| Gegen den Circle-Schluss

Dezember 2015
Von Carolin Wiedemann

»Wir erschaffen eine Welt, die jeder betreten darf, […] in der jeder, an jedem Ort, seine oder ihre Überzeugungen ausdrücken darf, egal wie einzigartig sie sein mögen, ohne Furcht davor, zum Schweigen oder zur Anpassung gezwungen zu werden«, schrieb John Perry Barlow 1996 in seiner berühmten Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace. Bevor das Internet allgegenwärtige Realität war, inspirierte es zum Träumen. Zu einem Traum vom virtuellen Raum, der alle gleich und doch frei machen würde, in dem es keine Herrschaftsverhältnisse und keine Kontrolle gäbe (vgl. Barlow 1996). Howard Rheingold verkündete die Geburt der virtuellen Gemeinschaft: Menschen, die sich offline nie begegnen könnten, würden sich auf der Basis geteilter Interessen online-basiert zusammenfinden, sich gegenseitig Unterstützung bieten und untereinander freundschaftlich binden (vgl. Rheingold 1994). Und Sherry Turkle beschrieb in ihrem Buch Leben im Netz. Identitäten in Zeitalter des Internet, wie sich UserInnen von fest gefügten Identitätsnormen lösen könnten, mit vervielfältigten »Patchworkidentitäten« spielen, code- und genderswitchen und sich somit auch vom eigenen Selbst lösen könnten (vgl. Turkle 1998, 289).

Dieser Befreiungsdiskurs wurde dabei wesentlich von der Idee getragen, das Zusammentreffen von Menschen im Netz sei frei von ökonomischem Kalkül, hierarchischem Profilierungsbestreben und essentialisierendem Identitätsdenken.

Doch sieht das Internet heute ganz anders aus, als die Web-Visionäre es sich einst ausgemalt hatten: Am besten funktionieren Social Networking Sites, auf denen UserInnen sich ›authentisch‹ selbst vermessen sollen, damit deren Profile für Werbekunden oder die NSA lesbar sind. Und so stellt sich den alten Visionären die Frage (vgl. Leistert/Röhle 2011, 7) wie es dazu kommen konnte, dass sich das Internet, das gerade noch die Hoffnung auf eine offene und hierarchiefreie Kommunikation in sich barg, so schnell zu einer von wenigen kommerziellen Akteuren beherrschten und von Selbstdarstellung geprägten Infosphäre entwickelt hat.

Die Antwort liegt erstens darin, dass schon mit dieser Hoffnung etwas nicht stimmte. Der Befreiungsdiskurs zum Internet hat weder berücksichtigt, dass die Entstehung der Technologien zu verorten ist in breiteren Kontexten und die Maschinen und ihre Funktionsweisen damit in historisch gewachsene Machtverhältnisse involviert sind, noch, dass auch diejenigen, die die Maschinen nutzen, keine Neugeborenen im Cyberspace sind. Gilles Deleuze schrieb, dass man jeden Gesellschaftstyp mit einem Maschinentyp in Beziehung setzen könne, dass Kybernetik und Computer für die Kontrollgesellschaften ständen. Dieser Gesellschaftstyp definiere sich darüber, dass ein Modus der Kontrolle die Gesellschaft als Ganzes erfasst habe: Mikrotechniken tasten die Regungen der alltäglichen Kommunikationsbeziehungen ab, steuern und normieren sie – sodass disziplinarische Verfahren zum Teil abgelöst werden könnten (vgl. ebd. 1993, 258f). Mit der Entwicklung der Informationstechnologien würden außerdem, darauf verwies auch schon Deleuze (ebd.), Modifikationen des kapitalistischen Systems einhergehen, das immer mehr über die Prozessierung von Informationen operiere. Der Kapitalismus kann auch deshalb zunehmend biopolitisch werden, weil Affekte, Emotionen und Kommunikationsvorgänge kodiert, in Daten erfasst und damit strukturiert und Tauschbeziehungen unterwerfen werden können und sich so Mehrwert aus allen produktiven und reproduktiven Lebensäußerungen ziehen lässt.

Dazu passt das Interface von Facebook, der erfolgreichsten Social Media Plattform im Internet[1], das den UserInnen permanent nahelegt, sich selbst und das eigene Leben möglichst sichtbar zu machen, zu vermessen und zu vergleichen, während das Unternehmen ein Geschäft macht mit den Datensätzen über die Vorlieben, Lebensweisen und Beziehungsarten der UserInnen, die an andere Firmen weiter verkauft werden. Dass das Programm dabei nicht über Zwang funktioniert, sondern die UserInnen sich und ihr Leben in gewisser Weise freiwillig informatisieren, dass sie den Gehorsam gegenüber den Evaluationsnormen und Visibilitätszwängen internalisiert haben, entspricht den Regierungsweisen des Kontrolldispositivs, die nicht von einer souveränen Instanz ausgehen, sondern ihre Funktionalität vielmehr erst in beweglichen allumfassenden Netzstrukturen entfalten.

Doch gerade diesen beweglichen Netzstrukturen, über die die neuen Machttechniken arbeiten, lässt sich nichtsdestotrotz auch das Potenzial für Formen der Kooperation zuschreiben, die dem kontrollgesellschaftlichen Zugriff entwischen. Und so muss die Antwort auf die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass das Internet eine durchkommerzialisierte und kontrollierte Sphäre wurde, zweitens auch auf die Frage zurück- und auf die Ambivalenz der neuen, beweglichen Infrastrukturen verweisen. Die Topologie und Funktion eines nicht-hierarchischen Netzwerks beschrieb Deleuze gemeinsam mit Felix Guattari affirmativ als Rhizom, als ein Wurzelgeflecht, das kein Zentrum besitzt, sondern sich in alle Richtungen ausbreitet, das verschiedenste Verknüpfungen, Formen und Verdichtungsgrade annehmen kann (vgl. Deleuze/Guattari 1977, 11) – was wiederum mit Deleuze‘ These über die Auflösung hierarchischer Institutionen innerhalb des Kontrolldispositivs korrespondiert, dessen Machttechniken er jedoch vehement kritisiert.

Eine solche Ambivalenz des Kontrolldispositivs zeigt sich in den Strukturen sogenannter sozialer Medien, die sich immer auch in Auseinandersetzungen und Kämpfen weiterentwickelten, deren Interfaces schließlich Spielräume und Vernetzungsmöglichkeiten eröffnen, die nicht vorgegeben sind, und die sich dennoch nicht im Sinne einer organizistischen Lesart des Internets der 1990er Utopien rein rhizomatisch verstehen lassen. Während Facebook mit der Grundregel, dass sämtliche Daten, die UserInnen eingeben, vom Unternehmen archiviert und kommodifiziert werden, ganz offenkundig zentralistisch strukturiert ist, kann das deleuzsche Konzept des Wucherns auch nicht auf die weniger offensichtliche, auf die binäre Logik, die zu Grunde liegt, übertragen werden. Und doch finden sich Kooperationsformen im und durch das Internet, selbst auf Facebook, neue Organisationsweisen, die sich fundamental unterscheiden von Systemen hierarchischer Kommunikation und von vornherein festgelegter Verbindungen (Deleuze/Guattari 1977, 35) und damit neue Erfahrungen von Kollektivität, von kollektiver Wirkungsmacht ermöglichen, die den Anrufungen als einzelne UnternehmerInnen effizienter Selbstdatierung entgegenstehen.

Ist von solch neuen Kollektivitätsformen die Rede, kommt schnell der libertäre Cyber-Traum von Bewegungen ohne AnführerInnen in den Sinn, die alle immer gleichermaßen sprechen und entscheiden lassen würden, jener Traum, der längst als naiv gilt. Doch unterscheiden sich, wie zum Beispiel Rodrigo Nunes schreibt (2014), jene neuen netzwerkartigen Bewegungen nicht etwa dadurch von Systemen hierarchischer Kommunikation, dass sie führungslos sind, sondern dadurch dass sie führungsvoll sind, dass sie mehrere wechselnde Führungsrollen haben, die sich spontan ergeben und die potentiell jede/r innerhalb des Kollektivs übernehmen kann – an dem wiederum potenziell jede/r teilhaben kann. Die netzwerkartigen Kommunikationsstrukturen ermöglichen eine neue Offenheit von Kollektivität: So können einzelne etwa wegen eines bestimmten, spontan formulierten Anliegens kooperieren, so formieren sich kurzfristige Bewegungen, ohne Mitgliedschaftsbestimmungen aufzustellen. Solche Formen der Kooperation finden sich nicht nur in selbst organisierten dezentralen Netzstrukturen, sondern entstehen auch auf eigentlich zentralistisch aufgebauten Seiten wie Facebook, dessen Interface wie bereits beschrieben gerade nicht darauf ausgelegt ist, Raum für politische Diskussionen und Kreativität zu schaffen. Doch viele UserInnen kommen den Anrufungen der Plattform, sich und das eigene Leben permanent zu vermessen und auszustellen, nicht nach, sondern nutzen Facebook, um den weitläufigen Kreis von »Freunden«, die eigenen, mit ein paar Klicks selbst geschaffenen Öffentlichkeiten über kulturelle und politische Veranstaltungen zu informieren, sie mit Meldungen und Meinungen zu mobilisieren und zu organisieren.

So etwa ist das Refugee Phrasebook entstanden: Ein Wörterbuch, das für Menschen auf der Flucht Floskeln zur Verständigung, wichtige Sätze für die medizinische Versorgung und juristische Bausteine für die Behörden bereitstellt, geschaffen ohne Geld, Verlag oder Druckerei. »Wer hilft mit?«, postete jemand Ende August auf Facebook und verlinkte auf ein Google Doc Sheet, ein Online Dokument, an dem beliebig viele gleichzeitig schreiben können, auf dem gerade erste Bausteine für einen Dialog zwischen Geflüchteten und HelferInnen gesammelt wurden. Mittlerweile listet das Booklet, das bereits in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Kroatien, Albanien, Slowenien und Griechenland verwendet wird, in 28 Sprachen Übersetzungen der häufigsten Sätze aus Medizin und Recht auf und wächst beständig. Wer etwas beigetragen oder entschieden hat, lässt sich nicht mehr ausmachen, editorische Kontrolle, AutorInnenschaft und Copyright gibt es nicht, Fehler verschwinden im Dunst der Schwarmintelligenz wie bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia.

Ein weiteres, wenn nicht vielleicht das Beispiel einer neuen Kollektivität schlechthin ist Anonymous. In einer wiederkehrenden Selbstbeschreibung heißt es, Anonymous sei ein »Internet gathering« mit einer sehr loosen und dezentralen Kommandostruktur, das eher auf Basis von Ideen als auf der von Vereinbarungen oder Anweisungen operiere. Folglich entspricht Anonymous mit seinen diversen Untergruppen und Assoziierungen weder einer klassischen Organisation mit Statuten, Mitgliedschaften und formalen Hierarchien, noch anderen aktivistischen Gruppen, die beständige und identifizierbare Führungsfiguren haben. Im Fall der »Gatherings« von Anonymous treffen immer wieder verschiedene Individuen, Gruppen und Interessen aufeinander, deren einziges geteiltes Anliegen es ist, dass alle Menschen anonym im Netz kommunizieren können, darin liegt für die Gruppe das konstitutive Element. Anonymous selbst entsteht überhaupt erst und jedes Mal wieder im anonymen Austausch im Netz. Das erklärt die Diversität der Aktionen, die der Gruppe zugerechnet werden, und zeigt, wie wirkmächtig verteilte Führung sein kann (vgl. Apprich 2014; Wiedemann 2014)

Wenn dabei Entscheidungen über die weitere Gestaltung in offenen Diskussionsforen getroffen werden, die sich die UserInnen selber bauen, und für jene, die sich mit Software nicht oder weniger auskennen, die sich also mangels Fähigkeiten weniger beteiligen können, Tutorials angeboten werden, die wiederum in Kooperation derer erstellt werden, die sich schon besser auskennen, dann handelt es sich um Online-Praktiken der Kooperation, Inklusion, Transparenz und des Teilens, die sich ganz konkret und nicht nur symbolisch der Verwertungslogik des Kapitals entziehen. Es scheinen Momente der Solidarität auf, die den kontrollgesellschaftlichen Imperativen der Sichtbarkeit und Selbstvermarktung entgehen (Wiedemann 2014, 155).

Der Versuch, anonym zu kommunizieren und sich anonym zu organisieren, dient im Fall von Anonymous also nicht nur dazu, Zuschreibung unmöglich zu machen und damit Hierarchien und Muster von Ein- und Ausschlüssen zu vermeiden, sondern auch dazu, jene kontrollgesellschaftliche Rationalität zu stören, die veranlasst, dass die Nutzungsbedingungen von Social Media auf Authentizität und Kohärenz der Angaben der UserInnen, auf leichte Lesbarkeit ihrer Profile ausgerichtet sind. Anonymous lässt sich als Bewegung auch als das Bestreben einer öffentlichen Rückeroberung der Kommunikationsinfrastrukturen lesen, die das Grundrecht auf eine anonyme und vertrauliche Kommunikation wiederherzustellen sucht.

Ein Bestreben, das auch weitere Initiativen artikulieren. So entwickeln in den letzten Jahren immer mehr Kollektive Alternativen zu Facebook, wie etwa Diaspora, Appleseed, n+1, Crabgrass: Social Networking Sites, die ihre UserInnen nicht als unbezahlte ProduzentInnen ihrer eigenen dividuellen Verwertung behandeln. Die dafür über Open Source operieren, damit nachvollziehbar ist, was der Computercode tatsächlich macht, und ermöglicht wird, dass unterschiedliche Versionen entwickelt werden können; über offene Protokolle, damit andere Applikationen andocken können und Diversität entstehen kann; über dezentrale Speicherung, weil die Verteilung riesiger Datenmengen auf viele kleine Speicher das Risiko des Kontrollverlusts verkleinert und dabei viele ermächtigt, selbst zu bestimmen, wie sicher die Daten gelagert sein sollen; über gesicherte Verbindungen, indem die Kommunikation zwischen den Knoten verschlüsselt läuft; über Identitätsfreiheit und Anonymität sowie über die Definitionsmacht der UserInnen darüber, wen ein kommunikativer Akt erreichen soll (vgl. Leistert/Röhle 2011, 28). Diaspora ist wohl das erfolgreichste Projekt, an dem seit Jahren gemeinsam gearbeitet wird – und langsam gelingt es, Facebook UserInnen streitig zu machen[2], obwohl doch der Vorsprung im Silicon Valley enorm ist.

Sicherlich wird auch vor Initiativen wie Diaspora nicht das Prinzip kapitalistischer Gesellschaften Halt machen, Gegenkräfte in komplexe Modernisierungsbewegungen übersetzen zu können. Laut Morozov wollen bereits eine Reihe von Unternehmertypen vom wachsenden Misstrauen gegenüber Silicon Valley und US-amerikanischen Konzernen profitieren und planen, lokale marktförmige Lösungen anzubieten.

Einem kontrollgesellschaftlichen, biopolitisch-kapitalistischen Regime etwas entgegenzusetzen, bedeutet auch ganz konkret, eine oppositionelle Haltung auch zum europäischen Projekt zu etablieren, solange dieses Projekt die Privatisierung der Infrastrukturen der Kommunikation vorantreibt (vgl. Interview mit Morozov). Und diese oppositionelle Haltung wiederum lässt sich selbst von den privatisierten Plattformen aus verbreiten. Das Internet existiert eben nicht als virtueller Parallelraum, wie er in den Visionen der 1990er Jahre beschrieben wurde. Das Potenzial neuer Medientechnologien liegt gerade darin, die Straße und das Netz taktisch zu verbinden, um das kontrollgesellschaftliche Regime zu unterlaufen und immer wieder Erfahrungen des Gemeinsamen zu erzeugen.

Literatur

Apprich, Clemens, 2014: The Network Dynamics of Movements, in: Spheres: Journal for Digital Cultures, # 1 Politics after Network
Barlow, John Perry, 1996: Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace, Online- Publikation in deutscher Fassung: www.heise.de/tp/r4/artikel/1/ 1028/1.html
Deleuze, Gilles, 1993: Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, in: ders., Unterhandlungen 1972-1990. Frankfurt/M, 254–262
Ders. und Félix Guattari, 1977: Rhizom, Berlin
Leistert, Oliver und Theo Röhle, 2011: Identifzieren, Verbinden, Verkaufen, in dies. (Hg.): Generation Facebook, Bielefeld, 7–29
Morozov, Evgeny, 2015: »Don’t Believe the hype«, in: LuXemburg 3/2015, 10ff
Nunes, Rodrogo, 2014: Organisation of the Organisationless: Collective Action after Networks, in: Spheres: Journal for Digital Cultures, # 1 Politics after Networks
Rheingold, Howard,1994: Virtuelle Gemeinschaft. Soziale Beziehungen im Zeitalter des Computers, Bonn
Turkle, Sherry, 1998: Leben im Netz. Identität in Zeiten des Internet, Reinbek
Wiedemann, Carolin, 2014: »Greetings from the Dark Side of the Internet«. Anonymous und die Frage nach Widerstand in Zeiten der Informatisierung, Österreich Zeitschrift für Soziologie 39,143–162

Anmerkungen

[1] Facebook ist das größte Social Networking Unternehmen weltweit (de.statista.com/statistik/daten/studie/181086/umfrage/die-weltweit-groessten-social-networks-nach-anzahl-der-user/), 2012 ging es an die Börse, Gegenwärtig sind es bereits 1,42 Milliarden Menschen, die facebook regelmäßig nutzen

[2] Vgl. www.taz.de/!5007589/