| Die »Kalifornische Ideologie« und die Linke

Dezember 2015
Von Nina Scholz

Der Spiegel fragte neulich in einem Leitartikel seine Leser: »Das Morgen-Land: Im Silicon Valley formt sich eine neue Elite, die nicht nur bestimmen will, was wir konsumieren, sondern wie wir leben. Sie will die Welt verändern und keine Vorschriften akzeptieren. Müssen wir sie stoppen?« Auch das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung haben schon früh vor einer Netzeuphorie gewarnt und sich kritisch mit der sharing economy, einem wichtigen Phänomen der »kalifornischen Ideologie« befasst.1 In der deutschen Linken dagegen scheint das Thema verspätet und auch noch nicht in seiner ganzen Reichweite angekommen zu sein. Erst durch die Enthüllungen Edward Snowdens zur NSA sind mehr Menschen aufgewacht und haben sich mit den Möglichkeiten digitaler Überwachung beschäftigt. Bis dato zogen es großen Teile der Linken eher vor, technische Entwicklungen einfach zu ignorieren, und verweigerten damit die notwendige Auseinandersetzung mit den gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungen, die damit verbunden sind. Woran mag das liegen?

Der Begriff »kalifornische Ideologie« feiert dieses Jahr seinen 20. Geburtstag. Die Medientheoretiker Richard Barbrook and Andy Cameron kritisierten 1995 in ihrem Aufsatz The Californian Ideology die »Verschmelzung der kulturellen Boheme aus San Francisco« mit den »Hightech-Industrien des Silicon Valley« zu einem radikalen »Dot.com-Neoliberalismus«. Im Fokus ihrer Kritik stand das ambivalente Freiheitsversprechen dieser Bewegung. Der Text erschien während des ersten digitalen Booms in der Bay Area, wo das Silicon Valley liegt. Die Firmen, die wir inzwischen damit assoziieren, steckten damals noch in den Kinderschuhen, so es sie überhaupt schon gab. Was bis heute unverändert ist, ist ein grundlegender Technikdeterminismus, der Glaube daran, dass die Apps, Programme und Gadgets, die diese Firmen verkaufen, die Welt quasi von allein besser machen (vgl. Morozov in diesem Heft). Diese Überzeugung wurde auch nicht erschüttert, als Ende des 20. Jahrhunderts die Dot.Com-Blase platzte.

Die Gründer und CEOs aus dem Silicon Valley sowie ihre Propagandisten wollen nichts weniger, als die Welt zu verändern, und sehen sich als Speerspitze einer solchen Bewegung. So kündigt etwa Rachel Botsman in ihrem viel beachteten Buch What’s Mine is Yours das Ende aller gesellschaftlichen Probleme an. Die ehemalige Managerin und Unternehmensberaterin hat es sich Aufgabe gemacht, die Idee des collaborative consumption (gemeinschaftlicher Konsum) in die Welt zu tragen. Der bekannte Io-Programmierer Steve Dekorte hat den Rechtsstreit, den Uber in den USA führt, bereits mit der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung verglichen. In einem Tweet schrieb er: »Ja, Uber hat das Gesetz missachtet. Genau das Gleiche hat auch [die afroamerikanische Bürgerrechtlerin] Rosa Parks getan.« Einen ähnlichen Ton schlägt Brian Chesky, Mitgründer und CEO von Airbnb, an. Im Februar 2015 twitterte er: »Gandhi ist während seines Salzmarschs in Häusern untergekommen. Glücklicherweise gab es damals keine Regierung, die einen Mindestaufenthalt von 30 Tagen festgelegt hatte.« Chesky bezog sich auf eine neue Regelung in New York, die bezweckt, die Umwandlung von Miet- in Ferienwohnungen einzudämmen. Als Vergleiche müssen mindestens Ikonen des politischen Widerstands herhalten, darunter machen es kalifornische Ideologen nicht.

Es ist wichtig zu wissen, dass die »kalifornische Ideologie« ein Erbe der USamerikanischen Hippie-Bewegung ist, die genau wie Teile der antiautoritären deutschen Linken in den 1960er und 1970er Jahren das konventionelle Leben ihrer Eltern verteufelte. Der damals prägende Wunsch nach Selbstverwirklichung ist heute nicht nur Bestandteil linker Gegenentwürfe, sondern ist weit in den neoliberalen Mainstream eingewandert.

Die Hippies hatten schon damals nur wenig mit linker Praxis zu tun. Nach den Protesten gegen den Vietnamkrieg spaltete sich die damalige Gegenkultur in den USA in zwei maßgebliche Strömungen. Die eine war die New Left, die der neuen Linken in der Bundesrepublik ähnelte, die andere waren die Hippies, die sich nicht nur von der Politik abwandten, sondern glaubten, eben diese sei die Ursache allen Übels. Sie zogen sich in Kommunen zurück und dachten, die Welt zu verändern, indem sie ›eins‹ mit ihr wurden. Verkürzt gesprochen war ihr erstes Mittel der Wahl das LSD, das zweite der Computer. Im Gegensatz zur New Left, die technologische Entwicklungen in erster Linie als Machtinstrumente des Staats betrachteten und diesen skeptisch gegenüberstanden, glaubten die Hippies, darin ihr Mittel zur Heilung der Menschheit gefunden zu haben.

Fred Turner, Professor an der Stanford University, hat in seinem Buch From Counterculture to Cyberculture die Verbindung zwischen Hippiekultur und dem Aufkommen der Arbeits- und Lebenskulturen der New Economy eindrücklich dargestellt. In einem Interview sagte er: »Der Traum der ›New Communalists‹ war es, eine Welt zu schaffen, die das Gegenstück zur industriellen, bürokratischen Welt der fünfziger und sechziger Jahre ist. Leben und Arbeit waren damals getrennt, man ging einer Arbeit nach, mit der man sich in aller Regel nicht identifizieren konnte. Man verlieh seinen Körper an eine Firma und fühlte sich fremdbestimmt, wie eine Maschine. Im Kommuneleben sollten Körper und Geist, Leben und Arbeit, Familienleben und Produktionsstätte eine Einheit bilden.

Der Kapitalismus, in dem wir heute leben und nicht mehr formell gekleidet zur Arbeit gehen, in dem die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit immer fließender werden, ist ein Erbe dieser Kommunenträume. Das ist einerseits sehr befreiend, aber andererseits sperrt es uns auch ein, weil die Arbeit nie endet.«2

Ein gegenwärtiges Beispiel für diese angestrebte Revolutionierung der Arbeits- und Dienstsleitungswelt ist Uber, ein fast schon klassisches Start-up aus dem Silicon Valley, das inzwischen nicht nur in US-amerikanischen Städten mit Hilfe einer App zwischen privaten Fahrern und potenziellen Fahrgästen vermittelt. Warum Uber für Anbieter und Nutzer so attraktiv ist, liegt auf der Hand. Die Fahrer verfügen über ein Auto, haben aber vielleicht gerade keinen festen Job. Vielleicht wollen sie weder in einem Büro noch langfristig als Taxifahrer arbeiten. Uber bietet ihnen eine willkommene Einkommensquelle. Uber-Fahrer sind oft jung und up to date. Inzwischen lässt sich sogar die eigene Spotify-Playlist in UberWagen abspielen. Es gibt aber auch Vorteile für die Nutzer: Weil Uber an keine fixen Tarife gebunden ist, sind die Fahrten oft günstiger als die mit einem Taxi oder vergleichbaren Transportmöglichkeiten. Auf den ersten Blick scheint es so, wie die Fürsprecher der »kalifornischen Ideologie« sagen: Das Leben wird irgendwie einfacher und entspannter.

Schaut man genauer hin, sieht die Sache etwas anders aus: In einer Gesellschaft, in der sich eine solche sharing economy zum dominanten Modell entwickelt, existiert keine Trennung mehr zwischen Freizeit und Arbeit. Jeder ist sein eigener Unternehmer. Kündigungsschutz, Elternzeit, Krankentage und so etwas wie Feierabend sind überflüssige Relikte vergangener Zeiten. Schlechte Laune wird es nicht mehr geben, denn die kann sich keiner leisten – in der sharing economy sind alle von den guten Bewertungen ihrer Kunden abhängig.

Vielleicht liegt die mangelnde Auseinandersetzung der hiesigen Linken mit der »kalifornischen Ideologie« auch daran, wie in Deutschland diese Debatte insgesamt geführt wird. Da der Technikoptimismus der Kalifornier so unschuldig und fortschrittlich daherkommt, steht jede Kritik daran unter dem Verdacht, konservativ zu sein. Selbst unter Linken. Und als reaktionär möchte man natürlich auf keinen Fall gelten. Als Google Mitte August ankündigte, dass der Teil ihrer Firma, der sich mit Visionen beschäftigt, fortan Alphabet heißen würde, nahm der Presseclub sich des Themas an. Es wurde gefragt: »Wie gefährlich ist Googles Weg zur Weltmacht?« Antworten sollten vier ExpertInnen, die sich seit Jahren mit den Folgen des technischen Fortschritts für die Gesellschaft auseinandersetzen. Eingeladen waren der freie Journalist Philip Banse, Miriam Meckel von der Wirtschaftswoche, der Blogger Mario Sixtus (»elektrischer Reporter«) und die Ex-Piratenchefin Marina Weisband. Die Art und Weise, wie die Diskussion geführt wurde, war symptomatisch, sie lies kaum Grautöne zu. Ein Bekenntnis zu technischen Innovationen wurde mit dem Gutheißen von Googles Unternehmenspolitik gleichgesetzt. Umgekehrt galt das Gleiche.

Dies ist nur ein Beispiel, das zeigt, wie sehr das Mantra der »kalifornischen Ideologie« auch hierzulande verinnerlicht wurde: Der technische und gesellschaftliche Fortschritt scheint an die Entwicklungen aus dem Silicon Valley und ähnlicher Ideengeber geknüpft. Wer sich verweigert, verweigere den Fortschritt – so der Tenor dieser Debatte, die auch für die Linke eine große Herausforderung darstellt.

Am Beispiel der Ausgründung von Alphabet hätte man exemplarisch nachweisen können, dass hier zwar visionäre Tools erdacht werden, die mit gesellschaftlichem Fortschritt aber nichts zu tun haben. Mit der Suchmaschine und der Online-Werbung verdient Google das Geld, das dann in Forschung und Entwicklung jener Geräte und Tools gesteckt wird, die das ganzheitliche Leben und die Utopie der Verschmelzung von Mensch und Maschine verwirklichen sollen. Das selbststeuernde Google-Auto und die Google-Brille sind nur der Anfang, am Ende steht der gläserne Mensch. Die Firmen des Silicon Valley, allen voran Google, verfolgen ein ehrgeiziges Projekt, dessen Erfolg heute fast zwangsläufig erscheint. Google ist bei Weitem nicht einfach nur ein Unternehmen, das eine Suchmaschine für das Internet gebaut hat und Werbung verkauft. Google hat eine Mission, die man ob der bunten Oberfläche leicht vergessen kann. Das kann man auch gut an Googles interner Arbeitskultur erkennen, die schön bunt und so gar nicht grau ist, fast wie eine perfekte Verwirklichung der Hippieträume aus den 1960er Jahren aussieht. Bei Google macht das Arbeiten Spaß. Keiner muss am Schreibtisch sitzen, es gibt hier für alle MitarbeiterInnen das leckerste Essen des Silicon Valley gratis. Einmal im Jahr werden die Angestellten sogar zum Burning Man Festival ausgeflogen. Bei Google hört das Arbeiten allerdings auch nie auf. Das Online-Magazin karriere.de schreibt: »Man arbeitet hart bei Google, viele bleiben zehn oder zwölf Stunden in ihren Büros. Doch auch wenn die Arbeitstage oft extrem lang sind, haben die meisten Googler nicht das Gefühl, dass sie hart arbeiten. Mich erinnert das ein bisschen an die Zeit, die man in einem Spielcasino verbringt: Die Drinks sind umsonst, es gibt keine Uhren, und man merkt gar nicht, wie die Zeit vergeht.«3 Der Ursprung dieser Mission liegt in den Träumen der Hippies, am Ende wartet der Hyperkapitalismus.

Die Linke sollte sich fragen, was das Projekt der »kalifornischen Ideologie« so ausstrahlungskräftig macht, dass sie ihre Versprechungen nicht einlösen muss, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. In den 1990er Jahren hatte das Magazin Wired – bis heute das Zentralorgan der »kalifornischen Ideologie« zum Beispiel den »long boom« angekündigt. Jahrzehntelange Prosperität stünden uns bevor, und die Lösung der Umweltprobleme dazu. Dieser grenzenlose Optimismus ließ sich auch durch Ereignisse wie das Platzen der Spekulationsblase Anfang der 2000er Jahre nicht zerstören, er gebar einfach neue radikalliberale Theorien. So schrieb der ehemalige Wired-Chefredakteur Chris Anderson in seinem Buch The Long Tail, dass mit der massenhaften Verbreitung von Kleinstunternehmern, die sich mit Hilfe des Internets vernetzten, zwangsläufig eine Demokratisierung des Markts einhergehen würde. Doch bis heute dominieren ausschließ- lich große Konzerne das Geschehen. Und selbst im Herzen der Bestie, in den Vorstandsetagen von Silicon Valley, ist von einer Erfüllung dieser Versprechungen nichts zu merken. Auch dort hat keine Demokratisierung stattgefunden. Auch wenn die Unternehmenskultur von Silicon Valley offen, demokratisch und unhierarchisch wirkt, sprechen die Zahlen eine andere Sprache. Während in den Vorstandsetagen US-amerikanischer Firmen die Frauenquote bei 53 Prozent liegt, stagniert der weibliche Anteil in den Technikkonzernen seit Jahren bei um die 25 Prozent. Und Afroamerikaner machen in den Führungsetagen der Top-Unternehmen in diesem Bereich gerade mal ein Prozent aus. Eine Unternehmenskultur, die an Vielfalt interessiert ist, sieht definitiv anders aus.

Beispiele für die Ausstrahlungskraft der »kalifornischen Ideologie« sind zahlreich, auf die wichtige Frage, warum es aufseiten der Linken kein ähnlich visionäres Projekt gibt, warum diese immer noch an Rechtfertigungen für den gescheiterten, real existierenden Sozialismus knabbert, gibt all das keine Antwort.

Hierzulande wird das Thema derzeit vom akademischen Akzelerationismus besetzt, einer neuen Philosophie, nach der der Kapitalismus mit seinen eigenen (technischen) Mitteln geschlagen werden kann. Der Akzelerationismus sieht derzeit jedoch mehr nach einer Mode linker Galeriebesucher aus als nach einem visionären Projekt für die Linke, weil er letztlich schwammig bleibt und, ähnlich der »kalifornischen Ideologie«, im Grunde technikdeterministisch argumentiert. Trotzdem hat ihr Vordenker Armen Avanessian Recht, wenn er wie neulich in der tageszeitung schreibt: »Die Linke muss endlich ihren technologischen Analphabetismus überwinden.« Das ist ein Satz, der sitzt und irgendwie richtig klingt. Der sogenannte »Beschleunigungsphilosoph« erklärte weiter: »Das Problem ist, dass die Linke, auch die linke Theorie, nicht mehr hegemonial ist, dass sie nicht mehr die entscheidenden Stichworte liefert und ihre Überzeugungskraft verloren hat. Sie hat den Anschluss an die modernen Technologien verpasst. Es gelingt ihr nicht, den technologischen Fortschritt aus der Zwangsjacke des Kapitalismus zu befreien. Rückzug und Entschleunigung sind keine Lösungen.«

In eine ähnliche Richtung argumentiert auch der spanische Soziologie-Professor César Rendueles. In seinem soeben im Suhrkamp-Verlag auf Deutsch erschienen Essay Soziophobie versucht er sich an einer Art europäischer Kritik am Technikdeterminismus und bietet einen dritten Weg an: das Sich-umeinander-kümmern, das »Caren«. Ob das ein produktiver Ansatz ist, bleibt zu diskutieren.

Für zukunftsweise Ansätze auf diesem Feld lohnt außerdem ein Blick in die USA, wo am 13. und 14. November in New York an der New School die Konferenz Platform Cooperatism stattfand. Das Konzept selbt stammt von Trebor Scholz, der damit versucht, der sharing economy ein umsetzbares, solidarisches und ausstrahlungskräftiges Alternativmodell entgegenzusetzen. Es fußt auf kooperativer Arbeit statt rechtloser Selbstausbeutung. Diese vorsichtigen Ansätze zeigen, dass Alternativen möglich sind und auch dringend gedacht und umgesetzt werden müssen, wenn wir nicht alle eines Tages in Googles Albtraum aufwachen wollen.

 

Anmerkungen

1 Vgl. z.B. www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ shareconomy-der-terror-des-teilens-12722202.html.
2 Vgl. http://jungle-world.com/artikel/2013/27/48002.html.
3 Vgl. www.karriere.de/karriere/arbeiten-bei-google-nichtjeder-job-ist-ein-traumjob-8079/.