| »Wir sind hier, weil Ihr unsere Länder zerstört.«

Mai 2017
Von Christian Jakob

SELBSTORGANISIERUNG: Osaren Igbinoba aus Nigeria war der Erste, der in den Asylheimen Ostdeutschlands eine Protestbewegung aufbaute. Sie existiert bis heute. Nur wenn die Flüchtlinge ethnische Grenzen überwinden, können sie ihre Lebensbedingungen verbessern, sagt er.

Manche sehen die Welt als einen Ort, der immer komplizierter wird, so sehr, dass sich kaum noch erklären lässt, was auf ihr geschieht. Osaren Igbinoba nicht. »Es gibt keinen Hunger. Es gibt nur Ausplünderung«, sagt er. Die westliche Zivili­sation werde als »die grausamste, die zerstörerischste Macht« (KRFM 2010) in die Geschichte eingehen. Wegen solcher Sätze haben sie ihn heute hergeholt.

Es ist der 19. Juli 2001, und kurz vor dem Treffen der mächtigsten Männer der Welt fällt der Hafen von Genua in orange­blaues Licht. Gewerkschafter*innen, Kommunist*innen, Autonome, Parteileute, linke Intellektuelle aus vielen Ländern sind seit dem Nachmittag durch die Straßen gezogen. Der Gastgeber des G8­Gip­fels 2001, Italiens Präsident Silvio Berlusconi, hatte von den Bewohner*innen der Stadt verlangt, ihre Wäsche nicht zum Trocknen herauszuhängen. Die Präsidenten sollten ein makelloses Genua sehen.

Johlend schwenken die Demonstranten*innen Unterhosen und BHs, winken den Leuten an den Fenstern zu, rütteln am schwarzen Gitter, das die Polizei am Kongresszentrum in den Beton eingelassen hat, laufen vorbei am provisorischen Quartier der Carabinieri, die am nächsten Tag einen der Demonstranten erschie­ßen werden, und Osaren Igbinoba läuft vorn mit, denn dieser erste Tag des Protests ist den Migrant*innen gewidmet.

300 000 Menschen kommen in diesen Tagen nach Genua. Die Antiglobalisierungsbewegung ist auf ihrem Zenit, und für viele Demonstrant*innen ist ausge­macht, dass sie hier die Welt verändern. Der erste Marsch ist vorbei, sie sitzen auf dem Beton, auf Bänken, trinken Bier, rauchen Joints, Blaskapellen und Sambagruppen laufen umher, Reporter*innen und Kameraleute. Transparente und Schilder liegen herum, Flugblätter werden verteilt und weggeworfen. Die Italiener*innen klopfen mit Flaschen auf die Bänke und besingen schon jetzt den Sieg, den sie am nächsten Tag über den Kapitalismus erringen wollen. Seit über einem Jahr wurde zu den Protesten aufgerufen, das »Nein« zur Ordnung der Welt soll unüberhörbar werden. Diese Tage sind der Kristallisations­punkt für eine ganze Generation von NGOs, aber jetzt, kurz bevor es losgeht, ist es Osaren Igbinoba, der sprechen darf.

Die Dämmerung zieht über dem Ligurischen Meer heran, und Igbinoba, ein massiger Mann von 40 Jahren, betritt die Bühne, die die Demonstrant*innen auf dem Platz am Hafen aufgebaut haben. Seine Stimme ist heiser, er spricht Englisch mit starkem nigerianischem Akzent, die Soundanlage ist nicht die beste. Ein Jahrzehnt hat er in Nigeria gegen die Militärdiktatur gekämpft, die ihre Gegner tötet, an der Macht gehalten auch von den Milliarden, die britische, holländische und US­amerikanische Ölkonzerne überweisen – nie vergisst Igbinoba das zu erwähnen. Weg wollte er nie. Er wollte, dass sein Land eines würde, in dem er leben kann.

Wie so oft sind es Künstler*innen und Intellektuelle, die den Kampf um Bürgerrechte in Nigeria anführen. Der Schriftsteller Wole Soyinka etwa, der Arzt Beko Kuti oder sein Bruder, der berühmte Afrobeat­Musiker Fela Kuti. Ihre Anhänger*innen sammeln sich in der Campaign for Democracy, sie wird zur politischen Heimat Igbinobas. 1993 übernimmt der General Sani Abacha die Macht. Er annulliert die Wahl, die der Oppositionskandidat Moshood Abiola gewonnen hatte, schwere Unruhen sind die Folge.

Abacha wurde an der Mons Officer Cadet School in Aldershot nahe London ausgebildet, er macht Geschäfte mit British Petrol, Shell und Exxon und stiehlt Milliarden aus der nigerianischen Staatskasse. Abacha verbietet Parteien und alle anderen politischen Gruppen. Igbinoba flieht nach Deutschland.

Das Ende des Kalten Krieges liegt da erst kurz zurück, es hat die Flüchtlingspolitik verändert. In der alten Bundesrepublik wollten jahrzehntelang weniger als 10 000 Menschen im Jahr Asyl, viele davon aus Osteuropa. Für den Westen sind sie Verfolgte sozialistischer Diktaturen und verdienen Zuflucht. In den 1980er Jahren steigen die Zahlen an, vollends dann nach dem Mauerfall: 1992 kommen 430000 Asylsuchende in das vereinigte Deutschland, die Mehrheit aus Osteuropa. Jetzt sind sie »nicht mehr Erfolgsnachweis in der globalen Systemkonkurrenz, sondern Zusatzbelastung in der Krise des nationalen Sozialstaats«, so die Migrationsforscher Klaus J. Bade und Jochen Oltmer (2005). Der Bundestag beschließt den sogenannten Asylkompromiss, um aus Deutschland einen Ort zu machen, den Flüchtlinge meiden.

Igbinoba kommt trotzdem. Er landet in Mühlhausen im Westen Thüringens. Das Flüchtlingsheim dort ist eine alte russische Kaserne. Mit vier anderen Männern lebt er in einem Zimmer, »wie Sardinen in Fischbüchsen«, schreibt er. Keine Arbeit, keine Möglichkeit zu kochen, keine Ausbildung. Strafen für jeden, der den Landkreis verlässt.

Er fühlt sich wie in einem »leisen Krieg, den die Bürokratie gegen uns führt«, sagt er später, keine Perspektive, nur Stillstand, eine »langsame, aber ständige Vergeudung des Lebens. Nur essen und schlafen, essen und schlafen«, schreibt er, ein »Dahinvegetieren«, bis »wir entweder deportiert werden oder, wenn unser Lebenswille gebrochen ist, wir ›freiwillig‹ in unsere Länder zurückkehren«. Den Flüchtlingen würden die Fingerabdrücke abgenommen, sie würden ins Lager gesteckt, »verhört und absichtlich Misshandlungen unterworfen. Dabei werden wir oft ausgelacht, angeschrien, gedemütigt.« Wer nicht nützlich sei, müsse in »Militärbaracken verfaulen, weitab von normalen Menschen« (KRFM 2010). Diese Isolation solle es möglich machen, die Flüchtlinge zu kontrollieren, sagt Igbinoba.

Er sieht historische Kontinuitäten, vor allem bei der Residenzpflicht: Die deutschen Kolonialherren verboten den Menschen in Togo, bestimmte Gebiete zu verlassen, um die Zwangsarbeit besser durchsetzen zu können. Auch die Ausländerpolizeiverfügung der Nazis von 1938 verbot Ausländer*innen das freie Reisen innerhalb Deutschlands (vgl. Max­Planck­Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht). Igbinoba recherchiert dies, ebenso wie die Geschichte der DDR, in »der du als kasernierter Ausländer nur hier warst, um wie vom Staat bestellt zu arbeiten, oder du hattest zu gehen«. Durch all diese Zeiten, sagt Igbinoba, habe sich eine »Kontrollmentalität« erhalten, die Lager sollen dich »stigmatisieren, deinen Willen zerstören zu leben und dich zu wehren«.

Es ist ein düsterer, radikaler Befund. Viele Menschen, die nie in dieser Lage waren, können ihn nur schwer nachvollziehen. Igbinoba gibt er Kraft für zwei Jahrzehnte Kampf.

Zwei Monate nach seiner Ankunft, im Oktober 1994, gründet er mit drei anderen Männern aus Nigeria und Liberia das The Voice Africa Forum. Die Gruppe zieht durch die Flüchtlingsheime in Thüringen, beruft Versammlungen ein, immer wieder. So müsst ihr nicht leben, sagen sie den Flüchtlingen. Keine Angst! Doch ihre Anstiftung zu Aufruhr – manche empfinden sie als Bedrohung. »Sie dachten, wenn wir uns beschweren, schieben sie uns ab«, sagt Igbinoba. Einige Flüchtlinge gehen mit Stühlen auf ihn los, zerreißen seine Flugblätter. Nachts läuft er heimlich zurück und sucht im Kerzenschein nach Exemplaren, die heil geblieben sind. Jeder versuche »mit seinen Problemen allein fertigzuwerden, immer in dem Glauben, dass wir in Ruhe gelassen werden, wenn wir uns ruhig verhalten«, sagt Igbinoba. »Am Ende aber sind die Probleme nur noch größer, einfach weil wir Angst gehabt haben, uns selber als machtvoll zu begreifen.« Immer wieder sagt er das bei den Versammlungen in den Asylheimen.

Igbinobas Asylverfahren läuft schlecht. Er zeigt seinen Führerschein, Zeitungsartikel aus Nigeria. Alles gefälscht, sagen die deutschen Behörden. Sie lehnen seinen Asylantrag ab. 1995 dokumentiert Amnesty International Hunderte tote Regimegegner*innen, Tausende Verhaftungen in Nigeria (Amnesty International 1995). Die Bundesregierung lobt derweil ein »Demokratisierungsprogramm« (Deutscher Bundestag 1996) des Diktators Abacha. Kritik am nigerianischen Regime sei »möglich und bleibt in der Regel ohne Folgen« (ebd.). Einmal wird Igbinoba auf der Ausländerbehörde von Sicherheitsleuten mit Handschellen an den Stuhl gefesselt, weil er in Abschiebehaft kommen soll. Er fühlt sich gedemütigt, entwürdigt, ausgeliefert. Sein Anwalt kann Aufschub aushandeln. An einem Morgen im Ap­

ril 1995 kommen zwei Polizisten in das Heim in Rothenstein, südlich von Jena, wo Igbinoba jetzt lebt. Die Ausländerbehörde in Eisenberg hat sie geschickt, angekündigt hatten sie sich nicht. Sie sollen Igbinoba zum Flughafen Düsseldorf bringen. Doch jetzt wollen die anderen Flüchtlinge im Heim ihn nicht kampflos aufgeben. Einer weckt ihn, andere sammeln in aller Eile 200 D­Mark und drücken sie ihm in die Hand, andere stellen sich in den Flur, der zu seinem Zimmer führt. »Warum« ist eines der wenigen deutschen Wörter, das viele von ihnen kennen. Immer wieder fragen sie das die Polizisten: »Warum wollt ihr ihn holen?« Es ist ein Vorwand, um sie nicht vorbeizulassen. Igbinoba kann den Tumult hören, er öffnet das Fenster und springt hinaus. Er läuft durch den Wald, schlägt sich durch in die nächste Stadt. Nach einer Weile versteckt ihn eine befreundete Sozialarbeiterin bei Leuten, die ein autonomes Zentrum in Oldenburg betreiben. Unter ihnen ist ein Architekt, in seinem Haus findet Igbinoba Platz. In der Zwischenzeit sind in Nigeria immer mehr Oppositionelle im Gefängnis gelandet. Schon vorher hatte Igbinoba auf ihr Schicksal aufmerksam gemacht, jetzt, in Oldenburg, setzt er sich gleichsam in Vollzeit für ihre Freilassung ein, obwohl dies keine besonders unauffällige Tätigkeit ist. »Das hat mir Kraft gegeben«, sagt Igbinoba. »Was aus mir wurde, war mir egal.« Am 10. November 1995 hängt Nigeria den Schriftsteller Ken Saro­Wiwa. Weltweit wächst die Kritik am Regime. Igbinoba organisiert ein Symposium nigerianischer Oppositioneller im Exil, aus vielen Ländern reisen sie nach Oldenburg, es ist das größte Treffen dieser Art. Irgendwie muss Igbinoba dabei auf sich aufmerksam gemacht haben. Polizist*innen kommen zu dem Haus, in dem er sich versteckt. Igbinoba kann fliehen, er stellt einen neuen Asylantrag. Nach einiger Zeit vereinbart ein Anwalt einen Termin für eine neue Anhörung beim Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge. Er stellt sich.

1996 wird er als politischer Flüchtling anerkannt. Er ist kein Asylsuchender mehr, aber The Voice ist sein Lebensinhalt. Igbinoba bezieht ein kleines Büro unter dem Dach eines alternativen Zentrums, hinter dem städtischen Theater in Jena. Von hier aus koordiniert er Hungerstreiks, Blockaden und immer wieder Kundgebungen. Nach und nach schließt Thüringen abgelegene, besonders heruntergekommene Flüchtlingsheime wie Mühlhausen, Saalfeld, Jena­Forst oder Tambach­-Dietharz.

Es gibt schon vor The Voice migrantische Selbstorganisationen in Deutschland: Vereine der Gastarbeiter­Communities, Frauengruppen wie Agisra in Köln, migrantische Antifagruppen wie Antifaşist (Antifa) Gençlik in Berlin, parteinahe Exilorganisationen wie die kurdischen Vereine oder Gruppen aus der zweiten Generation der Arbeitsmigrant*innen wie Kanak Attak. Aber es gibt keine Organisation der Flüchtlinge in den Heimen. Auch andere versuchen später diese zusammenzubringen, etwa die African Refugee Organisation in Hamburg, die Flüchtlingsinitiative Brandenburg, der Refugees Emancipation e. V. oder Women in Exile. Aber Igbinoba ist der Erste, dem dies dauerhaft und über ethnische Grenzen hinweg gelingt. Die Strukturen der Selbstorganisation, die er schafft, sind die ältesten, die sich dauerhaft halten, bis heute.

Die Nacht, in der die Polizei ihn holen will, macht Igbinoba klar, dass die Flüchtlinge verlieren, wenn sie in ihren ethnischen Communities bleiben. Solidarität soll die Enge der Exilorganisationen überwinden. »Die Gesetze betreffen alle Flüchtlinge gleichermaßen«, sagt er. Gemeinsam ungehorsam zu sein, das sei »ein Schrei nach Freiheit, aber schon ein Teil der Freiheit selbst«. Die Gruppe benennt sich in The Voice Refugee Forum um, will offen sein für Menschen aus anderen Kontinenten, fusioniert mit Gruppen aus Westdeutschland zur Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen. »Große Ideen ohne Selbstorganisierung sind leer«, sagt Igbinoba.

Im Oktober 1998 scheidet Kanzler Helmut Kohl aus dem Amt, vor der Bundestagswahl im September zieht die Karawane durch 44 deutsche Städte, »We have no vote but a voice« – »Wir haben kein Wahlrecht, aber eine Stimme«, ist ihr Slogan. In Flüchtlingsheimen, in die sonst kein/e Besucher*in einen Fuß setzt, berufen sie Versammlungen ein. »Wir wollen gleiche Rechte«, sagt Igbinoba. »Keine Unterordnung. Die Bewohner sollen sich der Disziplinierung nicht länger beugen.« Nicht alle folgen dem Aufruf, aber einigen gibt The Voice bei diesen Treffen zum ersten Mal das Gefühl, wieder etwas für ihr Schicksal in Deutschland tun zu können, den Ämtern und Gesetzen, die sie so wenig durchschauen, nicht nur hilflos gegenüberzustehen.

1999 besetzen von Abschiebung bedrohte Flüchtlinge das Büro der Grünen in Köln. Ihr Hungerstreik dauert 16 Tage. Im Mai 2000 lädt The Voice Flüchtlinge und Aktivist*innen aus der ganzen Welt zu einem Kongress in die Jenaer Universität ein. Es ist das erste Treffen dieser Art in Deutschland. In Thüringen gilt die Residenzpflicht. Flüchtlinge, die kommen wollen, müssen die Ausländerbehörden um Erlaubnis bitten. Die damalige Ausländerbeauftragte der Bundesregierung Marieluise Beck (Bündnis 90/Die Grünen) fordert die Ämter auf, die Erlaubnisse zu erteilen. Auch Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) schreibt den Ausländerbehörden. Doch er verlangt, die Flüchtlinge sollen nicht nach Jena reisen dürfen. Die Beamt*innen hören auf Schönbohm. Wer fährt, dem drohen sie mit Haft.

Es versammeln sich 600 Menschen in Jena. Viele sollen bald abgeschoben werden. Es kommen Papierlose und geflüchtete Frauen, Togoer*innen und Nigerianer*innen, alevitische Syrer*innen und kommunistische Türk*innen, nepalesische Maoist*innen und tamilische Exguerilleros, Tschetschen*innen und Kongoles*innen, Kameruner*innen, Sierra Leoner*innen und Sudanes*innen, Nordafrikaner*innen, Palästinenser*innen, ehemalige politische Gefangene aus Lateinamerika, iranische Frauen, Kurd*innen aus einem Kirchenasyl. Manche haben politische Erfahrungen, andere nicht; aber bei einer solchen Zusammenkunft war noch keine/r von ihnen.

Ihre Selbstermächtigung geht nicht ohne Friktionen ab. Damals beginnen die Ausländerbehörden in Bremen, Hamburg, München und anderen Städten, Flüchtlinge ohne Pass zu Botschaften von Ländern wie Guinea oder Nigeria zu bringen. Die Konsulatsmitarbeiter*innen dort stellen gegen Gebühren – viele sagen: Bestechungsgelder – einmalige Reisepapiere aus. Deutschland kann die Flüchtlinge so abschieben, ohne geklärt zu haben, aus welchem Land sie stammen. Die Flüchtlinge in Jena planen, die nächste dieser Vorführungen zu blockieren. Bei ihnen handele es sich um »Blackmail«, soll im Aufruf stehen, Erpressung, denn wer sich diesen Terminen verweigert, dem streichen die Ausländerbehörden das Geld und führen ihn/sie dann zwangsweise vor.

Eine Gruppe Afrikaner*innen beschwert sich: »Blackmail«, das sei rassistisch. »Alles Schlechte ist immer schwarz«, sagen sie. Das Wort soll raus. »Kindisch«, sagen die Tamil*innen. Die Deutschen sagen lieber nichts.

Zehn Tage debattieren die Flüchtlinge in Jena. Abschiebungen, Ausländerbehörden, Residenzpflicht, Polizeiübergriffe, politische Gefangene überall in der Welt, alles kommt auf den Tisch. Sie beschließen zu demonstrieren, Faxe zu schreiben, zu blockieren. Die Abschlusserklärung ihres Kongresses ist viele Seiten lang (KRFM 2000). »Wir werden eine friedliche, würdevolle, aber dennoch kräftige Kampagne« beginnen, schreiben sie.

Sie haben keinen Verein für Steuerabzugsquittungen, keine Mitgliedsbeiträge, keinen Vorstand, keinen Presseverteiler, keine Satzung. Der harte Kern besteht aus weniger als 40 Aktivist*innen aus 20 Ländern, verstreut in Heimen in ganz Deutschland. Sie sprechen keine gemeinsame Sprache. Wer zu den Treffen fährt, gibt für die Zugfahrt das halbe Monatstaschengeld von 80 D­Mark aus, muss Polizeikontrollen und Gefängnis befürchten. Aber sie haben Ideen. Der Singhalese Viraj Mendis schart eine Gruppe von Informatiker*innen um sich, sie programmieren eine mehrsprachige Webseite für Kampagnen gegen Abschiebungen, www.humanrights.de. Mit ihr landet Mendis in der Ausgabe vom 10. Juli 2000 des US­Magazins Fortune – als »ein menschliches Gesicht der Internetrevolution« (Murphy et al. 2000). Ein Kommunist in einer der wichtigsten Wirtschaftszeitungen der Welt. In Jena baut nadir, ein Hamburger Informatikerkollektiv, Computer auf, mit denen die Flüchtlinge in Echtzeit von ihrem Kongress bloggen können. Sie sind eine kleine Avantgarde des Netzaktivismus.

Monate bevor es bei der WTO­Konferenz in Seattle schwere Auseinandersetzungen gibt, tun sich die Flüchtlinge von The Voice mit Hunderten indischen Bäuer*innen zusammen. Die sind zum G7­Gipfel im Juni 1999 nach Köln unterwegs, um gegen die Liberalisierung des Agrarmarktes zu demonstrieren, die sie in den Ruin treibt. Die Flüchtlinge reihen sich bei den Bäuer*innen vor deren Ankunft in Köln ein – eine kleine Avantgarde der Gipfelproteste. Dabei ist Globalisierung für Igbinoba nur ein Modewort. Er kann damit nichts anfangen. Die britischen Offiziere, die Abacha das Töten beigebracht hatten, die BPManager, die das Öl aus dem Niger­Delta abpumpen, ohne dem Volk dafür etwas zu geben, die Sachbearbeiter*innen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die Flüchtlinge »in nützliche und unnütze einteilen«, wie er sagt; die deutschen Polizist*innen, die in der Nacht kommen, um ihn zu holen und in das Flugzeug nach Lagos zu setzen – für Igbinoba sind es Facetten »koloniale[r] Ungerechtigkeit«, er sieht eine »Kontinuität der immer gleichen Macht«. Immer gleich, aber anpassungsfähig: »Die vor Senegal gelegene Insel Gorée war während der Sklaverei eines der großen Tore zur Hölle, von hier wurden Millionen Afrikaner*innen als Sklaven nach Amerika und Europa verschifft« (Bernau 2010). Heute benutze die EU­Grenzschutzagentur Frontex die Insel, um die afrikanischen Küstengewässer zu überwachen.

Für Igbinoba ist seine Flucht Mittel zum Zweck. »Wir sind hier, um den Kampf weiterzuführen, den wir in unseren Ländern begonnen haben«, sagt er. Es gehe nicht nur um Abschiebungen, es gehe auch um »die furchtbaren Probleme unserer Brüder und Schwestern, die wir zurücklassen mussten«. Niemand komme freiwillig. Jeder wisse, dass die EU und die USA die Diktatoren Afrikas bewaffneten und ihre Armeen trainierten, Kriege führten und Ressourcen raubten, seit der Kolonialzeit.

Am Abend des 19. Juli 2001 ist er es, der die Rede vor dem Großkampftag der globalen Protestbewegung halten darf. Für die Ausbeutung der Armen, die Verwüstung des Globalen Südens, den Neokolonialismus, für alles, was die Demonstrant*innen hier den G8 vorwerfen, ist Igbinoba der Kronzeuge; anders als die meisten von ihnen spricht er in der ersten Person, er ist Opfer wie Kämpfer gleichermaßen, seine Anklage nicht verhandelbar. »Wir werden es immer so sagen, wie wir es fühlen, es kann darüber keinen Kompromiss geben«, sagt er. Deswegen haben sie ihn hierhergerufen, auf die Bühne im Hafen von Genua, auf die jetzt Zehntausende schauen, die hier die Ordnung der Welt schlagen wollen, und oben steht Igbinoba in seinem zerschlissenen Pullover und seiner Basketballmütze und sagt, was die Flüchtlinge auf dem reichsten Kontinent der Erde die G8 wissen lassen wollen: »Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört.«

 

Literatur