| »… Damit ich nicht noch weiter abgleite«. Entsicherung, Erschöpfung und Entmenschlichung in der alltäglichen Arbeit

September 2018  Druckansicht    Druckansicht
Von Dieter Sauer

Wenn man offiziellen Verlautbarungen der Bundesregierung und Mediendarstellungen folgt, entsteht der Eindruck: Um Wachstum, Wohlstand, Arbeitsmarkt ist es besser bestellt als je zuvor. Es wird das Bild einer Erfolgsökonomie gezeichnet, in der Facharbeitermangel die zentrale Entwicklungsbremse darstelle. Glaubt man manchen wissenschaftlichen Expertisen, verblassen auch die Abstiegsängste: Die Menschen hätten sich zunehmend besser mit den neuen Unsicherheiten arrangiert und gelernt, diese zu bewältigen (Lengfeld 2017, 3). Doch woher kommt dann all die Wut und Verbitterung in wachsenden Teilen der Bevölkerung? Zunehmende Entsicherung
und das Gefühl, das eigene Leben nicht mehr planen zu können, bilden schließlich auch den Nährboden für den grassierenden Rechtspopulismus (vgl. Sauer et al. 2018).

Die wirtschaftliche Entwicklung und die konkrete Lebenslage der Menschen sind nicht dasselbe. Fehleinschätzungen der Alltagssorgen hängen auch damit zusammen, dass die Welt der Arbeit in der Öffentlichkeit nur geringe Beachtung erfährt. Es sind immer nur einzelne Fälle, die öffentliches Interesse erzeugen, wie kürzlich die skandalösen Beschäftigungsbedingungen bei der Post. Dass fast die Hälfte der Neueinstellungen befristet ist und sich die Zahl atypischer Beschäftigungsverhältnisse in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt hat, fließt in die Beurteilung der gesellschaftlichen Situation meist nicht ein. (1) Unsichere Beschäftigungsverhältnisse sind aber nur ein Aspekt des Wandels der Arbeitswelt, Veränderungen im Prozess der Verausgabung von Arbeit (z. B. steigender Zeit- und Leistungsdruck) sind ähnlich folgenreich.

Wir haben im letzten Jahr eine qualitative Befragung unter Gewerkschaftsmitgliedern, Vertrauensleuten und Betriebsräten zum Thema Rechtspopulismus und Arbeitswelt durchgeführt, in der ein Bild über die Zustände in den Betrieben entstanden ist, das in deutlichem Kontrast zu den gängigen Debatten steht. (2) Die von uns befragten Beschäftigten beklagen das öffentliche Desinteresse: Ihren konkreten Arbeits- und Lebensbedingungen, ihren Sorgen und Nöten werde keine Beachtung geschenkt. Das verstärkt ihre Unzufriedenheit. Dieser Befund soll im Folgenden etwas genauer skizziert werden.

Zuspitzung arbeitsweltlicher Problemlagen

Ausgangspunkt der Erzählungen der befragten Kolleg*innen ist zumeist eine Schilderung der betrieblichen Lage und ihrer konkreten Arbeitsbedingungen. Dabei ist in den meisten Fällen von einer Verschlechterung die Rede, die als Teil eines längerfristigen Krisenprozesses gesehen wird. Als »krisenhaft« nehmen die meisten den fortwährenden Druck sowie die permanente Unsicherheit von Beschäftigung, Einkommen und Arbeitsbedingungen wahr, wofür vor allem veränderte Abläufe
im Betrieb (Aufspaltungen, Verlagerungen, verstärkte Standortkonkurrenz, Kostensenkungsprogramme) verantwortlich gemacht werden. Solche Einschätzungen haben wir schon in vorangegangenen Studien (vgl. Detje et al. 2011 und 2013) zum Krisenbewusstsein von Arbeitnehmer*innen vorgefunden: Offensichtlich werden die Konsequenzen dieses »Dauerzustands von Krise« von den Beschäftigten einschneidender erlebt als etwa die realwirtschaftlichen Folgen der Finanzmarktkrise von 2008/09.

Wir haben solche Einschätzungen auch in anderen Forschungsprojekten in den letzten 20 Jahren wiederholt vorgefunden. Sie waren unter anderem ein Beleg für unsere These einer permanenten Reorganisation in den Unternehmen, die teilweise unabhängig von jeweiligen Konjunkturverläufen (»ob Boom oder Krise«) bei den Beschäftigten beständig für Unruhe und Druck sorgt (vgl. Sauer 2016). »Krise ist immer« meint auch das Ende von Normalität: Das Leben in den Betrieben heute kennt keine Ruhephasen mehr. Wenn wir die Beschäftigten fragen, seit wann das denn so sei, nennen sie immer die 1990er Jahre, in denen das alles angefangen habe.

Unser Eindruck ist, dass sich die Verhältnisse in den Betrieben weiter zugespitzt haben, sowohl, was die objektiven Bedingungen angeht, als auch in der subjektiven Wahrnehmung der Beschäftigten. Dieser Eindruck ist vor dem Hintergrund der historischen Tendenz einer permanenten betrieblichen Reorganisation nicht verwunderlich, denn diese folgt einer immanenten Steigerungslogik als Resultat einer finanzmarktorientierten Unternehmenssteuerung (Sauer 2013). Hinzu kommt der neoliberale Umbau der Sozialsysteme, der Arbeits- und Beschäftigungsverhältnisse entsichert. »Krise ist immer« bedeutet deswegen nicht nur Unsicherheit, Anspannung und Überforderung, sondern es entsteht eine Abwärtsspirale bei den Arbeitsstandards und -bedingungen. Und dies gilt für ganz unterschiedliche Branchen und Beschäftigtengruppen.

Sicherheit des Arbeitsplatzes

Trotz angeblich blendender Arbeitsmarktdaten ist unter der Oberfläche die Angst um die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes nicht verschwunden. Ein Grund dafür sind ständige Umstrukturierungen in den Unternehmen: Neben den Strukturveränderungen in der Automobil- und der entsprechenden Zulieferindustrie greifen neue Geschäftsmodelle bei den Banken, Telekommunikations- und Logistikunternehmen – um einige der von uns in die Untersuchung einbezogenen Wirtschaftsbereiche zu nennen. Noch wichtiger ist vermutlich die generelle Zuspitzung markt- und renditeorientierter Unternehmensstrategien. Von diesen Sorgen und Problemen berichtet zum Beispiel ein Beschäftigter aus einem kleineren Metallbetrieb, dessen Zukunft als Teil eines Firmenkonglomerats eher ungewiss erscheint:

»Wir haben einen Investor, der letztendlich jede Möglichkeit ausschöpft, um Gewinnerträge durch legale Firmenspaltungen zu steigern […], und somit eine politische Situation schafft, die unsicher machen kann. […] da wird Angst geschürt, von wegen Arbeitsplatzsicherheit […]. Und da ist so eine Ohnmacht. Weil selbst wenn wir uns organisieren würden, dann wären wir in diesem Großunternehmen letztendlich ja ein ganz kleines Ding, das man schnell wegkicken kann. Und das wissen die Leute auch.«

Es werden vor allem Betriebsteile mit einem hohen Anteil an Produktionsarbeit verlagert.
 Die administrativen Bereiche scheinen davon weniger berührt. Das erweckt den Eindruck, dass es immer die »Leute da unten« trifft, es also zu einer ungleichen Verteilung der Restrukturierungslasten kommt. Outsourcing betrifft aber ebenso Dienstleistungstätigkeiten, insbesondere sogenannte transaktionale Tätigkeiten (Administration, Consulting u. Ä.). Eine Betriebsrätin aus der IT-Branche berichtet darüber:

»Das ist im Moment gerade ein ganz schweres Thema, diese transaktionalen Tätigkeiten. Und das andere ist die Auslagerung von Dienstleistungen, also im IT-Bereich, die nach Best Shore und Near Shore verlagert werden, weil sie in Deutschland nicht mehr konkurrenzfähig sind. Und das betrifft auch eine sehr, sehr große Anzahl an Beratern, an Consulting-Kollegen, an Administratoren. […] Das ist im Moment sehr, sehr gravierend.«

Entscheidend kommt hinzu: Der Blick in den Abgrund ist furchteinflößend, seitdem mit dem Hartz-IV-Regime soziale Auffangnetze geschwächt, Qualifikationen entwertet und Entgeltsicherungen kassiert wurden. Das macht die Angst vor Erwerbslosigkeit noch größer als früher: Der existenzielle, unaufhaltsame Absturz scheint vorprogrammiert.

Permanente Reorganisation

Auch unterhalb der Schwelle transnationaler Verlagerungsprozesse findet eine ständige Umstrukturierung statt, die den Charakter einer permanenten Reorganisierung annimmt. Hierbei geht es um eine Verflüssigung von organisatorischen Strukturen, was zu einer ständigen Unruhe in der Belegschaft führt und von ihr eine hohe Flexibilität und Anpassungsbereitschaft verlangt.

»Wir hängen eigentlich seit zehn Jahren, wenn nicht sogar noch länger, eigentlich permanent in der Luft. Also wie so ein Fähnchen, das wird halt mal hin und her geschwungen […] ständig ist da Bewegung drin, ständig passiert irgendwas. Aber wo es wirklich hingeht, das weiß kein Mensch.«

Im Zeichen der Digitalisierung ist »Agilität« ein zentrales Stichwort: Alles muss immer flexibler, kurzfristig veränderbar und schneller werden. Vor allem bei älteren Beschäftigten entsteht mit der realen oder erwarteten Digitalisierung ein Gefühl der Überforderung, des »Nicht-mehr-Mitkommens, des Abgehängtwerdens«. Auch bei den Dienstleistungen werden mit der Digitalisierung Arbeitsabläufe automatisiert. Eine Kundenberaterin aus einer Bank berichtet:

»Maschinen können bestimmt gewisse Sachen schneller machen, aber die Menschen nicht. Und wir als Mensch gehen überall verloren, egal in welchem Betrieb. Wir können den Service für den Kunden nicht mehr bieten, wo man eigentlich ja mit dem Kunden sonst ein gutes Verhältnis hat, aber man muss alles bloß schnell, schnell machen. Man wird aggressiv und ausgepowert.«

Prekarisierung

Prekarisierung nimmt allerorts zu, wobei die Flexibilisierung von Beschäftigungsverhältnissen häufig mit Niedriglöhnen und gebrochenen Berufskarrieren einhergeht. Ein Beispiel aus dem öffentlichen Dienst: Hier wird seit der Änderung des Teilzeit- und Befristungsgesetzes, mit dem auch sachgrundlose Befristungen ermöglicht wurden, die Befristung oft als Standard genutzt – mit all den Folgen unsicherer Beschäftigung. Ein ver.di-Kollege berichtet, was ein prekäres Bedschäftigungsverhältnis für die Betroffenen bedeutet:

»Meine Zukunftsaussichten sind unklar. Ich bin eingeschränkt in der Frage, kann ich Familie gründen oder nicht? Bleibe ich da, wo ich bin? Wie sicher ist mein Arbeitsplatz? Das wird von Arbeitgebern unterschätzt, was das mit den Arbeitnehmern macht […] wir haben Dienststellen, da sind 100 Prozent aller Neueinstellungen die ersten zwei Jahre befristet. Also die stellen gar nicht mehr unbefristet ein.«

Die aktuellen Arbeitsmarktzahlen verdecken den hohen Anteil von deregulierten Arbeitsverhältnissen. Die Anworten auf unsere Befragung zum Lohnniveau haben gezeigt, dass nicht nur die »Niedriglöhner« Probleme haben, ihren Lebensunterhalt zu sichern, sondern dass auch gut qualifizierte »Normalverdiener« damit zu kämpfen haben, einen auskömmlichen Lebensstandard zu erreichen – und vor allem Sicherheit für die Zukunft.

Leistungsdruck

Meist an erster Stelle werden in der Beschreibung der betrieblichen Arbeitssituation der steigende Leistungsdruck und seine gesundheitlichen Folgen genannt. Darüber wird durchgängig berichtet – quer durch alle Branchen und Betriebe –, und das ist für
sich genommen schon ein wichtiger Befund. Oft wird der gestiegene Leistungsdruck auf die immer knappere Personalbesetzung zurückgeführt, bei gleichbleibendem oder zunehmendem Arbeitsvolumen. Negative gesundheitliche Auswirkungen sind dann vorprogrammiert. Das thematisierten in unserer Befragung insbesondere Beschäftigte aus den Bereichen Finanzdienstleistungen und Telekommunikation.

»Also die Teams werden immer kleiner, es muss aber das Arbeitspensum gehalten oder noch gesteigert werden. Und jetzt müssen die Arbeit, die vorher vielleicht 25 Leute erledigt haben, 15 oder 17 Leute erledigen, und das auf gleichbleibendem Niveau. Also es wird Effizienz genannt – immer mehr, immer schneller, immer besser. Das übt wahnsinnig viel Druck auf die Leute aus.«

In den Systemen der Leistungssteuerung sind unerreichbare Ziele zentraler Antreiber von Leistungssteigerung. Solche Systeme finden sich – ob nun bezogen auf Teams oder individuelle Beschäftigte – vor allem in den Dienstleistungssektoren (Banken, Telekommunikation, Logistik). Sie sind verknüpft mit aufwendigen Systemen der Leistungskontrolle (Monitoring, Dokumentation, Controlling u. Ä.). Hierzu eine Kundenberaterin aus einer Bank:

»Wenn man einem Hund die Wurst hinhält, die kann man immer höher ziehen. Der erwischt die Wurst nie! Und wenn wir 100 Prozent oder 105 Prozent erreicht haben, super, aber das ist gleich vergessen – es geht ja auch 110. Es wird das Erreichte nicht mehr geschätzt. Und das macht Leute krank.«

In den Produktionsbetrieben gibt es ähnliche Systeme der Leistungssteuerung, von denen vor allem Angestellte betroffen sind. Darüber hinaus wird steigender Leistungsdruck vor allem durch Bedrohungsszenarien (Standortverlagerung) und technisch-organisatorische Veränderungen erzeugt.

Das Regime der Unsicherheit erzeugt Abstiegs- und Zukunftsängste

Wenn wir von einer Zuspitzung sprechen, meinen wir nicht nur Arbeitsplatzgefährdung, Prekarisierung, Leistungsdruck und Ähnliches. Wir meinen, dass damit zugleich ein betriebliches Ordnungssystem aus den Fugen gerät. Der Kapitalismus als Leistungssystem basiert auf einem Versprechen: Wer seine Arbeit gut und effektiv macht und sich dafür qualifiziert hat, der erhält ein (relatives) Wohlstands- und Sicherheitsversprechen – und wenn es gut läuft, auch ein Aufstiegsversprechen. Das war, wenn man so will, die Grundlage jeder sozialpartnerschaftlichen Politik. Unsere Beobachtung ist nun: Diese Sicherheitsversprechen lösen sich auf, sie kommen unter die Räder eines Regimes der Unsicherheit – so auch das Ergebnis einer neuen Studie der Hans-Böckler-Stiftung (vgl. Hilmer et al. 2017).

Das Regime der Unsicherheit ist auch durch Anerkennungsentzug gekennzeichnet. Man strengt sich an, gibt sein Bestes und wird mit Missachtung belohnt. Nur noch die »nackten Zahlen« gelten etwas, der Mensch und seine Arbeit sind abgeschrieben, berichten uns viele Kolleg*innen. Die Rationalisierung mobilisiert Abstiegs- und Zukunftsängste. Das Zitat eines Facharbeiters aus einem Metallbetrieb ist dafür typisch:

»Ja, im Moment geht es noch […] ich nehme alle Weiterbildungsangebote, die die Firma mir macht, an. Und ich habe trotzdem das Gefühl, ich muss mich immer mehr abstrampeln, nur um mein jetziges Niveau noch halten zu können. Ich bin nicht derjenige, der auf dem aufsteigenden Ast sitzt, sondern ich kämpfe im Prinzip wie die Sau,
 damit ich nicht noch weiter abgleite.«

Wo selbst enorme Bildungs- und Arbeitsanstrengungen und Flexibilität, also fortschreitende Selbstoptimierung, kein gesichertes Vorankommen mehr versprechen, bietet der Neoliberalismus, der vorgibt, das Individuum ins Zentrum zu stellen, für große Teile der Bevölkerung keine Zukunftsverheißung mehr.

Die Beschäftigten haben überwiegend kein instrumentelles Arbeitsverständnis. Sie sind qualifiziert, haben Wertschätzung für ihre eigene Professionalität und die ihrer Kolleg*innen, sind interessiert daran, gute Arbeit zu leisten. Betriebliche Restrukturierungsprozesse werden auch nicht an sich negativ bewertet, sie können auch als Herausforderung angenommen werden. Doch ob dies geschieht, hängt maßgeblich davon ab, ob die Veränderungen als transparent und bewältigbar erfahren werden und inwiefern es möglich erscheint, die eigene Erwerbsbiografie im betrieblichen Regime aktiv zu gestalten. Diesbezüglich werden jedoch zunehmende Zweifel und Ängste formuliert. Die Unternehmen steuern Arbeitsprozesse mit leistungspolitischen und qualifikatorischen Zielvorgaben, die kaum zu erreichen sind und zu einer permanenten Überlastung führen. Es mangelt nicht nur an den entsprechenden zeitlichen und materiellen Ressourcen, sondern auch an immateriellen Ressourcen wie Anerkennung und Wertschätzung. Diese scheinen in den zunehmend marktgesteuerten Arbeitsprozessen keinen Platz mehr zu haben.

Wenn Anerkennung verweigert wird, wird dies in der Regel von den Beschäftigten als Herabsetzung wahrgenommen. Das Gefühl der Degradierung fällt umso stärker aus, je mehr man bestrebt ist, trotz eines belastenden Arbeitsregimes den eigenen und den Unternehmensansprüchen gerecht zu werden. Kollektive Organisierung und Gegenwehr gegen die Zumutungen des Marktes fallen so zunehmend schwerer. Die Ressource Solidarität schwindet noch weiter.

Zwei Entwicklungen kommen dabei zusammen, die als Kulturwandel bezeichnet werden können: zum einen das abstrakte, über Zahlen vermittelte Primat der »Wirtschaftlichkeit« und »Effizienz«, hinter dem die Qualität der Arbeit und die zugehörige Person verschwinden; zum anderen jene indirekten Steuerungsformen, mit denen »der Markt« an die Stelle der hierarchischen Kommunikation tritt. Doch der Markt ist kein Modus, der Anerkennung generiert. Ebenso wenig schafft er Gelegenheiten und Orte,
an denen Solidarität gelebt werden kann. Kolleg*innen berichten von einer Erlahmung des betrieblichen Soziallebens, einer der zentralen Grundlagen von Solidarität.

»Verdichtung ist nicht schneller arbeiten, sondern Verdichtung ist Entmenschlichung […]. Das heißt, ein soziales Gefüge, dass man sich morgens die Hand gegeben hat, gefragt hat, wie es einem geht, dass man zusammen einen Kaffee getrunken hat am Automaten, um sich gegenseitig aufzubauen, wenn man mal einen Durchhänger hat. Das ist zerstört worden. Es gibt zunehmend keine zusammenhängenden sozialen Beziehungen mehr.«

Erosion politischer und gewerkschaftlicher Gegenmacht

Mehr noch als im Betrieb werden die schwachen Gegenmachtressourcen auf
 der politischen Ebene beklagt. Die von uns Befragten fühlen sich mit ihren Interessen von den etablierten politischen Parteien nicht mehr vertreten. Sie haben den Eindruck, mit ihren Sorgen alleingelassen worden zu sein. Vielfach empfinden sie Zorn gegenüber den politischen Repräsentant*innen. Vom Staat erwarten viele Beschäftigte keine regulierenden Eingriffe oder Lösungen mehr. Nach drei Jahrzehnten neokonservativer und neoliberaler Politik wird dieser nicht mehr nur als entmachtete, sondern häufig sogar als eine feindliche Institution wahrgenommen: als der Staat »der anderen«. Besonders tief sitzt die Enttäuschung über die Sozialdemokratie, die sich von ihrem Anspruch, Interessenvertreterin der Lohnabhängigen zu sein, vollständig verabschiedet habe.

Die Gewerkschaften können im Unterschied zu den sehr viel stärker diskreditierten politischen Parteien noch interessenspolitische Legitimation für sich beanspruchen. Doch auch ihr Kreditspielraum wird geringer. Die institutionellen Strukturen der Interessenvertretung in den Betrieben und in
 der Tarifpolitik sind zwar noch weitgehend vorhanden, aber sie können die Beschäftigten offensichtlich vor den Zumutungen des Marktes nicht mehr wirksam schützen. Weder auf die Sicherheit der Arbeitsplätze noch auf die Leistungsbedingungen des Großteils der Beschäftigten haben Gewerkschaften nachhaltigen Einfluss – und zwar selbst dort nicht, wo Tarifverträge als Regulierungsinstrument noch anerkannt sind und respektiert werden. Mit dem traditionellen gewerkschaftlichen Instrumentarium kann nicht mehr hinreichend auf die Erfahrungen des Abstiegs, der Abwertung, des Kontrollverlusts sowie auf die wachsenden Zukunftsängste der abhängig Beschäftigten reagiert werden.

Wenn unsere Befragung eines deutlich gemacht hat, dann die Abwärtsspirale bei
der Entwicklung der Arbeitsverhältnisse.
 Wie sieht die Zukunft aus? Wie mit immer höherem Leistungsdruck, beschleunigter Rationalisierung und verstärktem Druckpotenzial umgehen? Die Antwort kann nicht mehr lauten: Minimierung der Risiken bei Optimierung der Chancen. Der herkömmliche gewerkschaftliche Reformismus überzeugt immer weniger. Das sorgt bei einem Teil der Kolleg*innen für Unruhe und schürt das Verlangen, eine Neuverständigung über die zentralen Gegenwarts- und Zukunftsprobleme herbeizuführen. Auf Abstiegs- und Zukunftsängste müssen Antworten gegeben werden, die letztlich auch vor Systemschranken nicht haltmachen dürfen.

Literatur

  • Detje, Richard/Menz, Wolfgang/Nies, Sarah/Sauer, Dieter, 2011: Krise ohne Konflikt? Interessen- und Handlungsorientierungen im Betrieb – die Sicht von Betroffenen, Hamburg
  • Ders./Menz, Wolfgang/Nies, Sarah/Sauer, Dieter/Bischoff, Joachim, 2013: Krisenerfahrungen und Politik. Der Blick von unten auf Betrieb, Gewerkschaft und Staat, Hamburg
  • Hilmer, Richard/Kohlrausch, Bettina/Müller-Hilmer, Rita/ Gagné, Jérémie (2017), Einstellung und soziale Lebenslage, Working Paper Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung Nr. 44, Düsseldorf
  • Lengfeld, Holer, 2017: Abstiegsangst in Deutschland auf historischem Tiefstand. Ergebnisse der Auswertung des Sozio-oekonomischen Panels 1991–2016. Arbeitsbericht des Instituts für Soziologie der Universität Leipzig (Fassung vom 21.8.2017), Leipzig
  • Sauer, Dieter, 2013: Die organisatorische Revolution. Umbrüche in der Arbeitswelt – Ursachen, Auswirkungen und arbeitspolitische Antworten, Hamburg
  • Ders., 2016: Permanente Reorganisation. Unsicherheit
und Überforderung in der Arbeitswelt, in: Doering-Manteuffel, Anselm/Raphael, Lutz/Schlemmer, Thomas (Hg.), Vorgeschichte der Gegenwart. Dimensionen des Strukturbruchs nach dem Boom, Göttingen, 37–57
  • Ders./Stöger, Ursula/Bischoff, Joachim/Detje, Richard/Müller, Bernhard, 2018: Rechtspopulismus und Gewerkschaften. Eine arbeitsweltliche Spurensuche, Hamburg

 

Anmerkungen

  1. Vgl. hierzu den vom DGB und der Hans-Böckler-Stiftung 2018 herausgegebenen »Atlas der Arbeit« unter www. boeckler.de/atlas-der-Arbeit.
  2. Die 114 Befragten kamen aus 45 verschiedenen Betrieben/Arbeitsstätten der Metallindustrie und aus Dienstleistungsunternehmen (vgl. Sauer et al. 2018).