| Es war einmal

Dezember 2019  Druckansicht
Von Heike Geissler

Es war einmal ein Mädchen, das hatte zu viele langweilige Nachmittage in seinem unordentlichen Zimmer verbracht und Träume angehäuft. Auch hatte es zu lange an seinem Fenster gestanden und darauf gewartet, dass die Mutter endlich von der Arbeit käme, oder es hatte dem Vater zugesehen, wie er, sich hinter der Gardine versteckend, immer dann gegen die Scheibe klopfte, wenn jemand nicht den Fußweg um die Grünfläche vor dem Haus nutzte, sondern den Trampelpfad. Der Vater freute sich über den Schreck der Leute und das Mädchen fragte sich, wie Erwachsene sich etwas ausdenken. Wie kommt Unfug in die Köpfe Erwachsener, wie bereiten sie ihn vor, wie führen sie ihn aus?

Das Mädchen war voller Abenteuerlust, aber wusste nicht und würde es auch jahrelang nicht lernen, welche Abenteuer die besten sind. Als es die Fernsehbilder aller Leute sah, die über den Zaun auf das Botschaftsgelände kletterten, wollte es das auch erleben. Unbedingt und sofort. Es entnahm den Nachrichten ein bis drei politische Gründe zur Unterstützung für sein Drängen, hatte aber tatsächlich nur im Sinn, beim Klettern über den Zaun gefilmt zu werden und beim Gefilmtwerden gut auszusehen. Es wollte, ohne das Wort zu kennen, ikonisch werden. Der Vater stellte sich deutlich gegen den Plan. Er stellt sich, sagte das Mädchen, meinem Erfolg und meinem Eintritt in eine glänzende Welt in den Weg.

Es war also einmal dieses Mädchen, und es trug eine dicke Brille und hatte sich, seit es wusste, dass es eine Brille würde tragen müssen, sehr auf die Brille gefreut, hatte aber, kaum dass die Brille schwer auf seiner Nase saß und auf den Ohren drückte, diese Brille voller Inbrunst und bei jeder Gelegenheit abgelehnt. Das Mädchen war wie gekränkt von seiner Brille und wollte sie nicht tragen. Das Mädchen hatte eine Mutter, die sich anders als das Mädchen erinnerte, und diese Mutter sagte: Nein, du hast keine Brille gehabt. Das Mädchen aber erwiderte: Doch, ich habe eine Brille gehabt, und ich weiß noch, wie du mir befahlst, die Brille auf der Nase zu lassen, wie ich die Brille aber nicht tragen wollte, erst, weil sie zu schwer war, dann, weil sie zu hässlich war und weil diese Hässlichkeit auf mich abfärbte. Ich weiß also noch, sagte das Mädchen, wie wir, als wir in Oberhausen waren und diese Bekannten besuchten, die, die uns jahrelang Pakete geschickt hatten, kurz auf einem dunklen Parkplatz standen und darüber verhandelten, ob ich die Brille nun tragen müsse oder nicht, und ich, sagte das Mädchen, wollte keinesfalls mit Brille auf der Nase in das Westauto steigen. Ich habe die Brille abgesetzt, als du nicht hinsahst, als du dachtest, du hättest dich durchgesetzt.

Ohne Brille saß das Mädchen zum ersten Mal in einem Westauto und wusste, es sah kein magisches Licht aus dem Armaturenbrett kommen, aber es konnte, was es sah, nicht anders als magisch und überwältigend nennen. Es sah auf Licht und Schönheit und wollte diesen ganzen Westglanz wirklich nicht mit seiner hässlichen Ostbrille beeinträchtigen. In diesem Westleuchten traten alle Makel zutage, die krochen aus den dunklen Taschen des Mädchens, aus den verhassten Plisseerockfalten, krochen direkt in die Farben, mitten ins Licht.

Dieses Mädchen, das einmal war, das trug keine Farben, weil es keine Farben hatte. Das Mädchen, das angeblich keine Farben trug, ruft aus der Vergangenheit, dass das nicht stimme. Es habe ja zum Beispiel diese rosa Jacke mit den üblen Schulterpolstern gehabt und diese an einem Sonntag beim Spaziergang durch die Internationale Gartenausstellung tragen müssen. Ja, das ist wahr. Durchaus waren da Farben. Dennoch trug das Mädchen sehr oft ein dunkles Blau, trug diese Farbe, bevor sie modern wurde, trug ab und an rote Strumpfhosen. Ohne es zu wissen, war das Mädchen, was Farben anging, unterernährt, weshalb es sich, sobald es konnte, von seinem ersten, nach stundenlangem Schlangestehen überreichten Westgeld einen Rucksack in Neonfarben kaufte und sofort von diesem verschlungen wurde.

Es war einmal ein Mädchen, das war wirklich wie geschaffen für die Konsumgesellschaft, das hatte nun endlich sein bestes Habitat, wenn auch nicht genug Geld. Das Mädchen pilgerte Nachmittag um Nachmittag die Hauptstraße seines Wohngebietes hinab, hinein in die neu eröffnete Fröschl-Filiale und schaute sich an, was es so gab. Und was es so gab, war in etwa, was das Mädchen haben musste. Möglicherweise bekam das Mädchen nichts von den politischen Veränderungen in seinem Land mit und erfreute sich immer nur an den Resultaten der Veränderungen in den Geschäften. Das Mädchen wühlte in eilig errichteten Zeltbauten in Kisten und zog das eine T-Shirt hervor, das es mehr als alles brauchte. Es zog von da an ständig Dinge hervor, die es haben musste, und würde sich, das war damals schon abzusehen, kaum an die Umbrüche und Verwerfungen erinnern, sondern an Dinge, die es erwarb, an Dinge, die es sich erwerben ließ, und vor allem an Dinge, die es unbedingt haben wollte und nicht bekam.

Das Mädchen hatte sein Momentum, als es mit einer Freundin zu einer der Montagsdemonstrationen ging. Sie liefen am Rand, entfernten sich immer wieder vom Zug der Demonstrierenden, um überall zu klingeln, um alle Leute nach draußen zu holen. Sie hatten so etwas noch nicht erlebt, ohne sagen zu können, was genau sie da erlebten. Das war, dachte das Mädchen, größer als die Aufregung, die es 1988 bei der Generalprobe für das Pioniertreffen in ihrer Heimatstadt verspürt hatte, eine Aufregung, die das Mädchen hatte vergessen lassen, dass es nur zur Generalprobe geladen gewesen war und nicht wie andere aus seiner Klasse zur Eröffnungsfeier am Tag darauf. Das Mädchen und seine Freundin klingelten, drückten die Hände auf die Klingelknöpfe und kamen sich vor, als riefen sie mit einer kichernden Kindergeburtstagsgruppe im Rücken: Leute, holt die Wäsche rein, es regnet blaue Tinte.

Es war einmal ein Mädchen, dem sagte der Gesellschaftskundelehrer, der eben noch der Lehrer für Staatsbürgerkunde gewesen war, es solle doch nicht Reiseverkehrskauffrau werden wollen, sondern lieber Model. Das Mädchen fühlte sich verkannt und gesehen zugleich und dachte danach, dass der Schlitz, den es an einem Sonntag mühevoll in die 150 Mark teure, in einem Zeltbau erworbene Billigjeans geschnitten und anschließend die Stoffkanten ausgefranst hatte, zu groß war und zu knapp unter dem Po.

Das Mädchen kam eines Tages nach Hause und erzählte, die Klassenleiterin sei nach fünf Tagen Abwesenheit nun wieder da, habe neu und glänzend ausgesehen, wie eine Königin inmitten ihres Fußvolks, und habe von ihrem Bekannten berichtet, der ab und an Heroin nehme und, weil er sich im Griff habe, weder sich noch anderen dadurch schade. Heroin ist also gar nicht schlimm, sagte die Lehrerin und nickte wissend. Die Lehrerin ist auf einmal viel klüger als zuvor, dachte das Mädchen, und alles, was kaum zu glauben war, war ihm ein Schatz.

Das Mädchen sagte seinen Eltern, sie müssten ein neues Auto kaufen, sie könnten nicht mehr mit diesem faden Trabant herumfahren. Das Mädchen sagte nicht, dass es sich entsetzlich schäme, noch mit einem Trabant herumgefahren zu werden. Es drängelte die Eltern, es setzte monatelang all seine Überzeugungskraft und all sein Drängeln ein, um die Eltern zu überzeugen. Irgendwann kauften die Eltern einen violetten Renault 19 Chamade. Was weder das Mädchen noch die Eltern wussten, war, dass Chamade »ein mit der Trommel oder mit einer Trompete gegebenes Signal, sich ergeben zu wollen« 1 bezeichnet.

Es war einmal ein Mädchen, das erlebte ansonsten nichts.

Es war einmal eine Frau, die sehr genau wusste, dass das nicht stimmte, aber es war nun einmal so, dass sich die Frau partout nicht an mehr erinnern wollte. Sie merkte, dass es ihr, wann immer sie sich erinnerte, so dermaßen unwohl wurde, dass sie sofort von diesen Versuchen ablassen und sich anders beschäftigen musste. Sie merkte deutlich, dass sie anstelle einer ausführlichen Erinnerung, die wie ein Fundament für ein Haus wäre, eine Lücke hatte, eine schneidend hell beleuchtete Lücke, die anzusehen dazu führte, dass die Frau die Augen zusammenkneifen musste. Anstatt sich zu erinnern und dem Mädchen ein paar mehr Erlebnisse und Gefühle hervorzuholen, spaziert die Frau lieber durch eine Szenerie in schwarz­weiß, die ist ihr eine Art Sehnsuchtsort und zugleich ein Retreat. Der Spaziergang durch die Szenerie beginnt stets an einem kalten, regnerischen Tag am Strand von Warnemünde. Die Frau ist gerade im Wasser gewesen und verbirgt sich kurz vor dem Wind im Strandkorb. Rechts an der Promenade sieht sie das Hotel Neptun, weiter links den Leuchtturm, sie ist allein am Strand. Ohne den Strandkorb verlassen zu müssen, geht sie los. Sie geht durch einen Wald, eher ein Wäldchen, alles noch immer schwarz-weiß. Das Wäldchen mündet in den Berliner Alexanderplatz, den die Frau sofort an der Weltzeituhr erkennt. Dort verweilt sie. Direkt an der Weltzeituhr beginnt eine Straße, deren Häuser recht verfallen sind, aber nicht unheimlich wirken. Manche Fenster sind beleuchtet, aber aus Rücksicht auf die Frau sind keine Menschen zu sehen. Die Frau weiß nicht, wo alle sind, aber sie weiß sehr zu schätzen, dass sie ungestört durch eine Gegend gehen darf, die aus lauter ihr bekannten Elementen besteht, die in diesem Szenario vertrauenswürdig und zugleich unbekannt wirken. Wie gesagt, anstatt sich zu erinnern, spaziert diese Frau, und ich will sie vorerst nicht dabei stören.

Anmerkungen

  1. Vgl. de.wiktionary.org/wiki/Chamade. []