| »Do you believe in life after work?« Der Dozentenstreik in Großbritannien

September 2018  Druckansicht    Druckansicht
Von Mark Bergfeld

Vom 21. Februar bis zum 19. März 2018 wurde Großbritanniens Universitätssystem durch einen Arbeitskonflikt der Dozent*innen lahmgelegt: Um ihre Renten zu verteidigen, streikten die in der Gewerkschaft UCU (University and College Union) organisierten Dozent*innen, Professor*innen und akademische Hilfskräfte zwei Wochen lang an 61 Universitäten.

Dieser Artikel fasst den Streikverlauf zusammen und diskutiert die Hintergründe und Entwicklung des Streiks und welche politischen Fragen der Konflikt aufwarf.

Auslöser der Arbeitskampfmaßnahmen war die Entscheidung der Arbeitgeber, das Defined-benefits-Rentensystem abzuschaffen. Auf der Grundlage einer Risikoberechnung der Consulting-Firma PricewaterhouseCooper behauptete der Rentenfond University Superannuation Scheme (USS), ein Defizit zu haben. Zeitgleich gab sich der Vorstandsvorsitzende jedoch eine Gehaltssteigerung von 82 000 britischen Pfund (ca. 92 000 Euro). Da das Rentensystem nicht mehr von der Regierung gedeckt wird, schlug USS vor, die Renten der Arbeitnehmer*innen an den Aktienmarkt und nicht mehr an ihre individuellen Rentenbeiträge zu koppeln. Der Gewerkschaft zufolge würde diese Maßnahme für eine durchschnittliche Hochschuldozentin 10 000 Pfund bzw. 11 000 Euro pro Jahr an Renteneinbußen bedeuten. Weibliche Angestellte sowie People of Colour wären aufgrund des geschlechts-basierten und rassistischen Lohngefälles im britischen Hochschulwesen unverhältnismäßig stark betroffen. Für die stetig wachsende Anzahl Beschäftigter mit befristeten Lehr- oder Forschungsverträgen (einschließlich mir) war das Defined benefits-Rentensystem lange einer der Gründe dafür gewesen, dass niedrige Löhne und befristete Verträge trotz aller Zumutungen akzeptiert wurden.

Die neoliberale Universität

Das Mantra der New Labour-Regierung „Education, Education, Education“ erkor das britische Universitätssystem zum Wachstumsmotor – und zeitgleich die Bildung zur Ware. Die Einführung der Studiengebühren durch New Labour in 2006 ermöglichte es wiederum den konservativen Tories, die Studiengebühren im Dezember 2010 auf 9 000 Pfund pro Jahr zu verdreifachen. Diese so genannten Reformen spülten zwar zusätzliches Geld in die Kassen der Universitäten, doch die Lehr- und Forschungsbedingungen der Mehrheit der Mitarbeiter*innen verbesserten sich dadurch nicht. Stattdessen müssen sich Lehrkräfte aufdringlichen und tayloristischen Formen der Überwachung in ihrem Unterricht und der Forschung unterziehen. Zugleich wächst der Druck zu publizieren, wobei Quantität über Qualität gestellt wird: Eine Monographie zum Beispiel hat den gleichen Wert wie ein Peer-Review-Artikel.

Trotz der neoliberalen Hegemonie traten verschiedene Akteure dieser neoliberalen Transformation entschieden entgegen. Im Jahr 2006 erkämpften beispielsweise die Vorgängerverbände der UCU eine Lohnerhöhung von 13,1 Prozent für akademische und 15,5 Prozent für nicht-akademische Mitarbeiter*innen. Während Widerstand gegen die Einführung der Studiengebühren im selben Jahr ausblieb, kam es nur vier Jahre später im Zuge der Verdreifachung der Studiengebühren zu einer massiven Protest- und Besetzungswelle an den Universitäten und heftigen Straßenkämpfen zwischen Studierenden und Polizei, insbesondere in London. Nach starker polizeilicher Repression bis hin zu Haftstrafen für Studierende endete die Bewegung in einer Niederlage: Die Erhöhung der Studiengebühren konnte nicht verhindert werden.

Um Lohn- und Personalkosten zu senken, gliederten viele Universitäten ihre Gebäudereinigung und die Beschäftigten in den unteren Lohngruppen aus. In der Folge traten neue Akteure wie die Unabhängige Gewerkschaften der Independent Workers of Great Britain (IWGB) und United Voices of the World (UVW) in Erscheinung und begannen, erfolgreich Sicherheits- und Reinigungspersonal an der University of London und der London School of Economics zu organisieren. Dabei erstritten sie Lohnsteigerungen, Krankengeld und Urlaubsansprüche. Weniger erfolgreich waren die fünf Arbeitskämpfe der UCU im selben Zeitraum. Wie zuvor die Studierenden, scheiterten auch die Dozent*innen: Weder schafften sie es, ihr Gehalt zu verteidigen, noch die Taylorisierung der Lehre und der Forschung zurückdrängen. Die Auswirkungen auf die Gewerkschaft waren verheerend: Die Zahl der UCU-Mitglieder fiel von 122 000 in 2010/2011 auf 104 000 in 2016/2017.

Die Krise als Gelegenheit nutzen

Die Arbeitgeberseite nutzte die Krise der Gewerkschaft dazu, die Renten der Dozent*innen anzugreifen und das defined benefits-Rentensystem zu zerschlagen. Trotz der vergangenen Niederlagen kam es erneut zu Widerstand.

Die neue gewerkschaftsfeindliche Gesetzgebung der Konservativen sieht vor, dass mindestens 50 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder an der Urabstimmung über einen Streik teilnehmen müssen. Dies nutzte die UCU-Gewerkschaft zu ihrem Vorteil und erzeugte einen Überraschungseffekt, indem sie ihre Mitgliedschaft organisierte und mobilisierte. Das Ergebnis von 58,3 Prozent Wahlbeteiligung und 88,1 Prozent Stimmen für ein Ja zum Streik gaben der Gewerkschaft ein starkes Mandat, 14 Streiktage innerhalb von vier Wochen auszurufen. Dieses deutliche Votum sorgte nicht nur beim Management für Überraschung, sondern auch bei den Gewerkschaftsmitgliedern selbst, und führte zu hitzigen Diskussionen unter ihnen.

Eine Minderheit betrachtete den 14-tägigen Streikaufruf als entschlossene Kampfansage. Viele Aktivist*innen, einschließlich mir, blieben zunächst skeptisch: machte die Halbherzigkeit früherer UCU-Streiks es nicht unmöglich, einen vierwöchigen Streik aufrechtzuhalten, da kollektive Traditionen erodiert oder nicht mehr vorhanden waren? Eine weitere Gruppe an Kolleg*innen kritisierte den Streik grundsätzlich als unwirksam, da die Universität keine Produktionsstätte sei und er einen Keil zwischen Lehrbeauftragten und Studierende treiben würde.

Die kreativen, großen und dynamischen Streikposten am ersten Streiktag brachten aber sofort eine starke Solidarität zwischen den verschiedenen Statusgruppen hervor. Schlagartig änderten sich die Diskussionen mit Kolleg*innen. Imaginierte Mauern, die bisher prekäre Mitarbeiter*innen von Professor*innen trennten, wurden niedergerissen. Auch innerhalb der Gewerkschaft kam es zu radikalen Veränderungen. An meiner Universität, der Queen Mary University in London, übernahmen neue Gewerkschaftsmitglieder große Verantwortung für tägliche Organisation des Streiks. Dies war kein Einzelfall: Internen Berichten zufolge traten mehr als 5 000 Beschäftigte der UCU allein innerhalb der ersten Streikwoche bei.

Streikende Dozent*innen und Lehrkräfte sprudelten nur so vor Kreativität. Ein bekanntes Lied der Popsängerin Cher wurde umgedichtet: “Do you believe in life after work?” Beyoncé traf es dabei auch: “All the Single Ladies” wurde zu “All the union members”. Banner zeigten das Konterfeit von Rihanna mit dem Slogan “B —, better have my money”. Zeitgleich wurden WhatsApp-Gruppen und eine inoffizielle Facebook-Gruppe mit mehr als 1 000 Gewerkschaftsmitgliedern zum Platz zur Koordinierung von Aktionen und Austausch von Informationen.

Eine andere Bildung ist möglich

Die hohe Streikbeteiligung der ersten Woche warf eine neue Frage auf: War es etwa möglich, zu gewinnen?

Studierende und andere Beschäftigtengruppen, die nicht an dem Streik teilnahmen, wurden nicht daran gehindert, Gebäude zu betreten. Stattdessen ging es den Streikenden darum, die entpolitisierte neoliberale Universität erneut zu politisieren. Dabei wurden folgende Themen diskutiert: Freie Bildung, Hochschul-Governance sowie Forschung und Neoliberalismus. Versuche, ‘harte‘ Streikposten an den Toren zu organisieren und die Universität dazu zwingen, für den Tag zu schließen, blieben isolierte Vorfälle.

Bald hatte der Streik das Management von sechs Universitäten – einschließlich Newcastle und Oxford – gezwungen, die Forderungen des Streiks zu unterstützen. Nichtdestotrotz blieb der Arbeitgeberverband – Universities UK (UUK) – unnachgiebig, was sogar die Financial Times dazu bewog, die Arbeitgeber als ‚schlechtes Management‘ zu bezeichnen. Somit konnte das King’s College London UCU einen Antrag zur Drittelparität durchbringen, der einforderte, dass Studierende, Mitarbeiter*innen und Management gleichberechtigt im Leitungsgremium vertreten sind.

Besonders die Studierenden machten den Streikenden Hoffnung, denn diese stellten sich bedingungslos hinter den Streik, und kamen selbst in Bewegung. Über 200 000 Studierende unterschrieben lokale Petitionen in Solidarität mit ihren Dozent*innen. Obwohl die Mehrheit der Studierenden noch nie einen Streik erlebt, geschweige an einem Streikposten teilgenommen hatte, schlossen sich Studierende an allen Universitäten den Streikposten an. An der Cambridge University montierte eine Gruppe von Architekturstudent*innen – die Radical Architecture Faction (RAF) – einen massiven roten Lattenzaun an das Haupttor zum Büro des Vizekanzlers. Ab der dritten Streikwoche besetzten dann Studierende im ganzen Land Büros und Universitätsgebäude, wobei einige dieser Besetzungen den Streik selbst überdauerten. Solidarität mit dem Streik bekundeten auch viele Beschäftigte des Reinigungs- und Sicherheitspersonals der Universitäten.

Solidarität kam aus den verschiedensten Ecken der Welt: Streikende Lehrer*innen in West Virginia hielten bei ihrer Besetzung des Regierungssitzes Plakate in Solidarität mit der UCU hoch; eine symbolische Geste, die an mehreren Streikposten erwidert wurde. Unter anderem erhielt der Streik Grußbotschaften von Gewerkschafter*innen aus Italien, Deutschland und der Tschechischen Republik.

Aber es war nicht nur die internationale Solidarität, die ihn stärkte, sondern auch die Solidarität mit dem Frauenkampftag, die von den Streikenden ausging. Am 8. März veranstalteten Streikende Teach-Outs (Workshops, die im Freien abgehalten wurden) über das geschlechtsspezifische Lohngefälle, die #MeToo-Kampagne und die Geschichte des Frauenstreiks. In London schlossen sich die Streikenden dem von feministischen Gruppen organisierten „Women Strike“ an.

Keine Kapitulation

In der letzten Streikwoche kamen die UCU-Führung und UUK zu einer Einigung. Diese versprach einige leichte Verbesserungen, konnte aber das defined benefits-System nicht retten. Die Gewerkschaftsführung betrachtete den Vorschlag als Erfolg und plädierte für ein Ende der Streiks. Der Hashtag #NoCapitulation verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den sozialen Medien. Gewerkschaftsaktivist*innen der oben erwähnten Facebook-Gruppe riefen dazu auf, den Vorschlag abzulehnen. Innerhalb einer Stunde sammelten sie mehr als 5 000 Unterschriften. Am nächsten Morgen waren es bereits 9 000. Alle Lokalverbände stimmten in frühmorgendlichen Treffen für Ablehnung. An der Manchester University wurde der vorgeschlagene Deal beispielweise mit 420:0 Stimmen abgelehnt. Während sich Delegierte des UCU-Führungsgremiums Higher Education Committee in der Gewerkschaftszentrale trafen, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden, belagerten hunderte Aktivist*innen und Gewerkschafsmitglieder die Gewerkschaftszentrale. Lautstark skandierten Streikende: „Der Streik geht weiter!” Am frühen Nachmittag wurde klar, dass sie einen schlechten Kompromiss erfolgreich verhindert hatten.

Schließlich unterbreitete UUK der UCU-Führung ein neues Angebot. Erneut lehnten 22 Lokalverbände auf ihren Versammlungen den Vorschlag ab. Schließlich entschied das UCU Higher Education Committee, eine elektronische Abstimmung abzuhalten. An dieser beteiligten sich nicht nur die aktiv Streikenden, sondern auch bisher passive Mitglieder. Auf diesem Weg konnte die Gewerkschaftsführung schließlich eine Zustimmung zum Kompromiss erreichen.

Trotz des letztlich unbefriedigenden Kompromisses, der am Ende ausgehandelt wurde, hat der Streik die sozialen Beziehungen an den Universitäten in dreierlei Art und Weise verändert: (1) das Verhältnis zwischen der Gewerkschaftsbasis und der Gewerkschaftsführung; (2) die Beziehung zwischen akademischem Personal und lokalen Vizekanzlern; und (3) die Beziehung zwischen Dozent*innen und Studierenden. Studierende und Beschäftigte sind selbstbewusster, die ganze Stimmung an den Universitäten ist rebellischer geworden. Auf Grundlage dieser veränderten Beziehungen wird nun entschieden werden, ob die Streiks im Herbst wieder aufgenommen werden.