| »Wir wollen selbst unsere Situation verbessern«

April 2017
Interview mit Trésor über das Engagement für die Rechte geflüchteter Menschen in Europa und Afrika

Du hast Voix des Migrants in Deutschland gegründet. Warum?

Ich habe am eigenen Leib erfahren, wie Migrant*innen in Deutschland in kompletter Isolation in Lagern leben. Damals galt die Residenzpflicht, das heißt, man durfte seinen Landkreis nicht verlassen, sich nicht weit vom Lager wegbewegen. Das Dublin-II-Abkommen schrieb vor, Asylverfahren hätten in dem ersten EU-Staat stattzufinden, den ein*e Asylsuchende*r erreicht. Später wurde mit Dublin III auch die Speicherung von Fingerabdrücken und weiteren Daten erlaubt. Ich wollte zu dieser Situation nicht länger schweigen. Nach vielen Gesprächen mit Freunden und Bekannten war klar: Wir müssen uns Gehör verschaffen und mit eigener Stimme für unsere Rechte kämpfen. Daher auch der Name: Voix des Migrants – Stimme der Migranten.

Ist Vois des Migrants also eine Stimme für die Rechte von Geflüchteten?

Das europäische Asylsystem diskriminiert Menschen und behandelt sie, als ob sie nicht gleichwertig wären. Wir sagen: Wir wollen keine Gefangenen in den Asylunterkünften sein. Wir begannen damals die Diskussion darüber in den sozialen Netzwerken, bei Facebook und auf unserer Webseite www.voixdesmigrants.com und teilten Informationen über die Situation in verschiedenen europäischen Ländern. Nach einem Jahr kamen auch Leute aus Afrika dazu, die gerade auf dem Weg nach Europa waren. Darüber habe ich mich sehr gefreut, denn auch darum ging es bei Voix des Migrants: andere, die noch unterwegs sind, zu ermutigen und ihnen Informationen mit auf den Weg zu geben.

Was ist euer Ziel in Europa?

Hier geht es vor allem darum, die Leute aus der Isolation zu holen und mit anderen zusammenzubringen. Das Asylsystem macht einen müde und passiv. Wir sind in Unterkünfte gegangen, haben mit den Leuten darüber gesprochen, dass wir alle unter ähnlichen Bedingungen leben und dass es wichtig ist eigene Stärke zu entwickeln. Wir haben Kampagnen gestartet. 2014 gab es den großen Protestmarsch nach Straßburg und Brüssel, um gegen die EU-Grenzagentur Frontex zu protestieren. Letztes Jahr haben wir die No-Stress-Tour durch mehrere Lager gestartet. Bei dieser ging es darum, eine Kultur des Zusammenlebens zu entwickeln. Nachdem Angela Merkel die Grenzen für Menschen aus Syrien geöffnet hatte, war die Situation in vielen Lagern schwierig. Auf einmal gab es ›gute Flüchtlinge‹, nämlich jene aus Syrien, und ›schlechte Flüchtlinge‹ von anderswo. Zugleich traten neue Richtlinien in Kraft, um mehr Menschen aus afrikanischen Ländern und Afghanistan abzuschieben. In vielen Lagern herrschte totales Chaos. Das Ziel der No-Stress-Tour war, nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Wie können wir als Geflüchtete zusammenleben? Wir haben zusammen gegessen, Fußball gespielt, gesungen, unsere Fluchtgeschichten ausgetauscht. Das scheinen auf den ersten Blick nicht unbedingt politische Aktivitäten zu sein, aber in dieser Situation war es etwas sehr Politisches.

Es gab schon eine Protestbewegung von Geflüchteten, die 2012 mit dem Marsch von Nürnberg nach Berlin begonnen hatte. Spielte die für euch eine Rolle?

Ja, es war wichtig zu erleben, wie im Protestcamp am Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg Leute aus unterschiedlichen Kontexten zusammenkamen, zum Beispiel Asylbewerber*innen in Deutschland mit Leuten, die in Italien angekommen waren. Ihre Probleme waren ganz andere als unsere. Das Camp am Oranienplatz war ein Beispiel dafür, wie man solidarisch protestieren kann. Dieser Punkt ist für mich sehr wichtig (vgl. Interview mit Turgay Ulu in LuXemburg 1/2014, 62–65). Wir können nicht allein kämpfen.

Worin besteht eure Arbeit konkret?

Wir versuchen, über verschiedene Netzwerke Hilfe für Menschen, die flüchten, zu organisieren. Ich bin auch Mitglied beim Alarm Phone (vgl. LuXemburg 1/2016), das bei der Seenotrettung im Mittelmeer hilft. Inzwischen mit Erfolg: Immer mehr Menschen werden durch das Alarm Phone gerettet. Ein anderes Projekt von CISPM war eine Kampagne gegen das Dublin-III-Abkommen. Auch heute noch hat Dublin III den Effekt, dass immer mehr Menschen in die europäischen Länder zurückgeschickt werden, in denen ihr Fingerabdruck zuerst registriert wurde. Es geht uns darum zu zeigen, dass wir als Flüchtlinge selbst Verantwortung übernehmen und etwas für unsere Situation tun können. Wir wollen dadurch auch dem Paternalismus gegenüber geflüchteten Menschen entkommen. Im Mai planen wir wieder eine Kampagne gegen Frontex. Im Moment konzentrieren wir uns stark auf Afrika. Die europäische Politik versucht, die Migrationsfrage durch die Aufrüstung der Grenzen zu lösen, und sie lagert ihre Grenzen in afrikanische Länder aus. Wir gehen deshalb zurück in unsere Heimat länder und sprechen dort über unsere Erfahrungen.

Warum ist es für euch wichtig, sowohl hier mit Leuten zu arbeiten, als auch dort mit Leuten, die vorhaben, nach Europa zu gehen?

Das ist eine direkte Antwort auf die europäische Migrationspolitik. Es geht darum zu zeigen, dass die Situation in Europa nicht nur schön ist und dass man auch in seinen Heimatländern etwas tun kann. Ich habe zehn Jahre gebraucht, um nach Europa zu kommen, und bin dabei vielen Leuten begegnet. Ich habe gesehen, wie sie leiden, und dass sie gehen, ohne zu wissen, was sie auf dem Weg erwartet, ohne die Situation und die europäische Migrationspolitik zu kennen. Für mich ist es daher wichtig, dorthin zurückzugehen und mich mit lokalen Initiativen zu vernetzen. Vor Kurzem war ich in Mali, wohin ich 2010 abgeschoben worden war. Jetzt habe ich dort Leute getroffen, die Geflüchtete unterstützen, die Initiative ARACEM zum Beispiel. Das steht für die Vereinigung der aus Zentralafrika Abgeschobenen in Mali. Ich habe erzählt, dass ich auch unter diesen Bedingungen gelebt habe. Die Abgeschobenen hat das ermutigt. Es gibt aber auch viele, die gar nicht nach Europa wollen. Letzten Sommer war ich in Kamerun. Gerade junge Leute fragen sich dort, wie sie ihr Leben bestreiten sollen. Eine Jurastudentin erzählte mir, sie würde nach ihrem Studium gern ein Anwaltsbüro eröffnen. Aber sie hat keine Ahnung, wie sie das Geld dafür aufbringen soll. Nach Europa will sie nicht, der Weg ist ihr zu gefährlich. Ich hatte viele solcher Gespräche. Das heißt, wenn wir über Migration sprechen, müssen wir auch darüber nachdenken, wie eine Zusammenarbeit zwischen hier und dort aussehen kann. Wie können wir die Leute unterstützen, die bleiben wollen?

Was müsste getan werden, in Kamerun zum Beispiel, damit Menschen entscheiden können, ob sie bleiben oder aufbrechen?

Wir müssen das Wissen über die Situation von Flüchtlingen verbreiten. Die meisten Leute denken bei Migration an die europäischen Grenzen und die nordafrikanischen Länder: Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen. Dabei kommt nur ein kleiner Teil überhaupt nach Nordafrika. In Kamerun leben mehr als drei Millionen Geflüchtete, aus der Demokratischen Republik Kongo, aus Tschad – bei einer Bevölkerung von gerade mal 25 Millionen. Das weiß aber in Deutschland kaum jemand. Kamerun schiebt Menschen in andere Länder ab. Uns geht es darum, über die realen Bedingungen aufzuklären, sodass die Leute das Thema Flucht und Migration besser verstehen.

Wenn du in afrikanischen Ländern sprichst, was erzählst du über Europa?

Ich spreche zum Beispiel über die neuen politischen Vereinbarungen zwischen europäischen und afrikanischen Staaten, darüber, was die Leute erwartet auf dem Weg nach Europa. Wir sagen aber niemandem »Kommt nach Europa« oder »Kommt nicht«. Wir bieten Informationen, damit die Leute besser Bescheid wissen und verantwortlicher entscheiden können.

Hier wird viel über Fluchtursachenbekämpfung gesprochen, teils auch um Migration zu begrenzen. Was müsste passieren, um die Situation in den Herkunftsländern zu verändern?

Wenn Politiker*innen aus Europa nach Afrika gehen und Kontakt suchen, ist das ja erstmal eine gute Sache. Aber wohin gehen sie, mit wem reden sie? Was ist das Ergebnis ihres Engagements? Sie müssten Kontakt zur lokalen Bevölkerung aufnehmen, ihr zuhören. Was brauchen sie, was wollen sie, wie kann man sie unterstützen. Wenn es darum ginge, wäre das doch ganz einfach – und viel besser, als sich an die Regierung zu wenden. Politiker*innen aus Europa verhandeln aber lieber mit Regierungen oder großen internationalen Organisationen, ihnen geht es also um etwas anderes. Wir müssen aber auch unsere eigene Art zu denken hinterfragen. Denn seit der Kolonisation und der Sklaverei sind wir gespalten und getrennt, Afrika ist durch koloniale Grenzen zerschnitten. Die Bevölkerung in Kamerun zum Beispiel ist in verschiedene Gruppen gespalten. Viele Bamiléké wollen nichts mit Haussa oder mit Bassa zu tun haben. Was tun wir gegen diese Spaltung? Die Regierungen machen sie sich zunutze, sie tun immer nur etwas für bestimmte Leute. Es geht also darum, diese Spaltungen zu überwinden und gemeinsam etwas aufzubauen. Wenn wir über Grenzen sprechen, sollten wir nicht nur über die Grenzen Europas sprechen, sondern auch über die kolonialistischen Grenzen Europas in Afrika. Wenn ich Kamerun verlassen und nach Nigeria gehen will, muss ich auch meinen Pass zeigen, auch dort ist eine Grenze.

Das Gespräch führte Stefanie Kron. Aus dem Englischen von Jan Ole Arps