| Liebe, Ex und Zärtlichkeit. Familie von links erobern

September 2018  Druckansicht    Druckansicht
Von Anne Steckner

Familie lässt niemanden kalt. Familie verbinden viele mit Geborgenheit, Zuwendung, Intimität und Gebrauchtwerden. Wenn alle Stricke reißen, gibt es ja die Familie: der wichtigste Lebensbereich. Doch die Wirklichkeit ist widersprüchlich. Familie bedeutet im Alltag oft die Quadratur des Kreises, das getaktete Leben unter Zeitdruck. Viele Bedürfnisse wollen unter einen Hut gebracht werden, nicht selten überwiegen Erschöpfung und Überforderung. Immer wieder scheitern Beziehungen am überhöhten Bild von Familie und romantischer Liebe. Für manche ist Familie auch ein Gefängnis, ein Ort von Leid oder Gewalt, übrigens der gefährlichste Ort für Frauen und Kinder.

Dessen ungeachtet steht die Kleinfamilie hierzulande weiterhin hoch im Kurs, wirkt bis in die Zukunftsträume hinein (vgl. Haug 2017, 480ff). Wenig überraschend, ist doch die ganze Gesellschaft nach diesem Modell organisiert: rechtlich, sozialstaatlich, in der Architektur, in Pädagogik und Psychologie. Auch Kinderbücher und Unterhaltungsindustrie kennen kaum andere Formen des verbindlichen Zusammenlebens. Und selbst Patchwork-Familien sind nur in seltenen Fällen etwas anderes als die Neuzusammensetzung von zwei Kleinfamilien. Im Grundgesetz gilt das staatliche Gebot, die Familie zu schützen und zu fördern. Ihre ungebrochene Anziehungskraft hat auch mit den ökonomischen Veränderungen zu tun. Die Sei-allzeit-flexibel-Arbeitswelt erfordert ein optimales Management der eigenen Arbeitskraft. Angesichts zunehmend entsicherter Lebensverhältnisse wächst die Sehnsucht nach einem stabilen Rückzugsort. »Die Sirenenklänge privat-heimeliger Familiarität finden […] Gehör wegen der Unwirtlichkeit der Gesellschaft«, schrieben Frigga Haug und Kornelia Hauser schon 1985 (57). Das gilt immer noch: Wer gibt mir Halt, wem kann ich mich anvertrauen, wer kümmert sich um die Kinder, wenn ich krank bin, und um mich? Meist wird versucht, diese Fragen im Privaten zu klären.

Familienpolitik: 
Vereinnahmung von rechts …

Familie kann vieles leisten, doch sie kann nicht kompensieren, was in kapitalistischen Gesellschaften schiefgeht. Nicht selten wird sie mit Erwartungen überfrachtet, während für Freundschaften und gesellschaftliche Beziehungen zu wenig Zeit bleibt. Doch Familie ist keine heile Welt, kein Bollwerk gegen die unsichere Welt da draußen, sondern durchzogen von deren Leidenschaften und Konflikten. Dies lässt eine Sehnsucht nach alten, vermeintlich intakten Familienmodellen entstehen, insbesondere wenn sich Überforderung mit konservativen Werten und Haltungen trifft. Hinzu kommt: Von rechts drängt ein offener Antifeminismus erkämpfte Freiräume und emanzipatorische Perspektiven in die Defensive. Mit ihren Diskursen zu Identität, Sicherheit und Gemeinschaft greift die extreme Rechte grundlegende Bedürfnisse auf und bettet sie in ein reaktionäres Weltbild ein. Sie romantisiert die heterosexuelle Zweierbeziehung, idealisiert Mutterschaft und hat rigide Vorstellungen von Sexualität. Mehr noch: Familie soll als natürliche Keimzelle der deutschen Solidargemeinschaft Sicherheit versprechen (vgl. Wiegel in diesem Heft). Gegen diese Vorstöße, patriarchale Vorstellungen von Familie zum Maßstab zu erheben und Geschlechterfragen rassistisch aufzuladen (»unserer Frauen und Kinder schützen«),
regt sich vielfältiger Protest. Doch ihm fehlt eine positive Erzählung. Auch weil das Thema Familie in linken Kreisen gern belächelt oder mit spitzen Fingern angefasst wird. Ähnlich wie Heimat ist es ein schwieriges Terrain. Dabei ist es längst Zeit für eine feministische Familienpolitik, die Bedürfnisse nach Geborgenheit und Nähe aufnimmt und sie progressiv ausbuchstabiert.

… und Klassenpolitik von oben

Dies umso mehr, als die gegenwärtige Familienpolitik auch sozialpolitisch dringend einer linken Alternative bedarf. Nach der »Befreiung« der Hausfrau durch die Inwertsetzung ihrer Arbeitskraft – eine zweischneidige Freiheit – legen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen den Müttern immer noch die Funktion der Zuverdienerin nahe. Infolge des Ehegattensplittings verbleiben nicht wenige in Minijobs, der Wechsel in reguläre Beschäftigung lohnt sich steuerlich kaum. Unzureichende Betreuungsangebote lassen immer noch überwiegend Frauen die Sorgearbeit übernehmen und beruflich kürzertreten. Studien zeigen: Die Mehrheit der Eltern wünscht sich eine egalitäre Aufteilung von Familien- und Erwerbstätigkeit, handhabt es aber meist anders. Oft zementiert sich gerade mit dem zweiten Kind die traditionelle Rollenverteilung.

Oder aber Frauen sollen die 24/7-Superwomen sein. Häusliche Tätigkeiten müssen dann an agile Großmütter oder schlecht bezahlte, oft migrantische Haushaltshilfen delegiert werden, um den Spagat der viel beschworenen Vereinbarkeit zu bewältigen. Diese emanzipierten top girls sollen nicht nur gute Mütter sein, sondern auch ökonomisch auf eigenen Füßen stehen, ihrem Partner auf Augenhöhe begegnen und gleichberechtigt mit ihm den Haushalt schmeißen. Verhandlungen um jede freie Minute prägen den Alltag von Paaren.

In diesem Sinne wurde mit dem Elterngeld als Lohnersatzleistung ein Instrument eingeführt, von dem insbesondere mittlere und höhere Gehaltsgruppen profitieren. Ärmeren Familien bringt es wenig bis nichts, da der Betrag (ca. zwei Drittel des letzten Gehalts) oft unterhalb des Existenzminimums liegt. Reinigungskräfte, Paketboten und Friseurinnen tauchen in der Elterngeldstatistik entsprechend selten auf. Hartz-IV-Bezieher*innen wird das Elterngeld gleich ganz vorenthalten ebenso wie Unterhaltsvorschuss und Kindergeld. Dabei sind Kinder für Menschen mit geringem Einkommen und für Alleinerziehende ohnehin ein Armutsrisiko. Auch der steuerliche Kinderfreibetrag privilegiert Besserverdiener ebenso wie das Ehegattensplitting. Zudem besteht hierzulande ein besonders enger Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft eines Kindes und seinem Zugang zu Bildung. Kurz: Staatliche Familienpolitik ist Klassenpolitik von oben.

Es gilt, dies zu benennen, ohne mit der notwendigen Kritik gleich auch alle Hoffnungen über Bord zu werfen. Wie ließe sich eine attraktive Erzählung ausbuchstabieren, die
mit Familie verknüpfte Sehnsüchte anerkennt, am konkreten Lebensalltag von Familien
und Lebensgemeinschaften ansetzt und eine darüber hinausweisende Perspektive bietet? An sinnvollen fachpolitischen Forderungen mangelt es nicht. Allein das verbindende Narrativ fehlt. Doch das braucht es. Denn reaktionäre Kräfte gewinnen Terrain. Der geschickten Vereinnahmung von rechts und der spaltenden Politik von oben ist aber nur zu begegnen, wenn die Auseinandersetzungen um Familie feministisch und klassenpolitisch (zusammen-)geführt werden.

Strategisches Nachdenken
 über Familienbeziehungen

Absicherung: Wie lassen sich kollektive Familienarrangements stärken, auf Grundlage einer gesellschaftlichen Absicherung individueller Bedürfnisse in allen Lebenslagen? Also: für jede Person einzeln, qua Menschsein, aber eben nicht privat, sondern als öffentliche Leistung. Sonst lauert – wie
bei der Bedarfsgemeinschaft – die Gefahr der Privatisierung sozialer Absicherung, zulasten von Frauen und von Familien mit weniger Einkommen. Das Versprechen, sich »in
guten wie in schlechten Zeiten« beizustehen, darf nicht bedeuten, fehlende öffentliche Auffangmechanismen kompensieren zu müssen. Das schafft Zwänge, die freiheitlichen Formen von Verbundenheit entgegenstehen. Denn aus Familienverhältnissen abgeleitete Ansprüche oder Hoffnungen auf Absicherung zementieren die ökonomische Abhängigkeit von Partner*innen, Eltern oder Kindern und fördern traditionelle Rollenaufteilungen.

Indes könnte die Entkopplung der sozialen Absicherung von der Familie Bedingungen schaffen, in denen Menschen sich jenseits ökonomischer Zwänge aneinander binden und Verantwortung füreinander übernehmen. Selbstbestimmung aller Familienmitglieder, auch der Kinder (gemäß ihrem Alter), der Alten, Kranken oder Menschen mit Behinderungen, bekäme so ein materielles Fundament.

Autonomie und Abhängigkeit: Das wirft die Frage nach dem Verhältnis von Autonomie und Abhängigkeit auf. Ein Zuwachs an Autonomie – in dieser Gesellschaft nicht selten über Erwerbsarbeit – ist gerade für Frauen eine Errungenschaft. Allerdings ist das Streben nach Freiheit umgeschlagen in einen Zwang zur Unabhängigkeit: Du bist deines Glückes Schmied, also falle niemandem
zur Last. Damit ist aus dem Blick geraten,
dass Abhängigkeit eine zutiefst menschliche Existenzbedingung ist. Menschen als soziale Wesen brauchen immer andere, um sich
gut zu entwickeln. Nicht nur Babys, Kinder, Pflegebedürftige – wir alle sind in unserem Leben von anderen abhängig. Auch Familie ist ein Ort von Abhängigkeit. Die Frage ist also: Wie richten wir Gesellschaft so ein, dass es sich möglichst frei und selbstbestimmt leben lässt, in Abhängigkeit von anderen Menschen? Und wie überwinden wir als unerträglich empfundene Formen der Abhängigkeit?

Arbeitsteilung: Wenn wir dieses wechselseitige Aufeinanderangewiesensein und das Bedürfnis nach Bindung als Grundbedingungen des Menschseins anerkennen, erhalten wir auch einen kritischen Blick auf das Postulat der »Vereinbarkeit«: So wichtig kinderfreundliche Arbeitsbedingungen oder die Eindämmung ausufernder beruflicher Anforderungen sind, hat die Debatte um Vereinbarkeit von Familie und Beruf doch einen blinden Fleck: Sie reproduziert die Dichotomie von beruflich und familiär, von politisch und privat, von Arbeit und Leben. Damit gerät aus dem Blick, dass die Reproduktion von Menschen selbst gesellschaftlich notwendige Arbeit ist. Es geht um mehr als die Frage, ob eine berufliche 40-Stunden-Woche mit ausreichend Zeit für Kinder, Beziehung, Freunde und Verwandte vereinbar ist. Sie ist es nicht. Es geht darum, was da eigentlich vereinbar sein soll?

Demgegenüber betonen feministische Stimmen, dass Produktion und Reproduktion aufs Engste miteinander verbunden sind. Anstatt in getrennten Sphären zu denken und statt Familie ums Goldene Kalb des Erwerbs herum zu organisieren, gälte es, die fürsorgenden, Leben produzierenden und erhaltenden Arbeiten als Grundlage aller produktiven
und kreativen Tätigkeit einer Gesellschaft zu begreifen. So wäre klar: Erwerbs- und Reproduktionsarbeit hängen organisch miteinander zusammen. Sie müssen nicht »vereinbart«, sondern beide müssen verändert werden. Nicht nur muss es gute Rahmenbedingungen für vielfältige Familienarrangements geben. Auch die »Befreiung« der Hausfrauen ist erst dann ein echter Zugewinn an Freiheit, wenn Lohnarbeit keiner ausbeuterischen, männlichhegemonialen Logik mehr folgt.

Eine linke Erzählung: Familie zurückerobern, indem wir sie verändern

Anders als in der zweiten Frauenbewegung steht heute nicht mehr im Fokus feministischer Kämpfe, die Familie zu stürzen. Eine wichtige Erkenntnis der Debatten um Care ist, dass wir die in Familien erlernten Fähigkeiten auch in der befreiten Gesellschaft brauchen: Sorge umeinander, Zuwendung, Intimität, Verantwortungsbereitschaft, Konfliktfähigkeit. Allerdings müssen wir sie aus ihrer historischen Verschmelzung mit der Kleinfamilie lösen und in die Verantwortung vielfältiger Bindungen und Geschlechter legen. Auch deswegen ist eine neue linke Erzählung, was Familie sein kann, vonnöten.

Feministische Politik für die Klasse: Der Einstieg könnte ganz pragmatisch sein: die politischen Instrumente zugunsten derer einsetzen, die am meisten verwundbar sind – Arme, Prekäre und Alleinerziehende. Entwürdigung ließe sich einfach verhindern, wenn für alle Familien gälte: Jedes Kind ist gleich viel wert. Deswegen dürfen Elterngeld, Kindergeld und Unterhaltsvorschuss nicht mit Hartz IV verrechnet werden. Oder ganz anders: Warum nicht anstelle des elitären Elterngeldes ein vom bisherigen Einkommen unabhängiges Elterngehalt? Es könnte auch anteilig bezogen oder
in den Bezugsmonaten zwischen den Eltern aufgeteilt werden. Und warum nicht anstelle des Kinderfreibetrags eine zu versteuernde Nachwuchspauschale für alle Eltern? Eine Familie mit hohem Einkommen würde davon nach Steuer weniger sehen als Geringverdiener.

Individuelle Absicherung aller Familienangehörigen über öffentliche Sicherungssysteme würde bedeuten: Das unterste Netz ist eine armutsfeste Mindestgarantie, ohne Einschränkungen, ohne Sanktionen. Darauf aufbauend wäre jeder Mensch gegen die zentralen Risiken des Lebens – Unfall, Krankheit, Erwerbslosigkeit, Pflegebedürftigkeit – versichert, was von der Gesellschaft solidarisch zu schultern wäre. Nur so ließen sich ökonomische Abhängigkeiten innerhalb der Familie lösen: Bedarfsgemeinschaft, Familienmitversicherung und Ehegattensplitting sind Disziplinierungsinstrumente des Staates oder Überreste des überkommenen Alleinernährerlohns, moderne Fesseln vor allem für Frauen. Bei den jeweiligen Rentenansprüchen wäre Sorgearbeit viel stärker zu gewichten, als das bislang der Fall ist. Somit hätte die Frage, wer über welchen Zeitraum diese Arbeiten übernimmt und damit anderen den Rücken freihält, weniger drastische Auswirkungen auf den weiteren Lebensweg.

Doch individuelle Geldtransfers allein sind zu wenig. Familie kann nur neu gedacht werden, wenn der politische Fluchtpunkt
das Öffentliche bleibt: Kinder müssen sich entfalten können, ohne dass ihre Eltern beim Marathon auf der Suche nach einem Kitaplatz zusammenbrechen. Und beitragsfreie Ganztagsbetreuung muss etwas anderes sein als ein überlaufener Kinderabstellplatz. Die Pflege und Betreuung eines Familienmitglieds darf keine Frage des Geldbeutels sein. Wir wollen gut ausgestattete Orte, an denen unsere Kinder, wir selbst und unsere Liebsten Zugang haben zu dem, was alle brauchen: Bildung, Spiel, Mobilität, Gesundheitsversorgung, Erholung, Wohnraum. Solange die Frage, wie wir das ohne Barrieren für alle garantieren können, nicht gesellschaftlich beantwortet wird, sind viele Familien weiterhin überlastet.

Und es braucht mehr Zeit, um dieses Öffentliche zu nutzen, mitzugestalten und sich einzubringen. Um Familie nicht nur
zu managen, sondern auch zu genießen. Deswegen sind Kämpfe um eine kollektive Erwerbsarbeitszeitverkürzung ein so wichtiges

Scharnier zwischen feministischen und klassenpolitischen Anliegen. Erst dann, wenn wir die Erwerbsarbeit gemeinsam in die Schranken weisen, anstatt individuelle Kämpfe gegen Windmühlen zu führen, lässt sich ernsthaft über egalitäre Verantwortung für Kinder, Kranke und Küche sprechen. Und über grundlegend andere Arbeitszeitmodelle, gerade auch für Väter. Natürlich ist eine kürzere Arbeitszeit für Menschen ohne gehobenes Gehalt nur dann ein befreiender Prozess, wenn es im Tausch dafür nicht weniger Geld oder weniger Entfaltungsmöglichkeiten gibt.

Reproduktionsarbeit lieber zusammen als allein: Schon die russischen Frauenrechtlerinnen der ersten Stunde der Oktoberrevolution wussten: Kleinfamiliäre Haushalte sind ineffizient und fesseln vor allem Frauen ans Heim. Wollen wir die materiellen Voraussetzungen schaffen, damit Familienalltag kein privates Hexenwerk bleibt, braucht es auch kommunale Orte, an denen die Haus- und Reproduktionsarbeit gemeinsam stattfinden kann: urbane Gärten, Kinderhäuser, in denen Erwachsene höchstens absichernd anwe-
send sind, Vorlesenachmittage mit rüstigen Wahlopas, Care-Stationen, wo Familien bei der Hege und Pflege alter oder kranker Angehöriger unterstützt werden, Schutzräume für Menschen mit Gewalterfahrung, Konfliktambulanzen, mehr gute Volxküchen. Das alles gibt es bereits – in vereinzelten, prekären Ansätzen oder als teure Dienstleistung für diejenigen, die es bezahlen können. Es müsste aber nachbarschaftliche Selbstverständlichkeit werden, damit die grundlegenden zwischenmenschlichen Bedürfnisse nicht nur in den eigenen vier Wänden befriedigt werden müssen. Natürlich schaffen sich die individuellen Einkäufe, Küchen und Vorlesestunden nicht ab, jede braucht mal Rückzug. Aber ist wirklich in jedem Einzelhaushalt eine Waschmaschine vonnöten? Dies ist nicht nur eine ökologische Frage.

Kleinfamilie entzaubern: Ausgehend von manifesten Sehnsüchten und innerfamiliären Krisen wäre ein weiterer Einstiegspunkt, Familienmitglieder von Erwartungen zu entlasten: Es ist nicht deine Schuld, wenn es nicht klappt. Die Kleinfamilie ist ohnehin am Ende. Dass sie immer wieder versagt,
ist der Normalfall (Tazi-Preve 2017). Erfahrungen des Scheiterns brauchen aber eine Echokammer, damit aussprechbar wird, was viele wissen, aber nicht artikulieren können: Nämlich, dass Erschöpfung und Krisen in
der Familie kein persönliches Versagen sind. Und dass die Vorstellungen von einer guten und erfolgreichen Mutter und einem ebenso erfolgreichen und präsenten Vater mit den alltäglichen Anforderungen durch prekäre oder ausufernde Erwerbsarbeit, pflegebedürftige Verwandte, fehlende Kitaplätze, Leistungsanforderungen in der Schule, quality time mit dem Partner, die eigene Fitness und so weiter nur schwer in Einklang zu bringen sind. Und dass permanente Selbstoptimierung einen Preis hat. Die gute Nachricht: Die Kleinfamilie als dominante Form des Zusammenlebens ist nichts Natürliches. Sie ist das geschichtliche Produkt von kapitalistischer Industrialisierung und bürgerlicher Moderne. Das heißt: Es gibt Alternativen. Wir müssen sie aber ersehnen und vorantreiben.

Keine Frage der Abstammung mehr: Zwar bekräftigt die Ehe für alle das Ideal der monogamen Zweierbeziehung, ob mit oder ohne Kinder. Aber sie ist ein Meilenstein, um das biologistische und heteronormative Selbstverständnis von Familie zu überwinden: Ob Kinder geliebt und gut versorgt werden, definiert sich nicht über die leibliche Elternschaft. Dies starkzumachen, knüpft an den Lebenswelten von Regenbogen- und Patchworkfamilien an. Beide finden zunehmend Verbreitung: Erstere dank der Errungenschaften für gleichgeschlechtliche und queere Beziehungen, letztere aufgrund vermehrter Trennungen unter Paaren. Das wirft die grundsätzliche Frage auf, was es braucht, damit Kinder gut aufwachsen und stabile Bindungen eingehen können – unabhängig davon, wer sie gezeugt hat. Und warum die idealisierte Kleinfamilie damit so oft überfordert ist.

Bildet Familienbanden! Co-Elternschaft und Wahlfamilien: Obschon Patchwork- oder Regenbogenfamilien eine weit verbreitete soziale Realität sind, bedeuten sie für viele Eltern Verantwortung ohne Rechte. Wird beispielsweise ein Kind in eine lesbische Ehe hineingeboren, gilt nur die gebärende Frau als Mutter. Ihre Partnerin muss sich den staatlichen Prüfungen für eine Adoption unterziehen. Und wer von vornherein nicht an die Kleinfamilie glaubt oder sich durch Lebensumstände familiär erweitert, hat das Nachsehen. Warum können Kinder maximal zwei Personen als rechtliche Eltern haben? In einem Roman von Marge Piercy, Autorin feministischer Social Fiction, hat jedes Kind von Geburt an drei »Mütter« – wobei Muttersein eine Aufgabe und Verantwortung bezeichnet, kein Geschlecht. Die Menschen dieser Gesellschaft sind sich bewusst, dass es vielleicht nicht immer ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind aufzuziehen, aber eben mehr als zwei Personen.

Warum also sollten nur romantische Zweierbeziehungen Verantwortung füreinander und für Kinder übernehmen dürfen? Was spricht dagegen, auch andere Formen des verbindlichen Füreinander-da-Seins anzuerkennen? Familie kann man sich als Kind nicht aussuchen, als Erwachsene schon. Will man dem dominanten Modell Kleinfamilie attraktive Alternativen an die Seite stellen, gälte es, die Ehe für alle um Wahlfamilien zu erweitern. Eine Gemeinschaft, die auf wechselseitiger Verbindlichkeit beruht – egal ob biologisch verwandt, ob mit oder ohne Kinder – das kann vieles sein: etwa zwei Schwestern, die im selben Haus wohnen und füreinander sorgen. Ein Mann zeugt
mit einem lesbischen Paar ein Kind, alle drei wollen rechtliche Eltern sein. Welche Verbindlichkeiten im Einzelnen eingegangen werden, wäre vertraglich zu regeln, auch Besuchs- und Auskunftsrechte im Krankheitsfall, Adoption, Sorgerecht, Unterhaltsanspruch, Erbe. Kinderrechte müssten verbindlich ausbuchstabiert werden. Klingt kompliziert? Sicherlich sind eine erprobte Konfliktkultur und gute Absprachen hilfreich, wenn mehrere Menschen sich aneinander binden. Doch das gilt für jede tiefere Beziehung – und ist ohnehin alltägliche Anforderung an viele Familien.

Anstelle der überfrachteten Kleinfamilie könnten sich Netze aus freundschaftlichen Verwandten oder familiären Freunden bilden. In Piercys Welt hat jeder Mensch einen Kern ihm besonders Verbundener. Das muss keine Utopie bleiben, wenn wir die sozialen und rechtlichen Voraussetzungen dafür schaffen. Und wenn wir unser widersprüchliches Begehren nach Familie gemeinsam bearbeiten, uns trauen, tradierte und scheinbar selbstverständliche Formen des Miteinanders zu hinterfragen und radikal neue Beziehungsmodelle zu entwickeln, kurz: Familie nicht als reine Privatangelegenheit missverstehen. Denn unsere Liebes-, Sorge- und Freundschaftsbeziehungen sind persönlich und politisch.

 

Literatur

  • Haug, Frigga, 2017: Hoffnung auf Familie, in: Das Argument 324, 480–505
  • Dies./Hauser, Kornelia, 1985: Probleme mit weiblicher Identität; in: Hauser, Kornelia (Hg.): Subjekt Frau, Argument-Sonderband 117, Berlin, 14–98
  • Tazi-Preve, Mariam, 2017: Das Versagen der Kleinfamilie. Kapitalismus, Liebe und der Staat, Opladen/Berlin/ Toronto