerlich an plebejische Massen in Lateinamerika oder chinesische IndustriearbeiterInnen delegieren. Zum anderen lohnt es sich zu fragen, wie sich die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen, die unter »Mittelklasse« subsumiert werden, konkret verändern und inwiefern sich hier Potenziale für emanzipatorische Politik erkennen lassen. Weder die working class noch die middle class ist eine einheitliche Gruppe – dies gilt bereits in einem Land und umso mehr in transnationaler Perspektive. Seit den 1980er Jahren und spätestens angesichts der aktuellen weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise, forcierter Privatisierung, zunehmender Prekarität und grassierender Armut haben sich die Aufstiegserwartungen, die die working class vereinten, eher in Abstiegsängste verkehrt. Die Selbstverortung in einer »Mittelklasse« steht demnach auf einer zunehmend brüchigen materiellen Basis. Welche Rolle hingegen die »arbeitende Klasse« für die Weiterentwicklung der sozioökonomischen Konstellationen in verschiedenen Weltregionen im 21. Jahrhundert spielen (kann), wird nicht zuletzt davon abhängen, ob es gelingt, die naheliegende Entsolidarisierung zu verhindern und stattdessen das Eintreten für eine bessere Welt zu einem gemeinsamen Zukunftsprojekt zu machen.

 

Michael Vester

Eine Frage des Kampfes und der demokratischen Spielregeln

Die These, die hier zur Debatte gestellt wird, will das Leitmotiv eines ganzen Jahrhunderts vorhersagen. Ihr Hintergrund ist offensichtlich die alte Erzählung von der drohenden Polarisierung der kapitalistischen Gesellschaften, die das Leitmotiv des 19. und des 20. Jahrhunderts abgab. Diese Prophezeiungen – die Proletarisierung der Mittelklassen und die Marginalisierung der Dritten Welt – haben Intellektuelle lange fasziniert. Sie sind spätestens in den 1970er Jahren gescheitert. Der Siegeszug der neoliberalen Deregulierung und die jetzige große Wirtschaftskrise haben diese Visionen wieder aufleben lassen. Doch die beiden jüngsten UNO-Berichte zur globalen Wirtschafts- und Sozialentwicklung sprechen eine andere Sprache. Sie sehen durchaus die großen inner- und weltgesellschaftlichen Ungleichheiten, aber gleichzeitig auch deren Abnahme. Diese ist jedoch keine lineare Tendenz in die Mitte, sondern eine widersprüchliche Dynamik, die weltweit vor allem durch die Wirtschaftskrise gehemmt wird und in vielen Ländern (wie beispielsweise in Südeuropa) auch gegenläufig ist.

Der erste UNO-Bericht trägt den Titel The Rise of the South. Human Progress in a Diverse World. Danach ist der Anteil der ›Dritten Welt‹ an der Weltwirtschaftsleistung zwischen 1980 und 2011 von 33 auf 45 Prozent gestiegen. Bis 2030 werden voraussichtlich allein China, Indien und Brasilien die Hälfte der globalen Ökonomie ausmachen. Der Anteil der Armen an der Weltbevölkerung ist von 2000 bis 2012 halbiert worden und die soziale Ungleichheit in Bildung und Gesundheit stark zurückgegangen. Erfolgreich sind vor allem diejenigen Nationen, die dreierlei verbinden: einen starken, entwicklungsaktiven Staat, die Teilnahme an globalen Marktentwicklungen und zielstrebige sozialpolitische Innovationen.

Es ist also nicht ›der Markt‹ oder die Austeritätspolitik, sondern die wirtschaftliche und soziale Staatsintervention. Ihr verdankt sich, dass der Aufstieg des Südens seinen Ausdruck in einer wachsenden neuen Mittelschicht findet, die Warenströme und Konsumgewohnheiten verändert. Voraussichtlich wird es bis 2025 eine Milliarde Haushalte mit einem Jahreseinkommen von mehr als 20 000 US-Dollar geben. Drei Fünftel dieser »globalen Mittelschicht« würden dann im Süden leben, bis 2030 sogar vier Fünftel.

Die Einkommensgrenze von 20 000 ist eher bescheiden. Offenbar handelt es sich nicht mehr nur um die privilegierte obere Mittelklasse, sondern in erheblichem Maße um Angehörige der abhängig oder als Kleinselbstständige arbeitenden Volksklassen und auch der prekarisierten Bildungsschichten. Deren Kampf um Teilhabe setzt in vielen Ländern, in denen solche Reformen noch ausstehen (wie in arabischen Ländern und eben auch in Südeuropa) oder sehr unzureichend sind (wie in China), die Oligarchien unter Druck. Es ist deren Bereicherung – häufig einhergehend mit der Herausbildung privilegierter oder kleptokratischer oberer Mittelschichten –, die der sozialen Balance entgegen wirkt.

Vor allem aber wird die positive Entwicklung durch die globale Krise beeinträchtigt. Gerade sie ist verursacht worden durch Bereicherung zu Lasten des Massenkonsums, wie der keynesianische Nobelpreisträger Stiglitz betont (vgl. LuXemburg 2/2013, 22ff). Der zweite UNO-Bericht, World Economic Situation and Prospects 2013, konstatiert, dass das globale Wirtschaftswachstum aufgrund anhaltender Unsicherheiten vorerst stark gebremst bleibt. Daher werde in vielen Ländern die Reduzierung der Armut verlangsamt und der Haushaltsspielraum für Wirtschafts- und Sozialinvestitionen schrumpfe.

Ob das 21. Jahrhundert einer Mittelklasse gehören wird und wie weit diese die bisher unterprivilegierten Volksklassen, die abhängig Arbeitenden aller Art, einschließen wird, ist eine Frage des Kampfes und der demokratischen Spielregeln, die ihn ermöglichen.

 

Lothar Peter

Keine Klasse für sich

Was ist überhaupt »die Mittelklasse«? Verbreitet ist eine vage Vorstellung, dass es sich um jene handelt, die weder zu den ökonomischen, politischen und kulturellen Eliten noch zu den Armen und Exkludierten gehören. Zur Mittelklasse zählen folglich Menschen mit einem mindestens durchschnittlichen, oft gehobenen Einkommen, höheren Bildungsabschlüssen, relativ sicheren und anspruchsvollen beruflichen Positionen und statusgleichen Sozialkontakten. Sie sind zumeist für Prozesse der Modernisierung aufgeschlossen, bevorzugen liberale Wertorientierungen und fühlen sich einem individualistischen Leistungsethos verpflichtet. Daneben gibt es aber weiterhin traditionelle »mittelständische » Gruppen wie kleine selbständige Landwirte, Kaufleute und Handwerker, die, zumal wenn ihnen soziale Deklassierung droht, modernisierungsskeptisch eingestellt sind.

In Ländern wie Deutschland, wo häufig sogar relativ gut verdienende Arbeitergruppen den »Mittelschichten«, zugerechnet werden, wird immer häufiger von einem »Schrumpfen der Mittelschichten« und von »Ungleichheit in der Mitte der Gesellschaft« gesprochen. Sie werden immer mehr auch durch soziale Polarisierung, Fragmentierungen und Abwärtsmobilität innerhalb der Mittelschichten selbst hervorgerufen. Dieselbe Tendenz lässt sich noch viel gravierender in anderen – etwa den südeuropäischen – Ländern beobachten. Dem stehen konträre Daten, Deutungen und Prognosen zum Beispiel für Länder wie China und Indien gegenüber. Nach Angaben des Economist aus dem Jahr 2009 ist die chinesische Mittelklasse angeblich zwischen 1990 und 2005 geradezu explosionsartig von 15 Prozent auf 62 Prozent der Bevölkerung gewachsen. Nicht zuletzt durch spektakuläre Zahlen wie diese haben sich einige Autoren zu der Hypothese hinreißen lassen, das 21. Jahrhundert werde von »Mittelklassenkonsumismus« (middle-class consumerism) dominiert und befriedet.

Abgesehen davon, dass die OECD den Umfang der Mittelklasse für das Jahr 2010 weltweit auf 1,8 Milliarden Menschen schätzte, was natürlich eine immense Zahl, aber noch immer von einer quantitativen Majorität weit entfernt ist, taugt der Mythos eines dieser Klasse gehörenden 21. Jahrhunderts auch aus einem anderen Grund nicht viel. Selbst wenn die Mittelklasse global weiterhin wachsen sollte, wird sie niemals jenen sozialen Zusammenhalt und jene Klassenidentität entwickeln, welche die Arbeiterklasse der beiden vergangenen Jahrhunderte auszeichneten und ihre geschichtsbildende Funktion begründeten. Es wird nie eine ›Internationale der Mittelklasse‹ geben, wie es eine proletarische Internationale gab mit Arbeiterparteien, Gewerkschaften und kulturellen Netzwerken auf allen Kontinenten. Was man heute »Mittelklasse« zu nennen pflegt, ist ein Konglomerat heterogener Schichten, Gruppen und Milieus, die zwar gewisse Werte teilen mögen, sich aber nie als Kollektiv verstehen werden, das qualitativ mehr wäre als die Summe seiner Teile.

Da aber die krisenhafte Vergesellschaftung des heutigen globalen Kapitalismus die zukünftige Entwicklung der Mittelklasse immer intensiver erfassen wird, ist zu vermuten, dass einzelne ihrer Segmente, die sozial absinken, sich politisieren und in den ›Kämpfen vor Ort‹ und global engagieren werden. Schon jetzt spielen sie in zahlreichen Protestbewegungen überall eine erhebliche Rolle. Die Sozialproteste in Israel wurden maßgeblich von Angehörigen der Mittelklasse getragen und die spanischen Indignados rekrutierten sich zu einem großen Teil aus Studierenden, die mehrheitlich der Mittelklasse entstammen. Das gilt erst recht für die studentischen Rebellionen gegen Bildungsprivilegien in Chile. Aber auch an der Bewegung der GlobalisierungsgegnerInnen, der Occupy-Bewegung und Initiativen für den Erhalt der Commons beteiligen sich viele Akteure, die zur Mittelklasse gehören – oder besser gehörten, weil sich ihre Lebenssituation inzwischen so verschlechtert hat, dass sie bereits zu »Prekären« geworden sind. Allerdings lässt sich nicht ausschließen, dass sich sozial bedrohte und entwurzelte Fraktionen der Mittelklasse auch für autoritäre und faschistische Lösungsangebote anfällig erweisen können, wie der Aufschwung des Front National in Frankreich zeigt.

Werden also die Mittelklasse oder relevante Teile von ihr als Repräsentanten kommender revolutionärer Veränderungen Geschichte schreiben? So unverzichtbar ihr Beitrag in den kommenden Kämpfen sein wird, so wenig werden sich Verschiebungen im Kräfteverhältnis zwischen Herrschenden und Beherrschten erzwingen lassen, ohne dass diese Bündnisse eingehen mit Organisationen der Lohnabhängigen, mit Kräften der Unterklassen und quer zur Sozialstruktur liegenden Kollektiven wie denen der Frauen oder ethnischen Gemeinschaften – etwa der iberoamerikanischen Indigenas. Die Fiktion einer Hegemonie der Mittelklasse ist dagegen nur ein neuer Versuch, die Zukunftsfähigkeit des Kapitalismus zu rechtfertigen.

Das 21. Jahrhundert wird also weder unter dem Vorzeichen weltweiter sozialer Homogenisierung und Integration, noch unter dem Vorzeichen tiefgreifender emanzipatorischer Veränderungen durch die Mittelklasse als neuem historischen Subjekt stehen. Deshalb ist das von Göran Therborn projizierte, obgleich von ihm keineswegs gewünschte Szenario einer Hegemonie der new middle class ebenso unwahrscheinlich wie eine von ihm offensichtlich ebenfalls für möglich gehaltene Revolte der plebeian masses.

 

Ingrid Kurz-Scherf

Auf dem Weg in die ›Gentrifizierung‹ von Arbeit?

Das Projekt der Weltverbesserung, also der »militante Optimismus« (Ernst Bloch), ohne den die politische Linke in der Melancholie des Negativen versinkt, ist bekanntlich im gesellschaftlichen Tatbestand der Arbeit bzw. in der Dynamik seiner durch und durch widersprüchlichen Konstruktion in modernen kapitalistischen Gesellschaften verankert. Dem Prinzip Hoffnung lag nun allerdings in fast der gesamten, in den Schriften von Karl Marx verankerten Traditionslinie sozialemanzipatorischen Denkens und Handelns ein verkürzter und vielfältig verzerrter Arbeitsbegriff zugrunde. Feministinnen haben dies in unermüdlichem Reden und Schreiben immer wieder betont – allerdings mit eher spärlicher Resonanz hinsichtlich einer grundlegenden Revision des Arbeitsverständnisses linker Politik.

Aktuell ist der reale Wandel von Arbeit und Geschlecht von einer Gleichzeitigkeit widersprüchlicher und teils unübersichtlicher Entwicklungen geprägt. Der Wandel der Geschlechterverhältnisse geht einher mit beachtlichen Fortschritten an Gleichberechtigung und Emanzipation, die aber längst nicht allen Frauen in gleichem Maße und in gleicher Weise zuteilwerden. Sie sind zudem eingebunden in gesellschaftliche Entwicklungen, die den sozialemanzipatorischen Anliegen der Frauenbewegung eher entgegenwirken (vgl. Fraser 2009). Auch der Wandel der Arbeit ist gekennzeichnet durch Tendenzen der Enthierarchisierung von Arbeitsorganisationen, des Autonomiegewinns in der Arbeit, der Öffnung von traditionell verschlossenen Berufsfeldern für Frauen etc. Gleichzeitig sind Tendenzen der Taylorisierung von Arbeitsvollzügen zu beobachten, die davon bislang noch nicht oder vergleichsweise wenig betroffen waren. Der Abbau von Kommandostrukturen wird überlagert von der Vertiefung alter und dem Entstehen neuer Spaltungen und von der Herausbildung neuer Formen der Reglementierung, die sich als unterschiedliche Varianten eines »Regiments der Freiheit« tarnen. Im gesellschaftspolitischen Maßstab ist die Rede von einer »Refeudalisierung« (Neckel 2010) von Macht und Reichtum einerseits und der Prekarisierung der Arbeits- und Lebensbedingungen immer größerer Bevölkerungsgruppen andererseits.

Arbeitspolitik ist seit jeher eingebunden in ein hierarchisches System der Über- und Unterordnung, von Integration und Exklusion, das von ihr – u.a. hinsichtlich seiner geschlechterpolitischen Dimensionen – nicht ernsthaft in Frage gestellt, sondern aktiv reproduziert wurde. Gleichzeitig war Arbeitspolitik Teil der Selbstinszenierung moderner Gesellschaften als Arbeitsgesellschaften – auch im Sinn der Legitimation von Macht und Reichtum durch Arbeit und Leistung und der sozialen Integration traditionell benachteiligter Bevölkerungsgruppen auf der gleichen Grundlage. Diese Selbstinszenierung enthielt hohe Anteile von Ideologie. Aber an den Erfolgen der Arbeitspolitik waren tatsächlich auch diejenigen beteiligt, die nur in untergeordneter Position – etwa als nicht erwerbstätige Ehefrauen – oder gar nicht einbezogen waren in die Kernbelegschaften der Arbeitsgesellschaft. Ulrich Beck hat die gesellschaftliche Dynamik der Arbeitspolitik unter Prosperitätsbedingungen prägnant als »Fahrstuhleffekt« beschrieben, durch den das Wohlstandsniveau moderner Gesellschaften unter Beibehaltung ihrer hierarchischen Binnenstrukturen und auf der Grundlage ihrer (ideologischen) Konstruktion als Arbeitsgesellschaften immer höher gefahren wurde.

Dieser Effekt ist allerdings seit einiger Zeit durch eine gegenläufige Dynamik außer Kraft gesetzt worden, die einer Entwicklung ähnelt, die im Kontext der Stadt- und Regionalentwicklung als Gentrifizierung analysiert wird. In der Konsequenz erodiert die ideologische und faktische Bindungskraft der Konstruktion der Arbeitsgesellschaft gleichzeitig, aber auf je spezifische Weise nach oben und unten: Während sich die Akkumulation von Macht und Reichtum im Zuge ihrer »Refeudalisierung« der Einbindung in arbeits- und leistungsgesellschaftliche Legitimationsmuster weitgehend entzieht, fungiert das »Arbeitsparadigma« in der »Mitte der Gesellschaft«, also in den vom Abstieg bedrohten Mittelschichten oder Mittelklassen als scharfe und mitunter aggressive Distinktion gegenüber denen, die dabei nicht mithalten können, wollen oder auch sollen (wie etwa MigrantInnen und Flüchtlinge). Während der moderne Arbeitsmythos in Wahlkampfparolen bizarre Blüten treibt, wird die Teilhabe an den modernen Arbeitswelten am unteren Ende der sozialen Hierarchien für immer größere Bevölkerungsgruppen zum unerreichbaren Privileg. Die Tendenz zur Prekarisierung der Arbeits- und Lebensverhältnisse reicht bis weit in die Mittelschichten hinein; damit schwindet im Zwischenraum der Entkopplung von Arbeit und Reichtum einerseits und von Arbeit und Existenzsicherheit andererseits die Reichweite des Konstrukts der Arbeitsgesellschaft und der Zentralität der Arbeit auf die viel umworbene, aber dennoch schrumpfende ›gesellschaftliche Mitte‹. Arbeitspolitik wird in gewisser Weise zur Mittelschichts- oder Mittelklassenpolitik, die einerseits an die Spielregeln des ›großen Geldes‹ nicht mehr heranreicht und andererseits ihr Klientel zum Teil nur noch auf Kosten einer wachsenden underclass bedienen kann.

Auch der Wandel der Geschlechterverhältnisse lässt gerade in Verbindung mit dem Wandel der Arbeit Tendenzen erkennen, die neue Ungleichheitskonstellationen unter Frauen, gegenüber Männern und in Verbindung mit anderen Achsen der Differenz hervorbringen. Aus feministischer Perspektive ergibt sich aber auf diese Entwicklungen eine andere Sicht. Der Wandel der Geschlechterverhältnisse ist auch in seinen arbeitspolitischen Dimensionen nicht nur das Produkt eines entfesselten Finanzmarktkapitalismus, der Hegemonie des Neoliberalismus oder einer verfehlten Arbeits- und Geschlechterpolitik, sondern er wurde und wird auch von Emanzipationsbewegungen der Frauen selbst vorangetrieben. Weiter fügt sich der Wandel der Geschlechterverhältnisse nicht in das polarisierende Deutungsmuster einer »Rückkehr der Dichotomien« und schließlich entfaltet sich die Dynamik des Wandels von Arbeit und Geschlecht aus feministischer Perspektive auch in der Re-Konfiguration des Zusammenhangs zwischen Arbeit und Leben und der Verschränkungen von Arbeitsund Lebenswelt. An erster Stelle ist hier auf die durchaus kontroverse Debatte um das Stichwort care zu verweisen. Sie verschiebt das industriegesellschaftliche Leitbild von Arbeit als Produktion bzw. produktive Tätigkeit in die postindustrielle Perspektive auf Arbeit im Sinn der Sorge um und der Sorge für und rüstet dabei gleichzeitig die politische Ökonomie der Arbeitsgesellschaft des 21. Jahrhunderts vom Prinzip der Verwertung auf das der Versorgung um. Zweitens reagiert die feministische Debatte auf die Re-Konfiguration von Ungleichheitsverhältnissen mit dem Konzept der Intersektionalität, das auf die Analyse und Bearbeitung der Verschränkung verschiedener Linien von Differenz und Segregation ausgerichtet ist. Die feministische Debatte über komplexe Modelle von Gleichheit und Gerechtigkeit oder der Verschränkung von Autonomie und Anerkennung, Umverteilung und Repräsentation bzw. Partizipation/Mitbestimmung ist unmittelbar anschlussfähig für eine arbeitspolitische Debatte, die sich auch ihrer normativen Grundlagen und Orientierungen neu vergewissern muss. Auf der Suche nach Alternativen zu den veralteten und in ihren geschlechterpolitischen Implikationen schon immer problematischen Projekten der Vollbeschäftigung und des Normalarbeitsverhältnisses werden dabei Überlegungen zur Entfaltung des Konzeptes und der Praxis einer ›kooperativen‹ Demokratie angestellt. Diese verschieben das Recht auf (gute) Arbeit in die Perspektive demokratischer Teilhabe an der sozialen Kooperation moderner Gesellschaften und ergänzen es um das Prinzip der Soziabilität von Arbeit nach innen und außen sowie im gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Maßstab. Ob und wie diese hier nur beispielhaft genannten Stichworte aus aktuellen feministischen Debatten ihr Potenzial für eine Erneuerung der Debatte um die Zukunft der Arbeit und die Arbeit der Zukunft tatsächlich entfalten können, hängt nicht zuletzt davon ab, ob und wie sich linke Diskurse endlich der feministischen Herausforderung öffnen.