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Zu viel und zu wenig. Die Macht der Konzerne und die globale Fehlernährung

Von David Sanders

Fehlernährung ist weltweit ein erheblicher Krankheits- und Sterblichkeitsfaktor, besonders im globalen Süden. Die Unterernährung von Frauen hat gravierende Auswirkungen nicht nur auf ihre Gesundheit, sondern auch auf den Verlauf von Schwangerschaften. Ein niedriges Geburtsgewicht ist die häufigste Todesursache bei Neugeborenen und eine direkte Folge der Unterernährung ihrer Mütter: Etwa 2,6 Millionen und damit fast 40 Prozent frühkindlicher Sterbefälle gehen weltweit hierauf zurück. Unterernährung erhöht nicht nur das Risiko für Infektionskrankheiten und Tod, sondern beeinträchtigt auch die körperliche und geistige Entwicklung.

Auf der anderen Seite sind etwa 2,3 Milliarden Erwachsene weltweit von Übergewicht und Fettleibigkeit betroffen, die entscheidende Risikofaktoren für Diabetes, Herzinfarkte, Schlaganfälle sowie für bestimmte Krebsarten sind. Durch die Urbanisierung haben seit etwa 20 Jahren auch verstärkt Länder des globalen Südens und insbesondere Schwellenländer mit dem Problem von Übergewicht und Fettleibigkeit in der Bevölkerung zu tun. Damit sind diese Länder einer doppelten Belastung ausgesetzt: zum einen durch eine (zwar sinkende, aber noch immer erschreckend hohe) Zahl von unterernährten Menschen, zum anderen durch die Zunahme von »Überernährung«, die eigentlich eine Fehlernährung ist. Dahinter stehen Ernährungsweisen, bei denen insgesamt zu große Mengen an Nahrung zu sich genommen werden und zugleich die Versorgung mit Proteinen und Spurenelementen (Vitaminen und Mineralien) inadäquat ist. Auch wenn Übergewicht und Fettleibigkeit eng mit veränderten Alltagsgewohnheiten, Hygienebedingungen, Arbeits- und Lebensverhältnissen zusammenhängen, spielt die Ernährung eine entscheidende Rolle. So lässt sich weltweit im Zuge von Industrialisierungs- und Globalisierungsprozessen auch ein Wandel von Ernährungsmustern beobachten: hin zu mehr Kalorien, weniger Vielfalt und weniger Ballaststoffen. Industriell verarbeitete Lebensmittel, die reich an Kalorien, aber arm an Nährstoffen sind, machen krank, werden aber immer beliebter, auch weil Fast Food und Fertigprodukte billiger und leichter zuzubereiten sind und zudem aggressiv vermarktet werden.

»Big Food« und die Folgen

In dieser Entwicklung spiegelt sich ein Strukturwandel wider. Auf der ganzen Welt werden Kleinbäuer*innen durch große Agrarunternehmen verdrängt. Internationale Nahrungsmittelkonzerne wie Nestlé, Unilever oder Parmalat expandieren und können ihre Produkte auf einem deregulierten Weltmarkt in einem ausufernden Netz von Supermärkten vertreiben.

Damit spielt der Aufstieg von »Big Food«, das heißt von immensen Konzernstrukturen, die die Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie beherrschen, eine zentrale Rolle für das globale Problem der »doppelten Fehlernährung«. In immer mehr Schwellenländern
des globalen Südens werden die Ernährungssysteme von einer kleinen Anzahl großer multinationaler Unternehmen wie Monsanto, Cargill, Syngenta, Nestlé, Coca-Cola, Walmart und McDonald’s dominiert. Sie kontrollieren zunehmend alle Knotenpunkte der Nahrungsmittelkette: Produktionsmittel und Produktion, Verarbeitung und Herstellung, Lagerung, Vertrieb und Verkauf – und selbstverständlich die Profite. Das hiermit verbundene extreme Machtgefälle bedroht die Ernährungssicherheit dieser Länder, führt zur Verdrängung kleinbäuerlicher Produzent*innen und trifft insbesondere die Armen.

Die Konzerne, die sowohl den Lebensmittelsektor als Ganzes als auch einzelne Lieferketten beherrschen, sind »staatenlose« Akteure und agieren über nationale Grenzen hinweg. Sie können den Warenfluss im Ernährungssystem kontrollieren und an ihren Interessen ausrichten. Diese Konzerne handeln gemäß den Interessen ihrer Aktionäre und Anteilseigner, etwa riesigen Rentenfonds, Banken, privaten Investmentfirmen und anderen Finanzinstitutionen. Häufig teilt sich der Besitz auf mehrere Institutionen und Anteilseigner auf, die sich auf langfristige Renditeziele einigen.

Dieser globale Trend der Machtkonzentration in den Händen weniger Multis geht mit der vertikalen Integration der Lebensmittelproduktion einher: Die Multis sichern sich durch Auslandsinvestitionen, Fusionen und Übernahmen sowie durch die Entwicklung neuer Produkte immer größere Marktanteile in ihrem Geschäftsfeld. Zugleich wird die gesamte Wertschöpfungskette durch die Vorgaben einzelner Firmen gesteuert.
Um die Effizienz zu steigern, wird versucht, Zwischenhändler und jegliche »unnötigen« Kostenfaktoren auszuschalten. Auch die Prozesse innerhalb eines Konzerns werden diesem Prinzip unterworfen. Die Folgen zeigen sich an jedem einzelnen Knotenpunkt der Wertschöpfungskette: von der Agrarproduktion bis zum Supermarktvertrieb.

Monokultur in der Landwirtschaft

Seit den 1950er Jahren werden neue Sorten der wichtigsten Nutzpflanzen (Hybride) gezüchtet, die höhere Erträge abwerfen sollen. Mit neuen synthetischen Düngemitteln, intensiver Bewässerung und Pestizideinsatz veränderte die sogenannte Grüne Revolution das Wesen der Landwirtschaft und erschien als Lösung für weltweiten Hunger und Lebensmittelknappheit. Allerdings entstanden daraus zwei Bedrohungen: So werfen die hybriden Nutzpflanzen zu Beginn hohe Erträge ab, nicht aber in der zweiten oder dritten Generation. Bäuer*innen müssen Saatgut jährlich neu hinzukaufen und geraten damit in Abhängigkeit von den wenigen mächtigen Agrarunternehmen, die allein über die immer komplexeren Technologien verfügen (vgl. hierzu Farelly in LuXemburg Online). So werden genetisch vielfältige Sorten, die seit Generationen angebaut werden, immer stärker verdrängt. Hybride befördern Monokulturen, die anfälliger für Dürren, Schädlingsbefall und andere Umweltrisiken sind. Nach Angaben der Welternährungsorganisation (Food and Agriculture Organization of the United Nations/FAO) sind im Laufe des 20. Jahrhunderts etwa drei Viertel aller traditionellen Nutzpflanzen verschwunden, sodass die Ernährung der Weltbevölkerung zu 75 Prozent auf zwölf Pflanzensorten und fünf Tierarten beruht – ein System, das »Uniformität und Ertrag über Vielfalt und Nährwert stellt« (ACB 2012).

Zusätzlich zu den Hybriden hat die Agrarindustrie gentechnisch verändertes – herbizidtolerantes oder mit Pestiziden versehenes – Saatgut entwickelt. Abkommen der Welthandelsorganisation (WTO) ermöglichen es Unternehmen, das genetische Material von Saatgut patentieren zu lassen und damit zu dessen »Eigentümer« zu werden. Den Bäuer*innen wird das hybride und genmanipulierte Saatgut gleich im Doppelpack – zusammen mit den »empfohlenen« Pestiziden derselben Firma – angeboten. Mit einem gewissen Zwang: Wer beim Saatgut auf die zugehörige Chemikalie verzichtet, kann für Ernteausfälle nicht entschädigt werden. Inzwischen kontrollieren zehn Unternehmen ganze 75 Prozent des weltweit gehandelten Saatguts. Alle Landwirte, selbst die kleinsten, sind auf die eine oder andere Art Teil dieses Marktes. Die Privatisierung des Saatguts und des genetischen Materials durch Konzerne und die Verpflichtung, bestimmte Pestizide zu verwenden, untergräbt die Wahlfreiheit der Bäuer*innen und stellt eine Bedrohung für die Ernährungssouveränität dar. Im Ergebnis werden Kleinbäuer*innen verdrängt: zum Teil direkt, in Form von »Landnahmen« zugunsten der industriellen Agrarproduktion, zum Teil durch Marktdruck und wirtschaftliche Zwänge sowie zunehmend auch durch Umweltkrisen, hervorgerufen durch den Klimawandel und die Überausbeutung natürlicher Ressourcen. Dies verstärkt die Abwanderung aus ländlichen Regionen und die armutsgetriebene Urbanisierung im globalen Süden.

Der Siegeszug der Fertigprodukte

Der Anteil, den Fertigprodukte und sogenannte hyperverarbeitende Lebensmittel an unserer Ernährung haben, ist in den letzten Jahrzehnten immer größer geworden. Dies gilt insbesondere für arme Menschen, denn diese Nahrung ist in der Regel billiger als vollwertige frische Produkte, benötigt weniger Energie und Zubereitungszeit und ist zudem ohne Kühlung meist länger zu lagern. Hyperverarbeitete Lebensmittel werden aus Substanzen gewonnen, die vollwertigen Nahrungsmitteln entstammen, wie billige Elemente tierischer Nahrung oder verarbeitete Stärken, Zucker, Fette und Öle, Konservierungsstoffe und andere Zusätze. Die Geschmackswirkung der Produkte ist so intensiv, dass körpereigene Mechanismen der Appetitkontrolle überlistet werden können. Dies begünstigt ein »Überfressen« und erleichtert zugleich das Essen außer Haus, »nebenbei« oder unterwegs. Die multinationalen Konzerne sind die Hauptabnehmer der Nutzpflanzen, die die Grundstoffe solcher Nahrungsmittel sind (wie Getreide und Zucker), und haben dadurch die Marktmacht, um den Produzent*innen niedrige Einkaufspreise zu diktieren und hohe Verkaufspreise von den Konsument*innen zu verlangen.

Diese Marktmacht in der zuckerverarbeitenden Industrie und bei der Herstellung von Fertigprodukten, die Zucker als billige Füllmasse nutzen, hat schwerwiegende Folgen: Mit kleineren Unternehmen und Kleinbäuer*innen werden auch deren nährstoffreiche Nutzpflanzen und damit »gesunde Kalorien« vom Markt verdrängt. Stattdessen werden »tote Kalorien« konsumiert, die zu Fettleibigkeit und chronischen Krankheiten beitragen. Zugleich werden für den Zuckeranbau Ackerland und wertvolle Ressourcen genutzt, die zum Anbau nährstoffreicher Lebensmittel verwendet werden könnten.
Die hohe Nachfrage nach Zucker hat damit Folgen für das gesamte Ernährungssystem. Ähnliche Trends lassen sich auch bei Mais und anderen Getreidesorten beobachten.

Ihre Machtposition erlaubt es Supermarktkonzernen, Kosten – etwa für Verpackungen – in der Lieferkette nach unten weiterzureichen und so die eigene Gewinnmarge zu erhöhen. Sie beschränken sich auf diejenigen Erzeuger*innen, die diese Kosten und Risiken schultern können, und verdrängen so Kleinbäuer*innen vom Markt. Hinzu kommt, dass viele multinationale Handelsunternehmen frische Waren selbst einkaufen und transportieren, um den Mehrwert abzuschöpfen. Auf diese Weise können sie Zwischenhändler*innen umgehen und das verfügbare Angebot an frischen Waren reduzieren. Das bedroht vor allem die Existenz von kleineren, unabhängigen und informellen Händler*innen.

Darüber hinaus sind es die Marktführer, die bestimmen können, wie Frischwaren auszusehen haben, um verkäuflich zu sein. Mit ihren rigorosen Standards sind sie mitverantwortlich für die großen Mengen
an Lebensmitteln, die an der Schwelle zum Vertrieb ausgesondert und vernichtet werden. Die Welternährungsorganisation geht davon aus, dass ein Drittel aller für den menschlichen Konsum produzierten Lebensmittel
an irgendeinem Punkt auf dem Weg vom Produzenten zum Konsumenten verlorengeht oder weggeworfen wird (FAO, 2011).

Der globale Vormarsch der Lebensmittelmultis

Die Beherrschung des Ernährungssystems durch transnationale Konzerne beschleunigte sich mit dem ökonomischen Strukturwandel der 1970er Jahre und der Liberalisierung und Finanzialisierung der Weltmärkte seit den 1990er Jahren. Die Förderung des Freihandels im Rahmen der WTO hat alle Mitgliedstaaten in Handelsvereinbarungen gezwungen, die vor allem dem privaten Sektor in den kapitalistischen Kernländern nutzten. Schaut man sich das Wachstum der Agrarexporte aus diesen Ländern in den vergangenen drei Jahrzehnten an, so zeigen sich Tendenzen einer Überproduktionskrise. Staaten wurden gezwungen, ihre Märkte zu öffnen, was lokale Produzent*innen und Händler*innen zur Expansion zwang bzw. in den Ruin trieb.

Es sind die multinationalen Unternehmen, die diese Situation durch ihre Marktmacht und ihre strukturelle Dominanz in Produktion und Vertrieb aufrechterhalten. Mit ihrem massiven politischen Einfluss sind sie in der Lage, nationalstaatliche Institutionen und Politiken effektiv zu manipulieren (nicht zuletzt durch die Bestechung lokaler Politiker*innen). Sie können Steuerzahlungen umgehen, indem sie etwa überhöhte Kosten für ihre ausländischen Tochterunternehmen angeben und ihre Profite herunterrechnen. Damit schwächen sie unter anderem auch die Steuerbasis von Schwellenländern, von deren Infrastrukturen und öffentlichen Investitionen sie profitieren.

Konzernmacht gefährdet die Gesundheit

Ernährungssicherheit dreht sich nicht nur
um die Produktion ausreichender Kalorien. Das Ernährungssystem muss dafür sorgen, dass Kalorien nahrhaft, bezahlbar und leicht zugänglich sind und dass sie in Lebensmitteln stecken, die über ausreichend Proteine und Spurenelemente verfügen. Wir müssen deshalb nicht nur die Landwirtschaft radikal umgestalten, sondern die gesamte Wertschöpfungskette der Lebensmittelproduktion. Die Hauptakteure und -profiteure müssen reguliert und eingehegt werden. Zugleich müssen Subventionen und steuerpolitische Maßnahmen dazu führen, dass ungesundes Essen teurer wird und die Erzeugung wie auch der Konsum von gesundem Essen billiger.

Die kleinteilige lokale Landwirtschaft muss neu gestärkt werden, etwa indem sie bevorzugt in öffentliche Versorgungsprogramme und -maßnahmen einbezogen wird. Die Schaffung neuer und niedrigschwelliger Märkte muss mit der Regulierung von Lebensmittelhandel und Fast-Food-Unternehmen einhergehen.
All das erfordert es, die Macht der Konzerne zurückzudrängen und die neoliberale Politik anzugreifen, die diese Form des Monopolkapitalismus begünstigt. Dafür ist eine breite Bewegung von unten notwendig, die für Ernährungssicherheit und damit letztendlich für unser Leben und Überleben kämpft.

Aus dem Englischen von Jan-Peter Herrmann

 

Literatur