| Stationen einer Flucht

Dezember 2015
Von Ghaith Abdul-Ahad

Ein kurdischer Freund von mir aus Sulaimaniyya im Nordirak hat vor Kurzem auf seiner Facebook-Seite ein Foto von einer handgemalten Skizze gepostet. Mit kleinen Pfeilen, Strichmännchen und Zeichnungen von ein oder zwei Zügen und Booten zeigt sie, wie man in 20 einfachen Schritten von der Türkei nach Deutschland kommt. Wenn du die 1 500 Kilometer bis in die West-Türkei geschafft hast, beginnt die eigentliche Reise erst. Ein Taxi bringt dich an die Küste – nach Izmir. Ein Pfeil deutet auf die nächste Etappe: mit dem Boot über das Ägäische Meer zu einer ›griechischen Insel‹ – Kostenpunkt: zwischen 950 und 1200 Euro. Ein weiteres Boot bringt dich nach Athen, ein Zug, der aussieht wie ein demoliertes Raupenfahrzeug, nach Thessaloniki. Dann zu Fuß, mit Bussen und noch zwei wurmähnlichen Zügen geht’s schließlich quer durch Mazedonien nach Skopje und weiter durch Serbien nach Belgrad. Das Strichmännchen läuft nun über die Grenze nach Ungarn, Richtung Szeged. Von dort geht’s weiter mit dem Taxi nach Budapest, und mit dem nächsten Taxi quer durch Österreich. Ganz unten auf der Seite sieht man eine kleine blaue Figur, sie hüpft in die Luft und winkt mit einer Fahne. Endlich in Deutschland angekommen, grüßt sie München – nach einer ungefähr dreiwöchigen Reise von fast 4000 Kilometern und Kosten um die 2400 Euro.

Abbildung und Textauszug aus »Some Tips for the Long-Distance Traveller«, erschienen auf London Review of Books, Aus dem Englischen von Britta Grell.