| Von wem und für wen? Feminismen in Nigeria

September 2018  Druckansicht    Druckansicht
Von Minna Salami

Aufgewachsen bin ich in den 1980er-Jahren in Lagos, einer chaotischen, aber faszinierenden Stadt in Nigeria, einem Land, das ich liebe, das jedoch von einer Kultur männlicher Dominanz geprägt ist. Bereits als Kind stieß mir auf, dass alle gesellschaftlichen Führungspositionen von Männern besetzt waren und Männer auch in der Familie das Sagen hatten. Bedeutende nigerianische Frauen wie Funmilayo Ransome-Kuti, Margaret Ekpo, Charlotte Obasa, Oyinkan Abayomi, Königin Amina aus Zazzau, die unser Land entscheidend geprägt haben, wurden im Geschichtsunterricht nicht einmal erwähnt. Ich war gerade sieben Jahre alt, als Generalmajor Ibrahim Babangida 1985 in einem Coup Muhammadu Buhari stürzte, der selbst durch einen Militärputsch an die Macht gekommen war. Babangida zerstörte das soziopolitische Gefüge Nigerias völlig: Er löste Arbeiter- und Studentengewerkschaften auf und setzte die lähmenden Strukturanpassungsprogramme (SAP) der Weltbank und des IWF um.

Viele Nigerianer*innen, die dazu in der Lage waren, verließen Anfang der 1990er-Jahre das Land. So auch meine Mutter und ich. Wir hatten Familie in Schweden und gingen deshalb dorthin. Mein Vater wollte Nigeria nicht verlassen und blieb. Meine Mutter kehrte schließlich zurück. Und obwohl ich meine Heimat immer wieder besuchte, begann ich erst während der letzten drei Jahre, also 25 Jahre nach meinem Weggang, meinem Exil Schritt für Schritt ein Ende zu setzen.

Ich betone das, weil es immer wieder Leute gibt, die fragen, ob ich auch Feministin geworden wäre, wenn ich nicht nach Schweden gegangen wäre. Meine Antwort ist ein ganz klares ›Ja‹. Mich hat Nigeria zur Feministin werden lassen. Als junge Frau nahm ich
kaum Notiz von der starken feministischen Bewegung in Schweden. Neben Problemen einer Heranwachsenden hatte ich mit (häufig gewaltsamen) rassistischen Übergriffen zu kämpfen. Feminismus war damals für mich kein zentrales Thema. Mein feministisches Bewusstsein entwickelte sich vor allem während meiner Grundschulzeit, angestoßen durch meine Mutter und ihre Freundinnen, aber auch durch Frauen aus weniger privilegierten Gesellschaftsschichten, wie unserer Haushaltshilfe Margaret. Sie lehrte mich viel darüber, wie ich als Frau in dieser Welt durchkomme. Ihr Leben war von enormen Entbehrungen geprägt, sie war jedoch scharfsinnig, zäh und so selbstständig wie nur wenige Frauen aus
der nigerianischen Mittel- oder Oberschicht. Heute frage ich mich: Spricht der gegenwärtige nigerianische Feminismus auch für Frauen wie Margaret? Für Frauen, die in unregulierten Bereichen arbeiten, ökonomisch prekär und ohne verlässliche Rechte? Oder ist es eine Mittelschichtsbewegung? Es gibt auf diese Frage keine einfache Antwort. Zum einen lässt sich die feministische Bewegung in Nigeria nicht
so klar definieren. Die meisten Feministinnen waren als afrikanische und/oder schwarze Feministinnen beteiligt und weniger als nigerianische Feministinnen. Ihre Beiträge hatten insofern eher den gesamten Kontinent im Blick oder waren aus der Diaspora heraus formuliert. Für die Entstehung eines panafrikanischen Feminismus war das durchaus konstruktiv, so gibt es aber eben keinen klar umrissenen nigerianischen Feminismus.

Außerdem besteht eine Überschneidung zwischen der feministischen Bewegung und Ansätzen eines »Frauen-Empowerments«. Organisationen wie D’Angels, eine nigerianische Bikerinnen-Gemeinschaft, organisieren beispielsweise kostenlose Brustkrebsvorsorgeuntersuchungen für arme Frauen. Sie würden sich niemals als feministisch bezeichnen und sind für mich doch ganz klar Teil der feministischen Bewegung. Nicht weil die Beziehung zwischen Feminismus und Frauen-Empowerment immer harmonisch wäre, sondern weil diejenigen, die für die Rechte von Frauen einstehen, in beiden Bewegungen zu finden sind und sich auf die gleichen Werte und Ziele beziehen.

Eine kurze Geschichte des
 nigerianischen Feminismus

Die Befreiung der Frau war seit jeher Bestandteil des nigerianischen Narrativs. Schließlich kam es just in dem Jahr, in dem Nigeria gegründet wurde (1914), zu einem bedeutsamen Frauenaufstand, den die Historikerin Nwando Achebe als »Ogidi-Palaver« bezeichnete. Frauen verbündeten sich damals sowohl gegen die britischen als auch gegen die einheimischen Männer, die sie bei Entscheidungsfindungen komplett außen vor gelassen hatten. In der »Nwaobiala-Bewegung« von 1925 standen Frauen gegen den Kolonialismus auf, und dieser Kampf mündete 1929 in den sogenannten Frauenkrieg, an dem 10 000 Frauen teilnahmen und Dutzende ihr Leben im Kampf gegen die Zurückdrängung traditioneller weiblicher Autorität verloren.

Die erste dezidiert feministische Bewegung wurde jedoch von Women in Nigeria (WIN) getragen, einer 1983 gegründeten Organisation, die wiederum 2008 durch das Nigerianische Feministische Forum (NFF) ersetzt wurde. Heute gibt es mit Organisationen wie Stand to End Rape, Afri-Dev Info, dem Nigerian Women’s Trust Fund, Coloured Africa und As Equals Africa viele neue, explizit feministische Plattformen. In der afrikanischen feministischen Bewegung spielen außerdem kreative Ausdrucksformen eine zentrale Rolle: In Theater, Kunst und Literatur gibt es Räume, in denen männliche Dominanz in Form von politischen und intellektuellen Interventionen herausgefordert wird. Damit verbunden ist auch eine Kritik an einer eurozentristischen und männlich geprägten Vorstellung von intellektueller Arbeit. Künstlerinnen wie Peju Alatise, Nike Ogundaike Davies oder Otobong Nkanga nutzen Kunst, Skulpturen, Textilarbeiten und Performances, um Themen wie Tradition, Polygamie und die Unterdrückung weiblicher Körper anzusprechen, sie gehören zu den maßgeblichen Gestalterinnen des nigerianischen Feminismus. Theaterstücke wie Christinn Oshuaiyis »The Cut« (Der Schnitt) oder »WAIT« (WARTE) von Bikiya Graham-Douglas intervenieren in die Diskurse zu weiblicher Beschneidung beziehungsweise zum Mangel an Bildungsoptionen für Mädchen. Aber auch international bekannte Autorinnen wie Chimamanda Adichie, Molara Wood und Ayobami Adebayo haben das Narrativ des nigerianischen Feminismus maßgeblich geprägt, um nur einige feministische Stimmen aus diesem Feld zu nennen.

Wie überall auf der
Welt kommt auch im
modernen nigeriani-
schen Feminismus den
neuen Technologien
eine bedeutende Rolle
zu. Dank Internet, Blogs
und sozialen Medien
gelang es wie nie zuvor,
feministische Themen
in die Öffentlichkeit zu
bringen. Neben dem ak-
tuellen »MeToo«-Hashtag gab es auch andere wirkungsvolle Hashtag-Bewegungen, wie etwa #FemaleInNigeria, das Frauen dazu aufrief, der schlimmen Lebensrealität vieler Frauen im Land eine Stimme zu geben. »BringBackOurGirls« ist eine Kampagne zur Rettung Hunderter von der Terrorgruppe Boko Haram verschleppter junger Frauen und erst kürzlich kam es zu der Kampagne #NoMore, die von der nigerianischen Aktivistin Kadaria Ahmed ins Leben gerufen wurde, um dem meist straffreien sexuellen Missbrauch ein Ende zu setzen.

Inklusiv oder elitär?

Ist also der nigerianische Feminismus sozial inklusiv? Oder treten Feministinnen in Nigeria lediglich für Themen von Frauen aus der Mittelschicht oder der Elite ein und vergessen dabei die Belange weniger privilegierter Frauen? Zunächst ist es wichtig zu verstehen, dass der Begriff der Mittelschicht in Nigeria erst seit Kurzem gebräuchlich ist.

Außerdem ist die gesellschaftliche Rolle der Mittelschichten in Nigeria eine völlig andere als im Westen, wo sie sich üblicherweise von überlieferten Traditionen abgrenzen, aber auch eher entpolitisiert agieren. Das ist in Nigeria anders: Die Mittelschicht ist hier stärker konservativ orientiert. Nicht nur sind traditionelle Geschlechterrollen ausgeprägt, sondern auch traditionelle Bräuche und religiöse Werte spielen trotz des Einflusses westlicher Kultur eine große Rolle. Während Modernisierung und Wirtschaftswachstum meist mit einem Trend zur Säkularisierung einhergehen, ist die Religiosität der Nigerianer*innen keineswegs zurückgegangen. Einer Umfrage von Renaissance Capital zufolge besuchen 96 Prozent der nigerianischen Mittelschicht regelmäßig eine Gebetsstätte oder einen Gottesdienst.

Darüber hinaus verfügt die nigerianische Mittelschicht über ein ausgeprägtes soziales Bewusstsein, was in einem Land, das von Armut, ethnischen Spannungen, Aufständen und Korruption geplagt ist, nicht sonderlich überrascht. In den letzten Jahren war es die Mittelschicht, die Kämpfen wie Occupy Nigeria oder Enough is Enough anführte, beides Kampagnen, die sich für die Rechte der weniger privilegierten Bevölkerung einsetzten. Insoweit der nigerianische Feminismus in gewisser Weise eine Bewegung der Mittelschicht ist, darf die besondere Situation der Mittelschicht in Nigeria nicht außer Acht gelassen werden.

Fragen wir nun, ob der nigerianische Feminismus die Lebensrealitäten der gro-
ßen Mehrheit der nigerianischen Frauen widerspiegelt, sollten wir untersuchen, mit welchen Themen sich Feministinnen im Land so beschäftigen. Im Bereich des Politischen bilden Gesetzesreformen einen Hauptfokus. Sie setzen sich beispielsweise für die Ratifizierung des Maputo-Protokolls ein, eine feministische Frauenrechtscharta, die von der Afrikanischen Union 2005 in Maputo verabschiedet wurde und meiner Meinung nach eine der radikalsten feministischen Chartas überhaupt ist. Feministinnen haben auch die Textgrundlage für ein Gesetz gegen Gewalt gegen Frauen und für das Gleichstellungsgesetz verfasst, wobei Letzteres leider nicht ratifiziert wurde, da es den überwiegend männlichen Parlamentarier*innen zu radikal war. Es
ging darin um häusliche Gewalt, Bildung für Mädchen, Kinderehen sowie sexualisierte Gewalt. Umstritten war es vor allem wegen
der Regelungen zu reproduktiven Rechten,
die es Frauen gewährt hätte. In einem Land,
in dem von 469 Parlamentssitzen nur 27 von Frauen besetzt sind, haben sich Feministinnen auch für Affirmative Actions engagiert, für eine Landwirtschaftsreform sowie für Reformen zum besseren Gesundheitsschutz von Müttern und einen erleichterten Zugang von Frauen zu Krediten. Seit seiner Gründung im Jahr 2008 hat NFF gegen diskriminierende Regelungen gekämpft, etwa HIV- und sogenannte Jungfräulichkeitstests an Universitäten sowie staatlich verordnete Kleiderordnungen für Frauen.

Ein relativ neues Thema für nigerianische Feministinnen ist die Befreiung der Frau im »privaten Raum«. Die Kritik an häuslichen Rollenverteilungen und an Gewalt in der Ehe wird insbesondere von Feministinnen stark gemacht, die das Internet als Werkzeug des Widerstands und der Bildung eines kritischen Bewusstseins nutzen. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund und nutzen Onlineplattformen, um junge Frauen zur Infragestellung des Status quo zu ermuntern.

Eine der führenden Feministinnen unserer Zeit, Chimamanda Adichie, war hier wegweisend. Ihr wird zwar vorgeworfen, sich zu sehr auf Mittelschichtsthemen zu konzentrieren, doch angesichts der Tatsache, dass ihr bekanntestes Buch aus der Perspektive einer Haushaltshilfe geschrieben wurde, scheinen mir diese Vorwürfe die Spannbreite ihrer Themen aber zu ignorieren. Der von mir gegründete Blog MsAfropolitan hat ebenfalls zur Verbreitung des afrikanischen Feminismus beigetragen und ist ein Raum, wo das Politische und das Private sich überlappen. Leider sind wir in der misslichen Lage, einerseits gegen das Patriarchat in unseren Gesellschaften und gleichzeitig gegen rassistische Stereotype und die Ausbeutung afrikanischer Frauen durch den globalen Norden ankämpfen zu müssen. In einem Artikel für African women can blog habe ich dieses Dilemma 2012 skizziert: »Wenn ich auf die Frage, was ich
so mache, antworte, dass ich Bloggerin bin und hauptsächlich zu afrikanischen Frauen schreibe, berichten mir meine Gegenüber häufig über humanitäre oder umweltbezogene Themen, mit denen sie zu tun haben. […] Ich bin es leid, dass Menschen annehmen, dass über afrikanische Frauen zu bloggen automatisch bedeutet, über Wohlfahrt zu bloggen. […] Ich bin es leid, dass afrikanische Frauen nur Objekte des Mitleids sein können, [und] dass angenommen wird, dass sie nur zu bestimmten Themen sprechen können oder sollten.«

Letztlich sind für Feministinnen in Afrika folgende Themen zentral:

  1. das Patriarchat,
  2. die Kategorie »Rasse«,
  3. Traditionen,
  4. Unterentwicklung,
  5. Sexualität,
  6. ein globaler Feminismus und
  7. die Liebe.

Die allermeisten afrikanischen Feministinnen haben einen intersektionalen Ansatz, der berücksichtigt, inwiefern das Leben von afrikanischen Frauen auf vielfältige Weise beeinträchtigt wird.

Klasse, Sexualität und Sexarbeit

Dennoch gibt es drei Schlüsselfragen, denen er bislang zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird: Das sind zunächst die Rechte von LGBTIQ*. Eine Umfrage der Initiative for Equal Rights aus dem Jahr 2017 ergab, dass die Zustimmung zum SSMPA-Gesetz (Same Sex Marriage Prohibition Act), das gleichgeschlechtliche Ehen verbietet, unverändert bei 90 Prozent liegt. Somit lehnen lediglich zehn Prozent der nigerianischen Zivilgesellschaft diese zutiefst entmenschlichende Bestimmung ab. Hinzu kommt, wie eine weitere Umfrage ergab, dass nur 39 Prozent aller Nigerianer*innen der Aussage zustimmen, dass »Homosexuelle einen gleichberechtigten Zugang zu Gesundheitsdiensten, Wohnraum und anderen öffentlichen Gütern haben sollten«. Die feministische Bewegung hat sich bislang zu den Rechten von LGBTIQ* öffentlich nicht genug geäußert. Dies gilt insbesondere für Lesben und Trans*-Frauen, die besondere Diskriminierung erleiden.

Zweitens sollten Feministinnen für die Rechte von Sexarbeiter*innen in Nigeria eintreten. Sexarbeit ist überall auf der Welt eine schwierige Tätigkeit, denn Sexarbeiter*innen sind Schikanen, Gewalt und Misshandlungen durch Männer ausgesetzt. In einigen Ländern gibt es mittlerweile Fortschritte in Sachen Entkriminaliserung, Schutz sowie Gesundheits- und Sozialversorgung. Nicht jedoch in Nigeria. Feministinnen müssen dies zu Gehör bringen und auf Veränderung drängen.

Als dritten Punkt muss die nigerianische feministische Bewegung im Interesse ihres eigenen Erfolgs die Schranken zwischen Frauen unterschiedlicher Klassen, sexueller Orientierungen, Religionen, Berufen und ethnischen Hintergründen einreißen. Das Aufwachsen in Nigeria hat mich zu der Feministin gemacht, die ich heute bin. Frauen aus armen Verhältnissen waren dabei oft meine Lehrerinnen. Sie zeigten mir, dass sich weibliche afrikanische Wissenssysteme in einer imperialistischen und patriarchalen Welt stets als Lernerfahrung in diverse Richtungen manifestieren. Wir sind alle Lehrende und Lernende. Je stärker wir die Stimmen und Kämpfe der jeweils anderen würdigen, desto stärker wird die Gesamtbewegung sein. Denn solange ein Teil der Frauen nicht frei ist, ist keine von uns frei.

 

Aus dem Englischen von Sebastian Landsberger und Tim Jack (Lingua-trans-fair)