| LuXemburg Spezial zu Neuer Klassenpolitik

Oktober 2017

Die Klassenfrage steht im Zentrum eines links-marxistischen Projekts. ›Klasse‹ spielte aber zuletzt weder in linke Strategiedebatte noch in politische Praxis eine große Rolle. Das hat viele Gründe: Die Sozialdemokratie hat die Klassenfrage seit den 1970er Jahren zu Gunsten von Modellen aufgegeben, in denen eine Vielfalt sozialer Schichten angenommen wird; neue soziale Bewegungen haben sich in Abgrenzung eines auf männliche Industriearbeit verkürzten Klassenverständnisses Fragen von Lebensweisen, Geschlechterverhältnissen, postkolonialem Erbe und der Ökologie zugewandt; und das »Ende des Sozialismus« tat sein Übriges. Gleichzeitig verschärfen sich in westlichen Industrieländern die sozialen Gegensätze – Folgen eines in die Krise geratenen finanzialisierten Kapitalismus und sinkender Profitraten, die durch Flexibilisierung, Druck auf die Löhne und eine Zerstörung öffentlicher Infrastrukturen auf dem Rücken der Vielen »kompensiert« werden.

Letztlich waren es die Erfolge der Rechten – vom BREXIT über Front National und AfD bis hin zur Wahl Donald Trumps in den USA, die auf verquere Art die Klassenfrage zurück auf die Tagesordnung geholt haben: Der überwiegend legitime Ärger derjenigen, die sich von diesem System hingehalten und nicht repräsentiert fühlen, drückte sich vielerorts in einer Rechtswendung aus. Wie kann die Kritik am Zustand der Demokratie und an sozialer Ungleichheit anders artikuliert werden? Und könnte eine Politik, die »Klassenerfahrungen« von links wieder zum Gegenstand macht, eine klarere Differenz zu den herrschenden Eliten markieren? Ließe sich hier aus unterschiedlichen Perspektiven ein »verbindender Antagonismus« (Candeias) formulieren? Um ein »Zurück« zum alten »Klassenkampf « kann es nicht gehen! Es bedarf kollektiver Anstrengungen, eine »Neue Klassenpolitik« zu entwerfen, die Identitätspolitik und soziale Frage nicht in einen Gegensatz bringt, sondern alle Verhältnisse umwirft, unter denen so viele leiden. So ließen sich die Emanzipationskämpfe der letzte Jahrzehnte klassenpolitisch schärfen und gegen eine selektive Integration in den Neoliberalismus abgrenzen. Außerdem müssten Feminismus, Ökologie, und Antirassismus als integrale Momente von »Klassenfragen« gelesen und damit (endlich) ins Zentrum eines linken Projekts gestellt werden. Wie lassen sich die verschiedenen Teile der Klasse verbinden? Wie können wir prekäre Arbeit in Frauenberufen als Frage von Geschlecht und von Klassenverhältnissen lesen? Und wie wird Rassismus als Form erkennbar, die Teile der Klasse gegen andere stellt. Solidarität ist kompliziert zu machen, aber drängender denn je!

Die Zeitschrift LuXemburg hat einige dieser Fragen bearbeitet. In den kommenden Tagen wird nun eine Broschüre erscheinen, eine Auswahl von Texten zum Thema versammelt, die bereits online oder in früheren Ausgaben der Zeitschrift erschienen sind.

Sie ist hier als (pdf) in Deutsch und Englisch erhältlich und kann demnächst auch gedruckt bestellt werden, wird aber nicht automatisch an alle Abonnent*innen versandt.

Download:
Deutsche Fassung: LUX Spezial Neue Klassenpolitik_E-Paper
Englische Fassung: LUX Special New Class Politics E-Paper

Inhalt

Eine Frage der Klasse
Neue Klassenpolitik – ein verbindender Anatagonismus
Von Mario Candeias

Ein unmoralisches Angebot
Die LINKE als Partei gewerkschaftlicher Erneuerung
Von Bernd Riexinger

»Feminism is for everyone«
Perspektiven einer feministischen Klassenpolitik
Von Barbara Fried

»Die Asys müssen weg!«
Haustürbesuche als Strategie gegen die Spaltung
Von Anne Steckner

Die Zumutungen der Klasse
Vielfältige Identitäten und sozialistische Klassenpolitik
Von Alex Demirović

Für eine queerfeministische Klassenpolitik der Scham
Von Volker Woltersdorff

Ökologische Klassenpolitik
Von Bernd Röttger und Markus Wissen

LuXemburg Online

Geiz ist gar nicht geil
Über Konsumweisen, Klassen und Kritik
Von Anne Steckner und Mario Candeias

Die Linke im Einwanderungsschland
Emanzipatorische Klassenpolitik für eine solidarische Einwanderungsgesellschaft
Von Barbara Fried