| Arbeiterkontrolle in Venezuela

September 2011  Druckansicht    Druckansicht
Von Dario Azzellini

Als Hugo Chávez 1999 sein Amt als Staatspräsident Venezuelas antrat, steckte das Land in einer tiefen Krise. Kapitalflucht und eine fortwährende Deindustrialisierung seit Anfang der 1980er Jahre führten dazu, tausende Fabriken mussten schließen. Entsprechend erwartete, wer für Chávez gestimmt hatte, vor allem Wege aus der ökonomischen Misere. Mit diesem Mandat leitete die neue Regierung eine Reihe von ökonomischen und gesellschaftlichen Reformen ein, die durch soziale Bewegungen »von unten« unterstützt wurden.

2005 beschloss die Regierung eine sozialistische Leitlinie, die eine Enteignung von Schlüsselindustrien und von unproduktiven Fabriken einleitete. Gleichzeitig sollten Unternehmen in kollektivem oder staatlichem Besitz gestärkt und ihre Zahl vergrößert werden. Die Regierung will eine demokratisch regulierte Wirtschaftsordnung jenseits der kapitalistischen Logik schaffen, die auf einer popularen, sozialen und kommunalen Ökonomie beruht. Dieser Ansatz leitet sich aus der Theorie einer Entwicklung ab, die eine nachhaltige, auf eigenen Ressourcen aufbauende Wirtschaftsentwicklung, eine kollektive Verwaltung der Produktionsmittel und eine aktivere Rolle des Staates propagiert (Lebowitz 2006, 99).

Bis 2004 hatte der Staat vorrangig die Gründung kleiner Kooperativen gefördert; die Maßnahmen wurden nur wenig koordiniert. Dann wurde der Aufbau einer alternativen Wirtschaftsordnung mit der Gründung des Ministeriums für populare Ökonomie, kurz Minep,1 auf eine systematische Grundlage gestellt (Díaz 2006, 163f). Das Minep konzentrierte sich auf die Entwicklung einer in den lokalen Gemeinschaften verwurzelten Ökonomie. Die Idee einer kommunalen Produktion mit kommunalen Verbrauchszyklen stützt sich auf Istvan Mészáros und sein Konzept eines Übergangs zum Sozialismus (Mészáros 1995, 759ff). Seitdem hat die Regierung verschiedene Formen kollektiver, misch- und selbstverwalteter Unternehmensmodelle eingeführt, gefördert und weiterentwickelt.

Mitverwaltung, Selbstverwaltung und Arbeiterkontrolle

Cogestión (Mitverwaltung) bedeutet vereinfacht, dass die Arbeiter am Management ihres Betriebes teilhaben. Das wurde erstmals von der Belegschaft der staatseigenen Stromversorger CADELA und CADAFE während des Unternehmerstreiks 2002/03 erprobt. In den Folgejahren wurde die Mitverwaltung vor allem in Unternehmen gefördert, die ganz oder teilweise dem Staat gehörten. Da keine gesetzliche Grundlage für die Mitverwaltung existiert, haben sich verschiedene Modelle entwickelt.

Die Mitverwaltung wird bisher blockiert in Staatsunternehmen mit »strategischer Bedeutung« wie der nationalen Ölfirma PdVSA sowie in Privatunternehmen. Die Befürworter sehen in der strategischen Bedeutung eher ein Argument für die Mitverwaltung: Immerhin wurde PdVSA während des Unternehmerstreiks von den Managern verlassen und die Belegschaft sorgte dafür, dass der Betrieb wieder aufgenommen wurde.

Das Regierungsprogramm »Fábrica Adentro« versprach ab 2005 Privatunternehmen den Zugang zu günstigen Krediten und staatlichen Förderungen, wenn sie sich mit ihren Beschäftigten auf eine Form der Mitverwaltung einigen, die diese an der Verwaltung, Leitung und den Gewinnen des Unternehmens beteiligt. Mehr als 1000 kleine und mittelständische Unternehmen haben seither an dem Programm teilgenommen. Fast immer wählten sie jedoch ein Modell der Minderheitsbeteiligung am Besitz und damit den Gewinnen der Firma. Echte Partizipation an Management-Entscheidungen konnte sich dagegen nicht durchsetzen.

Die staatliche Aluminiumhütte Alcasa

Als Testfeld für die Mitverwaltung wählte die Regierung Venezuelas zweitgrößte Aluminiumhütte Alcasa in Ciudad Guayana im Bundesstaat Bolívar. Das Unternehmen ist Teil des staatlichen BasisindustrieKonglomerats CVG (Corporación Venezolana de Guayana), das dem Ministerium für Basisindustrien und Minen (Mibam) untersteht. Mitte Februar 2005 wurde der Ex-Guerillero und marxistische Soziologe Carlos Lanz von Chávez als Direktor für Alcasa vorgeschlagen und von der Teilhaberversammlung gewählt.

Rund zwei Wochen nach seinem Amtsantritt ersetzte er sämtliche Abteilungsleiter durch je drei Arbeiter, die von einer Abteilungsversammlung gewählt wurden. Sie sollten gemeinsam die Leitung übernehmen und dafür den gleichen Lohn wie alle anderen Arbeiter bekommen. Als höchstes Entscheidungsgremium wurde eine Betriebsversammlung ins Leben gerufen, gefolgt von den Runden Tischen der Abteilungssprecher2 und den Abteilungsleitungen. Sämtliche Delegierte wurden in Versammlungen gewählt und konnten abgewählt werden. So wurde an der Basis kollektiv über Arbeitsorganisation und Investitionen entschieden, auch wenn Management und Verwaltung im Wesentlichen unverändert blieben.

Die Arbeiter organisierten Bildungsprogramme und politische Schulungen, für die sie das Ausbildungszentrum Negro Primero einrichteten. Alcasa wandelte sich in ein EPS um und gründete Genossenschaften, die das produzierte Aluminium weiterverarbeiteten. Die Reformen sollten das Werk nicht nur demokratisieren, sondern auch wieder profitabel machen. 17 Jahre lang hatte Alcasa stets Verluste geschrieben, nachdem es aus der Vorbereitung auf eine Privatisierung ineffizient und hoch verschuldet hervorgegangen war.

Mithilfe der demokratisierten Leitungsstruktur konnte Alcasa die Produktion um elf Prozent steigern (Bruce 2005). In den Jahren 2005 und 2006 zahlte das Unternehmen alle über Jahre bei ehemaligen und aktuellen Arbeitern aufgelaufenen Lohn- und Rentenforderungen aus. Im Juli 2006 stellte sich Lanz als Direktor in der Fabrik zur Wahl und bekam 1800 von 1920 Stimmen.

Ende 2006 unterzeichnete Alcasa mit Gewerkschaftsvertretern des Werks eine Vereinbarung, wonach das Unternehmen eine Rä- testruktur erhalten sollte (Prensa Alcasa 2007). Eine neue Genossenschafts-Abteilung förderte und begleitete einen Organisierungsprozess innerhalb des Betriebes: Zwölf große Kooperativen wurden gegründet. Deren Angehörige erhielten Zugang zu den gleichen Leistungen wie die Festangestellten – Kantine, Transport und Freizeitangebote eingeschlossen. Alle Alcasa-Abteilungen verpflichteten sich, Kooperativen den Vorzug gegenüber Privatunternehmen zu geben, womit diese nicht mehr gezwungen waren, auf dem offenen Markt um die Verträge zu konkurrieren. Sowohl die Beschäftigten der Kooperativen als auch Vertragsarbeiter von Subunternehmen sollten in Festanstellung übernommen werden. Doch all dies war im Wesentlichen auf den Einsatz der Abteilung für Genossenschaften zurückzuführen. Die Verwaltung sozio-politisch zu schulen, wurde dagegen vernachlässigt – mit drastischen Konsequenzen.

Niederlage der Mitverwaltung

Im Mai 2007 verließ Lanz Alcasa. Der Aufbau der Mitverwaltung brach daraufhin zusammen, da sein Nachfolger kein Interesse daran hatte und keine verbindlichen Statuten fixiert worden waren: Ursprünglich sollte der Prozess dadurch so offen wie möglich gehalten werden, jetzt führte es dazu, dass die kollektiven Entscheidungen nicht als verbindlich angesehen wurden. Die Partizipation ging rapide zurück, die Räte traten erst gar nicht zusammen. Die Produktivität von Alcasa fiel drastisch und das Werk schrieb erneut hohe Verluste.

Eine zentrale Ursache lag in den Interessen, die auf dem Spiel standen. Alcasa gehört zu den wichtigsten Basisindustrien der Region. Der Mutterbetrieb CVG ist durchzogen von klientelistischen Netzwerken aus internationalem und nationalem Kapital, lokaler und regionaler politischer Macht. Weder Politiker noch das Management und die Betriebsgewerkschaft wollten die Beteiligung der Arbeiter an der Mitverwaltung fördern, und die fehlenden Statuten machten es ihnen leicht.

Die in der Mitverwaltung engagierten Arbeiter kritisierten, dass weder im Management noch in der Verwaltung das Personal ausgetauscht wurde. Nach Lanz’ Präsidentschaft kehrten viele zu den korrupten Praktiken zurück. Die Stammbelegschaft stieg von 2700 auf 3300, doch nur 60 der neu Eingestellten stammten wie vorgesehen aus Kooperativen. Die Mehrheit von ihnen waren Verwandte, Freunde oder Geschäftspartner derjenigen, die den alten Netzwerken angehörten. Kostbare Aluminiumreste aus der Produktion wurden wieder tonnenweise unter der Hand verkauft, und das Unternehmen brachte wie früher Aluminium unter dem Weltmarktpreis auf den Markt, um schnelle Einnahmen zu machen. Trotzdem war das Experiment »Mitverwaltung« nicht vergeblich: »Die Arbeitstische haben nicht funktioniert und das Dickicht der Bürokratie hat die Mitverwaltung gelähmt. [Doch] die Arbeiter haben gelernt, dass sie selbst den gesamten Produktionsprozess verwalten und kontrollieren können. Eine wichtige Lehre! Und uns ist immer gesagt worden, dazu seien wir nicht in der Lage.« (León 2009)

Der Kampf ging weiter. Einige Aktive führten das Bildungszentrum weiter, richteten ein »Kollektiv für Arbeiterkontrolle« ein und machten es zu einer wichtigen Kraft. Sie beteiligten sich an regionalen Basisorganisationen, unterstützten die Arbeiter des Stahlwerkes Sidor in ihrem Kampf für eine Verstaatlichung des Betriebes und boten Beratung zu Arbeiterräten und Mitverwaltung an.

Dass die Basisindustrien in Venezuela modernisiert werden mussten, lag auf der Hand. Sie zu einem effizienten und transparenten Netzwerk von arbeiterkontrollierten Betrieben zu machen, galt dafür als beste Option. Im Mai 2009 nahm Staatspräsident Chávez an einem Wochenendseminar mit mehr als 300 Arbeitern aus den Eisen-, Stahlund Aluminiumhütten des CVG-Konzerns teil. Auch Arbeiter von Alcasa waren dort vertreten. Sie diskutierten mögliche Lösungen für die jeweiligen Probleme der Teilbetriebe und stellten neun strategische Richtlinien für die Restrukturierung und Umwandlung der CVG auf. Die Kontrolle der Arbeiter über die Produktion stand oben auf der Liste.

Damit war der sozialistische Plan »Guayana 2019« geboren, den Chávez im August 2009 genehmigte. Die Entscheidung über die Gründung von Arbeiterräten war den Belegschaften überlassen, denn die Erfahrung hatte ihnen gezeigt, dass Räte, die nicht auf ausdrücklichen Wunsch der Arbeiter gebildet werden, keine Aussicht auf Erfolg haben (Trabajadores de CVG/Alcasa 2009).

Bei der Entwicklung des neuen Konzeptes für die staatlichen Schwerindustrien wurden die alte Verwaltung, die Betriebsgewerkschaften, der Regionalgouverneur und der Minister für Basisindustrien und Minen (beide PSUVMitglieder) übergangen, da sie den geplanten Maßnahmen gegenüber wenig Engagement gezeigt hatten. Nach Monaten des Stillstands wurden im Mai 2010 schließlich die Direktoren für jede der 17 CVG-Fabriken nominiert. Diese stammten alle aus den Belegschaften und waren zuvor von den Arbeitern gewählt worden, die an den Workshops teilgenommen hatten. Als Direktor von Alcasa wurde der Umwelttechniker und Arbeiteraktivist Elio Sayago eingesetzt. Damit ging der Kampf um die Arbeiterkontrolle in eine neue Runde.

In der Fabrik kam es zum Konflikt mit der Gewerkschaft, die versuchte, die Arbeiterkontrolle mittels Streik zu sabotieren. Einige Probleme konnte eine rasch einberufene Vollversammlung lösen. Doch insgesamt blieb offen, ob die Neustrukturierung und Demokratisierung der Basisindustrien gelingen könnte. Die Mehrheit der Belegschaft gilt als sichere Unterstützer. Das zeigte sich zuletzt, als am 9. November 2010 rund ein Dutzend Gewerkschaftsfunktionäre vor dem ersten Schichtbeginn in die Fabrik eindrangen, die Tore mit Ketten verschlossen und die Werksführung an sich reißen wollten. Doch etwa 600 Arbeiter, die zum Schichtbeginn erschienen waren, begleiteten Sayago in die Fabrik und demonstrierten damit, wem ihre Unterstützung gehörte (Marea Socialista 2010).

Die »rückeroberte« Fabrik Inveva l Im April 2005 wurde die CNV (jetzt Inveval) im Bundesstaat Miranda per Dekret enteignet. CNV produziert Ventile für die Erdölindustrie und gehörte dem ehemaligen PdVSA-Direktor, Oppositionsführer und Putschbeteiligten Andrés Sosa Pietri. Das Werk schloss im Zuge des Unternehmerstreiks und sollte nach starken Lohnsenkungen und der Streichung von Abfindungen für die Entlassenen wieder eröffnet werden. Die Beschäftigten akzeptierten das nicht: 63 von ihnen besetzten das Betriebsgelände, um die Auszahlung von Löhnen und Abfindungen zu fordern. Das Arbeitsministerium ordnete schließlich an, dass der Fabrikbesitzer den Forderungen der Arbeiter nachzukommen habe. Als dieser sich weigerte, wurde die Fabrik enteignet (Azzellini 2007, 51ff; Cormenzana 2009, 27ff).

Was zunächst wie die Lösung der Probleme schien, verlagerte den Klassenkampf in eine Auseinandersetzung mit und in den staatlichen Institutionen. Während die Arbeiter, ermutigt von Chávez’ Unterstützung, für Arbeiterkontrolle eintraten und nach möglichen Modellen suchten, wirkte die Bürokratie der Ministerien gegen sie. Weder das Minep noch das Ministerium für Leichtindustrie und Handel mochte Invevals Transformation in ein arbeitergeführtes Unternehmen begleiten. Eine besonders problematische Entscheidung war, dass nur Inveval enteignet wurde, nicht aber die an einem anderen Ort gelegene Gießerei Acerven, die ebenfalls zu dem Unternehmen gehört und der Ventilfabrik wichtige Vorprodukte liefert.

Die Belegschaft von Inveval lehnte den Plan des Minep zur Mitverwaltung ab. Dieser sah vor, dass die Direktoren direkt vom Staat ernannt werden – die Beschäftigten forderten dagegen eine Mehrheit der Arbeiter im Management und einen Arbeiter als Präsidenten. Nach harten Verhandlungen einigten sich Ministerium und Beschäftigte im August 2005 auf einen Kompromiss zur Mitverwaltung (Prensa INCES 2005). Die Fabrik wurde als Aktiengesellschaft neu gegründet, die zu 51 Prozent in Staatseigentum und zu 49 Prozent ins Eigentum einer Genossenschaft der Beschäftigten überging. Die Leitung lag in den Händen der Arbeiterversammlung, die drei der fünf Direktoriumsmitglieder wählte, darunter auch den Fabrikdirektor.

Sämtliche die Fabrik betreffenden Entscheidungen wurden in der wöchentlich stattfindenden Genossenschaftsversammlung gefällt. Doch da der Staat Mehrheitseigner des Unternehmens war, mussten die wichtigen Entscheidungen auch vom Ministerium abgesegnet werden. Zu Beginn beschloss die Versammlung eine Lohnerhöhung und den Sieben-Stunden-Tag. Ab vier Uhr nachmittags wurden verschiedene Schulungen angeboten, an denen 37 der 63 Arbeiter teilnahmen: von Alphabetisierungskursen über die Möglichkeit, Schulabschlüsse nachzuholen, bis zu Seminaren auf Universitätsniveau. Es gab soziopolitische, technische, administrative und praktische Weiterbildungen. Das Ziel war, die soziale Spaltung im Arbeitsleben zu überwinden. Ab 2006 hatten bei Inveval nur noch der Präsident, das Direktorium, die Koordinatoren der Produktionseinheiten sowie die Werksverwaltung fest definierte Aufgaben. Alle anderen erhielten ihre Aufgaben je nach den individuellen Kenntnissen und Fähigkeiten.

Von der Kooperative zur sozialistischen Fabrik Fast zwei Jahre lang versuchten die Arbeiter von Inveval, die Fabrik vereinbarungsgemäß selbst zu verwalten und sich dabei nicht von kapitalistischer Logik leiten zu lassen. Sie mussten feststellen, dass ihnen das nicht gelungen war. Die Trennung der Arbeit von den Entscheidungsebenen förderte Apathie in der Belegschaft und isolierte die Mitglieder in der Leitung von den Vorgängen in der Produktion. Die Arbeiter fühlten sich gedrängt, kapitalistische Denkweisen zu übernehmen, vor allem, da sie nicht nur Teilhaber am Unternehmen, sondern auch an dessen Schulden waren. Sie kritisierten diesen Kreislauf, der sie dazu drängte, nur noch für die Arbeit und für den Schuldenabbau zu leben. »Die Kooperative fördert den Kapitalismus, denn sie wurde als Teil von diesem kapitalistischen System geschaffen, und genau das wollen wir nicht […]. Wir haben doch nicht einen Kapitalisten rausgeschmissen, um 60 neue hereinzuholen!« (Gonzales 2008)

Im Januar 2007 beschlossen die Beschäftigten mit sofortiger Wirkung die Wahl eines Fabrikrates mit 32 Sprechern. Sie beendeten die genossenschaftlichen Aktivitäten und suchten nach einem neuen Organisationsmodell für ihr Unternehmen. Seitdem ist die Vollversammlung das höchste Gremium des Werks. Sie tritt in der Regel einmal im Monat zusammen und zusätzlich, wenn wichtige Entscheidungen anstehen. Ihr folgt in der Hierarchie der Fabrikrat. Dessen Mitglieder werden für ein Jahr gewählt und können jederzeit von der Vollversammlung abgewählt werden. Der Rat trifft sich wö- chentlich und diskutiert die Punkte, für die vor der Umstellung das fünfköpfige Direktorium zuständig war. Aus dem Rat heraus entstanden Kommissionen mit konkreten Aufgaben wie sozio-politische Angelegenheiten, Rechnungslegung, Disziplin, technische Aspekte und Dienstleistungen. Sie alle stellen ihre Arbeit im Rat zur Entscheidung.

Das Unternehmen befindet sich nun komplett in öffentlichem Eigentum und hat die ehemaligen Kooperativenmitglieder direkt als Angestellte unter Vertrag. Damit hat die Belegschaft das System der Mitverwaltung erfolgreich in ein Modell direkter Arbeiterkontrolle überführt. Sie hat Möglichkeiten erprobt, ihre Zulieferbetriebe entweder zu kaufen oder deren Verstaatlichung zu forcieren und gleichzeitig den Warenaustausch möglichst ohne den Einsatz von Geld zu organisieren. Die Schwierigkeiten mit dem Ministerium, das wiederholt versprochene Zuschüsse erst verspätet auszahlte, blieben bestehen. PdVSA, der staatliche Ölkonzern, versuchte sogar, seine Verträge mit Inveval zu kündigen (Cormenzana 2009, 203f). Nachdem die Institutionen auf die wiederholten Aufforderungen, die Gießerei Alcarven zu enteignen, nicht eingingen, entschied Venezuelas Nationalversammlung am 4. Mai 2010, Alcarven sei ein Unternehmen des öffentlichen Interesses – eine Voraussetzung für eine spätere Verstaatlichung der Gießerei (Aporrea.org 2010).

Von der Mitverwaltung zu Räten

Bereits im Jahr 2006 hatten politisch engagierte Arbeiter aus ihren Erfahrungen mit Beteiligungsmodellen, die ihnen ein Miteigentum an den Produktionsmitteln einräumten, ein negatives Fazit gezogen. Die Institutionen wiederum strebten nach den negativen Erfahrungen mit der Mitverwaltung eher nach effizienterer staatlicher Verwaltung als nach Arbeiterkontrolle. Die Widerstände sind auch dadurch verursacht, dass auch die staatlichen Institutionen von Widersprüchen und Klassenkampf durchdrungen sind. Die Enteignungen zeigen, dass ein politischer Wille zu Strukturveränderungen vorhanden ist. Doch über die Verstaatlichung hinaus bieten die Institutionen wenig Raum für Initiativen der Arbeiter und tendieren dazu, die Kontrolle über Verwaltung und Produktion in den Betrieben bei sich zu halten.

Inzwischen befürworten die meisten politisch aktiven Arbeiter die Variante, Fabriken in Staatsbesitz zu überführen und dann der Belegschaft und den Kommunen gemeinsam die gesamte Verantwortung für den Betrieb zu übertragen. Für dieses Modell tritt auch das Forum der Sozialistischen Arbeiterräte – CST (2009) ein. Deren Debatten über Arbeiterkontrolle, Selbstverwaltung und Mitverwaltung berufen sich auf Marx, Gramsci, Trotzky, Pannekoek und die Traditionslinie des Rätekommunismus (Giordani 2009, Lanz 2007). Ein Thesenpapier, das während eines landesweiten Workshops der CST entstand, kritisiert die Mitverwaltung als ungeeignet zum Aufbau eines sozialistischen Systems. Das Papier kam zu dem Schluss, das Recht auf Mitbestimmung aus dem Eigentum an den Produktionsmitteln, also dem Kapital abzuleiten, sei ein Irrtum. »Mit Hilfe der Besitzanteile werden die Arbeiter objektiv in neue Kapitalisten verwandelt« (MinTrab 2008, 13f). Stattdessen schlug der CST ein rätebasiertes Modell vor, das mannigfaltige und gemischte Formen der Verwaltung wie Arbeiterräte, Kommunen, Produktionskerne und – für große Unternehmen – die Einbindung des Staates miteinander vereint.

Sozialistische Wirtschaftsordnung?

Als größte Schwierigkeiten in diesem Prozess entpuppten sich die Transformation und die Demokratisierung der Wirtschaft. In den allermeisten Betrieben ist die Verwaltung weder von der Belegschaft noch von den Gemeinden kontrolliert. Innerhalb eines Systems, das nach kapitalistischer Logik funktioniert, sind dem Aufbau kollektiver Produktionsaufsicht und Entscheidungswege hohe Hürden in den Weg gestellt. Vor allem die Verteilung von Arbeit und Gewinnen sind von Konflikten begleitet. Doch überall, wo die Arbeiter die Kontrolle über ihren Arbeitsplatz erobert haben, lässt sich beobachten, dass sie solidarische Verbindungen mit den umliegenden Gemeinden geknüpft, hierarchische Entscheidungsstrukturen abgebaut und sich gegenüber den Arbeiterräten für rechenschaftspflichtig erklärt haben. In den meisten Fällen führten sie einen gleichen Lohn für alle ein und schafften zusätzliche Arbeitsplätze.

Arbeiterräte scheinen bisher das beste Modell zu sein; ihre Zahl wächst stetig. Noch ist nicht absehbar, ob diese Entwicklung weitergeht oder ob sich eher staatliche Verwaltungsstrukturen durchsetzen werden. Da die Räte nicht von oben organisiert sind, könnte sich ihr organisches Wachstum fortsetzen. Auseinandersetzungen mit der Bürokratie scheinen dabei unvermeidlich, wobei die Arbeiter den Umstand ausnutzen können, normativ im Recht zu sein.

Aus dem Englischen von Neelke Wagner

 

Literatur

Aporrea.org, 2010: Declaran de utilidad pública e interés social los bienes de ACERVEN, www.aporrea.org/ endogeno/n156623.html
Azzellini, Dario, 2007: »Von den Mühen der Ebene: Solidarische Ökonomie, kollektive Eigentumsformen, Enteignungen und Arbeitermit- und -selbstverwaltung«, in: Andrej Holm (Hg.), Revolution als Prozess: Selbstorganisierung und Partizipation in Venezuela, Hamburg, 38–57
Bruce, Ian, 2005: »Venezuela promueve la cogestión«, in: BBC, 19.8.2005, news.bbc.co.uk/hi/spanish/ business/newsid_4167000/4167054.stm
Cormenzana, Pablo, 2009: La batalla de Inveval. La lucha por el control obrero en Venezuela, Fundación Federico Engels, Madrid
CST (Consejos Socialistas de Trabajadoras y Trabajadores de Venezuela), 2009: I Encuentro Nacional de Consejos Socialistas de Trabajadoras y Trabajadores de Venezuela, 27.6., Caracas
Díaz Rangel, Eleazar, 2006: Todo Chávez. De Sabaneta als socialismo del siglo XXI, Caracas
Giordani C., Jorge A., 2009: Gramsci, Italia y Venezuela, Valencia
Lanz Rodríguez, Carlos, 2007: Consejo de Fábrica y Construcción Socialista. Antecedentes teóricos e históricos de un debate inconcluso, Ciudad Guayana: Mibam/CVG Alcasa
Lebowitz, Michael, 2006: Build it now: Socialism for the 21st century, New York
León, Osvaldo (Arbeiter bei Alcasa), 2009: Interviewt durch Dario Azzellini
Marea Socialista, 2010: »En CVG ALCASA, Trabajadores derrotan golpe de Estado orquestado por la FBT (Movimiento 21), www.aporrea.org/endogeno/n169305.html, 10.11.
Mészáros, Istvan, 1995: Beyond capital: Towards a theory of transition, London
MinTrab (Ministerio del Poder Popular para el Trabajo y Seguridad Social) (Hg.), 2008: La gestión socialista de la economía y las empresas. Propuesta de trabajadores(as) al pueblo y gobierno de la República Bolivariana de Venezuela Valencia, 18./19.4.2008, Caracas
Prensa Alcasa, 2005: »Designada nueva Junta Directiva de Alcasa que tendrá por objetivo impulsar proceso cogestionario«, www.aporrea.org/endogeno/n69123.html, 24.11.
Ders., 2007: »Alcasa propone activar el poder constituyente para construir Consejos de Fábrica«, www.aporrea.org/endogeno/n90891.html, 20.2.2007
Trabajadores de CVG/Alcasa, 2009: »Control Obrero. Publicación de trabajadores de CVG/Alcasa«, www.aporrea. org/endogeno/a86731.html,

Anmerkungen

1 6.9. 1 2008 in »Ministerium für kommunale Ökonomie« (Ministerio para la Economía Comunal, Minec), 2009 umbenannt in »Ministerium für Kommunen«.
2 Je zehn Arbeiter wählten einen Sprecher.